Gastbeitrag: Wo steht München auf dem Weg zur Ernährungswende?

Gastbeitrag: Wo steht München auf dem Weg zur Ernährungswende?

Über die Ernährungswende diskutierten rund 80 Teilnehmer*innen, darunter Vertreter*innen von über 15 lokalen Umwelt- und Ernährungsinitiativen bei der Veranstaltung „Lokal statt  global- gutes Essen als lokale Politik“, zu der das Institut für Welternährung (IWE) am Donnerstag (30.03.2017) in München in die Räume der GLS Bank geladen hatte.

Ein Beitrag von Sabine Jacobs vom IWE

Vorräte für maximal drei Tage
Dass eine Ernährungswende unumgänglich sei, daran ließ der Sprecher des Instituts Wilfried Bommert keinen Zweifel. Großstädte wie München besitzen kaum Ernährungssicherheit, ihre Vorräte reichen für maximal drei Tage. Hinzu kommt der Klimawandel, die Vernichtung von Boden, das Schrumpfen der Grundwasservorräte durch industrielle Landwirtschaft und weite Transporte der globalen Nahrungskette. Sein Fazit: „Unsere Ernährung ist nicht mehr sicher. Neue Ernährungskonzepte müssen her. Die Ernährung wird sich in Zukunft aus der Region speisen, bio und fair.“

München aus der Region ernähren – das wäre möglich
Dem stimmte auch der Michael Böhm von Ecozept zu. Der Agrarmarktforscher hat schon mal berechnet, wie viel Fläche es bedarf, um die Bevölkerung von München aus der Region zu ernähren: genau 342.600 Hektar, das entspräche der 12fachen Fläche des Münchener Stadtgebiets. Zur Zeit gehen allerdings durch Bebauung ca. 13 ha pro Tag verloren.  Dies müsse sich ändern.
Die Voraussetzungen für ein regionales Ernährungskonzept stünden in München gar nicht so schlecht, befand  Jürgen Müller vom Münchener Verein Kartoffelkombinat e.V. Schließlich habe die „Biostadt“ München schon einiges auf den Weg gebracht, etwa die weitgehende Umstellung  auf Bio in Kitas und städtischen Kantinen. Doch die bisherigen Bemühungen der Verwaltung allein reichen nicht aus. Erforderlich sei eine „Weitung der Perspektive“. Voraussetzung dafür sei ein breites zivilgesellschaftliches Bündnis.

Einfluss auf lokale Politik verstärken
Tatsächlich gibt es in München bereits eine Vielzahl von Initiativen und Bündnissen in Sachen Umwelt und Nachhaltigkeit. Dies zeigte auch der Blick auf die Teilnehmer der Konferenz. Die Liste reichte von Uschi Glas mit ihrer Initiative Brotzeit.e.v. über Tollwood, Veranstalter des Tollwoodfestivals und Slowfood München bis zu Green City e.V.  und der Schweisfurth Stiftung. Die Stärke dieser Bewegung sei ihre Vielfalt, ihre Schwäche allerdings der Mangel an gemeinschaftlicher Organisation. Doch genau darum gehe es, erklärte Jürgen Müller. Für ihn ist klar: Zur Bündelung der Kräfte braucht München einen „kommunalen Ernährungsrat“.

„Transmissionsriemen zwischen Verwaltung und Zivilgesellschaft“
Wie das konkret aussehen kann, erläuterte der Filmemacher Valentin Thurn, Mitbegründer des Kölner Ernährungsrates, der zeitgleich mit Berlin im Frühjahr 2016 als erster Ernährungsrat bundesweit ins Leben gerufen wurde. Nach dem Vorbild der amerikanischen Food Policy Councils setzen sich darin engagierte Bürger, Verwaltung und Politik zusammen, um gemeinsam ein „regionales Ernährungskonzept“ auf die Beine zu stellen.

Viele Stellschrauben in der lokalen Politik
Stellschrauben dafür gibt viele – auch in München, wie die anschließende Diskussion zeigte:  Das beginnt bei der Ernährung in Kitas, Schulen und öffentlichen Kantinen, geht weiter über Ernährungsbildung und Stadtplanung, z.B. die Ausweisung landwirtschaftlicher Flächen zugunsten eines ökologischen Anbaus und artgerechter Tierhaltung, bis hin zum Aufbau und Förderung von Stadt-Landpartnerschaften und regionalen Vermarktungsinitiativen.

Alle unter einen Hut
Alle Einzelinteressen zu bündeln ist nicht einfach, aber machbar, wie die Beispiele von Köln und Berlin zeigen. Auch die Münchener machen sich nun auf den Weg.  Auf der Agenda steht als nächstes die Gründung einer Lenkungsgruppe, die weitere Schritte in Richtung Ernährungsrat und Ernährungswende für München planen soll. Kontakt: agnes.streber@institut-fuer-welternaehrung.org

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München auf dem Weg zur Ernährungswende – Interview mit Jakob Müller, kartoffelkombinat e.V.

Foto oben: Die Referent*innen von links nach rechts: Maurice Attenberger Regionalleiter GLS Bank München, Valentin Thurn, Anja Salewski Moderation, Jürgen Müller, Kartoffelkombinat-der Verein e.V., Michael Böhm, Ecozept Freising, Angela Hartmann, Kinderleicht, eV., Agnes Streber, Projektleitung IWE, Wilfried Bommert, Sprecher IWE

Sabine Jacobs IEWSabine Jacobs ist beim Institut für Welternährung (IWE) zuständig für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit.

Das IWE ist ein Zusammenschluss von Journalist*innen, Wissenschaftler*innen, Praktiker*innen und interessierten Laien, die sich für eine Ernährungswende einzusetzen.

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