Die Künstlerin Frauke Frech betreibt mit Kolleg*innen aus aller Welt den „Grand Beauty Salon“ im Leipziger Stadtteil Grünau. Dahinter steckt weit mehr als ein übliches Kosmetikangebot: ein mutiges Kunstprojekt, das Menschen in Begegnung bringt.
von Beatrice Nolte
Liebe Frauke, Du bist Künstlerin und betreibst einen nicht ganz alltäglichen Schönheitssalon. Wie kam es dazu?
Der Grand Beauty Salon ist ursprünglich als sozialkünstlerisches Format entstanden, um Menschen mit verschiedenen Prägungen zusammenzubringen. Es begann 2014 mit einem improvisierten Pop-up-Salon in der Augsburger Fußgängerzone. Auf einer Treppe luden Schönheitsexpert*innen aus dem Iran, aus Gambia, Mazedonien und Deutschland interessierte Passant*innen ein, ein Schönheitsangebot wahrzunehmen und in Kontakt miteinander zu kommen. Viele der Schönheitsexpert*innen damals waren Geflüchtete ohne Arbeitserlaubnis, deren Asylanträge noch liefen. Solange über einen Asylantrag noch nicht entschieden ist, hängen die Betroffenen in einer Wartesituation fest. Diese Praxis hält Asylsuchende oftmals in der Rolle von Bittsteller*innen, die hilfebedürftig bleiben. Die Unsicherheit über die eigene Zukunft im Land hemmt darüber hinaus das Potenzial, das Menschen in diese Gesellschaft einbringen könnten. Begegnungen auf Augenhöhe werden damit noch schwieriger als sie es ohnehin – etwa durch Sprachbarrieren – schon sind.
Meine Idee war es damals, dass Menschen ohne Arbeitserlaubnis im Rahmen eines künstlerischen Projektes eben doch in Aktion treten können. Basierend auf dem Grundgesetz sind Kunst und Bildung frei und somit können wir unsere Visionen einer besseren Welt in die Welt tragen und sie ausprobieren.
Zukunftsmut

Um in einer bedrückenden Gegenwart eine gute Zukunft zu gestalten, brauchen wir Zukunftsmut! Die GLS Bank versteht darunter die Fähigkeit trotz Gegenwind entlang der eigenen Werte zu handeln. Wie wir das schaffen? Dieser Frage sind wir in unserem Schwerpunkt mit Mutmacher*innen aus unserer Community nachgegangen.

Was ist mittlerweile aus der Idee von damals geworden?
Heute arbeiten fünf Personen festangestellt und jeweils acht bis 15 weitere als Ehrenamtliche mit im Projekt. Der Grand Beauty Salon in Leipzig öffnet zweimal in der Woche seine Türen. Dort wird jede*r willkommen geheißen, denn um genau dieses Erlebnis geht es: Jede*r ist willkommen und darf sein, wie sie oder er ist. Es geht um „Beauty Exchange“, also Austausch von Schönem, was erweitert zu verstehen ist. Dazu gibt es die Möglichkeit, von den Schönheitsexpert*innen im Salon eine Schönheitsbehandlung als ein Geschenk zu empfangen: ein neuer Haarschnitt, eine Gesichtsmassage, Nagelpflege oder einfach ein Gespräch bei einem Tee. Umgekehrt soll in den Gästen der Impuls geweckt werden: Was kann ich geben? Das kann Hilfe bei Behördengängen oder beim Spracherwerb sein, oder auch ein selbstgebackener Kuchen oder eine Tanzvorführung.
Jeder Besuch im Grand Beauty Salon ist eine Einladung: Komm in Austausch, empfange und sei offen dafür, etwas zurückzugeben. Damit wollen wir ein Angebot machen, in Kontakt zu kommen, wo oftmals keiner ist, den Blick auf das Schöne im Miteinander zu richten und unseren Zusammenhalt zu stärken. Oftmals wird polarisiert, besonders, wenn es um Migration geht. Dabei ist Migration etwas, das es schon immer und überall gegeben hat, und es ist ein potenzieller Gewinn für die Gesellschaft. Alle Menschen haben etwas zu geben. Jede Kultur praktiziert beispielsweise einen anderen Blick auf Schönheit. Und der kann im Grand Beauty Salon eine Plattform erhalten und zu Austausch und Verständigung anregen.
Wie schöpfst Du in herausfordernden Zeiten mit Deinen Mitstreitenden immer wieder Kraft?
Zu viele Menschen erleben in Deutschland Ablehnung und Geringschätzung und dass andere nicht einverstanden sind mit ihrem Hiersein. Ich glaube, vielerorts trauen sich Menschen schlicht nicht, sich zu Wort zu melden, wenn Ungerechtigkeit geschieht. Es braucht Mut und Know-how, um Diskriminierung im Alltag zu begegnen. Wir machen mit unserem Team Selbstbehauptungsworkshops und Workshops zu Gewaltfreier Kommunikation, um die Einzelnen zu stärken.
Ich finde es sehr wichtig, wie wir Zivilcourage in der Mehrheitsgesellschaft kultivieren können, damit Diskriminierung nicht unkommentiert geschehen kann. Es war schon immer so, dass die, die am lautesten schreien, am besten gehört werden. An diesem Missstand können wir wenig ändern. Aber wir können mit dem Grand Beauty Salon Zeichen setzen. Wir können erlebbar machen, wie wichtig es ist, sich einander zuzuwenden. Auch dann, wenn nicht immer alles so läuft, wie es sich jede Person wünscht. Wir arbeiten bewusst niedrigschwellig: Durch die Begegnung im Salon und durch die gegenseitige Unterstützung kann Ermutigung im Einzelnen entstehen. Wir alle brauchen schließlich das Gefühl, uns einbringen zu können und dass sich andere für uns interessieren.

Durch unser Tun fassen wir nicht nur selbst Mut. Wir wollen auch etwas weitergeben. Dazu haben wir 2025 ein Workbook rausgebracht: „Grand Beauty – Vision einer schöneren Gesellschaft – Do it Yourself“. Das Buch soll vermitteln, welche Ansätze wir verfolgen und mit welchen Methoden wir arbeiten. Wir bieten dazu 2026 auch erstmals Workshops an. Unser Ziel ist es, Akteur*innen überregional zu inspirieren und zu ermutigen, entweder selbst Orte des Schönen nach unserem Vorbild zu starten oder die Ansätze und Strategien für das zu nutzen, was sie machen wollen.
Herzlichen Dank für das Interview und Eure Arbeit.
Unterstützenswerte Arbeit
Die Arbeit von Frauke Frech und ihren Kolleg*innen wird von verschiedenen Stiftungen und dem Sächsischen Ministerium für Soziales, Gesundheit und gesellschaftlichen Zusammenhalt gefördert. Auch die GLS Treuhand ist von Beginn an Partnerin, zunächst 2014 mit einem individuellen Forschungsstipendium der Zukunftsstiftung Mensch und Gesellschaft. Der Grand Beauty Salon ist vielfach prämiert worden unter anderem durch den The Power of the Arts Förderpreis und zuletzt den Sächsischen Demokratiepreis für die Didaktik der politischen Bildung 2025.
Über die GLS Zukunftsstiftung Mensch und Gesellschaft
Wie kommt das Neue in die Welt? Den Einzelnen in seiner Initiative für die Gemeinschaft unterstützen wie sonst nur eine Institution – das ist das Anliegen der Stiftung. Denn angesichts vielfältiger gesellschaftlicher Herausforderungen ist die Initiative Einzelner von besonderem Wert.
Weitere Beiträge über Zukunftsmut

Expedition Zukunftsmut: Wie trainieren wir Mut und Zuversicht?
Seit ihrer Gründung fördert die GLS Bank Vielfalt. Es ist eine Aufgabe, die nie abgeschlossen ist und die uns im Alltag herausfordert. Die Entwicklungsräume sind nahezu grenzenlos.

GLS Mitgliedschaft: Werde aktiv im Wir und Jetzt
Deine GLS Anteile sind die Basis für unsere Kredite für nachhaltige Projekte und Unternehmen. Das Besondere: Jeder Anteil ermöglicht ein Vielfaches seines Werts an Krediten.






Schreibe einen Kommentar