Die Zukunft fängt am Boden an

Am

BS1-15_Greff_Palme_800x400Steigende Bionachfrage und trotzdem weniger Landwirte und Ackerfläche? Was können wir tun?

Eva Schneeweiss-Ebinger im Interview mit Uwe Greff (Foto, links), Geschäftsführer der BioBoden Gesellschaft, und
Stephan Palme (Foto rechts), Landwirt vom Gut Wilmersdorf.

Bioprodukte finden wir in jedem Supermarkt und Discounter. Woher kommen sie?

Uwe Greff: Überwiegend nicht aus Deutschland. Der steigende Umsatz von Biolebensmitteln, den wir in den letzten zehn Jahren erleben, steht nicht im Verhältnis zum Wachstum der Anbaufläche in Deutschland. Diese Lücke klafft von Jahr zu Jahr weiter auseinander.

Das heißt konkret: Wir haben Tomaten aus Spanien oder Getreide aus den USA. Herr Palme, wie trifft Sie das als Landwirt, wenn Sie international konkurrieren?

Stephan Palme: In unserem Fall nicht ganz so stark, weil wir seit fast 20 Jahren Stammkunden haben, die wir kontinuierlich beliefern und die auch uns preislich nicht gegen den Weltmarkt ausspielen. Das sind Verarbeiter, die besonderen Wert auf einheimische Ware legen.

Warum geben 600 Biobauern im Jahr auf?

Uwe Greff: Aufgeben ist vielleicht nicht das richtige Wort. Die meisten sind sogenannte Rückumsteller, das heißt Landwirte, die aus wirtschaftlichen Gründen auf bio gewechselt haben und die, als die Erzeugerpreise im konventionellen Bereich deutlich gestiegen sind, wieder rückumgestellt haben.

Welche Rolle spielen in diesem Gefüge die Preise, die der Konsument zahlt? Warum werfen hochwertige Produkte trotz starker Nachfrage nicht mehr genügend ab?

Stephan Palme: Da spielen mehrere Dinge eine Rolle. Das Erste ist ein strukturelles Problem des deutschen Lebensmittelmarktes. Es gibt nur noch wenige Aufkäufer von Rohstoffen, die die Preise diktieren.

Das Zweite ist, dass Produkte in Deutschland, auch im Biobereich, nach dem Aussehen und nach dem Preis gekauft werden. Darauf stellt sich dann die ganze Erzeugung ein, sodass viele Produkte von vornherein aussortiert und die Preise niedrig gehalten werden.

Ist der wirtschaftliche Druck so hoch, dass traditionelle Anbau- und Aufzuchtmethoden unter die Räder kommen müssen?

Stephan Palme: Das glaube ich nicht grundsätzlich. Der Biomarkt ist trotz des genannten Strukturwandels immer noch unglaublich vielfältig. So gibt es Verarbeiter, die großen Wert auf eine gute handwerkliche Qualität und gesicherte Herkünfte legen. Ein wesentlicher Faktor, der die Kosten für die Landwirte nach oben treibt, ist der Preis von Ackerland.

Herr Palme, wie viel kostet ein Hektar mittlerweile in Ihrer Region?

Stephan Palme: Ein guter uckermärkischer Ackerboden liegt mittlerweile bei 20.000 Euro pro Hektar, teilweise auch schon darüber. Als ich angefangen habe, Mitte der 1990er-Jahre, lag der Preis für einen Hektar etwa bei 3.000 Euro. Die Pachtpreise haben ähnlich stark angezogen.

Warum schießen die Preise so in die Höhe?

Stephan Palme: Das hat mehrere Gründe, die auch bei uns direkt in der Nachbarschaft zu beobachten sind. Zum ersten sind die Erzeugerpreise gestiegen, wodurch der Ertragswert der Flächen gewachsen ist und damit auch die Bereitschaft der Landwirte, mehr zu bezahlen. Zum zweiten haben wir gerade in der Uckermark einen wahnsinnigen Kapitalzufluss von Agrarholdings oder außerlandwirtschaftlichen Investoren, die auf weitere Preissteigerungen spekulieren.

Uwe Greff: Es gibt eine Vielzahl von weiteren Einflussfaktoren. Zwei wesentliche sind dabei die Versteigerung des ehemaligen DDR-Vermögens durch das staatliche Unternehmen BVVG und als zweites die garantierten Preise für Biogasstrom nach dem Erneuerbare-Energien-Gesetz. Mit Strom ist mehr Gewinn zu erwirtschaften als mit der Erzeugung von Lebensmitteln.

Beinahe zwei Drittel der landwirtschaftsfläche in Deutschland werden nicht vom Eigentümer sondern in Pacht bewirtschaftet. Wem gehört das Land?

Uwe Greff: Es gibt dazu keine offiziellen Statistiken. Aber ein aktuelles Problem ist, dass viele Landwirtschaftsfamilien, die entweder schon in den 1950er-, 1960er-Jahren ihre Betriebe aufgegeben haben oder dies jetzt altersbedingt tun, die Betriebe nicht mehr an andere Landwirte weitergeben. Stattdessen wandert das Land in den Besitz der nächsten Generationen, die immer mehr wie Investoren agieren und ihre Erträge optimieren. Das ist auch ein wesentlicher Faktor für die Preissteigerungen in Westdeutschland. Insofern geht es grundsätzlich nicht um die Frage, wer Eigentümer ist, sondern wie dieser damit umgeht. Eigentum verpflichtet!

Was bedeutet diese Situation für junge, angehende Landwirte, die keinen Hof erben?

Uwe Greff: Ein junger Landwirt, der einen Betrieb übernehmen will, seine 20.000 Euro in der Tasche und keine familiäre Unterstützung hat, kann sich das nicht mehr leisten — insbesondere bei den steigenden Betriebsgrößen, wie das zum Beispiel in Ostdeutschland der Fall ist.

Werden die Höfe immer größer und das idyllische Bild vom kleinen Bauernhof immer seltener?

Stephan Palme: Es gibt solche Betriebe noch. Die verdienen dann aber häufig ihr Geld noch woanders. Aber wenn Sie zum Beispiel von Legehennen leben wollen, brauchen Sie einfach mehrere Tausend Hühner, auch im Biobereich. Man kann solche Ställe bauen, dass es den Hühnern dort gut geht. Da muss man allerdings viel beachten.

Uwe Greff: Die Anbauverbände sprechen heute davon, dass es sich für einen gemischten Betrieb mit Tieren und Ackerbau unter 100 Hektar eigentlich nicht mehr rechnet.

Brauchen wir, um der Nachfrage nach bio gerecht zu werden, große Agrarkonzerne und eine hoch industrialisierteLandwirtschaft?

Uwe Greff: Was wir brauchen, sind produktive und wirtschaftlich tragfähige sowie vielfältige Betriebe. Das Entscheidende ist aber nicht die Größe. Ich kann einen 3 000-Hektar-Betrieb super gut und einen 30-Hektar-Betrieb ganz schlecht führen bzw. umgekehrt. Entscheidend sind die Motivation, das Engagement und die Fähigkeit der Landwirte und die regionale Einbettung. Wenn Betriebe entstehen, die über mehrere Dörfer verteilt wirtschaften, aber dort kein Leben mehr stattfindet, weil die Menschen eingeflogen und die Maschinen angefahren werden, dann ist das für die regionale Entwicklung eine Katastrophe.

Stephan Palme: Und wichtiger als die Größe ist zum Beispiel: Wie sieht die Fruchtfolge, wie der Stall aus? Gibt es Einstreu und Licht? Wie ist das Klima? Wie gehen die Mitarbeiter mit den Tieren um? In unserer Nachbarschaft gibt es einen Großbetrieb mit 1 500 Hektar und 70 Angestellten, der einen großen Beitrag für die Artenvielfalt leistet.

Vor dem Hintergrund all dieser Entwicklungen — welchen Ansatz haben Sie, Herr Greff, in der GLS Bank entwickelt und wie kam es dazu?

Uwe Greff: In der GLS Bank denken wir schon seit Jahren darüber nach, wie wir dauerhaft Boden für die ökologische Landwirtschaft sichern können. Seit der Finanzkrise wollen immer mehr Menschen in Grund und Boden investieren; Sicherheit und Ertrag stehen dann an erster Stelle — der Erhalt der ökologischen Bewirtschaftung spielt dabei oftmals keine vorrangige Rolle. In neuerer Zeit werden aber auch ganze Höfe und nicht nur einzelne Grundstücke verkauft und kaum ein Junglandwirt kann diese erwerben.

Die GLS Bank und ihre Partner, wie die GLS Treuhand, haben neue Ansätze entwickelt, um genau dafür Lösungen zu finden.

Es gibt ja bereits die BioBodenGesellschaft, die Flächen kauft, um sie Biolandwirten zur Verfügung zu stellen. Was kommt nun?

Uwe Greff: Richtig, mit der BioBodenGesellschaft hatten wir bereits 2009 den ersten großen Schritt gemacht. Damit ist es uns gelungen, die größte zusammenhängende Ackerbaufläche für den biologischen Landbau in Europa zu sichern: 2 500 Hektar in Brandenburg; aber auch für viele andere Landwirte bundesweit. Ein riesiger Erfolg!

Jetzt zünden wir die zweite Stufe: die BioBoden Genossenschaft. Die Sicherung von Flächen in Deutschland wird mit der Genossenschaft weitergeführt. Hinzu kommt nun der Erwerb zum Verkauf stehendender Biobetriebe und konventioneller Betriebe, die langfristig auf eine ökologische Bewirtschaftung umgestellt werden. Wichtig ist uns dabei besonders, dass jeder mitmachen kann, und zwar unabhängig davon, ob ein Hof in seiner Nähe ist. Wenn viele mitmachen, kann der Erfolg aber noch viel, viel größer werden.

Mit wie vielen Mitgliedern rechnen Sie?

Uwe Greff: Mit möglichst vielen natürlich! Stellen Sie sich vor: Jeder Mensch auf der Welt hat rein rechnerisch gesehen 2 000 Quadratmeter Ackerfläche zur Verfügung, auf denen alles gedeihen muss, was der Mensch braucht. Wer seine Verantwortung für diese überschaubare Fläche wahrnehmen will, kann das künftig tun — indem er seine 2 000 Quadratmeter einem Biolandwirt zur Verfügung stellt. Wenn wir 50 000 Mitglieder gewinnen können, dann haben wir 100 Millionen Quadratmeter gerettet. Das sind 10 000 Hektar! Das wäre ein unglaublicher Erfolg für die biologische Landwirtschaft.

Was muss ich dafür zahlen und wie sieht meine Rendite aus?

Uwe Greff: Wer „seine“ 2 000 Quadratmeter erwerben möchte, muss 3.000 Euro dafür zahlen. Dafür gibt es den ideellen Gewinn. Das heißt, dass jedes Mitglied der Genossenschaft einen guten Acker für die gesunde Ernährung auch der nachfolgenden Generationen sichert. Zum Startpunkt der Genossenschaft wird es also keine Rendite geben.

Somit wird die Herangehensweise der GLS Bank, Geld als sozial-ökologisches Gestaltungsmittel einzusetzen, auch in der BioBoden Genossenschaft weitergeführt.

Uwe Greff: Genau so sehen wir das. „Die Zukunft fängt am Boden an“, dieses Motto der GLS Bank beschreibt sehr schön und stark, dass wir alle uns mehr für die Landwirtschaft engagieren müssen. Und dafür wird die BioBoden mit allen Mitgliedern stehen.

 

Uwe Greff  ist Geschäftsführer der BioBoden Gesellschaft. Er hat in den letzten Jahren das Thema Bodensicherung maßgeblich weiterentwickelt.

Stephan Palme ist Landwirt vom Gut Wilmersdorf. Der Ackerbau- und Biolandbetrieb liegt im UNESCO Biosphärenreservat Schorfheide-Chorin. Die BioBodenGesellschaft der GLS Bank hat 2009 für den Betrieb Ackerflächen gekauft, um sie an den Hof langfristig zu verpachten.

Eva Schneeweiß-Ebinger ist Chefredakteurin des GLS Kundenmagazins „Bankspiegel“.

 

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