Im Peer-to-peer-Programm der Zukunftsstiftung Bildung werden junge Menschen zu Coaches. Als nahbare Vorbilder ermutigen sie Schüler*innen, ihren eigenen Weg zu suchen. Ahmet aus Gelsenkirchen ist einer von ihnen.
von Monika Buschey

Ein Regentag in einem Gelsenkirchener Café. Drei junge Männer, zwei davon Jugendliche, einer ist schon ein bisschen älter, sind ins Gespräch vertieft. Sie haben nichts bestellt, nicht einmal ein Glas Wasser: Es ist Ramadan, Fastenzeit für Muslime. Doch die drei verbindet mehr als ihre Religion. Zusammen sind sie eine ZukunftsBande und damit Teil des Peer-Learning-Programms der GLS Zukunftsstiftung Bildung.
Die Bildungsorganisation bringt mit vielfältigen Angeboten Menschen zusammen, die voneinander lernen können. Zwei gleichaltrige Schülerinnen treff en auf einen wenig Ältere*n, die oder der bereits einen Ausbildungsplatz gefunden oder sich für ein Studium entschieden hat. Er oder sie wird zum Coach für die Jüngeren.
„Jeden Tag eine Seite lesen“
Jugendliche, die nicht in Deutschland geboren sind, brauchen häufi g besondere Unterstützung. Zum Beispiel wenn der Einstieg ins Berufsleben bevorsteht. Viele Fragen tun sich auf: Es gibt unzählige Möglichkeiten, aber wie finde ich das Richtige für mich? Dabei geht es nicht allein darum, wie man Bewerbungen formuliert oder Noten verbessert. Es geht um Nähe und Vertrauen. Es geht darum, einander auf Augenhöhe zu begegnen. In ihrem Coach fi nden Jugendliche ein Vorbild. Es entsteht ein geschützter
Raum, egal ob man sich in der Schule, im Café oder im Park triff t. Wo man sich verstanden weiß, kann man auch über familiäre Probleme sprechen oder ganz allgemein über die Angst vor der Zukunft.
Vom Austausch profitieren beide Seiten. Die Jüngeren finden heraus, was sie wollen und wie sie es erreichen können. Die Coaches werden von Bildungsreferentinnen in verschiedenen Workshops gründlich auf ihre Aufgabe vorbereitet. Dabei lernen sie, mit Verantwortung umzugehen, Vorbild und Mutmacherin zugleich zu sein. Ein Jahr lang triff t man sich alle zwei Wochen, wie die drei in Gelsenkirchen.
Ahmet, der Ältere, nimmt seine Rolle als Coach ernst. Der 22-Jährige hat mit den Schülern verabredet, dass sie regelmäßig lesen: „Jeden Tag eine Seite, das kann ja nicht schaden“, sagt er zu ihnen. Dann verabschiedet er die Jugendlichen. Ein sportlich-kräftiger Handschlag, noch ein kleiner Scherz für den Heimweg, alle lachen. Sie haben sehr unterschiedliche Voraussetzungen, sagt Ahmet, nachdem die beiden Schüler gegangen sind. Der eine ist mit einem türkischen Vater in Deutschland aufgewachsen. Er sieht seine Zukunft da, wo er mit Kindern umgehen kann. Erfahrungen im Kindergarten hat er schon gemacht. Er kommt gut klar mit den Kleinen und sie mit ihm. Der andere Junge ist erst vor zwei Jahren aus dem Libanon gekommen. Sein Deutsch ist noch brüchig, dafür ist er so gut in Mathe, dass er anderen helfen kann. Die beiden sind Schüler einer Gesamtschule in Gelsenkirchen.
Ahmet lächelt, wenn er von ihnen erzählt. Solange sie ihm am Marmortischchen gegenübersaßen, in Jeans und schwarzen Kapuzenpullis, war er konzentriert in seiner Rolle. Jetzt entspannt er sich. Der Junge aus dem Libanon geht täglich ins Fitnessstudio, erzählt Ahmet. Er boxt wie ein Profi. Tut ihm gut, findet der Coach, stärkt sein Selbstbewusstsein, gewöhnt ihn an Regeln.

„Ein richtiger Lieblingsmensch“
Sobald Ahmet von sich spricht, sitzt er gerade und senkt den Blick. Geboren ist er in Istanbul. Zwei ältere Brüder, der Vater ist Lehrer. Es sind politische Gründe, weshalb die Familie die Heimat verlässt. Durch die Kontakte des Vaters gibt es die Chance, in Südafrika Arbeit zu finden. Nicht für lange. Zwei Optionen tun sich auf: Kanada oder Europa.
Als Familie beantragen sie schließlich Asyl in Deutschland. Der damals 14-jährige Ahmet macht eine Erfahrung, die er im Leben nicht vergessen wird. Er strahlt, wenn er davon erzählt. Die Lehrerin, in deren Klasse er kommt, muss gespürt haben, dass dieser Junge einfach alles wissen will. Sie ist darauf eingegangen, hat mit ihm gesprochen, ihn immer wieder motiviert, wenn er doch mal einen Durchhänger hatte. Sie hat ihm Bücher geschenkt. „Ahmet, jeden Tag eine Seite, das kann ja nicht schaden.“
An eines der Bücher erinnert er sich gut: „Selam Berlin“ von Yadé Kara. Es ging um einen Jungen in Berlin zur Zeit der Wende, als die Mauer fiel. Eine neue Welt tat sich auf. Ganz ähnlich wie für den türkischen Schüler in Deutschland. Zu Weihnachten, erzählt Ahmet, schickt er seiner früheren Lehrerin immer eine Mail. Sie ihm auch. „Sie ist ein richtiger Lieblingsmensch“, sagt er.
Was Ahmet erlebt hat, steht sinnbildlich für vergleichbare Bildungsverläufe. So ist es häufig diese eine Person, die einen Unterschied macht. Die sich hinter einen jungen Menschen stellt und ihn unterstützt, die Kraft in sich selbst zu finden. Für die beiden Schüler in Gelsenkirchen könnte Ahmet nun selbst diese Rolle übernehmen. Er will einen Unterschied machen und ermuntert sie dazu, neue Perspektiven zu entdecken, auch durch das Lesen von Büchern.
Bandenmitglied werden?
Die ZukunftsBande sucht Coaches! Interessierte Unternehmen, die mit ihren Azubis als Zukunfts-Coachs am Peer-Learning-Programm ZukunftsBande teilnehmen möchten, melden sich per E-Mail bei Judith Kehrein von der GLS Zukunftsstiftung Bildung:
GLS Projektsparbrief Bildung
Mit dem Projektsparbrief Bildung kannst Du die Arbeit der GLS Zukunftsstiftung Bildung direkt unterstützen: Du legst Geld für fünf Jahre an und wir spenden die anfallenden Zinsen. Nach der Laufzeit erhältst Du den angelegten Betrag zurück.
Sei offen und nachsichtig mit den Leuten
Ahmet hat heute das Selbstvertrauen, seinen eigenen Weg zu gehen. Nachdem er das Abitur bestanden hatte, entschied er sich gegen ein Studium. Stattdessen hat er sich vorgenommen, Bankkaufmann (Anm. d. Red./Transparenzhinweis: Der Ausbildungsbetrieb ist nicht die GLS Bank) zu werden. „Ich will etwas Konkretes“, sagt Ahmet. Wohin die Finanzströme fließen und was sie bewirken, das hat ihn schon immer interessiert. Während der Ausbildung durchläuft er alle Abteilungen der Bank. Am liebsten hat er mit Menschen zu tun.
Musste er jemals diskriminierende Bemerkungen hören? Ahmet zögert. „Meine Eltern haben immer zu uns gesagt: Seid nachsichtig mit den Leuten. Es sind noch nicht alle so weit, die müssen uns erst kennenlernen.“ Auf diese Weise hat Ahmet immer wieder gelernt, den Herausforderungen des Lebens mit Offenheit zu begegnen – nach einer Kindheit in Istanbul und einem Ausflug nach Südafrika schließlich in Gelsenkirchen. Wie fühlt es sich an, dort gelandet zu sein? Da strahlt er wieder: „Wie zu Hause, ganz wie zu Hause.“
Zukunftsmut

Um in einer bedrückenden Gegenwart eine gute Zukunft zu gestalten, brauchen wir Zukunftsmut! Die GLS Bank versteht darunter die Fähigkeit trotz Gegenwind entlang der eigenen Werte zu handeln. Wie wir das schaffen? Dieser Frage sind wir in unserem Schwerpunkt mit Mutmacher*innen aus unserer Community nachgegangen.
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