Der Wirtschaftsteil :: kompakt Nr. 249 – Digitaler Staat

Der Wirtschaftsteil :: kompakt Nr. 249 - Digitaler Staat
Deutschland wird in den sozialen und anderen Medien oft als digital rückständig geschildert, nicht nur bezogen auf Glasfaserkabel und Netzabdeckung, auch bezogen auf den Staat und die Gesellschaft an sich.

Nichts ist hier so digital, wie es sein sollte oder könnte. In letzter Zeit gab es mehrere Artikel über einen Staat, in dem das ganz anders ist – und der mit dieser Andersartigkeit immer mehr auffällt: Die Zukunft ist schon da, aber sie ist vor allem in Estland”.

In dem Artikel geht es nur um die Rolle Estlands als “path finder country”, die Sache wird nicht gerade kritisch durchleuchtet. Aber natürlich gibt es Kritikpunkte, sie klingen im nächsten verlinkten Artikel auch schon an, der Text ist wieder aus der SZ. Noch überraschender als die dort erwähnte Sicherheitslücke beim Wahlverfahren ist aber vielleicht die Erklärung, warum Estland unbedingt digitaler Vorreiter sein möchte: Das Land braucht den Zuspruch von außen. Und es gibt noch einige weitere Sätze, über die man 2017 ruhig einmal nachdenken kann: Wenn es nicht digital funktioniert, machen wir es nicht.

Das eben erwähnte Sicherheitsloch ist übrigens interessant. Mehr Details dazu gibt es in der FAZ, im Artikel darüber findet man auch lesenswerte Erläuterungen zur estnischen Gesellschaft. Und dort wird noch erklärt, warum ein technischer Mangel kein marginales Problem für das Land ist: “Das Sicherheitsrisiko ist für Estland allerdings existenziell. Mit ihm steht und fällt der Ruhm des Landes – als würde der Eiffelturm einstürzen, weil ein Filou einen Bolzen herausgezogen hat.

Zum Schluß noch ein anderer Aspekt und ein wunderbares Wort für den gepflegten Smalltalk zum digitalen Staat: E-Residency. Wenn man die Erklärung des Begriffs in der Zeit liest, wird es sehr, sehr ungewohnt für alle, die den den Staat und seine Organe bisher traditionell definiert haben: “Ebenso wie die estnische Erfindung Skype das globale Telefongeschäft revolutioniert hat, soll e-Government das klassische Regierungsgeschäft ablösen. Klassische Regierungen sind nämlich weder effizient noch user friendly. Country As A Service macht dagegen den Kunden zum König. Je nach Bedarf und Präferenz soll der globale Bürger künftig seinen Staat „so einfach wie seinen Mobilfunkanbieter wechseln“ können.

Welchen Staat man wohl spontan wählen würde, wenn das jetzt schon möglich wäre?

 

Der Wirtschaftsteil „kompakt“ ist eine Kolumne aus kuratierten Beiträgen der Wirtschaftsgazetten von Maximilian Buddenbohm heute zum Thema digitaler Staat.

Foto: (CC BY 2.0) von Adam Foster / Museum of Communications

  1. Hans-Florian Hoyer

    Vom Mond aus sieht mensch keine Grenzen. Wir hören viel von der Integration Fremder in unsere Gesellschaft. Wie wäre ein digitaler „Staat“ zu denken, wenn der Nationalstaat ein Auslaufmodell wird? Der Klimawandel hält sich sowieso nicht dran. Wie wäre er zu denken, wenn die Gesellschaften sich der Frage zuwenden würden, wie sie sich gemeinsam in eine Menschheit integrierten? Damit meine ich eine solche, in der kulturelle Unterschiede als Bereicherung angesehen werden (das suchen wir ja auch im Urlaub – oder?), und nicht als Bedrohung.
    Der Vergleich mit dem Mobilfunkanbieter ist nicht so ganz treffend, da deren Service-Gebiete sich durchdringen und überlappen. Dass es an einem Lebensmittelpunkt zwei Staaten gäbe, haben wir in Regionen wie Aachen.
    Wie wäre es mit dem „Staat“ als regionale Plattform? Liquid democracy für die Bürger. Kooperation in der Regelung der Angelegenheiten. Direkte Demokratie mittels Blockchain je nach dem mit Mehrheiten oder systemischem Konsentieren?
    Wertschöpfungsketten in einem Internet of Values, das hinter dem Internet of Things schon auftaucht?

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