Wie funktioniert Mikrofinanzierung in Indien? // Teil 2

Mikrofinanzierung – Wie funktioniert sie in Indien? // Teil 2

Ramkrishna AtreMikrofinanzierung, Leiter der Produktentwicklung des indischen Mikrofinanzinstituts Annapurna, erzählt im zweiten Teil seines Interviews mit Unserem Fondsspezialisten Stefan Fritz mehr über die Praxis, Wirkung und Zukunft von Mikrofinanzierung in Indien.

Die positive soziale Wirkung ist ein Kernelement von Mikrofinanzierung. Wie messen Sie die Wirkung?

Bei Annapurna legen wir bereits vor Kreditvergabe einen Fokus auf die positive Wirkung. Im Rahmen der Produktentwicklung untersuchen wir die Nachfrage nach Krediten und prüfen, wo sie die höchste Wirkung auf das Leben unserer Kunden*innen haben. Die ausgewählten Regionen und Bereiche, in denen sie angeboten werden, werden vorab ausgewählt. Un- oder unterversorgten Bereichen bzw. Regionen geben wir den Vorrang.

Können Sie uns das an einem Beispiel veranschaulichen?

Natürlich. Wir bieten Kredite für den Zugang zu Solarenergie dort an, wo es kaum Zugang zu verlässlicher Energie gibt. Kredite zum Bau von Toiletten finden Kunden*innen dort, wo Haushalte nur zu einem geringen Prozentsatz über Toiletten verfügen. Dadurch sprechen unsere Produkte das richtige Kundensegment an und bewirken eine positive Veränderung direkt ab der Planungsphase. Wir sind dabei der Überzeugung, dass es sinnvoller ist, die soziale Wirkung aktiv zu managen als sie nur zu bestimmten Zeiten zu erfassen. Nichtsdestotrotz führen wir jährliche Wirkungsmessungsstudien durch, um den sozio-ökonomischen Effekt unserer Dienstleistungen auf das Leben unserer Kunden*innen zu erheben. Zum Nachverfolgen der Daten, insbesondere des Armutsniveaus unserer Kunden*innen nutzen wir anerkannte, standardisierte Instrumente wie PPI (Poverty Probability Index).

Lassen Sie uns in die Zukunft schauen. Was sind die Haupttendenzen im Mikrofinanzmarkt? Welche sozialen Herausforderungen möchten Sie angehen?

Der Mikrofinanzsektor hat in den vergangenen Jahrzehnten bereits viele Veränderungen erlebt. Dies sieht man an vielen Stellen: Regulatorik, Technik, Marktnachfrage, Kreditmodelle, etc. Mikrofinanzinstitute haben sich mehr zu formalen Banken weiterentwickelt, die in Indien mehr und mehr von der Notenbank kontrolliert werden. Das Wachstum von Fin-Techs kann künftig nicht ignoriert werden. Dieser Trend wird sich verstärken. Dadurch, dass immer mehr Menschen Zugang zum Internet und damit Bankkonten haben, wird mobiles Banking immer beliebter. Die Digitalisierung großer Finanzsysteme wird digitalen Verleihsystemen einen Schub geben, unterstützt durch immer stärker zunehmende Datenbanken zu Zahlungshistorien von Kreditbüros.

Welchen Einfluss haben diese Entwicklungen auf den Mikrofinanzmarkt?

Aufgrund der umfangreichen Verfügbarkeit individueller Zahlungshistorien von Kreditbüros werden Kunden*innen eher Einzelkredite nachfragen als Gruppenkredite. Die Kreditgröße wird voraussichtlich ansteigen, ebenso wie die Rückzahlungskapazität und der Lebensstandard unserer Kunden*innen. Aber noch gibt es nur unzureichend Institute, welche die spezifischen Bedürfnisse von Kreditnehmern*innen verstehen.

Gibt es für Annapurna selbst ein Schwerpunkthema in den kommenden Jahren?

Einige der sozialen Themen, die wir angehen möchten, sind gerechte Chancen und Teilhabe von Frauen, Sicherheit und Hygiene. Die Rolle der Frau in ländlichen Gebieten als vorrangige Kreditnehmerin wird dazu führen, dass sie ein Mitspracherecht hat – bei den Ausgaben für den Haushalt als auch ganz allgemein bei Entscheidungen. Es gibt in Bezug auf die persönliche Sicherheit und Würde von Frauen sowie Hygiene einige Herausforderungen. Ein gesicherter Zugang zu Trinkwasser in Haushalten würde helfen. Kunden*innen, die gerade der Armut entkommen sind, sind zudem häufig aufgrund von plötzlich anfallenden Kosten von erneuter Armut bedroht. Um sie davor zu schützen, planen wir eine Krankenversicherung anzubieten, die medizinische Ausgaben deckt.

Mit diesem Fokus werden wir kontinuierlich unsere Mission fortsetzen, die Nöte un- und unterversorgter Menschen in der Gesellschaft zu verstehen und maßgeschneiderte Produkte entwickeln. Damit wollen wir unsere Kunden*innen in die Lage versetzen, Einkommen zu generieren, wodurch Arbeitslosigkeit bekämpft und Lebensstandard erhöht werden kann.

Herr Atre, herzlichen Dank für das Interview.

Link: Lest auch Teil 1 des Interviews

Annapurna Microfinance Pvt. Ltd.
Annapurna ist ein schnell wachsendes Mikrofinanzinstitut in Indien. Es initiiert und fördert Selbsthilfegruppen, die aus Frauen, Mittellosen, Benachteiligten oder Bedürftigen bestehen. Ziel ist es, ihre sozialen und ökonomischen Bedingungen zu verbessern. Das Unternehmen begann in den frühen 1990er Jahren als eine gemeinnützige Organisation. 2005 legte es seinen Schwerpunkt auf Mikrofinanzierung, vor allem um arme Frauen in ländlichen Regionen zu versorgen. Seit 2009 ist Annapurna ein reguliertes Mikrofinanzinstitut.

Ramkrishna Atre
Ramkrishna Atre ist Leiter Produktentwicklung von Annapurna Finance (P) Ltd. Bhubaneswar. Er ist verantwortlich für die Recherche neuer Produkte, deren Einführung sowie Überwachung von Mikrofinanzierung. Vor seinem Wechsel zu Annapurna 2013, arbeitete er bei FINO Patyech. Er halt einen PGDFM (Post Graduate Diploma in Financial Management ) des Indischen Instituts für Forstmanagement sowie eine Zertifizierung zur -Finanzierung kleinerer und mittlerer Unternehmen (KMU) der Frankfurt School of Finance and Management. Anfang Dezember 2018 besuchte Ramkrishna Atre die GLS Bank in Bochum.

Mikrofinanz – Wie funktioniert Mikrofinanzierung in Indien? // Teil1

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