Finanzipation - Frauen wollen es genauer wissen!

Finanzipation – Frauen wollen es genauer wissen!

Frauen wollen genauer wissen, ob ihr Geld sinnvoll wirkt. Ihre Ansprüche an eine Beratung sind hoch. Können sie damit die Banken besser machen? In der GLS Bank wird intensiv an einer Antwort gearbeitet.

Aysel Osmanoglu hatte eine Art Erweckungserlebnis. Eine Veranstaltung führte die Vorständin der GLS Bank im Juni 2019 in die Filiale nach Hamburg. Beim Geldfreundinnen-Tag sollte es um den bewussten Umgang von Frauen mit Geld gehen. Für das Wochenende war sie mit Mann und Kind angereist und hatte sich fest vorgenommen,

„dass ich nur den Vormittag dort verbringe und zum Mittag mit der Familie essen gehe.“

Doch dann wurde es Mittag. Und Nachmittag. Und früher Abend.

„Der Saal war voller Frauen, die sich über Geld informieren wollten. Das hat mich so gebannt, dass ich den ganzen Tag geblieben bin.“

Madame Moneypenny auf nachhaltig?

Und das war auch gut so. Denn sie brachte ihre Eindrücke ins Gespräch mit der GLS Kolleg*innenschaft. Schnell war klar: Viele wollen sich für das Thema engagieren. Auch weil schon eine Menge in dem Bereich los ist. Internetpräsenzen und Beratungen von „Madame Moneypenny“, „Geldfrau“ oder „herMoney“ haben sich zu der Vorreiterin „frau & geld“ der Expertin Helma Sick gesellt, der Grande Dame der Frauenfinanzberatung. Die Angebote wachsen derzeit stark, allerdings nicht im sozial-ökologischen Bereich. Hier muss und kann die GLS Bank aktiv werden. Zumal 51,3 Prozent ihrer Kund*innen weiblich sind und es derzeit bei den Neukund*innen einen hohen Zulauf von Frauen gibt. Sie bewegt: Altersvorsorge, Gender-Pay-Gap, Informationslücken, aber auch nachhaltiges Investieren und grüne Geldanlagen — eigens für Frauen. Zudem wollen insbesondere die Kundinnen immer häufiger wissen, welche Wirkung ihr Geld bei der GLS Bank erzielt.

Also haben sich vor über einem Jahr einige Kolleg*innen konsequent auf den Weg gemacht: Alle drei Monate trifft sich eine Gruppe mit mehr als 30 Mitgliedern, neben vielen Frauen auch eine Handvoll Männer. Als Schwerpunkte identifizierten die Teilnehmer*innen drei Themen, aus denen schließlich Arbeitsgruppen gebildet wurden: frauenspezifische Beratungs- und Finanzierungsangebote, bankeninterne Gleichstellungsfragen und gesellschaftliche Forderungen. Osmanoglu ist beim Treffen in der großen Runde immer dabei. Sie ist überzeugt:

„Wir als Bank haben hier eine gesellschaftliche Aufgabe, die wir stark bewegen wollen.“

Besondere Förderung von Frauen

Und an der viele mit Engagement und Expertise mitwirken. Zum Beispiel Jakob Heidecke. Der Analyst im Nachhaltigkeitsresearch der GLS Bank überprüft kontinuierlich neue Emittenten für das GLS Anlageuniversum, in dessen Kriterienkatalog sich auch die Forderung nach der „besonderen Förderung von Frauen“ findet. Heidecke ist Experte für das sogenannte Gender Lens Investing (GLI), eine Investmentstrategie, die sowohl finanzielle Renditen als auch die Gleichberechtigung der Geschlechter zum Ziel hat und besonders auf die Arbeitsbedingungen und Chancen von Frauen fokussiert ist. Bei der Überprüfung im Anlageuniversum kommen die Anlage- und Finanzierungsgrundsätze der Bank zum Tragen, die soziale und ökologische Aspekte in den Mittelpunkt stellen. Heidecke:

„Als Teil dieser Kriterien erheben wir auch Informationen über Teilhabe und Gleichberechtigung in den Unternehmen.“

Bei besonders schwerwiegenden Kontroversen wird dies sogar als Ausschlusskriterium gewertet und das betroffene Unternehmen nicht in das Anlageuniversum aufgenommen. Viele der derzeit rund 300 Unternehmen, in die die GLS Bank investiert, haben

„eine höhere Sensibilität für das Thema Geschlechtergerechtigkeit“,

so der Analyst. Es sei denkbar, einen Anlagefonds eigens für Investments in Unternehmen aufzulegen, die insbesondere nach GLI-Kriterien arbeiten und wirken.

„Sie kommen mit anderen Fragen auf uns zu.“

Insbesondere aber will die GLS Bank nun ihre frauenspezifischen Angebote erweitern. Der Grund: In vielen Gesprächen haben die Mitarbeitenden festgestellt, dass Frauen einen Raum brauchen, um über Finanzen reden zu können, in dem sie jede Frage stellen dürfen und sich in Ruhe umfassend je nach Lebenslage beraten lassen können.

Bisher gibt es Formate wie Frauenstammtische in Hamburg und Berlin, zudem Engagements in entsprechenden Netzwerken. Intensiv beschäftigt sich die GLS Bank auch mit der Frage, wie man Beratungsgespräche mit Kundinnen künftig neu ausrichten müsse.

„Der grundsätzliche und erste Anspruch ist, jeden individuell zu beraten“,

so Andrea Peschke. „Dabei ist den Frauen laut einer Studie völlig egal, ob sie mit einer Beraterin oder einem Berater reden — die Frage ist: Wie?“ Ohne zu klischeebeladen zu sein, bräuchten Frauen tendenziell eine gute Atmosphäre, ein geneigtes Ohr und Ernsthaftigkeit, um ihre Fragen stellen zu können.

„In der Regel geht es immer darum, das Gegenüber als Menschen wahrzunehmen — egal ob Mann oder Frau. Und das tun unsere Berater*innen“,

sagt Birgit Schmidt, Beratungstrainerin der GLS Bank. Sie und ihre Kolleg*innen im GLS Training coachen die GLS Berater*innen, geben Feedback nach Gesprächen mit Kund*innen und bieten Schulungen an.

„Ohne zu pauschalisieren, haben Frauen gerade in bestimmten Lebenssituationen wie Geburt eines Kindes, Wiedereinstieg in den Beruf oder rund um die Rente besonderen Beratungsbedarf. Das ist manchmal fast eine Art Lebensberatung.“

Finger in die Wunden legen

Bei aller Empathie werde von den Berater*innen aber auch der Finger in Wunden gelegt. Stichwort: Altersvorsorge. Laut Hochrechnungen verdient eine Frau während ihres Berufslebens durchschnittlich rund 450.000 Euro weniger als ein Mann, die Durchschnittsrente einer Frau liegt in den sogenannten alten Bundesländern bei 647 Euro, bei den Männern sind es 1.130 Euro. Die Gründe: Frauen zahlen — oft wegen der Kindererziehung — im Durchschnitt nur 28,06 Jahre in die Rentenkasse ein (Männer: 40,85 Jahre), der Verdienst liegt im Mittel 22 Prozent unter dem der männlichen Kollegen.

„Da können wir informieren und wachrütteln“,

ist Schmidt überzeugt. Zum Beispiel Frauen dazu ermuntern, mit dem Partner eine Art Ausgleichszahlung für die Zeit zu Hause bei der Familie auszuhandeln, vielleicht sogar gemeinsam mit einem Mitarbeitenden der Bank. Auch wenn so ein Gespräch sicher nicht angenehm für den Partner ist — aber was passiert, wenn eine Ehe nicht hält?

Die GLS Bank hat hier schon mit Helma Sick zusammengearbeitet, die mit ihrem Bestseller „Ein Mann ist keine Altersvorsorge“ berühmt geworden ist und für die finanzielle Unabhängigkeit von Frauen eintritt.

„Geld ist das einzige Mittel, das Unabhängigkeit in einer Partnerschaft schafft“,

sagte sie bei einem Onlineevent der GLS Bank. Doch das sei vielen Frauen noch immer nicht klar.

„Kommt das erste Kind, ist das der Knackpunkt. Meistens verdient der Mann mehr, also ist es ein Schmarrn, wenn er zu Hause bleibt“,

so Sick.

„Aber keine Frau fragt bei der Rentenversicherung nach, was das für die Altersvorsorge bedeutet.“

Wie sieht es in der GLS Bank selbst aus?

Da liegt die Frage nahe: Wie hält es die GLS Bank eigentlich selbst mit dem Thema? Und wie lässt sich das messen? Laura Mervelskemper aus dem Bereich Wirkungstransparenz und Nachhaltigkeit bewegt dieses Thema gemeinsam mit einer Gruppe aus engagierten Mitarbeiter*innen in der Bank. Die gute Nachricht: Es gibt schon eine Menge Maßnahmen wie das Eltern-Kind-Büro, flexible Arbeitszeitregelungen und Elternzeitmodelle. Seit 2017 ist der Vorstand der Bank paritätisch besetzt, für die beiden Führungsebenen darunter stehen Chancengleichheit und geschlechtsparitätische Besetzung als strategische Nachhaltigkeitsziele bis 2023 auf dem Plan. Allerdings:

„60 Prozent der Mitarbeitenden in der Bank sind Frauen“,

sagt Mervelskemper,

„aber es gibt mehr Männer in den höheren Gehaltsgruppen.“

Das müsse sich ändern. Dazu soll es nun zunächst eine tiefgehende Analyse der Gründe geben, um daraus entsprechende Maßnahmen ableiten zu können. Denkbar wären Frauenpatenschaften für mögliche weibliche Führungskräfte oder Schulungen für Mitarbeiterinnen, in denen sie lernen, wie sie sich zum Beispiel in Meetings mehr Geltung verschaffen können.

Antje Tönnis, Leiterin Kommunikation, hat festgestellt:

„Wie bei anderen gesellschaftlichen Feldern zeigt sich, dass man an Banking nicht geschlechterblind herangehen kann. Wir können viel von den Finanzbedürfnissen von Frauen lernen. Das ist guter Input für das sozial-ökologische Bankwesen und hat Potenzial, die Zukunft der Finanzdienstleistungen insgesamt zu verändern.“

Die GLS Bank sieht also, dass Frauen weniger verdienen als Männer. Dass Frauen gleichzeitig für Dienstleistungen mehr ausgeben müssen als Männer. Dass Frauen oft nicht dazu erzogen worden sind, sich um ihr Geld zu kümmern. Sie verbindet Geschlechterfragen mit ihrer sozial-ökologischen Ausrichtung. Wir dürfen gespannt sein, welche neuen Ansätze, Produkte und Dienstleistungen sie jetzt konkret entwickelt.

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Ein Artikel aus dem GLS Kundenmagazin Bankspiegel zum Thema „Wirkung – Transformation durch grünes Geld“. Diesen und viele andere spannenden Artikel finden Sie im Blog. Alle Ausgaben des GLS Bankspiegel als PDF finden Sie unter: https://www.gls.de/bankspiegel/.

Erster GLS Frauenstammtisch zu Grünem Geld

  1. Wichtiges Thema – leider ist auch z.B. bei GLS Crowd die Vorbelegung bei den persönlichen Daten „Herr“ – ich finde an all diesen kleinen Punkten zeigt sich die Ausrichtung auf eine Zielgruppe. Ich hoffe, dass sich da in Zukunft noch einiges ändert.

    • Axel Schmidt

      Hallo Barbara, Danke für den Hinweis. Wir haben das Thema bereits mit dem Kooperationspartner und seinen Dienstleistern angesprochen. Leider betrifft das nicht nur die GLS Crowd alleine und erfordert daher eine intensive Abstimmung mit mehreren anderen Parteien, die hoffentlich bald zu einem positiven Abschluss führt.

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