testbiotec - gegen Tierpatente

Patentierte Tiere?

Mäuse mit erhöhter Krebsanfälligkeit, Ratten mit Neigung zur Diabetes. Der Markt für gentechnisch veränderte Versuchstiere wächst: 2015 waren es in Deutschland erstmals über eine Million. Zwischen 2004 und 2013 hat sich die Zahl verdreifacht. Ein Indiz für das lukrative Geschäft ist die steigende Zahl der Patentanträge auf gentechnisch veränderte Lebewesen. Über 1.000 hat das Europäische Patentamt (EPA) in München bereits erteilt.

Morgen, am 27. September, findet in München eine Anhörung vor dem EPA statt. Thema: ein Patent der Max-Planck-Gesellschaft auf genmanipulierte Tiere bis hin zu Menschenaffen, die Symptome der Parkinson-Krankheit entwickeln sollen. Unser Kunde Testbiotech erhebt dagegen Einspruch. Das Institut für unabhängige Folgenabschätzung in der Biotechnologie (Testbiotech) will ein Umdenken in der Forschung, bei Investoren und in der Politik erreichen.

Patente auf Versuchstiere

Christoph Then, Testbiotec
Christoph Then, Geschäftsfphrer Testbiotec

„Patente dienen vor allem der Vermarktung von Produkten, in diesem Fall ist das ein an Parkinson erkrankter Affe“, sagt Christoph Then, Geschäftsführer von Testbiotech. „Das Patent selbst bringt keinen medizinischen Nutzen, das tut allenfalls ein Medikament.“ Ob die Forschung, in der gentechnisch veränderte Tiere verwendet werden, medizinisch notwendig ist oder nicht, will er gar nicht beurteilen. Aber wenn es um wirtschaftliche Anreize für Tierversuche gehe, müssten Gesetzgeber, Firmen und Institute klare ethische Grenzen setzen. „Patente auf gentechnisch veränderte Tiere dürfen weder beantragt noch erteilt werden“, fordert Then. „Sie führen zu mehr Tierversuchen.“

Die Erwartungen an Fortschritte durch gentechnisch veränderte Versuchstiere waren hoch, seit 1992 die „Krebsmaus“ geschaffen wurde. Sie sollte helfen, Krebs zu bekämpfen und Tierversuche zu reduzieren. „Ein Flop“, meint Then. „Weder konnten wie angestrebt langfristig weniger Versuchstiere eingesetzt werden, noch hat die Krebsmaus die Krebsforschung vorangebracht.“ Trotzdem wurde das Patent damals vom Europäischen Patentamt mit Nutzen für die medizinische Forschung begründet. Das EPA gab damit den Startschuss für tausende weiterer Patentanträge.

„Das Patentamt muss seine Vergabepraxis grundlegend ändern und die Politik die Gesetze verschärfen. Investoren sollten ihre Standards für ethisch verantwortbare Geldanlagen überprüfen. “ (Christoph Then)

Gentechnisch veränderte Nutztiere

Bedenklich ist, dass es mittlerweile zunehmend Patentanträge auf Nutztiere gibt, z. B. Schweine mit mehr Muskelfleisch oder Kühe, die veränderte Milch produzieren. Befeuert wird die Entwicklung durch neue Gentechnikverfahren, die immer mehr Ansätze eröffnen, Tiere so zu manipulieren, dass sie wirtschaftlich interessante Merkmale aufweisen. Bereits jetzt haben große Zuchtkonzerne Interesse angemeldet, solche Tiere zu vermarkten.

„Gentechnik in der Tierzucht und in der Forschung ist nicht neutral, sie erzeugt Leid.“ (Christoph Then)

Ein Patent gilt 20 Jahre. In dieser Zeit wird der Inhaber versuchen, den maximalen Gewinn für sich zu erzielen. „Ein Irrweg. Eine klare Grenzüberschreitung des Patentrechts und ethisch nicht vertretbar“, sagt Christoph Then.

Und das Gesetz?

Auf europäischer Ebene ist die Tendenz beim Tierschutz eindeutig. „Man versucht, die Zahl der Versuchstiere auf das absolut Notwendige zu beschränken.“ So sei die Zahl der üblichen Tierversuche auch zurückgegangen. „Dem steht aber ein starker Anstieg der Versuche mit gentechnisch veränderten Tieren gegenüber, der über diese Einsparung hinausgeht“, sagt Then.

Wer sich mit dem Thema näher beschäftigt, fragt sich, ob Tierpatente überhaupt zulässig sein dürfen. In Europa ist das heftig umstritten. Allerdings hat das EPA mit seinen 1.000 Patenten auf gentechnisch veränderte Tiere bereits Fakten geschaffen. Christoph Then meint: „Im Patentrecht sind die Grenzen zum Thema Tier grundsätzlich falsch gezogen worden, ethisch, aber auch hinsichtlich des Begriffs „Erfindung“, die ein Patent schützen soll. Tiere oder Lebewesen werden aber nicht „erfunden“. Deshalb sollten Tiere grundsätzlich auch nicht patentiert werden.“ Testbiotech verweist auf den Interessenkonflikt, in dem sich das Patentamt befindet. Es verdient an den erteilten Patenten und urteilt auch über Einsprüche gegen sie. Ein unabhängiges Gericht gibt es nicht.

Was tun?

Gibt es Alternativen? Bei Versuchstieren müsse der Anreiz über den Verkauf der entwickelten Arznei erzielt werden, nicht über den Verkauf von Tieren, meint Then. Noch besser:  „konsequent auf tierversuchsfreie Forschung setzen.“ Die Zucht von Nutztieren gehöre in bäuerliche Hand. „Tierpatente enteignen Landwirte, sie dürfen die Kühe dann vielleicht melken, aber nicht züchten.“

Was muss sich noch ändern? Die Akteure bei Testbiotech hoffen darauf, dass der neue Bundestag der Ethik mehr Gewicht eingeräumt und Tierpatente verbietet. Gleichzeitig appellieren sie an Investoren, Gentechnikfirmen und Pharmakonzerne, Kapital nur auf der Grundlage ethischer Standards zur Verfügung zu stellen. Banken sollten überhaupt kein Geld in solche Zwecke investieren, Forschungseinrichtungen auf die Patentierung von Tieren verzichten. Verbraucher*innen könnten gentechnikfreie Bioprodukte kaufen und politisch aktiv werden.

Die Hoffnung bleibt

Christoph Then ist sehr gespannt auf das morgige Verfahren: „Vielleicht stimmt die Max-Planck-Gesellschaft Einschränkungen ihres Patentes ja zu? Immerhin sind schon Patente auf Nutztiere zurückgenommen worden. Das hoffen wir jetzt auch für Versuchstiere.“

Übrigens: Die Anhörung ist öffentlich. Sie findet ab 9 Uhr am Europäischen Patentamt in München, Bayerstr. 34, statt.

Weitere Infos

Grundgesetz, 20a GG: Der Staat schützt auch in Verantwortung für die künftigen Generationen die natürlichen Lebensgrundlagen und die Tiere im Rahmen der verfassungsmäßigen Ordnung durch die Gesetzgebung und nach Maßgabe von Gesetz und Recht durch die vollziehende Gewalt und die Rechtsprechung.

Christoph Then beschäftigt sich seit über 20 Jahren mit aktuellen Fragen der Gen- und Biotechnologie. Er ist Mitbegründer der Initiative „Kein Patent auf Leben!“, war Mitarbeiter der Grünen und bis Ende 2007 Leiter des Bereiches Gentechnik und Landwirtschaft bei Greenpeace Deutschland. Testbiotech befasst sich mit der Folgenabschätzung im Bereich der Biotechnologie.

In den GLS Anlage- und Finanzierungsgrundsätzen zählen Tierversuche (S. 5) und Gentechnik in der Landwirtschaft (S. 4) zu den Ausschlusskriterien für eine Investition.

 

  1. Ich finde es gut, dass die GLS hier auf die Email-Aktion von Testbiotech verlinkt. Auch das Forderungspapier „Was sich ändern muss“, das die GLS zur Bundestagswahl veröffentlicht hatte, wird von mir voll unterstützt.

    Die GLS Bank entwickelt sich sichtbar weiter und gefällt mir immer besser.

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