Solidarische Absicherung von Selbständigen

Pionier*innengruppe bildet sich im September

Die Arbeits- und Lebensrealität von Selbständigen war schon immer von einer stärkeren Flexibilität, einer oft engeren Durchmischung von Beruf und Alltag/Freizeit und einem hohen Stellenwert von Netzwerkarbeit geprägt. Damit stehen Selbständige mit ihrer speziellen Situation und den sich daraus ergebenden Bedarfen an der Spitze einer Entwicklung, die auf lange Sicht alle Erwerbstätigen betrifft.

Zum einen ist schon seit einigen Jahren festzustellen, dass Arbeitsverhältnisse immer fließender werden. Räumliche, zeitliche und inhaltliche Flexibilisierung sind Erscheinungsformen der sogenannten „new work“. Selbständigkeit, abhängige Beschäftigung, Familienarbeit sowie ehrenamtliche Tätigkeiten wechseln sich bei mehr und mehr Menschen ab oder stehen zum gleichen Zeitpunkt nebeneinander. Tätigkeiten im In- und Ausland erzeugen Brüche und Fragmentierungen in den klassischen Absicherungssystemen, die zudem alle als zunehmend weniger leistungsfähig wahrgenommen werden.

Zum anderen gab es für Selbständige noch nie so etwas wie ein klassischen Renteneintrittsalter – etwas, das heute teils auch für Angestellte gilt und sich vermutlich auch noch weiter verstärken wird.

Gleichzeitig sind Selbständige nicht nur sozial, sondern auch beruflich stark auf Netzwerke angewiesen und haben daher auch viel Erfahrung, sich fachlich und persönlich zu vernetzen. Selbständige sind ständig gefordert, sich beruflich auf neue Gegebenheiten und neue Menschen einzulassen. Die Gruppe der Selbständigen könnte sich daher besonders eignen, um solidarische Absicherungsmodelle zu erproben, die auf solchen Netzwerken aufsetzen.

Schließlich ist für viele Selbständige eine engere Verbindung von (Privat-)Leben und Arbeit selbstverständlich, was dazu führt, dass diese beiden Bereiche tendenziell noch bewusster in Balance gehalten werden müssen, um sich nicht vollständig ineinander aufzulösen.

Im ersten Halbjahr 2017 hat sich eine Gruppe formiert, die sich mit dem Thema „Solidarische Absicherung für Selbständige“ beschäftigt hat. Nach nunmehr sechs Workshops in Bochum, Hannover, Berlin, Frankfurt und Freiburg mit Kund*innen der GLS Bank und weiteren Interessierten steht das Projekt nun vor dem Start einer ersten Gruppe, die das Projekt konkret umsetzen will.

Im Laufe des Prozesses hat sich immer mehr gezeigt, dass unter den Beteiligten und ihrem Umfeld ein starkes Interesse besteht, am Thema einer solidarischen Absicherung für Selbständige nicht nur inhaltlich, sondern auch konkret durch gemeinsames Tätigwerden weiter zu arbeiten.

Der Prozess ging dabei über vielfältige Begriffs- und Standortbestimmungen hin zu einem fokussierten Projektauftrag. Aus Fragen wie:

  • „Was gibt uns Sicherheit?“
  • „In welchem Alter wollen wir abgesichert sein?“
  • „In welchen Lebenslagen?“
  • „Was gibt es bereits für Formen der solidarischen Absicherung?“
  • „Worin unterscheiden sie sich, was gefällt uns an diesen, und was fehlt uns jeweils?“
  • „Wie müsste sich eine Gruppe sein, in der und für die ich mich gerne einbringe?“
  • „Und was will diese Gruppe für mich erreichen?“

hat sich daraus ein immer konsequenterer Weg herausgeschält. Es wurde von Termin zu Termin immer klarer, dass Kategorisierungen und Abgrenzungen nach beispielsweise Altersgruppen, Lebens- oder besonderen Bedarfslagen (also Krankheit, Berufsunfähigkeit etc.) nicht erwünscht sind und nur den Blick darauf verstellen, dass Sicherheit in jedem Alter und jeder Situation wünschenswert ist.

Am Ende des letzten Workshops in Freiburg stand schließlich als Essenz ein Satz:

„Wir kreieren uns eine Absicherung, mit der wir uns gegenseitig unterstützen, das zu tun, was mir am Herzen liegt, bis ich irgendwann nicht mehr da bin“.

Dieser Satz hat viele Teilnehmer sehr direkt und konkret angesprochen.

Solidarische Absicherung – Um dieses Ziel zu erreichen war klar, dass nun im nächsten Schritt eine Gruppe zusammenfinden und aus den vielen Möglichkeiten der solidarischen Unterstützung ihren eigenen Weg bauen muss.

Diese Arbeit einer Gruppe von Pionier*innen beginnt im September. Im Rahmen eines 48-Stunden-Workshops (Do, 14. September mittags bis Samstag, 16. September mittags) werden zwischen 20 und 40 Menschen gemeinsam den Schritt in eine solidarische gegenseitige Absicherung gehen.

Die GLS Bank tritt dabei als Gastgeberin auf. Für viele Kund*innen der GLS Bank ist die Beziehung zur GLS Bank nicht die zu einer gewöhnlichen Bank. Wo Kund*innen der GLS Bank zusammentreffen zeigt sich immer wieder: Die Gründe für die Wahl der GLS Bank als Geldinstitut mögen verschieden sein, aber Teil der GLS Community zu sein ist ein gemeinsames Band.

Bei alledem gilt: Nicht die Bank oder eine kleine Gruppe entwirft eine Konzept, sondern die Menschen, die sich gegenseitig absichern, tun dies selbstorganisiert und im Selbstversuch. Die Pionier*innengruppe wird also aus mutigen Menschen bestehen, die sich ihre gewünschte Absicherung im Rahmen des Workshops selbst als Gruppe solidarisch entwirft, und damit gleichzeitig ein Prototyping einer solchen Absicherungsgemeinschaft für die Gesellschaft unternimmt. Die Bank begleitet diesen Prozess und kann zu gegebener Zeit herausfinden, ob und wie sie das Projekt mit ihrer Infrastruktur weiter unterstützen kann.

Idealerweise ist dieses Modell mittelfristig auch auf andere Gruppen übertragbar, gleich, welcher Tätigkeit die Menschen nachgehen.

Auf dem Weg dahin wird es nötig sein, noch zahlreiche Fragen zu bearbeiten:

  • Wie exklusiv oder inklusiv soll eine solche Gruppe sein?
  • Findet die Absicherung individuell oder solidarisch in der Gruppe statt?
  • Geht es vorrangig um Geldleistungen oder steht ein anderer Austausch im Vordergrund?
  • Wie werden Entscheidungen in der Gruppe getroffen?
  • Findet der Zugang zur Gruppe durch einen Auswahlprozess statt, oder kann das Design der Gruppe die Auswahl der geeigneten Teilnehmer selbstregulierend steuern?
  • Welche Regeln geben wir uns sonst noch, und wie werden Anpassungen der Regeln erarbeitet?

Etwa 15 Teilnehmende aus den bisherigen Workshops stehen in den Startlöchern, um sich diesen Fragen zu stellen und mit der gemeinsamen Absicherung zu beginnen. Menschen, die bei der Konstitution der Pionier*innengruppe noch dabei sein wollen, können sich bei falk.zientz@gls.de melden.

Links zum Thema:
Bericht im Bankspiegel vom Creatathon in Hannover (Lukas Kunert)
Beitrag im GLS-Blog vom 30. Januar 2017 (Bettina Schmoll)

Solidarische Absicherung von Selbständigen - Johannes Ponader
Foto: Stephanie Pirelli Neumann

Der Autor, Schauspieler und Regisseur Johannes Ponader lebt und arbeitet in Berlin. Johannes Ponader beschäftigt sich seit über 15 Jahren mit dem Thema Bedingungsloses Grundeinkommen. Er hat die Kampagnen „Mein Grundeinkommen“ und „Sanktiosfrei“ mitgegründet.

  1. Angela Riecke

    In den 80ern gab es einen Zusammenschluß Alternativer Betriebe, die ein Versorgungswerk gegründet haben, das irgendwann in „netz e.V.“ umbenannt wurde. Ein Modell, das deutlich günstiger war als die normale Lebensversicherung. Die in dies Versorgungswerk eingezahlten Beiträge sind jetzt Teil meiner Rente. – Nach einer Zeit mit Absidherung durch die Künstlersozialkasse haben mich als Selbständige immer am meisten die hohen Krankenversicherungsbeiträge auf das ‚fiktive Mindesteinkommen‘ genervt. Es gab zwei Anläufe im Bundestag, die mangels Einflussmöglichkeiten der Selbständigen nichts bewirkten. Viele Selbständige müssen kreative Lösungen finden, denn sie liegen permanent unter diesem fiktiven Mindesteinkommen, können kaum die Krankenversicherungsbeiträge aufbringen und schon gar nicht Beiträge für die Altersvorsorge. Weniger KV heißt also auch: mehr Altersvorsorge. – Bedingungsloses Grundeinkommen braucht also gleichzeitig eine Lösung für die Krankenversicherung.

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