Illustration eines Taschenrechners

Das Märchen vom „Aufstieg durch Leistung“

Finanzwissen, Bildungschancen und persönliche Netzwerke sind in Deutschland ungleich verteilt. Diese Ungleichheit macht die Demokratie wackeliger. Doch es gibt Wege, das zu ändern.

Von Ozan Karabulut

Finanzbildung erscheint wie ein Luxusgut: Man kann es sich erst leisten, wenn die Miete bezahlt, der Kühlschrank voll und der Kopf frei ist. Ist dann noch Zeit und Geld übrig, kann Wissen zu echtem Kapital werden. In Deutschland entscheidet über Reich oder Arm vor allem die soziale Herkunft. Bildung und das Einkommen der Eltern bestimmen maßgeblich den schulischen und beruflichen Werdegang von Kindern und Jugendlichen. Das ist in vielen Studien belegt. Plakativ gesprochen: Von 100 Kindern aus einem Arbeiter-Haushalt schaffen es 25 an eine Hochschule. Bei Kindern mit Akademiker-Eltern sind es dreimal so viele (78). Auch wenn Du nicht selbst betroffen bist, lohnt es sich gegen diese Ungleichheit vorzugehen. Laut Ökonom Joseph Stiglitz ist Ungleichheit sogar genauso gefährlich wie die Klimakrise. Warum? Weil der gesellschaftliche Zusammenhalt in einer ungleichen Gesellschaft bröckelt. Das Vertrauen in demokratische Institutionen schwindet, Angst macht sich breit. Populist*innen nutzen das aus und profitieren davon, wie wir aktuell an den Umfragewerten der gesichert rechtsextremen Partei sehen.

Finanzbildung gibt’s im Elternhaus, späteres Aufholen selten

Die Startbedingungen von Menschen sind sehr verschieden und somit ungleich. Die Eltern, das Zuhause, in dem wir aufwachsen, legen unsere Basis für Finanzbildung. Das heißt, unsere Kindheit und Jugendzeit prägen uns in Sachen Geld und Finanzen. Leider heißt das auch: Was uns im Elternhaus nicht mitgegeben wird, holen wir später als Erwachsene selten wieder auf.

Es gibt unterschiedliche Arten dieser Startbedingungen. Da wäre zum einen das klassische Geldkapital: In Akademiker-Familien ist dieses Kapital durchschnittlich höher vorhanden – in Form von Bargeld, Spareinlagen oder Aktien. Es gibt zum anderen aber auch das soziale bzw. kulturelle Kapital. Dazu zählen etwa das Wissen über Bildungs- und Steuersysteme oder persönliche Kontakte, die bei der Suche von Praktika oder Jobs helfen. Letzteres stellt also ein Netzwerk aus Menschen dar, das Karriereschritte ermöglicht und Vermögensaufbau vorlebt. In vielen Arbeiter-Haushalten hingegen dominieren Erfahrungen von unsicheren Jobs, geringen Löhnen und bürokratischen Hürden. Zudem fehlt das Netzwerk für die Vermittlung von Praktika und Jobs.

Ein Beispiel dafür, wie unterschiedlich der Zugang zu Geld sein kann, liefert Bundeskanzler Friedrich Merz. Bei einem Event der Deutschen Börse im Februar 2026 erzählte er, wie er seinen Kindern Aktien nicht nur erklärt, sondern gleich ein digitales Depot eröffnet habe. Inklusive Depot-Beteiligung mit Taschengeld.

Solche Vorteile, die sich allein aus dem Elternhaus heraus ergeben, können Menschen nur äußerst selten mit Fleiß in ihrem Berufsleben aufholen. Die Geschichten, die wir manchmal irgendwo lesen, sind eher die Bestätigung einer Ausnahme als ein Beweis dafür, dass das Märchen vom „Aufstieg durch Leistung“ für alle wahr wird.

Vorteile, die sich allein aus dem Elternhaus heraus ergeben, können Menschen nur äußerst selten mit Fleiß in ihrem Berufsleben aufholen.

Von Hartz IV zur Managerposition? Eine Ausnahme

Eine dieser Ausnahmen ist Natalya Nepomnyashcha (LinkedIn). Mit elf kam sie aus der Ukraine nach Deutschland. Sie hat den sozialen Aufstieg geschafft: Als Kind von Eltern mit Hartz IV-Bezug ist sie heute Managerin bei der Unternehmensberatung EY, eine der vier größten Wirtschaftsprüfungsgesellschaften der Welt, auch „Big Four“ genannt.

Natalya Nepomnyashcha nutzt ihre Position: Sie gründete ein Netzwerk, das Nicht-Akademiker*innen kostenfreie Unterstützung bei der eigenen Karriereplanung anbietet und klärt auf ihrem LinkedIn-Account über Missstände auf. Die soziale Herkunft lässt sich eben nicht einfach abschütteln, sie wird von Generation zu Generation weitergegeben.

Hinzu kommen strukturelle Hürden in der Besteuerung. Menschen mit Arbeitseinkommen zahlen oft deutlich mehr Steuern als Menschen, die ihr Geld vor allem aus Vermögen beziehen. Bis zu 45 Prozent Steuern auf Lohnarbeit stehen 25 Prozent Steuern auf Kapitalerträgen wie Aktien gegenüber. Menschen mit einem Vermögen ab 1 Million Euro zahlen aufgrund zahlreicher möglicher Ausnahmeregelungen zwischen 1-20 Prozent an steuerlichen Abgaben.

Was tun? Umverteilung und Steuergerechtigkeit

Ungleichheit ist ein komplexes Problem, es gibt keine eindeutige Lösung. Finanzwissen zu verbessern, ist ein kleiner Schritt, der helfen kann. Doch auch der ungleiche Zugang zu Bildung zeigt, dass das Bildungswesen Reformen braucht. Lediglich Finanzbildung in den Lehrplan aufzunehmen, könnte das Problem individualisieren.

Ein effektiverer Weg wäre die Einführung des bedingungslosen Grundeinkommens und die Wiedereinführung der Vermögenssteuer. Sie setzen dort an, wo es wirkt: beim Geld. Eine gerechte Gesellschaft beginnt bei der Grundversorgung aller.

Schon jetzt gibt es aber Lösungsansätze. Wie wir mehr Gleichheit erreichen, zeigt die GLS Treuhand seit mehr als 50 Jahren. Menschen schenken der Stiftung Geld und die Stiftung vergibt es an Projekte und Vorhaben, die dem Gemeinwohl dienen. Innerhalb der Zukunftsstiftung Bildung werden explizit Projekte gefördert, die Chancengerechtigkeit fördern und konkrete Coachingformate für Jugendliche entwickeln. Weil Bildung – egal ob in finanzieller oder kultureller Hinsicht – eben kein Luxusgut sein sollte.

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