Der Bankspiegel 2020 / 2

Der Bankspiegel 2020 / 2

In der Krise wird deutlich, was wirklich wichtig ist. Was in den letzten Jahrzehnten bedenkenlos kommerzialisiert und meistbietend verscherbelt wurde, gilt jetzt als systemrelevant: Gesundheit, Wohnen, Mobilität, Bildung, Nahrung oder Kultur. Zunehmend sind Forderungen zu hören, solche Bereiche vor den Marktmechanismen zu schützen.

Falk Zientz, Chefredakteur
Falk Zientz, Chefredakteur

Denn unsere Grundbedürfnisse sollten zuverlässig in einer guten Qualität gedeckt sein, nicht nur dann, wenn der Markt dies zulässt. Außerdem sind es gerade diese Bereiche, in denen wir uns als Gesellschaft transformieren können — und gleichzeitig uns selbst als Personen. Und beides ist dringend notwendig.

Dass die GLS Bank bereits seit Jahrzehnten die Grundbedürfnisse ins Zentrum der Ökonomie rückt, ist insofern kein Zufall. Sinnvolles Wirtschaften rechnet sich außerdem. Das zeigen gerade die letzten Monate: Zwar hat die GLS Bank mit über 600 Unternehmenskund*innen Liquiditätshilfen vereinbart, schnell und unkompliziert. Aber bei über 60.000 Unternehmenskund*innen ist dies ein vergleichsweise kleiner Anteil. Eine Bürgerwindanlage, ein Pflegeheim oder ein bezahlbares Dach über dem Kopf — alles das wird auch in der aktuellen Situation nachgefragt. Das hören wir in vielen Gesprächen mit unseren Kundinnen und Kunden.

Trotzdem werden wir in Zukunft genauer hinschauen: Wie viel günstiger ist der Wohnraum tatsächlich, den die GLS Bank finanziert? Was sind die besonderen Qualitäten in der Pflege, die wir wollen? Wie hoch ist der Anteil der Bürgerbeteiligungen bei Windkraftanlagen? Alles dies und noch viel mehr wird die Wirkungstransparenz der GLS Bank offenlegen. Einen ersten Einblick dazu gibt dieser Bankspiegel. Wir machen dies nicht als Selbstzweck, sondern als Grundlage für eine gemeinsame Debatte mit Ihnen als Mitglieder und Kund*innen: Wie wollen wir in Zukunft leben und was braucht es dafür? — Wir sind gespannt auf Ihre Resonanz!

Falk Zientz, Chefredakteur

Inhalt des Bankspiegels 20 / 2, Heft 239

Friedensindustrie: Melawear setzt weltweit Maßstäbe
Strohballenhaus: Bullerbü 2.0 vor den Toren Berlins
Zusammenschalten: Hier startet das größte grüne Wasserstoff-Mobilitätsvorhaben
Bienenwachsauflage: eine hüllende Geste und eine aufrechte Haltung
Baustellenschule: Hier gestalten alle mit — vor allem die Schüler*innen
Einzelährendrescher: Saatgut im Fokus
Von Kühen, Flaschen und Taschen: Nachhaltigkeit erlebbar machen
Africa Green Tec
Tipps: Weglassen wirkt
Wirkungsmessung: Wie wollen wir in Zukunft leben?
Frauen wollen genauer wissen, ob ihr Geld sinnvoll wirkt
Alles richtig gemacht? Wenn Gut und Schlecht schwer zu unterscheiden sind
Mit Geld lieben, vertrauen, anerkennen

Den kompletten Bankspiegel 2020/2 inklusive der transparenten Kreditliste, kann man auch hier als PDF downloaden. 10 MB

Foto: Gesche Jäger

  1. Gerrit Zemlin

    Bitte stellen Sie die Zusendung der gedruckten Ausgabe ab sofort an mich ein und löschen Sie meine Adresse aus Ihrem Verteiler:
    Ich lese lieber nur noch online, um Papier im Briefkasten zu sparen. Danke.
    Mit freundlichen Grüßen
    Gerrit Zemlin

  2. Malte Wallbaum

    (Ich beziehe mich in erster Linie auf den Beitrag von Philip Kovce, nehme aber auch Bezug auf den Rest der Ausgabe, in der ich durchaus auch manche Artikel gut fand, vor allem den von Herrn Zientz.)

    „Genügte nicht einfach nur Wertschöpfung“ statt Geldschöpfung? Bis zu dieser Frage dachte ich noch, das wird ein guter, kritischer Text. Doch dann die Aussage, dass „Fremdversorger“ nicht ohne Geld leben könnten – was Ansichtssache ist. Wenn „Geld nichts anderes als Geist“ ist, wieso soll es dann zusätzlich zum Geist nötig sein?
    Und soll der ganze Rest etwa heißen, dass die Menschen, die kein Geld haben auch nicht wertschätzen, vertrauen und schenken und lieben können? Wenn „der Sinn des Geldes (…) in unserer Gestaltungsmacht, in unserer Gestaltungsfreiheit (besteht)“, dann sollten wir uns mal fragen, was aus denen wird, die wenig Geld und damit wenig Macht und wenig Freiheit haben. Wir sollten das ganze System hinterfragen, das dahintersteckt; warum lassen wir uns auf so etwas wie Geld ein, wenn es die Menschen ungleich macht? Muss es denn so sein oder könnten wir nicht auch einen anderen Weg finden?

    …solche Fragen haben mir stark gefehlt! Und das auch in der ganzen Ausgabe. Natürlich ist das für eine Bank nicht leicht oder naheliegend, über ihre eigene Abschaffung nachzudenken. Aber die GLS Bank ist ja auch nicht irgendeine Bank, sondern eine sozial-ölologische. Und als solche sollte sie konsequent und so absolut selbstkritisch sein (darum ging es ja; Selbstkritik, Lob dafür!), sich selbst und die Bedingungen ihrer Existenz grundsätzlich in Frage zu stellen.

    Macht die Bank sich Gedanken über eine Welt ohne Geld?

  3. Hans-Florian Hoyer

    Adolf Weber, einer der Väter der sozialen Marktwirtschaft hatte einen Doktoranden, Arthur Wolfgang Cohn, der über das Thema „Kann das Geld abgeschafft werden?“ schrieb. Kurz nachdem die Dissertation herausgegeben war, verunglückte Cohn 1920 bei einem Ausflug im Riesengebirge tödlich.
    Link zum Buch: https://archive.org/details/kanndasgeldabges00cohn

    In seiner Einleitung der erweiterten Dissertation schreibt er zur Erläuterung der Fragestellung: „Kann das Geld abgeschafft werden? Seit Jahrhunderten richten sich Angriffe und Vorwürfe gegen diese Einrichtung. Wiederholt hat man Pläne entworfen, um sie aus der Welt zu schaffen oder wenigstens von Grund auf zu reformieren. Erst in jüngster Zeit sind in dieser Richtung eine ganze Reihe von Versuchen vorgeschlagen und auch praktisch unternommen worden. Zuerst haben in Sowjet-Rußland Lenin und Bucharin ihren Programmen gemäß bei der Entlohnung der Fabrikarbeit das bestehende Geld durch Arbeitszertifikate ersetzt, welche eine der bescheinigten Arbeitsleistung entsprechende Kaufkraft haben. In der Münchener Räterepublik (April 1919) verhinderte nur seine kurze Amtsdauer den Finanzminister Silvio Gesell, seine „Freigeld“-Theorie in die Praxis umzusetzen. Vor allem begünstigen heute Warenknappheit und Geldentwertung die Wiederbelebung des Naturaltauschs: im „Rucksackverkehr zwischen Stadt und Land“ (Gruntzel) so gut wie in den zwischenstaatlichen Wirtschaftsabkommen, dem naturalen Güteraustausch im großen, der durch die Störungen im internationalen Zahlungsverkehr bedingt ist. In den Rationierungsmaßnahmen und Preisfestsetzungen der Kriegswirtschaftsämter erblickt ferner Otto Neurath die Anfänge einer „Großnaturalwirtschaft“. Schließlich glauben viele sogar, daß schon die fortdauernde Minderung der Kaufkraft des Geldes zu seiner gänzlichen Aufhebung führen müsse.“

    Er referiert dann den seinerzeit aktuellen Diskurs und kommt zu diesem Schluss: „Die Lösung dieser Aufgabe hängt ihrerseits von der Beantwortung einer Vorfrage ab: Was ist Geld? Was bedeutet es? Welchen Sinn hat es? Wenn wir seine Grenzen erkennen, seine Entbehrlichkeit prüfen wollen, so müssen wir uns zuvor über sein Wesen klar werden.“

    Zur Wesensfrage erschien 2014 das Buch „Was MACHT Geld?“ von Rolf Kerler (1941-2015), einem der ersten Vorstände der GLS, in dem man sich ein Bild davon machen kann, welche Gedanken über Geld in der GLS schon bewegt wurden.

    Wenn jemand mich fragt, was das Wesen des Geldes ist, fällt mir nichts besseres ein, als zu antworten: Der Mensch in Gesellschaft. Eine Welt ohne Menschen in Gesellschaft ist keine Zukunft, die wir lieben könnten. Eine Welt mit Menschen in besserer Gesellschaft, in denen ihr „Besseres“ sich ausleben kann, schon. Was dann „Geld“ ist, daran muss gearbeitet werden.

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