Greenwashing: Grüne Lüge Supermarkt

„Die grüne Lüge“ – Greenwashing statt Nachhaltigkeit

Kathrin Hartmann - Die grüne LügeWir retten die Umwelt, wenn wir nur die richtigen Dinge kaufen. Damit belügen wir uns selbst, meint Kathrin Hartmann. Wir haben sie gefragt, wieso und wie wir uns besser verhalten können. Ist das alles nur Greenwashing?

Unternehmen gehen mit vermeintlich nachhaltigen Produkten gerne auf Kundenfang. Häufig stecke dahinter lediglich Greenwashing, sagt die Autorin Kathrin Hartmann . Eigentlich käme es darauf aber gar nicht an – weil wir viel zu viel verbrauchen.

Hartmann, warnt: Wir dürfen uns nicht bloß als passive Konsumenten*innen verstehen – sondern als mündige Bürger*innen, die vehement bessere Gesetze einfordern. Die Politik muss handeln. Nur dann habe die Welt eine Überlebenschanche.

Frau Hartmann, sind Nachhaltigkeit und Konsum unvereinbar?

Mit dem verschwenderischen Konsummuster, das wir für normal halten, ja: bei 85 Prozent der Deutschen kommt jeden Tag Fleisch auf den Tisch, jedes Jahr werden hier 1,8 Millionen Tonnen neue Elektrogeräte verkauft, 60 neue Kleidungsstücke kauft jede*r Deutsche pro Jahr und 1,3 Millionen Tonnen Kleider werden hier jedes Jahr weggeworfen. Niemand in Europa hat so viele Autos wie die Deutschen: auf 1.000 Einwohner kommen 530 PKW, jeder fünfte neu angemeldete Wagen ist ein SUV.

20 Millionen Tonnen Lebensmittel landen hier jedes Jahr im Müll. Jedes Jahr importiert Deutschland Essen und Waren, deren Produktion mehr als die doppelte Fläche außerhalb der Bundesrepublik beansprucht. Würden alle Menschen auf der Welt auf so großem Fuß leben wie Menschen in reichen Ländern wie Deutschland, dann bräuchte es mehr als drei Planeten, um diesen Bedarf zu decken.

Müssen wir uns von der Vorstellung verabschieden, durch die Art unseres Konsums für Umwelt und Mitmenschen etwas Positives erreichen zu können?

Unser ganzes System beruht darauf, auf Kosten von Menschen und Natur zu leben. Die Folgen davon werden in die Länder des Südens exportiert. Da sind die Monokulturen, Fabriken und Minen, wo unter entsetzlichen Bedingungen gearbeitet und die Lebensgrundlage der Menschen zerstört wird. Natürlich ahnen die meisten von uns, dass wir an diesem Elend beteiligt sind. Aber zu glauben, dass wir uns im Supermarkt davon freikaufen oder gesellschaftliche Änderungen herbeishoppen können, ist falsch.

Die Industrie hat längst darauf reagiert und verkauft uns schädliche Produkte mit dem Mehrwert „Gutes Gewissen“ – das soll uns glauben machen, dass sich die Firmen von selbst „bessern“ und wir ihnen mit unserem Einkauf dabei helfen. Aber das ist reines Greenwashing.

Woran erkenne ich Greenwashing?

Je schädlicher ein Produkt, je undurchschaubarer die Herkunft, desto größer ist der Aufwand, es grün zu waschen. Oft kann man das gar nicht erkennen – aber  vor allem werden grüne Lügen gern geglaubt. Sie entlassen einen aus der Verantwortung. Besonders gut funktioniert das übrigens bei der Käuferschicht, die als besonders gebildet und wohlhabend gilt – und eben auch entsprechend viel konsumiert. Das beste und absurdeste Beispiel: Das Kaffeekapsel-System Nespresso. Das wirbt auf der Homepage mit Bildern glücklicher Kaffeebauern wie beim Fairen Handel, dort steht außerdem, dass „jede Tasse Kaffee eine positiven Einfluss“ habe und „Gutes für die Umwelt und das Gemeinwohl“ bewirken könne. Das ist natürlich ein Witz. Denn die Alu-Kapseln allein von Nespresso ergeben jedes Jahr einen 8000 Tonnen schweren Müllberg und die Herstellung von Aluminium ist eine riesige Umweltsauerei. Dazu kommt, dass der teue Kapselkaffee – das Kilo Nespresso-Kaffee kostet um die 80 Euro – weder biologisch angebaut noch fair gehandelt ist.

Es wäre ökologisch und sozial verträglich gewesen, wenn dieser Irrsinn gar nicht erst auf den Markt gekommen wäre. Aber solche Fragen stellen sich in der nachhaltig zertifizierten Konsumgesellschaft nicht. Da gilt es, Widersprüche zu überwinden. Und so ist dieser überteuerte und schädliche Quatsch zum Verkaufsschlager geworden.

Was braucht es dann für Klimaschutz und mehr Gerechtigkeit?

Die Frage, die wir stellen müssen, ist nicht: Was sollen wir kaufen? Sondern: Wieso ist es überhaupt erlaubt, dass ein Großteil der Produkte, die im Supermarkt stehen, mit Umweltzerstörung und Menschenrechtsverletzung verbunden sind? Wieso sollen wir zwischen Ausbeutung und Nicht-Ausbeutung entscheiden? Das ist nämlich ein weiterer Teil der grünen Lüge: die Verantwortung wird auf den Einzelnen abgewälzt, den so genannten Verbraucher. Das ist eine ökonomische Kategorie, keine soziale.

Als Verbraucher*in kann man nur verbrauchen, als Bürger*innen haben wir demokratische Rechte. Die haben wir uns auch nicht erkauft, sondern erkämpft. Wir müssen für ein anderes System kämpfen, das den Menschen in den Mittelpunkt stellt, nicht die Profitinteressen. Dafür gibt es kein Rezept, aber ein enorme Vielfalt von Möglichkeiten: das Engagement in einer Solidarischen Landwirtschaft, der Protest auf der Straße gegen Freihandelsabkommen, gegen die Fusion von Bayer und Monsanto und für eine andere Landwirtschaft, der Einsatz für autofreie Innenstädte oder die Forderung nach der Umsetzung der UN Leitprinzipien für Wirtschaft und Menschenrechte, die dafür sorgen würden, das Unternehmen für Menschenrechtsverletzung und Umweltzerstörung haften müssen.

Was halten Sie von Sozialunternehmen, die mit ihrer Geschäftstätigkeit  gemeinnützige Ziele erreichen möchten?

Ich habe mich in meinem Buch „Wir müssen leider draußen bleiben“ insbesondere mit Social Business vor Ort in Bangladesch beschäftigt. Dort haben die Projekte der Grameen Bank von Muhammad Yunus mit globalen Großkonzernen wie Danone oder Adidas den Armen keinen Nutzen gebracht, im Gegenteil. Den Konzernen aber haben sie den Marktzugang erleichtert. Wenn Armut oder soziale Schieflagen zum Geschäftszweck werden, dann können solche Modelle das Problem im besten Fall lindern, aber sicher nicht abschaffen. Ich sehe das dann kritisch, wenn staatliche Leistungen zurückgefahren werden, während Regierungen soziales Unternehmertum fördern. Skeptisch macht mich, dass neoliberale Institutionen und Organisationen Sozialunternehmen fördern oder beraten, etwa die Unternehmensberatung McKinsey oder die Schwab Foundation for Social Entrepreneurship. Gesellschaftliche Probleme lassen sich meiner Meinung nach nicht unternehmerisch lösen, sondern nur solidarisch und politisch.

Aber natürlich müssen wir uns über andere Formen der Unternehmen Gedanken machen und diese Alternativen umsetzen. Wenn ein Unternehmen solidarisch, demokratisch und emanzipatorisch ist und tatsächlich das Allgemeinwohl verbessert, ist das gut. Ich finde zum Beispiel die wachsende Solidarische Landwirtschaft toll, genauso Bürgerenergie-Genossenschaften. Und in Griechenland hat es die Solidarische Bewegung geschafft, einige Teile der Daseinsvorsorge sowie die Lebensmittelproduktion unter solidarische Kontrolle zu bringen und sich damit unabhängig von Konzernen und Sparpolitik zu machen.

Zur Person

Kathrin Hartmann studierte Kunstgeschichte, Philosphie und Skandinavistik in Frankfurt. Sie war Redakteurin für Nachrichten und Politik bei der Frankfurter Rundschau und Textredakteurein bei Neon. Seit 2009 arbeitet sie als freie Journalistin und Buchautorin in München. Als Greenwashing-Expertin wirkt sie in Werner Bootes Dokumentarfilm „Die grüne Lüge“ mit.  Der Film läuft seit März in den deutschen Kinos.

Grüne Lüge Plakat - Greenwashing

Fotos: Katrhin Hartmann – Stephanie Füssenich, Filmfotos – LittleDreamEntertainment

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Nachhaltigkeit. Warum sollte ich? Und vor allem, wie?

  1. Ich bekomme mehr und mehr den Eindruck, dass die Verantwortung für nachhaltiges Handeln mehr und mehr den Bürgen/Konsumenten übertragen wird. In der Tat hat man als Konsument zahlreiche Möglichkeiten Einfluss zu nehmen, da auch die Auswahl an nachhaltigen Produkten immer größer wird, wie auch das Beispiel GLS Bank zeigt.

    Aber: Durch cleveres Marketing und das beschriebene Greenwashing wird der Verbraucher massiv getäuscht und die Entscheidung, welches Produkt denn nun Vertretbar ist und welches nicht wird immer schwerer, da man überall zweimal Recherchieren muss. Nicht jeder ist dazu bereit. Hier sehe ich die Politik in der Pflicht für Transparenz zu sorgen und Greenwashing und anderen unlauteren Versprechen der Unternehmen einen Riegel vorzuschieben.

  2. Die Politik muss handeln?
    Ja, ich glaube auch, dass wir als Bürger vehement bessere Gesetze einfordern müssen. Dafür schreibe ich seit 30 Jahren Briefe an meine Volksvertreter auf Bundes- und Landesebene. Ich halte das für meine Pflicht, denn Demokratie heißt ja „Herrschaft des Volkes“. Alle Mißstände gibt es nur, weil sich die Bürger nicht genug darum kümmern.
    Gleichzeitig verstehe ich jeden, der sagt, dass das doch sowieso alles nichts bringt. Denn die Politik versteht sich in immer stärkerem Maße nur noch als Helfer der großen Unternehmen bei deren Profitmaximierung. Wirtschaftswachstum ist zur alleinigen Meßlatte für gute Politik geworden. Wir haben Unternehmen so groß werden lassen, dass mittlerweile die Konzerne bestimmen, was in diesem Land gemacht wird und was nicht.

    Also was ist jetzt die Lösung?
    1) Politischer werden. Die Bürger müssen sich (und danach Freunden und Nachbarn) klarmachen, dass Beschwerden nicht an den Stammtisch oder in Internetforen gehören, sondern an den Schreibtisch des zuständigen Politikers. Je mehr Bürger das machen, desto mehr bringt es auch.
    2) Schlechten Dingen (z.B. schlechten Produkten oder schlechten Unternehmen) Geld entziehen. Bewusst etwas anderes oder woanders kaufen – und den Unternehmen am besten noch schreiben warum. Genauso muss die Geldanlage zu den eigenen Werten passen. Ich kann mich nicht über den Krieg in der Welt aufregen und am nächsten Tag bei (z.B.) der Sparkasse einen Aktienfonds kaufen, der mein Geld vermutlich auch in Rüstungsunternehmen wie Rheinmetall steckt.
    3) Einfach selber mit ein paar Leuten Unternehmen gründen, die es besser machen – oder sich daran beteiligen. Es gibt z.B. hunderte, wenn nicht sogar tausende Genossenschaften, die sozial und ökologisch wirtschaften, trotzdem eine (teils sehr) gute Rendite bieten und bei denen man schon mit kleinem Geld einsteigen kann.

    Es wird sich nie etwas ändern, wenn wir es nicht selbst ändern.

  3. Allein schon die leider weit verbreitete Bezeichnung: „Verbraucher“ erscheint mir auf das äußerste verfehlt. Es ist mir ein Rätsel, wie dieses Wort eine derartige Stärke hat einnehmen können, und das auch noch dermaßen unauffällig. Ärgert sich denn niemand, wenn er oder sie als „Verbraucher“ bezeichnet wird?

  4. Ralf Breuer

    Manchmal sind es leider auch staatliche Anreize: 1. Entwicklungsminister Müller schlug in der vergangenen Woche vor, die Steuer für fairen Kaffee zu senken. Wem ist schon bewusst, dass € 2,19 pro Kilo anfallen? Erklärt aber nur teilweise, wieso Kaffeebohnen in Luxemburg nur 50% kosten

    2. Der Anteil SuVs ist auch der grosszügigen Dienstwagenregelung geschuldet. Bei manchen Modellreihen liegt der Flottenanteil bei 60 – 80%. Ausserdem begünstigt die Regelung auch noch kurze Wege zur Arbeit und viele Privatkilometer.

    Es ist nicht gerade konsistent, wenn ein Unternehmen den gewerblichen Fuhrpark elektrifiziert und gleichzeitig grosszügig Dienstwagen vergibt. Es gibt in und um BN Gelände mit Hunderten zurückgegebener Flottenfahrzeugen und die Strassen sind voll mit Mittelklassemodellen bestimmter Kennzeichenserien…

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