Ally – Wieso ich eine bin und warum eine Regenbogenflagge nicht reicht

Das englische Ally (Mehrzahl Allies) bedeutet Verbündete*r, Unterstützer*in, Fürsprecher*in. Jede Person, die marginalisierte, diskriminierte Gruppen aktiv unterstützt, kann ein*e Ally sein, sofern sie selbst nicht Teil davon ist. Das bedeutet, dass diese*r Verbündete selbst meist kein*e Betroffene*r der entsprechenden Hürden, Einschränkungen, Vorurteile und Probleme ist – oder zumindest nur indirekt.

Ich bin ein Ally. Du solltest auch eine*r sein. Wieso?

Ich bin Eva – eine weiße, heterosexuelle, konfessionslose, cis-Frau, die wohl behütet in einer Beamt*innenfamilie aufwachsen durfte. Immer schon hatte ich einen hürdenlosen Zugang zu allen Bildungschancen und bin dazu noch able-bodied (nicht behindert). Wieso ich das so plakativ darstelle? Weil ich mir alle diese Umstände – besser gesagt Privilegien – nicht selbst erarbeitet habe bzw. erarbeiten musste, sondern sie alle aus reinem Glück in der Sternenstaub-Lotterie zu mir gekommen sind. Seit ich auf der Welt bin sorgen diese glücklichen Umstände dafür, dass ich täglich eine einfachere Ausgangsposition habe, als so viele andere Menschen.

Noch nie hat mich jemand gefragt, wie oft ich mich anfasse (bei Änderung des Geschlechts passiert das im Zuge zweier psychologischer Gutachten gleich doppelt). Noch nie hat jemand meine Hautfarbe mit Schokolade verglichen. Noch nie hatte ich einen Nachteil, weil ich in einem bestimmten Viertel gewohnt habe. Solche belastenden – und für Betroffene oft traumatisierenden – Erfahrungen gab und gibt es in meinem persönlichen Lebensalltag nicht. Jedoch ist genau das die Realität, welche trans-Menschen, BIPoC und Menschen mit geringem Einkommen erleben. Und deswegen bin ich ein*e Ally.

Für mich bedeutet das: Ich möchte mich für Menschen einsetzen, die nicht – wie ich – das Privileg haben, sich täglich entscheiden zu können, ob sie sich heute mit Diskriminierung auseinandersetzen möchten oder nicht. Sie werden ständig damit konfrontiert.

Ich engagiere mich in der GLS Arbeitsgruppe Chancengleichheit. Wir wollen aus dieser Gruppe heraus unser gesellschaftliches Mikrofon an die Menschen weitergeben, deren Stimmen systematisch unterdrückt werden:

Es geht bei Allyship nicht darum, dass ich mich als privilegierte Person hinstelle und über eine Gruppe rede, von der ich kein Teil bin. Der Fokus liegt viel mehr darauf, den Menschen dieser Gruppe eine – bzw. meine – Stimme und damit eine größere Plattform zu geben. Ich werde gehört und ernst genommen, sie nicht. So kann ich z.B. auf Ressourcen verweisen, Posts teilen und Bücher oder Podcasts empfehlen, in denen diskriminierte Personen ihre eigenen Erfahrungen teilen. Denn nur wer (leider) selbst Teil dieser Gruppe ist, kann von dieser Erfahrung glaubhaft berichten, ich kann das nicht.

Was macht uns zu Allies?

Als Allies erkennen wir an, dass wir in diskriminierenden Systemen leben, sorgen aber dafür oder versuchen zumindest, dass diese aufgebrochen werden. Der Unterschied zu dem/der Diskriminierten ist dabei, dass wir als Privilegierte im Gegensatz zu den Betroffenen gehört werden. Oft sind wir Allies in Positionen, die es uns möglich machen, etwas zu ändern – wenn vielleicht auch aus einem auf der anderen Seite diskriminierenden Muster resultierend.

Raul Krauthausen Aktivist - Ally
Raul Krauthausen (Aktivist für Inklusion)

Betroffenen wird hingegen oft vorgehalten, sie würden sich nur damit beschäftigen, wie schlimm ihre Position sei und sie sollen aus ihrer „Opferrolle“ heraustreten. Raul Krauthausen (Aktivist für Inklusion) bekommt als Reaktion auf seine Arbeit zum Beispiel Kommentare wie: „Das ist Mimimi auf ganz hohem Niveau“, „Es wurde viel getan, hör auf zu meckern“ oder „Wie kann man den ganzen Tag nur so rumheulen (…)“. Alleine das zeigt, wie wenig ernst Betroffene von nicht betroffenen Personen genommen werden und wie wichtig es ist, dass sich auch solche als Allies für eine Beendigung dieser Zustände einsetzen.

Wie werde ich ein*e Ally und was kann ich tun?

1. Werde Dir Deiner Privilegien bewusst, die Du als heterosexuelle/gut situierte/cis-gender/etc. Person hast

Bei vielen Menschen passiert das erst, wenn sie andere kennenlernen, die eben diese Privilegien nicht haben. Aber auch ohne diese Begegnungen kannst Du Empathie für die Menschen entwickeln und versuchen, Dich in sie hineinzuversetzen. Klassismus, Rassismus oder Ableismus sind keine Erfindungen der Moderne, sondern tief in unseren Systemen und Köpfen verankert. Welche diskriminierenden Denkmuster hast Du? Wie oft profitierst Du im Alltag von dem System, das ausbeutet? Stell Dir diese Fragen bewusst und beantworte sie Dir selbst mit schonungsloser Ehrlichkeit.

2. Höre den Betroffenen zu und bilde Dich weiter

Es gibt tolle Bücher/Podcasts/Plattformen, in und auf denen Betroffene jeglicher Art von Diskriminierung zu Wort kommen, ihre Situation beschreiben und Dir erklären, was Du zu ihrer Unterstützung tun kannst. Wenn Du Empfehlungen brauchst, komm gerne auf mich zu. Oft sind das gar keine großen Dinge, die Du ändern kannst. Nichtdestotrotz zeigen diese Deinem Gegenüber aber, wie wichtig Dir seine Situation ist und Du sie/ihn ernst nimmst.

3. Sprache ist Teil unserer Realität und formt diese

Sag doch das nächste Mal daher statt „sozial schwach“ einfach „mit wenig Geld“ oder sprich von „Betroffenen“ statt „Opfern“. Geh zudem bspw. nicht automatisch davon aus, dass Deine neuerdings verheiratete Kollegin einen EheMANN hat oder der letztens Vater gewordene Kollege jetzt ein Neugeborenes seiner PartnerIN Zuhause hat. Sei dir stattdessen der Möglichkeit bewusst, dass er oder sein*e Partner*in keine Kinder bekommen könnten und daher ein (eventuell schon älteres Kind) adoptiert haben.

4. Lerne Alltagsdiskriminierung zu sehen und zu identifizieren

Achte darauf, ob der dich umgebende Ort barrierefrei ist. Wenn Du das nächste Mal vor deinem Bücherregal stehst, schau doch mal wie viele Bücher von Schwarzen Autor*innen darin stehen. Frag Dich bei der nächsten Familie in der Werbung, wieso Familien in der Werbung eigentlich immer weiße, heterosexuelle, gut situierte, hübsche Familien sind und ob das der Realität entspricht. Wenn jemand Amazon oder Adidas für Diversität lobt, frag ihn, ob das etwas daran ändert, wie schlimm deren Arbeitsbedingungen sind.

5. Ally ist man nicht, man wird es

Damit gemeint ist, dass alles hier Beschriebene ein Prozess ist. Ein*e Ally wird man durch entsprechende Handlungen, statt dass man ein*e solche*r einfach ist und bleibt. Lebenslanges Lernen ist eben auch hier an der Tagesordnung. Ein*e gute*r Ally zu sein – also eine gute Stütze für die Menschen – kann für jede*n etwas anderes bedeuten. Niemand wird dabei jemals mit dieser Entwicklung fertig sein, weil kein*e Ally final wirklich verstehen kann, was die Konfrontation mit den Herausforderungen für die Betroffenen bedeutet. Genauso wichtig ist es, anzuerkennen, dass wir nicht zu Expert*innen werden, indem wir eine Person kennen, die z.B. Queerenfeindlichkeit oder Rassismus erfährt. Natürlich in erster Linie, weil wir deren Situationen als Außenstehende nie wirklich nachvollziehen werden können. Aber auch, weil die Erfahrungen der Personen nuanciert und unterschiedlich sind und sein können.

6. Allyship dreht sich nicht nur um Diversity

Allyship bedeutet, sich mit jenen Gruppen zu solidarisieren, die Betroffene unseres ausbeuterischen Systems werden. Das ist die alleinerziehende DHL Botin, die sich keine Miete mehr leisten kann; der überlastete Krankenpfleger, der nicht streiken kann, ohne Leben zu gefährden; die junge Frau, die flüchten muss, weil wir mit Waffen den Krieg in ihrem Land unterstützen; der Zalando Mitarbeiter, der unter ständiger Überwachung steht und nicht zuletzt das 7-jährige Kind in Tansania, das in einer Goldmine arbeitet, weil unser Konsum sein Land so ausgebeutet hat, dass es schlichtweg keine andere Wahl hat.

Wir schauen an so vielen Stellen weg und sind an so vielen Stellen schuldig. Diese Gruppen können meist keinen Podcast aufnehmen und kein Buch veröffentlichen, um sich uns und anderen mitzuteilen. Ich möchte trotzdem, dass wir diese Gruppen mitdenken, die Unterstützung der Einen nicht gegen die der Anderen ausspielen und jeder von uns sein persönlich Bestes gibt, um Ungerechtigkeit auf allen Ebenen die Grundlage zu nehmen.

„Nobody’s free until everybody’s free!“
– Fannie Lou Hamer –

Natürlich ist das ein ganz schön großes Stück Arbeit, was da vor uns liegt. Und bestimmt können wir auch nicht von heute auf morgen all unsere Verhaltensmuster und Gewohnheiten komplett austauschen. Aber wie ein Afrikanisches Sprichwort besagt: „Wenn viele kleine Menschen, an vielen kleinen Orten, viele kleine Dinge tun, können sie das Gesicht der Welt verändern!“ – Lasst uns zusammen anfangen!

Lest auch diesen spannenden Beitrag dazu:

Inklusion: Heim oder nicht Heim?

  1. Danke für den Artikel –
    ich versuche täglich eine Ally zu sein.

    Es ist ein langer Weg Bewusstsein für diese Themen zu schaffen und zu sensibilisieren.
    Auch ich selbst stolpere dabei immer wieder über meine eigenen Denk – und Glaubensysteme und muss mich korrigieren.

    Mein jüngstes erwachsenes Kind ist trans.
    Der Weg dahin war für die ganze Familie eine Kartasis, ich bin dankbar dafür!

    Meine Tochter ist Tänzerin.
    Als letztens ein 5 jähriges Mädchen stolz in ihren Tanzunterricht kam – sie hatte gerade ihr erstes Geschwisterchen bekommen – fragte selbst meine super genderkorrekte Tochter spontan:

    „Was ist es denn geworden?“
    „Ein Kind“ antwortete das kleine Mädchen glücklich.

    Was ein coole Antwort!

    • Eva Wallenwein

      Liebe Stefanie, schön, dass Dir der Artikel gefällt und Danke für Deinen tollen Kommentar. Beeindruckend, mit welcher Leichtigkeit Kinder das Thema angehen! Liebe Grüße aus Bochum, Eva

  2. Barbara Mutke

    Hallo,
    ich bin schon etwas älter und muss gestehen, dass mir Ausdrücke wie Ally, BIPoC, Ableismus völlig neu sind. Neigen wir nicht heutzutage damit dazu, die Menschen weiter in Kategorien einzuteilen?
    Welche Sexualität z.B. ein Mensch hat, ist doch eigentlich seine Privatsache.
    Aus Schuldgefühlen heraus will ich als Kriegsenkelin und -tochter nicht mehr handeln. Ich halte das für ungesund. In meinem Beruf in einer Allgemeinarztpraxis habe ich gelernt, jedem Menschen erstmal offen zu begegnen und ihn zu respektieren – als Mensch mit seinen Fähigkeiten und Eigenarten. Umgekehrt erwarte ich das allerdings auch. Der gleiche Respekt ist auch gegenüber unseren Mitlebewesen und unserer Umwelt wichtig. Aus diesem Respekt heraus kann man handeln.
    Herzliche Grüße und Danke für die Anregungen!

    • Eva Wallenwein

      Liebe Barbara, vielen Dank für Deinen Kommentar! Das sind interessante Anregungen. Herzliche Grüße aus Bochum, Eva

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