Jürgen Röttger

Auf den Spuren der Finanzmarktkrise …

Gibt es Zeichen für einen Bewusstseinswandel in unserer Gesellschaft?Meldungen über Geldabflüsse in Milliardenhöhe erschienen im Herbst 2008 als sicheres Anzeichen dafür, dass viele Bankkunden in Deutschland das Vertrauen in die herkömmlich wirtschaftenden Finanzinstitute verloren haben. Mancher prominente Banker räumte auch ein, dass Fehler gemacht wurden und ein Umdenken anstehe. Schließlich mussten Steuergelder in Milliardenhöhe als „Rettungsschirm“ bereitgestellt werden, um einen Kollaps des deutschen Finanzsystems abzuwenden. Doch hat sich wirklich etwas geändert – einerseits bei den Geschäftspraktiken der Banken, andererseits bei den Kunden?

Aktuelle Studien haben bei herkömmlichen Banken Defizite in der Betreuung ihrer Kunden aufgedeckt. So kam eine vom Verbraucherschutzministerium beauftragte Untersuchung von Evers & Jung zu dem Ergebnis, dass durch mangelhafte Finanzberatung in Deutschland pro Jahr ein Vermögensschaden von 20 bis 30 Milliarden Euro entstehe. „Die Qualität der Bankberatung in Deutschland ist katastrophal“, stellte der Verbraucherzentrale Bundesverband (vzbv) nach einer umfangreichen Stichprobe fest. „Von einem Umdenken in der Bankenbranche ist nichts zu sehen. Es wird weiter am Bedarf vorbei verkauft. Die Risiken der empfohlenen Produkte werden verschwiegen", so Manfred Westphal vom vzbv-Fachbereich Finanzdienstleistungen.

Dietrich Wild, Research Director der oekom research in München, sieht großen Handlungsbedarf bei der fairen und transparenten Beratung der Bankkunden. „Es gibt derzeit keine Großbank, die es geschafft hat, wirksame Maßnahmen zu etablieren, um den Vertrieb rundum transparent und kundenorientiert zu gestalten. Die Problematik provisionsgesteuerter Verkaufsmethoden besteht zudem bei jeder Bank fort“, erläutert Wild. Das Nürnberger Marktforschungsunternehmen GfK hat denn auch in einer großen Erhebung vom Frühjahr 2009 festgestellt, dass das Ansehen von Bankberatern stark gesunken ist. Wenn man die Ergebnisse genauer betrachtet, stellt man allerdings fest, dass die Deutschen ihnen auch nach den Erschütterungen der letzten Monate insgesamt ein hohes Vertrauen entgegenbringen. Laut der GfK gaben 63 Prozent der Befragten an, dass sie Bankern vertrauen. Im Vorjahr waren es 72 Prozent. „Das Vertrauen in die Banken allgemein ist schon erschüttert worden. Nicht aber das Vertrauen in die jeweils eigene Bank“, erklärt Wolfgang Schuldzinski von der Verbraucherzentrale NRW. Es gebe da einen seltsamen Zwiespalt. „Wir vermuten, dass es eine psychologische Barriere gibt, eine Scheu, die oft ja über Jahre gewachsene Beziehung zu den Bankberatern zu hinterfragen – was aber nötig wäre.“

Es kommt ein weiteres Bedürfnis hinzu, das mit der Zeit die aufgetretenen Risse in der Beziehung zwischen Bank und Kunden noch verstärken könnte: das Bedürfnis von immer mehr Kunden, ihre Geldanlage mit einem Sinn zu erfüllen. Zunehmend verlangen sie, dass Banken mit dem von ihnen zur Verfügung gestellten Geld sozial und ökologisch nachhaltig umgehen und dies durch ausreichende Transparenz auch nachweisen. Ein klarer Beleg dafür ist etwa der enorme Volumenanstieg von nachhaltig investierenden Fonds. In Deutschland hat sich deren Volumen laut ECOreporter.de von Ende 2003 bis Ende 2008 von rund vier Milliarden auf rund 20 Milliarden Euro verfünffacht. Von den Turbulenzen auf dem Finanzmarkt sind die nachhaltigen Investmentfonds längst nicht so hart getroffen wie manch ein konventioneller Fonds. Im Gegenteil: Seit März 2008 wurden 70 neue nachhaltige Fonds aufgelegt und es gibt deutlich mehr Zuflüsse als Abflüsse bei den bestehenden Fonds. Ein verändertes Konsumverhalten zeigt insbesondere eine Bevölkerungsgruppe, die als „Lohas“ bezeichnet wird und stark zunimmt. Diese Anhänger eines „Lifestyle of Health and Sustainability“ legen nicht nur großen Wert darauf, dass die Produkte und Dienstleistungen nachhaltig sind, für die sie ihr Geld ausgeben. Ob Lebensmittel oder Bankprodukte, die Lohas können Konsum mehr genießen, wenn er mit einem guten Gewissen verbunden ist. Dafür ist deren Nachhaltigkeit eine Grundvoraussetzung.

„Nur nachhaltige Innovationen können nach Meinung der Bundesbürger anhaltenden Wohlstand und persönliches Wohlergehen auf Dauer gewährleisten“, hat Zukunftsforscher Prof. Dr. Horst W. Opaschowski festgestellt. Er leitet die BAT Stiftung für Zukunftsfragen. Um Zukunftsfähigkeit zu sichern, sind die Deutschen laut einer von ihm im Juni veröffentlichten Studie bereit, Wohlstandsverluste hinzunehmen. Fairness und soziale Verantwortung würden ihnen immer wichtiger. Das dürfte auch das Verhältnis von Banken und ihren Kunden verstärkt prägen.

Rürgen Röttger

Jürgen Röttger ist Redakteur bei ECOreporter.de. Der Onlinedienst bietet Nachrichten und Fakten zu nachhaltigem Investment (http://www.ecoreporter.de/).

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