Zuhören

Mehr Zuhören, mehr Empathie – mehr Abgrenzung?

Warum die Corona-Pandemie polarisiert und was wir dagegen tun können

Corona hat unglaublich viel Solidarität ausgelöst, auch in der GLS Community! Die Pandemie brachte aber  gleichzeitig viele Ängste an die Oberfläche, etwa die Angst vor dem Sterben. Kein Wunder, wie emotional manche Mitmenschen uns auffordern können, die Maske zu tragen. Denn die Angst vor dem Tod ist existenziell. Bei anderen hat Corona in erster Linie eine Angst vor Fremdbestimmung ausgelöst. Manche kommen dann kaum mehr los von Gedanken wie: Die Behörden wollen uns mit einer unnötigen Maskenpflicht gefügig machen. Wieder andere erleben das „Social Distancing“ als besonders einschneidend, weil es in die Einsamkeit führen kann: Wer hat das, zumindest im Ansatz, nicht schon selbst erlebt?

Lager

Es besteht die Gefahr, dass wir uns immer mehr voneinander entfremden und sich Lager bilden. Dass Risse quer durch alle gesellschaftlichen Milieus gehen. Was also tun? Unsere Ängste aufeinander loslassen, uns in Fanblocks organisieren und deren Kämpfe feiern? Oder als Menschen miteinander in ein echtes Gespräch gehen, zuhören und dabei die Ängste ernst nehmen?

Brücken

Damit soll hier nicht behauptet werden, dass alle Menschen jetzt nur noch angstbesetzt agieren. Im Gegenteil: Die Mehrheit steht zwischen diesen neuen Gruppierungen, vielleicht überrascht über die gewaltigen Bruchlinien. Dazu zähle ich mich auch, obwohl ich die genannten Ängste zumindest ein Stück weit selbst erlebe. Ich meine: Auf uns kommt es jetzt an, Brücken zu bauen und sich für ein demokratisches und vielfältiges Zusammenleben einzusetzen. Dabei können wir anknüpfen an die vielen solidarischen Aktionen, die in den letzten Monaten entstanden sind.

Mindset

Eine Spur in diese Richtung legte Otto Scharmer auf der GLS Jahresversammlung bereits im vergangenen Jahr. Er beschrieb das Ende alter gesellschaftlicher Polaritäten, etwa zwischen der politischen Linken und Rechten. Für die Zukunft entscheidend sei, ob wir ein „closed mindset“ oder ein „open mindset“ haben, also geschlossenes oder offenes Denken. Sind wir offen für die Komplexität der globalisierten Welt, ohne gleich zu vereinfachen und ohne für die neuen Probleme Sündenböcke zu suchen? Haben wir vielleicht sogar Spaß daran, einander trotz aller Unterschiede wertschätzend und mit einer fragenden Haltung zu begegnen? Dann geht es um „Verunsicherungsfähigkeit“ und einen Sinn für Widersprüchlichkeiten. „Sozial ist, was Vielfalt schafft“, so Wolf Lotter von „brandeins“, „…nicht Rechthaberei, sondern immer wieder neu die Frage, ob das, was man tut, das Richtige ist“. Eine solche Offenheit ist nicht mehr nur eine private Angelegenheit, sondern eine Voraussetzung für den Fortbestand unserer Demokratie.

The mind is like a parachute, it doesn’t work if it’s not open. Frank Zappa

Spaltung

Und wie bewusst ist es uns, dass es auch Profiteure der gesellschaftlichen Spaltung gibt? Akteure, die gezielt die Spaltung vorantreiben und daraus ein Geschäftsmodell entwickelt haben? Seit Corona erhalten beispielsweise einige Online-Medien immer mehr Zulauf, die sich auf Verschwörungen spezialisiert haben und damit die Angst vor Manipulation bedienen. Deren Methode ist, eine krasse Einzelperspektive heraus zu isolieren, um damit ihre Reichweite zu erhöhen, immer wieder auch mit antisemitischen und antiparlamantarischen Anspielungen. Werden sie damit konfrontiert, dass solche Anspielungen nicht akzeptabel sind, dann versuchen sie, sich aus der Verantwortung zu stehlen. Sie sagen etwa: Das war gar nicht so gemeint. Oder: Das war nur eine Frage. Oder: Wir haben nur jemanden zitiert. Echte Gespräche sind auf dieser Basis nicht möglich und eine Änderung des Geschäftsmodells unwahrscheinlich, weil es ja gut läuft. Einige der Kritikpunkte von solchen Medien sind sicherlich anschlussfähig auch in Richtung der sozial-ökologischen Bewegung, etwa wenn es um die Dominanz wirtschaftlicher Interessen geht. Aber dahinter stets die immer gleichen Personengruppen auszumachen ist falsch und spaltet die Gesellschaft. Vollkommen inakzeptabel sind Antisemitismus und Rassismus. Gegenüber solchen Strategen und Profiteuren der gesellschaftlichen Spaltung hilft nur die Abgrenzung.

Widersprüche

Hier tut sich allerdings ein Widerspruch auf: Wenn es auf der einen Seite um die Offenheit für alle Positionen und Perspektiven geht, wie ist das vereinbar mit der Abgrenzung gegenüber einzelnen Personen? Ist die Aufgabe nicht vielmehr, den Rahmen für einen offenen Austausch zu schaffen, in dem sich wirklich alle einbringen können? Tun wir den Spaltern durch eine Abgrenzung nicht sogar einen Gefallen, weil sie damit eine Bühne für deren Lieblingsrolle bekommen: als Opfer eines manipulativen Machtapparates? Würde man sie damit nicht sogar in ihrem Business unterstützen?

Perspektiven

Mit solchen Fragen ringen derzeit viele Menschen, auch innerhalb der GLS Gemeinschaft. Eine verbindende und integrierende Rolle hat die Bank bereits seit über 40 Jahren. Stets nimmt sie unterschiedliche Perspektiven ein, etwa von Geldgebern und Geldnehmern, von Unternehmen und Konsumenten, oder von diversen gesellschaftlichen Gruppen. Immer wieder gelingt es ihr, Widersprüche zu integrieren. Das schafft Vertrauen. Ist die GLS Bank in dieser Rolle jetzt verstärkt gefordert, um der gesellschaftlichen Spaltung entgegen zu wirken? Wie kann sie das tun? Wo sind Abgrenzungen notwendig? Was heißt das konkret? Was steht aktuell an? Über solche Fragen wollen wir verstärkt in Austausch kommen. Denn notwendig ist „nicht mehr Rechthaberei, sondern immer wieder neu die Frage, ob das, was man tut, das Richtige ist“.

Was denkst Du dazu?

Wir freuen uns über deine Impulse, Fragen und Anmerkungen hier als Kommentar. Wir sind gespannt, was wir gemeinschaftlich bewegen können!

Herzlichen Dank für Anregungen von
Martin Kirchner „Brücken bauen zu Andersdenkenden in Zeiten von Corona“, Anders Zuhören – Tipps für Gespräche, in denen Neues entsteht
Dieter Halbach „Corona, Trauma und Demokratie“, Evolve Nr. 27
Wolf Lotter „Sozial ist, was Vielfalt schafft“, Taz.Futurzwei Nr. 14

  1. Vielen Dank für die differenzierte Darstellung samt Einbeziehung der Frage: Abgrenzen oder im Gespräch bleiben? Bei manchen der Onlineforen, welche ihre Einzelinteressen so sehr einseitig forcieren, merke ich: auch ich bin immer wieder in mir selbst gespalten, denn vieles lehne ich von den Darstellungen ab, bin aber an anderer Stelle dankbar, dass es eine Gegenmeinung gibt, die ich mir, zu den anderen Medien, ansehen kann. So etwa finde ich es nach wie vor schade, dass der Bestsellerautor Prof. Sucharit Bhakdi in den von uns gesamtgesellschaftlich finanzierten Medien nicht vorkommt – oder wenn, dann nur im Faktencheck. Die Stellung seines Buches in den Bestsellerlisten zeigt, dass im Grunde Interesse besteht. Warum müssen Randmedien diese Aufgabe übernehmen? Damit bekommen sie eine Aufmerksamkeit, die eigentlich dem Thema gehören sollte – un nicht den Machern der Plattformen.
    Für mich ist die GLS seit Jahren eine Mittlerin, was in heutigen Zeiten immer wichtiger zu sein scheint. Diese Haltung finde ich gespiegelt auch in diesem Post – danke! Sich als ökologische, liberale, offene und zukunftsgewandte Bank dem gesellschaftlichen Dialog zu stellen ist wesentlich. Alle Abgrenzung sollte dabei in meinen Augen heißen, gerade dann den Dialog aufrecht zu halten, wenn große Unterschiede in den Haltungen sich zeigen. Alle Menschen sind lernfähig, darauf baue ich.
    Meine Großeltern kamen auf der einen Seite aus jüdischer Familie, auf der anderen Seite war mit der Sozialisation in der „Hitler Jugend“ durchaus Begeisterung für die Nazi-Zeit vorhanden, was dann zwar im Laufe des letzten Jahrhunderts abebbte, aber die Seelenstimmungen von „Damals“ blieben ein Leben lang. Die grausamen wie die begeisternden. Wer, wenn nicht wir, können diese Spaltungen angehen? Da bleibt m.E. der Dialog das Mittel der Wahl – auch wenn es schier ausweglos scheint.

  2. Ein wichtiger Beitrag! Mir geht es auch so, dass ich erschreckt bin, welche Strömungen und Tendenzen auf einmal eine Bühne bekommen. Die Angst wird uns in den nächsten Jahren sicherlich begleiten. Angst um die Folgen von Corona, Angst um die gewohnte Wohlstandsgesellschaft etc. Allein wenn wir sehen, wie zögerlich der Kampf gegen den Klimawandel geführt wird und uns vorstellen, welche Maßnahmen irgendwann notwendig sein werden, um das Schlimmste zu verhindern, wird klar, dass Veränderungen in vollkommen ungewohnten Dimensionen auf uns zukommen. Und ja, diese werden bei vielen Menschen auch Ängste schüren.
    Wenn als Reaktion auf Corona Verschwörungstheoretiker, aber auch rechte und verfassungsfeindliche Gruppen im Windschatten der Angst scheinbar auftrumpfen, sollten bei uns allen die Alarmglocken schrillen.
    Die angemessene Reaktion? Reden vielleicht. Nicht im Blogkommentaren : ) und nicht laut sondern von Mensch zu Mensch. Und damit diejenigen die sich entgegen der Werte unserer Gesellschaft stellen als das wahrnehmen, was sie sind: Ein Teil von uns. Das ist ernüchternd und mag Nerven kosten, aber die Auseinandersetzung zu ertragen scheint mir der beste Weg zu sein, um Grenzen abzubauen.

    (Gleichzeitig sollten wir nicht vergessen, dass eine laute Minderheit gerade sehr viel Aufmerksamkeit bekommt. Nehmen wir es als Warnung und als wichtige Übung.)

  3. Vielen Dank für den interessanten Blogbeitrag, Falk. Klar überfordert uns die Globalisierung alle – das aber auch nicht erst seit Corona. Trotz aller Herausforderungen denke ich, dass wir uns gerade heute mehr denn je damit beschäftigen sollten, wie wir den „open mindset“ praktizieren können. Gerade in der globalen Zusammenarbeit können wir nämlich erfahren, wie wertvoll Diversität ist und wieviel Spaß das eben auch macht. Sich in neue und unbekannte Perspektiven hineinzuversetzen und durch andere Augen gesehen und gespiegelt zu werden – das stößt Veränderungsprozesse in uns an. Ich glaube genau das sind Veränderungen, die wir für die Zukunft brauchen.

  4. Danke für diesen Beitrag. Wir sind in der Tat alle gemischte Wesen, und wir tragen alle die Zustände von Offenheit und des Sich-Abgrenzen in uns. Idealerweise ergänzen sich diese beiden Bewegungen, die Offenheit lässt uns unsere Grenzen erkennen, und die Abgrenzung gibt uns die Kraft für das immer neue Einlassen auf Ungewohntes.

    Daher ist es so wichtig, dass wir als Gesellschaft im Dialog bleiben. Und dass wir dabei auch mit Menschen sprechen, die unsere Meinung nicht teilen oder die die Welt anders wahrnehmen, als wir selbst. Dass die GLS-Bank keine tröge, meinungslose Bank ist, sondern sich auch hier als eine Plattform und als Akteur versteht, Themen setzt, Denkanstöße gibt und Menschen vernetzt und ins Gespräch bringt, finde ich gut!

  5. Wer das Corona Virus verharmlost wie Bhakdi, Jebsen oder Wodarg, sind meiner Meinung nach einfach gefährlich. Z.b. zu Wodarg: Wenn Unsinn die Runde macht, sind Journalisten in der Zwickmühle. Sollen sie die Falschinformation richtigstellen, und dem Urheber damit eine Plattform bieten? Oder sollen sie den Quatsch einfach ignorieren? Dass seine Videos mit Vorsicht zu genießen sind, erkennt man bei genauem Hinsehen aber allein schon an den YouTube-Kanälen, in denen sie erschienen sind. Der eine verbreitet neben Wodargs Thesen Verschwörungstheorien aus dem Reichsbürgermilieu, es geht um Chemtrails und Satan. Der andere Kanal gehört einem freiberuflichen Filmemacher, der per Crowdfunding Zehntausende Euro für einen Film über den „Viruswahn“ sammeln will. Wodarg fordert, es sollten mehr abseitige und weniger „Mainstream“-Meinungen zum Coronavirus gehört werden. Das wäre wohl in seinem Sinne, aber nicht im Sinne einer guten Berichterstattung. Wenn abwegige Einzelmeinungen anerkannten Fakten scheinbar gleichberechtigt gegenübergestellt werden, entsteht ein falscher Eindruck – eine sogenannte false Balance oder falsche Gewichtung. Sie zu vermeiden, ist gerade in Krisenzeiten wichtig. Gruß Paul Janke

    • Kai Goerlich

      Vielen Dank für Ihren Beitrag und Ihren Impuls Herr Zientz.

      Von einer Spaltung profitieren nicht nur die Medien meiner Meinung nach – da gibt es auch andere Profiteure – und die Mechanik der Medien bezieht sich nicht nur auf die Medien des Internets. Die sogenannten Leitmedien funktionieren mittlerweile nach demselben Schema, weil sie ebenfalls alle online sind. Einseitige Berichterstattungen und das Aufbauschen harmloser Vorgänge erhöhen überall die Klick- und Zuschauerraten. Das ist ein ganzheitliches Phänomen, das – sollten wir keine Lösung finden – unsere Demokratie scheitern lassen könnte, weil kein Austausch, kein Diskurs mehr möglich ist. Wir reden nicht mehr Miteinander sondern übereinander und sind in der Falle der dramatischen und einfachen Überschriften und Meinungen gefangen.

      Sie zielen in Ihrem Text auf Spalter der Gesellschaft, wer immer das ist, denn Sie geben keine Definition mit. Es gibt immer welche, die die Strömung der Zeit für sich ausnutzen, in allen politischen Richtungen, es gibt immer irgendwelche, die eine Demonstration für sich ausnutzen wollen und immer Medien, die die Schlagzeile suchen anstelle der Ausgewogenheit. Der Fokus auf Spalter ist die bereits die erste Spaltung, denn dies macht es den kritisch Hinterfragenden wie mir fast unmöglich, als Gesprächspartner gehört zu werden. Wir können das Experiment ja gerne wagen und darüber diskutieren, ob die gegenwärtige Situation die bestehenden Einschränkungen der Grundrechte rechtfertigt oder ob die Fallzahlen eine weitere Verschärfung der sogenannten Hygienemaßnahmen rechtfertigen. Wie Sie im Artikel von Milosz Matuschek in der NZZ und in der Reaktion darauf gut ablesen können (Link: https://www.nzz.ch/meinung/kollabierte-kommunikation-was-wenn-am-ende-die-covidioten-recht-haben-ld.1574096?fbclid=IwAR1cy5r3ATzowU3LRcU5onmbVn2xGbKHjXxmZTAm3k_2pvH8JT78szwpsCI), läuft hier eine Automatik, die wir durchbrechen sollten. Er schreibt über die kollabierte Kommunikation, eine gute Analyse.

      Ich habe mich entschlossen den Kreis zu durchbrechen und zuzuhören. Ich muss die Meinungen weder teilen noch annehmen aber wenn ich mein Gegenüber nicht als einen Menschen mit Meinung wertschätze, wird es keine ernsthafte Kommunikation und keine gute Zukunft, einfach weil wir Optionen ausblenden ohne sie durchdacht oder angehört zu haben. Wenn der übliche Reflex gelten würde, dass wir nicht mit den Spaltern reden sollten, weil wir uns mit ihnen gemein machen, würde der gesamte Bundestag sich bereits gemein gemacht haben. So funktioniert Demokratie nicht.

      Mein Angebot gilt: Lassen Sie anhand der Krise darüber reden, wie wir die Spaltungen wieder zu einem Austausch bringen.

      Mit besten Grüßen
      Kai Goerlich

    • Es gibt vier politisch unabhängige Rechtsanwälte, die sich den „abwegigen Einzelmeinungen“ angenommen und diese über mehrere Wochen untersucht haben.
      Es gibt ein Ergebnis unter „corona-ausschuss.de“ zu lesen.
      Das war eine neue Art offener Dialog, den jeder mitverfolgen und selber Beiträge beisteuern konnte.
      Einen offenen Dialog kann es nur geben, wenn eben auch scheinbar „abwegig Einzelmeinungen “ gehört werden.
      Die „mainstream“ Presse macht aber das genau unmöglich!

  6. Nebenwidersprüche auszuhalten und als Mittlerin zwischen teils konträren Positionen aufzutreten ist wohl allen Organisationen bekannt, die auf gesellschaftliche Ziele hinarbeiten. Da eine Grenze zu finden, ab der man sagt ‚hier reicht es‘ ist nicht immer einfach. Besonders bei Grenzfällen, bei denen man den grundsätzlichen Impuls der Zuhörer nachvollziehen kann – egal ob die Ursachen in individuellen Ängsten oder politischen Themen, die uns alle betreffen, liegen.

    Umso wichtiger, dass man mit all jenen den Dialog sucht, die sich nicht in den gängigen Meinungen wiederfinden, die sich aus erlebter Frust über äußere Zustände kritisch äußern, aber noch erreichbar sind für eine Gegenperspektive . Die Offenheit zum Gespräch zu bewahren ist wie du schreibst da wirklich essentiell, auch damit sich niemand in die Echokammer der eigenen Kommunikationsgruppen zurückzieht. Dabei in die klare Abgrenzung zu denen, die diese Isolation weiter vorantreiben wollen, ebenso wichtig. So eine Abgrenzung auf Grundlage von Grundwerten darf auch gerne deutlich sein! Der Balanceakt, dabei die Gesprächswilligen nicht noch weiter in die Arme von Demagogen zu treiben, ist auf jedenfall schwierig – aber auch eine spannende Einladung zum Dialog. Hoffentlich gelingt dieser!

  7. Hans-Florian Hoyer

    Corona ist die aktuelle Gelegenheit, voran gegangen sind andere, die zu akuten Ausbrüchen des „Entweder-Oderismus“ geführt haben, einer grassierenden Volkskrankheit unter den Bewohnen der Plato’schen Höhle.
    Wenn meine Perspektive auf einen Schatten einen Kreis zeigt, kann jemand an einem anderen Platz nicht behaupten, ein Dreieck zu sehen. Wer das behauptet, ist mein Feind, denn er negiert mich. Ein Perspektivwechsel kommt nicht in Frage, ich liebe „meinen“ Standpunkt. Wer mag, kann einmal bei Ecosia nach „your perspective on reality may not be wrong“ suchen lassen und auf „Bilder“ umschalten. Da gibt es sechs in der Zweidimensionalität sich gegenseitig widersprechende Schatten eines Gegenstands.
    Nur wer mindestens 12 Perspektiven zusammen nimmt, kann von sich behaupten, einigermassen nah an der Wirklichkeit zu sein.
    Eine mangelnde Ambiguitätstoleranz kann dann dazu verführten, das Irritierende wegzudrücken. Es gibt aber kein „Weg“ – nirgends. Menschen wegen einer anderen politischen Meinung „aus“schliessen zu wollen ist kein Weg der Auseinandersetzung. Die Entscheidung, wie weit jemand gehen kann in der Freiheit seiner Meinung, wird nicht freihändig von Einzelnen oder Gruppen getroffen, dafür hat diese Gesellschaft Gerichte.

  8. Ausgesprochen positiv finde ich an der ganzen Sache, dass sich anhand Corona zeigt, dass wir uns letztlich entscheiden müssen, ob wir unser Hauptaugenmerk auf die Sicherheit oder auf die Freiheit legen wollen. Ich hoffe, dass uns dieser Zielkonflikt auch nach Corona noch im Kopf bleiben wird.

    • Hans-Florian Hoyer

      Warum soll Freiheit in Sicherheit nicht möglich sein? Ich denke, darauf sollte unser Hauptaugenmerk liegen.

  9. Danke für diesen ausführlichen Artikel. Ich gehe davon aus, dass er eine Reaktion auf den Bericht in der Taz vom 08.09.20 darstellt, in dem das GLS-Konto von Ken Jebsen kritisch kommentiert wurde. Die GLS-Bank hatte auf die Anfragen der Taz nicht geantwortet. Offensichtlich wurde aber wenigstens eine Diskussion innerhalb der Bank angeregt und wir als KundInnen werden über die Haltung unserer Bank informiert.
    Ich lese aus dem Artikel eine deutliche Distanzierung von Jebsen und seinen „antisemitischen und antiparlamentarischen Anspielungen“ heraus. Das freut und beruhigt mich als Kundin. Aber warum wird er nicht beim Namen genannt, wo man doch sein „Geschäftsmodell“ so präzise beschreibt? Wie sieht die Abgrenzung „gegenüber solchen Strategen und Profiteuren der gesellschaftlichen Spaltung“, die hier angedacht wird, denn in diesem konkreten Fall aus? Oder soll Ken Jebsen in den „Rahmen für einen offenen Austausch“ sogar einbezogen werden? Diese Antwort bleibt der Blog-Beitrag schuldig.
    Ken Jebsen war als Redner im Mai auf der Querdenken 711 Demo in Stuttgart präsent und es ist davon auszugehen, dass diese Proteste auch von Teilen des dort ansässigen anthroposophischen Umfelds mitgetragen werden. Die Taz hat den Verdacht geäußert, dass die GLS Bank es sich mit der eigenen Klientel nicht verscherzen will. Die verschämte Umschreibung des „Systems Jebsen“ ohne Nennung des konkreten Falles lässt diese Frage weiterhin offen.
    Und warum findet sich die Stellungnahme zum Taz-Artikel – und als solche lese ich diesen Beitrag – versteckt im Blog auf der GLS-Homepage? Warum wagt man nicht den öffentlichen Diskurs und positioniert sich im Rahmen eines Interviews? Ken Jebsen kann sein Konto behalten. Aber seine Bank gibt öffentlich kund, wofür sie eintritt. Wie wär’s?

    • Gerne konkretisiere ich das: KenFM passt aus meiner Sicht nicht zur GLS Bank, da dieses Unternehmen gezielt die gesellschaftliche Spaltung vorantreibt. Wenn es aber um die Frage geht, ein Mitglied aus einer Genossenschaftsbank auszuschließen, dann ist dies ein längerer Prozess, der nur sehr bedingt transparent gemacht werden darf. Darum kann unsere Kommunikation nicht so klar sein, wie wir das alle gerne hätten. Unsere Diskussion hier ist ein Teil des Prozesses.

  10. Hans-Florian Hoyer

    Ein persönliches Urteil „gezielt die gesellschaftliche Spaltung vorantreibt, um damit Geld zu verdienen“, auch wenn andere das möglicherweise teilen, ist keine valide Grundlage für eine Diskriminierung. Mit solchen Diskriminierungen wird die Gesellschaft nur weiter gespalten. Aus gutem Grund ist das verboten.

    Das, was man verteidigen möchte, kann man nicht mit denselben Mitteln verteidigen, mit denen man es als angegriffen ansieht.

    Die „Begründung“, dass ein Ausschluss zu schwierig sei, halte ich in dem Zusammenhang für abwegig.

    Art. 14 Diskriminierungsverbot
    Der Genuß der in dieser Konvention anerkannten Rechte und Freiheiten ist ohne Diskriminierung insbesondere wegen des Geschlechts, der Rasse, der Hautfarbe, der Sprache, der Religion, der politischen oder sonstigen Anschauung, der nationalen oder sozialen Herkunft, der Zugehörigkeit zu einer nationalen Minderheit, des Vermögens, der Geburt oder eines sonstigen Status zu gewährleisten.

    Wer kommt dann als nächstes auf die Idee, dass die ausgeschlossen werden sollen, die auffordern, das Diskriminierungsverbot zu missachten?

    • Die GLS Bank arbeitet grundsätzlich nicht mit allen Unternehmen zusammen. Für die meisten unserer Mitglieder, Kundinnen und Kunden war dies auch ein Grund, zur GLS Bank zu kommen. Sie ist keine Bank etwa für Unternehmen der Massentierhaltung oder der Rüstungsindustrie. Die politische Ausrichtung der Unternehmensleitungen spielt dabei keine Rolle, sondern die sozialen und ökologischen Wirkungen ihrer Unternehmen. Sich über diese Wirkungen immer wieder aufs Neue urteilsfähig zu machen ist Teil der Bankarbeit. Dazu gehören auch Blogposts wie diese, die zum Austausch einladen.

    • Hallo Hans-Florian Hoyer,
      wie meinen Sie das, dass Sie die „Begründung“, dass ein Ausschluss zu schwierig sei, in dem Zusammenhang für abwegig halten?

  11. Bettina Hövener

    Die Diskussion, ob Ken Jebsen GLS-Kunde sein sollte, steht für mich in krassem Widerspruch zur eingangs erwogenen Haltung des miteinander redend. Diese Diffamierung gegenüber kritischen Meinungen zu den Coronamaßnahmen vereint gerade die gesamte Medienlandschaft, scheinbar je weiter link, desto heftiger. Wurden die Vorwürfe, die die TAZ gegenüber Ken Jebsen erhebt, von Seiten der GLS-Bank geprüft? Haben Sie sich den Blog mal angeschaut? Und warum müssen sich Kunden innerhalb eines bestimmten Gesinnungskorridors bewegen, um GLS-Kunde sein zu dürfen? Dass eine Kontokündigung überhaupt ernsthaft erwogen wird, finde ich erschreckend.

    • Den Widerspruch, auf den Sie hinweisen, beschreiben wir im Blogpost so: „Wenn es auf der einen Seite um die Offenheit für alle Positionen und Perspektiven geht, wie ist das vereinbar mit der Abgrenzung gegenüber einzelnen Personen?“ Eine Besonderheit der GLS Bank ist, dass sie auf die gesellschaftliche Wirkung von Unternehmen schaut und davon ihre Zusammenarbeit abhängig macht. Mit Bezug auf das Unternehmen KenFM mussten wir feststellen: Bei komplexen Problemen einzelne Personen oder Gruppen zu vermeintlich Schuldigen zu machen ist falsch und spaltet die Gesellschaft. Solche Unternehmen wollen wir weder durch Finanzierung noch durch Unterstützung beim Spendensammeln unterstützen. Unabhängig von unserer Zusammenarbeit mit Unternehmen sind aber alle Menschen unterschiedlicher Herkunft und Gesinnung bei der GLS Bank willkommen und können unsere Plattformen für ihren Austausch nutzen, unter der Maßgabe der Menschenwürde.

    • Hallo Bettina Hövener,
      haben Sie sich damit auseinandergesetzt, was Ken Jebsen schon lange vor Corona an antisemitischen und Holocaust relativierenden Positionen vertritt und wofür er in seiner Radioshow Raum bietet?
      Ich kann wirklich nicht nachvollziehen, wie das mit den Grundsätzen der GLS Bank vereinbar sein soll. Daher unterstütze ich die Forderung ausdrücklich, dass das Konto von KenFM gesperrt wird.

  12. Ich als Kunde und Genosse der GLS Bank nehme es mit Erschrecken zur Kenntnis, dass die GLS Bank es offenbar ernsthaft erwägt, auf öffentlichen Druck einem linken, progessiven, friedensbewegten Menschen wie Ken Jebsen (ja, der sich auch manchmal in manche Dinge übermäßig reinsteigert und dabei über das Ziel hinausschießt) das Konto zu kündigen. Haben denn linke, progessive, friedensbewegte Menschen wie ich überhaupt keine Heimat mehr sondern nur noch die Wahl zwischen Zockerbanken und Cancel Culture?

    • Bettina Schmoll

      Lieber Jan T.
      mit öffentlichem Druck haben wir es auf jeden Fall zu tun, egal wie wir entscheiden.
      Die Frage ist darum ganz klar: Was passt zur GLS Gemeinschaft?

    • Hallo Jan T.,
      wie kommen Sie darauf, dass Ken Jebsen linke oder progressive Positionen vertritt? Da bin ich bislang nicht fündig geworden.
      Ich bin auch Kunde und Genosse der GLS Bank und ich begrüße es, wenn die GLS Bank ein Zeichen setzt und die Verbreitung der Positionen von KenFM nicht durch ein Konto unterstützt. Sie stellen für mich vielmehr Hetze als linke oder progressive Positionen dar.

  13. „Die Frage ist darum ganz klar: Was passt zur GLS Gemeinschaft?“
    In der Tat. Und wenn Sie sich die Mühe machen Person und Werk von Ken Jebsen insgesamt ausführlich und unvoreingenommen selbst anzuschauen, bin ich mir auch sicher, dass auch Sie feststellen werden, dass es sich bei ihm um einen linken, progressiven, friedensbewegten Menschen handelt, der ganz hervorragend zur GLS passt und bei dem es sicher auch kein Zufall ist, dass er überhaupt ein Konto bei der GLS hat, sondern eine bewusste Entscheidung, gerade weil er (auch seiner Meinung nach) zur GLS passt. Ich habe halt nur die Befürchtung, dass Sie sich eben nicht diese Mühe machen werden, sondern aufgrund einer verfälschenden medialen Berichterstattung, die an Rufmord zumindest grenzt, entscheiden werden. Wer sich einmal Gespräche von Jebsen etwa mit Erwin Thoma, Rainer Mausfeld, Daniele Ganser u.ä. angeschaut hat, kann ihn eigentlich ganz gut einschätzen und käme niemals auf die Idee, ihm das GLS-Konto zu kündigen. (Nur um es nochmal klarzustellen: Auch ich will nicht jede einzelne Äußerung Jebsens verteidigen, auch er verrennt sich manchmal und z.T. durchaus gewaltig. Aber das stelle doch seine Person und sein Werk insgesamt nicht infrage)

    (und nur btw: wenn Sie tatsächlich der Meinung sein sollten, dass es erst Ken Jebsen ist, der die Gesellschaft spaltet, und diese nicht schon längst durch skrupellose Geschäftemacher und deren Zockerbanken gespalten ist, dann könnten Sie doch eigentlich die GLS auch einfach auflösen. Denn die GLS ist doch gerade der Versuch etwas anders zu machen als der Mainstream der Zockerbanken und damit doch selbst eine Spaltung der Gesellschaft.)

  14. Hans-Florian Hoyer

    Banken stellen im Zahlungsverkehr der Gesellschaft Infrastruktur zur Verfügung, die allen unterbrechungsfrei zur Verfügung stehen sollte. Das Recht auf Teilhabe daran ist gegeben, ein Recht zum Ausschluß gibt es nicht. Vor zehn Jahren wurde Wikileaks systematisch vom Zahlungsverkehr, d.h. Spendeneingängen abgeklemmt. Nur noch Bitcoins funktionierten.
    Im Zuge der Kreditvergabe hat die Bank die Freiheit, mit wem sie wofür Zahlungsmittel bereitstellen will. Das ist im Falle der GLS gut. Andere Banken bewirken durch Ausübung dieses Rechts Folgen, die die Gesellschaft tragen muss.
    Das „Draußen“ einer Gesellschaft ist das Gefängnis, wohin man durch ein richterliches Urteil kommt. Jemanden von der Gesellschaft auszuschließen, außer durch die Jurisdiktion, ist durch das Verbot der Diskriminierung hoffentlich gesellschaftlicher Konsens.
    Die Anmutung, etwas für die Gesellschaft getan zu haben, indem man jemanden ausschließt, scheint mir absurd. An Ken Jebsen wird in zugespitzter Form ein gesellschaftliches Symptom deutlich, nämlich das, alles reflexartig in ein Extrem zu treiben. Solange diese Attitüde des Denkens nicht in der Gesellschaft geheilt ist, wird es Menschen geben, die dies bedienen. Eine Zeitung mit viel Großbuchstaben ist ein Symptom derselben Attitüde.
    Statt die besonders lauten Frösche zu bekämpfen, wäre das Trockenlegen des Sumpfes (in dem wir alle stecken) nachhaltiger.

  15. Leider kann man hier auf Anworten offenbar nicht erneut antworten, daher auf diesem Weg @Sabine Pauls:

    Wie ich bereits schrieb „sondern aufgrund einer verfälschenden medialen Berichterstattung, die an Rufmord zumindest grenzt, entscheiden werden“. Wer sich nur aus Sekundärquellen informiert, wird halt leider häufig in die Irre geführt.

  16. Hans-Florian Hoyer

    @Sabine Pauls
    Sie – und womöglich noch andere- fordern ihre Bank offen auf, gegen das Diskriminierungsverbot zu verstoßen.
    Soll so das Wirtschaftsleben zur Fortsetzung des Geisteslebens mit anderen Mitteln gemacht werden?

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