Superreiche Guerillas

Die Superreichen vererben hierzulande jedes Jahr rund 100 Milliarden Euro. Das ist etwa ein Viertel aller Vermächtnisse. Einige der jungen Erb*innen stellen sich der großen gesellschaftlichen Verantwortung dadurch, dass sie ganz neue Wege ausprobieren und sich direkt mit Aktivist*innen und deren Projekten verbinden, sei es aus einer Stiftung oder einem Unternehmen heraus. Ihr Anspruch: reale, menschliche Verbindungen schaffen für einen radikalen Wandel.

Guerilla-Chefs sind auch nicht mehr das, was sie mal waren. Der junge Mann sitzt glatt rasiert, bekleidet mit einem hellblauen Hemd auf einem Bürostuhl in München und verzieht keine Miene. Die Lage scheint ernst. Zumindest liest es sich auch so auf der Website der Stiftung, die er gegründet hat: Es sei dringend geboten, „Widerstandsnester aufzubauen“, Aktivisten zu unterstützen, „die auf einen großen systemischen Wandel hinarbeiten“, und Bewegungen zu helfen, „die Paradigmenwechsel in Einstellungen, Verhaltensweisen und
Kulturen vorantreiben“. Der Gründer der Guerrilla Foundation sagt es so:

„Nach meinem Studium hatte ich überlegt, ob ich nicht in einer Beratung oder einem Venture Capital Fonds arbeiten wollte. Letztlich entschied ich mich aber erst mal, Aktivist zu werden — und gründete in Griechenland eine Transparenzplattform wie Abgeordnetenwatch.“

Die Waffe dieses Mannes liegt nicht in seiner Hand, sondern auf dem Konto. Geld. Sehr viel Geld. Der Name des Che aus München ist Antonis Schwarz. Sein Großonkel gründete nach dem Zweiten Weltkrieg die Schwarz Pharma AG, die mit einem Umsatz von fast einer Milliarde Euro und 4.100 Beschäftigten einmal zu den 80 größten deutschen  Aktiengesellschaften gehört hat, ehe sie 2006 vom belgischen Pharmakonzern UCB gekauft wurde. Für 4,4 Milliarden Euro.

Antonis Schwarz erbte sein Vermögen, als er 18 Jahre alt war — und rührte das Geld erst mal nicht an. Nach seinem Managementstudium zog es ihn 2013 zunächst in das Land seiner Mutter, nach Griechenland. Ein Schritt zur weiteren Identitätsfindung. „Mein Großonkel war in der kommunistischen Partei engagiert, unsere Familie in Griechenland litt unter starker politischer Verfolgung“, sagt der heute 32-Jährige. „Daher kommt wohl meine linke Seite.“ Er engagierte sich für Social Entrepreneurs, in der Flüchtlingshilfe, für
Demokratieaktivisten, spendete mal hier, mal da. Bis es ihm zu unübersichtlich wurde. 2016 gründete er schließlich die Guerrilla Foundation, in der er seitdem all seine Spendenaktivitäten strukturiert bündelt.

Radikale Spender für zivilen Ungehorsam

Jedes Jahr spendet Schwarz heute 700.000 Euro in seine gemeinnützige Good Move GmbH, der größte Teil davon fließt in 40 bis 50 Projekte von Aktivist*innen und soziale Bewegungen überall in Europa. Und das auf erstaunliche Weise. Die Arbeit der Guerrilla Foundation basiert auf dem sogenannten Participatory Grantmaking, also der intensiven Beteiligung der geförderten Zielgruppen an der Stiftungsarbeit, etwa durch das Einbinden der geförderten Projekte in die Strategiearbeit der Stiftung, vor allem aber in Bezug auf die Vergabe der Spendenmittel: Im Beirat der Guerrilla Foundation sitzen drei Aktivist*innen, die über Spendenentscheidungen gleichberechtigt mitbestimmen. Entscheidungen werden in der Regel einstimmig gefällt und bei Dissens so lange besprochen, bis noch offene Themen geklärt sind. „Uns helfen das Know-how und die Erfahrungen unserer Beiratsmitglieder enorm bei der Entscheidungsfindung“, so Schwarz.

Und weil Vertrauen für die Arbeit der Guerrilla Foundation mit ihren geförderten Projekten eine so große Rolle spielt, plant sie nun sogar, dass sich die Aktivist*innen aus dem bestehenden Netzwerk transparent, auf Vertrauensbasis und Augenhöhe selbst Kleinbeträge bis 1.000 Euro ohne große bürokratische Hürden auszahlen können. „Ein philanthropisches Experiment“, sagt Schwarz — und nicht unähnlich dem Ansatz von CoBudget, einer Methode und einem gleichnamigen digitalen Tool des britischen Unternehmens Greaterthan, das es allen Mitgliedern einer Organisation partizipativ ermöglicht, Projekte vorzuschlagen und Mittel zuzuteilen.

Doch Schwarz‘ Teilhabemission endet hier noch nicht. Die Foundation versucht, ein Netzwerk vermögender Personen unter dem Namen Rad Donors (Kurzform von Radical Donors, radikale Spender) aufzubauen, die die Guerrilla Foundation finanziell unterstützen. Schwarz sagt:

„Ich finde, vermögende Erben stehen in der besonderen Verantwortung, gesellschaftlichen Fortschritt zu befördern.“

Auch deswegen hilft die Stiftung derzeit gemeinsam mit der EDGE Funders Alliance, einem weltweiten Netzwerk progressiver Stiftungen, dabei, ein Netzwerk junger Erb*innen von hohen Vermögen zusammenzubringen. Ähnlich dem Projekt Resource Generation aus den USA, einer Gemeinschaft von 600 sehr wohlhabenden Menschen zwischen 18 und 35 Jahren, die ihr Geld nach eigenem Bekunden für die „gerechte Verteilung von Wohlstand, Land und Macht“ einsetzen wollen.

„Es ist leichter, sich als queer zu outen denn als reich.“

Eine der Gründer*innen dieses Netzwerkes für den DACHRaum sitzt in Wien, mitten in der City. Marlene Engelhorn gehört ebenfalls zu der sehr kleinen Gruppe der sehr reichen Menschen in Europa. Die Österreicherin wird „irgendwann über so viel Geld verfügen, dass man es sich kaum vorstellen kann“, sagt sie selbst. Das Geld kommt aus dem Vermögen ihres 1991 verstorbenen Großvaters Peter Engelhorn, der bis zu seinem Tod Mitgesellschafter des Pharmakonzerns Boehringer Mannheim war, der 1997 an die Schweizer Roche AG verkauft wurde.

„Ich hatte Glück in der Geburtenlotterie“,

sagt Engelhorn.

Es hat gedauert, bis sie offen über ihren Reichtum sprechen konnte, in einer Zeit,

„in der es in meinem Umfeld leichter ist, sich als queer zu outen denn als reich“.

Und das gehe vielen so. „Reich zu sein und das auch so zu sagen, ist nicht einfach, man muss es üben“, sagt die 28-Jährige. Auch deswegen baut sie gemeinsam mit weiteren Mitstreiter*innen ihr Netzwerk auf, um „diese unglaubliche Kultur des Schweigens zu durchbrechen“ und einen geschützten Diskussionsraum zu bieten, in dem man einerseits in Gruppen von vier bis acht Leuten entlang eines strukturierten Leitfadens reflektiert, woher der Reichtum kommt („Wurden Menschen dafür ausgebeutet und wenn ja, wer?“), was er bedeutet („Welche Verantwortung haben wir?“), wie man ihn kommuniziert („Wie rede ich mit meiner Familie und in meinem Umfeld offen darüber?“) und insbesondere: Was man mit ihm anfangen will.

Dabei werden andererseits auch Mitglieder aus sozialen Bewegungen gleichberechtigt eingebunden, um deren Perspektive ebenso von Anfang an mit einzubeziehen.

„Es geht dabei insgesamt um die Umverteilung von Macht, Ressourcen, Land und Kapital jeder Art“,

sagt Engelhorn. Deswegen müsse man gemeinsam über grundsätzliche Fragen diskutieren: Was ist das gute Leben für alle? Welche Gesellschaft stellen wir uns vor? Welche Rolle habe ich als reicher Mensch in der jetzigen Gesellschaft? Und: Wie viel ist genug? Derzeit haben zehn Menschen diese Art der Auseinandersetzung begonnen, bald sollen zehn bis 20 neue dazukommen und es gebe reges Interesse in der DACH-Region.

Unter Vermögenden und Privilegierten „kennt man sich einfach”, sofort sei man per Du und problematische hierarchische Strukturen verfestigten sich in ihrer gut gemeinten Exklusivität — etwas, das „wir dringend verändern müssen”.

Die neue Organisation wolle nun besonnen wachsen und sich sukzessive mit Bewegungen verbinden, die man einbinden und unterstützen wolle. Engelhorn sagt:

„Wir wollen unsere Verantwortung schließlich nicht nur erkennen, sondern auch übernehmen.“

Hilfe aus der Flasche für eine GLS Zukunftsstiftung

Einer, der seine Verantwortung bereits auf eine ganz eigene Weise wahrnimmt, ist Quentin Pratley. Sein Vermögen ist das Ergebnis eigener unternehmerischer Tätigkeit, auch wenn er durch den frühen Tod seiner Mutter diverse Beteiligungen an mittelständischen Industriebetrieben in Deutschland und der Schweiz geerbt hat — was der 28-Jährige als „Puffer“ für sein Leben sieht, obwohl sie ihm derzeit eher „Kopfschmerzen“ bereiten.

Seine Firma, das ist die FLSK Products GmbH, ausgesprochen „Flask“, Flasche. Die Produkte: hochwertige Thermosflaschen und Snackpots, sogenannte To-go-Produkte, aus Edelstahl. 2015 gegründet, erwirtschaftete das Münchner Unternehmen mit seinen 35 festen und assoziierten Mitarbeitenden im vergangenen Jahr bereits sieben Millionen Euro Umsatz. Pratley ist Geschäftsführer und einer von drei Gesellschaftern, die freundschaftlich verbunden sind.

Und alle eint nach „intensiven Diskussionen“ die Überzeugung, sich nachhaltig aufzustellen.

„Eigentlich sollte es selbstverständlich sein, eine Wirtschaft zu etablieren, die der Welt nicht nur schadet, sondern sie sogar besser macht“,

so Pratley. Dafür hat die Firma FLSK Movement entwickelt, ein Konzept für eine „ständige Bewegung zum ökologisch und sozial Bestmöglichen“, wie es auf der Website heißt. Was zum einen bedeutet, dass eine langlebige Isolierflasche natürlich per se nachhaltiger ist als eine aus Plastik, aber zum anderen auch, dass die Herstellung in China nach sozial fairen Standards erfolgt und der Transport weitgehend umweltfreundlich ist, genauso wie die Verpackung. Das Ziel ist Klimaneutralität.

So weit, so fast gut. Doch das Movement will mehr: Seit 2017 spendet FLSK ein Prozent seines Jahresumsatzes, um Menschen im Bereich Entwicklungszusammenarbeit, Bildung und Forschung zu unterstützen. Diese Stoßrichtung kommt nicht von ungefähr: Pratley war nach der Schule im Rahmen seiner Ausbildung zum Straßenbauer im Kongo unterwegs und verliebte sich in den Kontinent. Doch ein Gedanke ließ ihn seitdem nicht mehr los:

„Wie und wo können wir am meisten bewegen für das Wohl aller?“

Und weil Pratley schon lange Kunde bei der GLS Bank ist, fragte er dort einfach mal nach, welchen Beitrag er leisten könne. Und es wundert nicht, dass er eine Antwort bekam: Der Ein-Prozent-Umsatz fließt in den FLSK Future Fonds, der von der GLS Zukunftsstiftung Entwicklung gemanagt wird, die 77 Partner in 18 Ländern auf dem Weg zu einer nachhaltigen Tragfähigkeit begleitet und unterstützt.

Gemeinsam mit FLSK identifiziert die Stiftung passende Projekte und fördert sie. Im Fonds liegt mittlerweile immerhin ein sechsstelliger Betrag. „Alle Beteiligten sind in einer guten Verbindung — und das ist doch das Entscheidende“, so Pratley. „Nur so kommt man gemeinsam vorwärts.“

„Sie betrachten Geld als soziales Gestaltungsmittel.“

Gemeinsam Geld dorthin bringen, wo es benötigt wird – darum geht es auch Angelika Stahl, Abteilungsleiterin Vermögensmanagement, Stiftungsbetreuung und institutionelle Anleger bei der GLS Bank.

„Unsere vermögenden Kund*innen sind meist Menschen, für die sich aus ihrem Privileg eine hohe gesellschaftliche Verantwortung ergibt.“

Sie würden Geld als soziales Gestaltungsmittel betrachten und sich fragen, was das konkret für sie bedeutet. „Gemeinsam suchen wir dann nach passenden Lösungen“, so Stahl. „Sei es rund um das Thema Schenken und Spenden von Geld, seien es Anlagekonzepte mit sozial-ökologischer Wirkung.“ Diese Art der Zusammenarbeit auf Augenhöhe mit dem Fokus auf Wirksamkeit gehörte bereits zum Gründungsimpuls der GLS Bank. Besonders in den vergangenen zehn Jahren hat sie intensiv daran mitgewirkt, dass nachhaltige Geldanlagen auch bei Stiftungen auf der Agenda landeten, etwa mit dem Format Mission Investing Forum.

„Zusammen mit der GLS Treuhand sehen wir uns als Partner, die Stiftungen immer wieder neue Anregungen geben, um Schenkungsgeld wirksam einzusetzen“,

so die GLS Expertin. Das gelte für die Vermögensanlage ebenso wie für die Fördermittel der Stiftung. Immer wieder bringt die Bank ihre Kund*innen miteinander in Verbindung. Stahl sagt:

„Es liegt viel Potenzial darin, wenn die richtigen Menschen zusammenkommen und sich gemeinsam auf den Weg machen — Menschen mit einer gemeinsamen Haltung und ähnlichen Werten und Zielen.“

Ein Schatz für Innovationen

Antonis Schwarz ackert auf vielen Feldern. Auf einem davon liegt ein Schatz, der bislang in Deutschland nicht gehoben ist: Geld aus sogenannten nachrichtenlosen Vermögenswerten. Das sind zum Beispiel nachrichtenlose Konten, bei denen Finanzdienstleister den Kundenkontakt verloren haben und nicht wiederherstellen konnten, weil zum Beispiel deren Eigentümer*innen bereits verstorben sind und den Erb*innen die Existenz dieser Vermögenswerte nicht bekannt ist. Aktuell sind Finanzdienstleister in Deutschland berechtigt, das Konto nach 30 Jahren zu schließen und den Betrag zu behalten. Geschätztes Volumen: zwei bis neun Milliarden Euro.

Das wollen Finanzexperte Schwarz, das Social Entrepreneurship Netzwerk Deutschland (SEND) und weitere Bündnispartner ändern. Die Idee: Es soll ein zentrales Register bei der KfW entstehen, mit dem Erb*innen verlorene Vermögenswerte finden können. Meldet sich innerhalb von zehn Jahren niemand, sollen die Finanzinstitute die Vermögenswerte auf die KfW übertragen. Ein Teil dieser Mittel soll in einen Dachfonds fließen, aus dem heraus in Zielfonds investiert wird, die neben einer finanziellen Rendite auch eine messbare soziale und/oder ökologische Rendite generieren.

Ein entsprechendes Rechtsgutachten der Bundesregierung ist derzeit in Bearbeitung. Fällt es positiv aus, steigt die Chance einer Umsetzung weiter, wenn zudem die Idee nach der Bundestagswahl im Koalitionsvertrag als Forderung festgeschrieben wird. „Das ist unser Ziel“, sagt Schwarz. „Und es sieht gut aus.“

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Ein Artikel aus dem GLS Kundenmagazin Bankspiegel zum Thema „Das Leben ändern – Mit Herzblut für Natur und Soziales“. Diesen und viele andere spannenden Artikel finden Sie im Blog. Alle Ausgaben des GLS Bankspiegel als PDF finden Sie unter: https://www.gls.de/bankspiegel/.

Illustration: Annika Huskamp

  1. Urs E. Gattiker, #drkpi, #PageTracker

    Und was sagt uns dieser Artikel?

    1) Das es gut ist, dass Leute mit solchen Ressourcen viele NGO Projekte unterstützen?
    2) Das es vielleicht wenig Sinn macht mit knapp €700,000 = 50 oder mehr Projekte zu unterstützen? Denn dann werden die Beiträge etwas klein und der Aufwand für Bewerber steigt auch – meine Erfahrung im Stiftungswesen würde diesen Schluss zulassen…
    3) Aha wir brauchen ein Register um die verlorenen Erben zu finden? Ist das Innovation? Wohl kaum.

    Der Beitrag ist einer der ganz wenigen Beiträge hier, wo die zu vermittelnde Message nicht klar rüber kommt.
    Grüessli
    Urs
    CyTRAP

  2. Jonas Focken

    Es ist echt super zu sehen, wie viele junge Erben sich dafür einsetzen, dass ein Teil der u.U. riesen Geldsummen der Allgemeinheit zugute kommt.
    Erst neulich habe ich einen Talk/eine Debatte unter der Moderation des fantastischen Jo Schück gesehen, in der eine österreichische Jungerbin FÜR eine höhere Erbsteuer plädiert und debattiert hat. Leider ist mir der Name der Frau entfallen, aber die Argumente waren sehr stichhaltig, dass es sich hier oftmals um unverantwortlich hohe Summen handelt, die durch das Vererben nicht zum Wohle der Gesamtheit investiert werden können, sondern stattdessen auf einem Konto versauern.

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