Pflege: Inseln der Souveränität

Pflege: Inseln der Souveränität

Bewohner*innen, die mithelfen und mitbestimmen: wie Sachsen-Anhalts größter Pflegeanbieter Humanas Menschen aktiviert und damit alle entlastet.

Von Ralf Lilienthal, Autor und Gärtner

Hier ist ein guter Ort. Wer die Schwelle zur wabenförmig gebauten Humanas-Altenwohnanlage in  Darlingerode am Rande des Ostharzes überschreitet, betritt Herz-Land. Ist das wirklich ein Altenheim? Verglichen mit den langen, stillen Fluren einer der üblichen stationären Wohn- und Pflegeanlagen, fühlt man sich hier eher an die gemütvolle Lebendigkeit eines Kindergartens erinnert, auch wenn Rollatoren und Rollstühle statt Dreiräder das Bild bestimmen. Aber sonst?

Begegnung architektonisch geplant: Die überdachten Flure zwischen den wabenähnlichen Wohnungen mit Gemeinschaftsraum lassen die Menschen im Alltag zusammenkommen.
Begegnung architektonisch geplant: Die überdachten Flure zwischen den wabenähnlichen Wohnungen mit Gemeinschaftsraum lassen die Menschen im Alltag zusammenkommen.

In dem großen, nischenreichen Gemeinschaftsraum wird gequatscht und gesummt, gewerkelt und gelacht — und die Augen der vielen Menschen lachen mit. Was machen sie hier, dass man aus dem Staunen nicht herauskommt? Was ist das Geheimnis der ansteckend guten Laune, die rein gar nichts mit aufgesetzter Bespaßung zu tun hat und die Mitarbeiter*innen genauso erfasst wie die knapp 30 Menschen — Demente und Nichtdemente bunt gemischt — die hier ihren Lebensabend verbringen dürfen? Das Geheimnis: An diesem Ort wird der Alltag bewahrt! Wer hier angekommen ist, hört nicht einfach auf, das normale Leben zu leben, sondern muss weiterhin größere und kleinere Anstrengungen bewältigen und bewahrt sich kleine Inseln der Souveränität.

Denn bestimmen, wann und was gegessen wird, wann geduscht wird und wie oft der Boden im eigenen Zimmer gewischt werden soll, das machen die Mieter*innen selber. Kartoffeln schälen, den gemeinsamen Tisch decken oder den weniger selbstständigen Wohnungsnachbarn unterstützen— ist nicht nur erlaubt, nein, man wird dazu regelrecht ermuntert. Was ganz sicher an den einzelnen Mitarbeiternder Humanas-Einrichtungen liegt, aber mehr noch an dem dahinterstehenden Konzept und den Bemühungen der Gründer und Geschäftsführer, genau diese Mobilisierung der Alten zu ermöglichen.

Und was ist die Grundlage für das Konzept? Die Weiterentwicklung einer medizin-soziologischen Studie des noch zu DDR-Zeiten ausgebildeten Mediziners und Gründers von Humanas Dr. Jörg Biastoch: eine in der Größe und in der funktionalen Architektur auf den jeweiligen Ort genau zugeschnittene Altenwohnanlage, deren kleine Reihenhäuschen und Einraumwohnungen von den Bewohnern preiswert angemietet werden — und zwar an Standorten, mit denen sie in der Regel biografisch verbunden sind. Außerdem können auch die zusätzlich angebotenen Pflegeleistungen — ambulante Dienste, Tagespflege und Nachtbereitschaft — abhängig von der jeweils individuellen Situation bis zu 24 Stunden täglich abgerufen werden. Alle Bestandteile, samt Miete und Eigenanteilen, werden, je nach Pflegegrad und allen weiteren Bewertungskriterien, nach den Vorgaben des Leistungskatalogs der Pflegekassen „ganz normal“ abgerechnet.

Ein Konzept, das de facto die einhundertprozentige Absicherung einer vollstationären Einrichtung bietet und zugleich dem einzelnen Bewohner wie ein Maßanzug auf die jeweilige Lebenslage zugeschnitten werden kann. „In unserem Haus ist auch die Mithilfe der Angehörigen ganz unkompliziert möglich. Wäsche waschen oder beim Kochen helfen — sehr gerne! Das entlastet unsere Mitarbeiter und spart den Pflegekassen oder den privaten Geldbörsen manchen Euro ein“, sagt Ulrike Böttcher, die engagierte Pflegedienstleiterin
des Humanas-Standortes Darlingerode.

Wer das Vergnügen hat, die beiden Humanas-Gründer Ina Kadlubitz und Jörg Biastoch voller Enthusiasmus über das gemeinsame Unternehmen sprechen zu hören, versteht sehr schnell: Sie motiviert die Freude an ihrem außergewöhnlichen Konzept. Der entscheidende Fünfschritt ging dabei ungefähr so: Das Konzept ist gut, logisch und neu! Niemand ist an seiner Umsetzung interessiert? Dann machen wir es selbst! Es funktioniert und lässt sich verbessern? Dann verbessern wir es! Bis heute.

Tatsächlich ist das 2006 gegründete Familienunternehmen inzwischen mit knapp 350 Mitarbeiter*innen und zweistelligem Millionenumsatz der größte Pflegeanbieter in Sachsen-Anhalt und darüber hinaus seit Langem eines der am schnellsten wachsenden Unternehmen Europas. Ein regionaler Player, der regional bleiben will. Seine Fundamente sind tief in den Dorf- und Kleinstadtstrukturen des Bundeslandes begründet. Das soll so bleiben. „Es geht uns nicht um Wachstum als Selbstzweck — Wachstum ergibt sich, weil wir von allen Seiten gedrängt werden: Kommt bitte auch zu uns!“, so Biastoch.

Dass in Darlingerode, Tangermünde oder Colbitz tatsächlich viel erzählt und gesprochen wird, ist übrigens „bauartbedingt“ und gewollt! Denn sowohl die überdachten Zwischenflure der Reihenhäuser als auch der von sieben wabenähnlichen Einraumwohnungen umgebene Gemeinschaftsraum sind Orte der provozierten „Zwangsbegegnung“ — was zwar ein hässliches Wort ist, aber eines mit schönen Folgen.

Tatsächlich bliebe noch viel zu schwärmen. Von der Freiheit der Mitarbeiter, Neues versuchen zu dürfen, und von den „Leitplanken“, an denen sie sich dennoch orientieren können. Von verlässlichen Dienstplänen, großzügiger Entlohnung und humanen Arbeitszeiten. Und von den jederzeit möglichen „unbeschreiblichen Momenten, in denen man sieht und fühlt, was man nur mit dem Herzen sehen kann“, so Sophia Stricker, die Hauswirtschafterin in Darlingerode. „Wenn man begreift, was diese alten Menschen durchgemacht haben, die geflohen sind, ihre Kinder verloren haben … die haben es einfach verdient, dass man sich gut um sie kümmert.“

Es ist kein Zufall, dass die GLS Bank von Anfang an der wichtigste Finanzpartner von Humanas war. Ein Fachberater stellte den Kontakt zum Kreditbetreuer der Bank her: „Uwe Knauer hat unser innovatives Konzept sofort verstanden und bis heute mit vielen eigenen Ideen begleitet“, so der Geschäftsführer Jörg Biastoch. „Ganz gleich, ob es um die ersten Bauvorhaben ging, um die betriebliche Altersversorgung, um unsere soziale Stiftung oder die Entwicklung hin zum energieeffizienten Wohnpark mit Gründach, Photovoltaik und hohen Speicherkapazitäten — auf die GLS konnten wir buchstäblich immer bauen!“

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Ein Artikel aus dem GLS Kundenmagazin Bankspiegel zum Thema „Neu denken – So geht Transformation“. Diesen und viele andere spannenden Artikel finden Sie im Blog. Alle Ausgaben des GLS Bankspiegel als PDF finden Sie unter: https://www.gls.de/bankspiegel/.

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