Gastbeitrag Grundeinkommen: „Was fehlt, wenn alles da ist?“

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Die GLS Bank regt schon seit über 10 Jahren die Diskussion zum bedingungslosen Grundeinkommen an. Derzeit nimmt die Idee erneut Fahrt auf. In der Schweiz wird im Juni darüber abgestimmt.

haeni_kovce_ralpboes_danielmitte500x269In Finnland und den Niederlanden sind experimentelle Umsetzungen geplant. Wesentliche Treiber der Debatte sind die beiden GLS Kunden Daniel Häni und Philip Kovce. In ihrem Buch „Was fehlt, wenn alles da ist?“ zeigen sie auf, warum das bedingungslose Grundeinkommen die richtigen Fragen stellt. Ein Auszug.

Wer freiwillig tätig ist, ist erfolgreicher. Nehmen wir einen Gastgeber: Wer freiwillig und deshalb mit Elan und Begeisterung Gastgeber ist, hat gegenüber einem Gastgeber, der das nicht gerne ist, einen beträchtlichen Wettbewerbsvorteil. Die Qualität der Gastgeberschaft sinkt, je extrinsischer die Motivation des Gastgebers ist. Sie steigt, je intrinsischer er motiviert ist. Am stärksten ist das bei Dienstleistungen zwischenmenschlicher Art zu erleben: Im Verkauf, in der Pflege, in der Bildung, überall dort, wo es zu direkter zwischenmenschlicher Begegnung kommt, ist es von entscheidender Bedeutung, seine eigene Arbeit als sinnvoll begreifen zu können, um erfolgreich zu sein.

Das Prinzip der Gastgeberschaft gilt für die gesamte Wirtschaft: Auch, wenn wir dem Gast, also demjenigen, der einen Bedarf artikuliert, nicht unmittelbar begegnen, so ist er doch derjenige, für den wir arbeiten. Wirtschaft ist Gastgeberschaft. Deshalb heißen Gasthäuser auch Wirtschaft oder Wirtshaus. Wirtschaften ist das Befriedigen von Bedürfnissen anderer.

Mit dem bedingungslosen Grundeinkommen schärfen wir den Blick für die wirklichen Bedürfnisse anderer. Wenn wir nur für Geld arbeiten, ist uns vor allem der Lohn wichtig. Es ist uns wichtiger, dass etwas gekauft wird, weniger, was es ist, wie es beschaffen ist und ob es wirklich gebraucht wird.

So ist es bei allem: Je abhängiger wir sind, desto enger wird unser Blickfeld. Mit der Unabhängigkeit weitet sich der Blick. Unabhängigkeit ist ein Qualitätsfaktor. Das Grundeinkommen führt dazu, dass wir weniger unseren eigenen Bedarf vor Augen haben müssen und deshalb aufmerksamer werden können für die Bedürfnisse anderer. Wer in die Welt schaut, sieht andere. Wer nur auf sich selbst schaut, sieht nichts.

Wir leben von den Leistungen anderer. Je besser diese sind, desto besser leben wir. Wie können wir bewirken, dass es uns gut geht? Indem wir dafür sorgen, dass es denen, die für uns arbeiten, gut geht. Das tut es, wenn wir für Verhältnisse sorgen, welche die anderen erfüllt arbeiten lassen. Wenn wir Techniken entwickeln, um das zu tun, geht es uns und den anderen besser.

Wer das Motiv der Gastgeberschaft vertieft, gelangt zur bedingungslosen Gastfreundschaft: »Reine und unbedingte Gastfreundschaft, die Gastfreundschaft selbst, öffnet sich, sie ist von vorneherein offen für wen auch immer, der weder erwartet noch eingeladen ist, für jeden, der als absolut fremder Besucher kommt, der ankommt und nicht identifizierbar und nicht vorhersehbar ist«, so der Philosoph Jacques Derrida. Wer offen ist für Gäste, der ist nicht nur bei sich selbst, sondern ebenfalls bei Fremden zu Hause. Er übt einen freundschaftlichen Umgang mit Fremden, der Voraussetzung dafür ist, dass wir nicht nur nebeneinander, sondern tatsächlich miteinander leben.

Daniel Häni
ist Unternehmer, Mitbegründer des Basler Kultur- und Kaffeehauses unternehmen mitte sowie Mitinitiator der Schweizer Volksinitiative für ein bedingungsloses Grundeinkommen. Sie wurde 2013 erfolgreich eingereicht und löste ein weltweites Medienecho aus.

Philip Kovce
forscht am Basler Philosophicum. Er gehört der Studienstiftung des deutschen Volkes als Stipendiat sowie dem Think Tank 30 des Club of Rome als Mitglied an und schreibt als freier Autor für die ZEIT, die FAZ und die Süddeutsche Zeitung.

Foto: Ralph Boes, Daniel Häni (li), Philip Kovce (re)
Bildrechte: daniel@mitte.ch

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