Was macht eigentlich ein Sustainable Finance Beirat?

„Sustainable Finance“ im Sinne von „das Nachhaltige finanzieren“ ist für die GLS Bank schon immer ein entscheidendes Thema gewesen. Inzwischen beschäftigen sich auch Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Zivilgesellschaft intensiv damit: Wie kann ein nachhaltiger Finanzmarkt die sozial-ökologische Transformation beschleunigen? Die Bundesregierung hat 2019 einen Sustainable Finance Beirat gegründet – den ersten, der nach knapp zwei Jahren seinen Abschlussbericht vorlegte. Im Juni 2022 hat nun der zweite Beirat seine Arbeit aufgenommen, in anderer Konstellation. Die neue Vorsitzende des Gremiums Silke Stremlau berichtet über die Fortsetzung der ehrenamtlichen Arbeit und ihre Aufgaben.

Frau Stremlau, der Sustainable Finance Beirat soll der Bundesregierung beratend zur Seite stehen. Was heißt das konkret? Wie oft trifft er sich, für wie lange jeweils und wo?

Laut Satzung sind vier Sitzungen in Präsenz geplant, die aber auch – etwa in Corona-Zeiten – digital stattfinden können. Der gesamte Beirat, das sind 34 Mitglieder, kommt dafür zusammen plus sogenannte „ständige Beobachter*innen“ sowie Vertreter aus den Ministerien. Da sitzen dann schnell an die 70 Menschen rund um einen großen Tisch, ganztags, meist von 11 bis 17 Uhr. Die konstituierende Sitzung in diesem Juni fand im Finanzministerium statt, wir waren aber auch schon im Umweltministerium oder bei der KfW. Zusätzlich gibt es Treffen auf Arbeitsgruppen-Ebene. Das organisiert jede Gruppe selbst. In den AGs sowie zur Vertiefung von Themen arbeiten wir überwiegend digital.

Wir probieren jetzt, im zweiten Beirat, etwas Neues aus. Wir werden im September eine Klausur machen, nur mit den Beiräten, denn gerade am Anfang brauchen wir Zeit, um uns kennenzulernen. Der neue Beirat besteht zu einem Drittel aus alten Mitgliedern und zu zwei Dritteln aus neuen. Wir müssen also erst einmal verstehen, wofür der oder die andere steht, was sie oder er für einen Hintergrund hat. So bilden wir Vertrauen, etwas, das wir nachher für eine gute Zusammenarbeit dringend benötigen. Wir werden nach Leipzig ins Innovation Lab der Sächsischen Aufbaubank fahren und dort unser Arbeitsprogramm für die nächsten drei Jahre gemeinsam erarbeiten. Themen, die wir angehen wollen, haben wir bereits gesammelt. Basierend auf den 31 Empfehlungen des letzten Beirats wollen wir unbedingt darauf schauen, wie sich die Welt im letzten Jahr verändert hat und was sich daher auch bei unseren Vorhaben ändern muss.

Der Beirat soll dabei unterstützen, Deutschland zu einem führenden Sustainable Finance Standort zu machen. Was ist Ihr Bild von einem solchen Standort?

Ich wünsche mir eine Wirtschaft, eine Gesellschaft, die die planetaren Grenzen achtet, die die SDGs umsetzt, die ihren Ressourcen-Verbrauch drastisch herunterschraubt und die erkennt, dass wir – um auf diesen Weg zu kommen – viel Kraft, aber auch viel Geld brauchen. Wir müssen die Transformation finanzieren. Das kann der Staat nicht alleine machen, dafür braucht es auch den Finanzmarkt. Der hat eine wichtige Funktion an dieser Stelle, das muss ich Ihnen nicht erzählen. Jeden Tag wird auf dem Finanzmarkt neu darüber entschieden, ob Geld in alte konventionelle Energien und Wirtschaftsbranchen fließt – oder ob in Zukunftsfähigkeit investiert wird. Dieses Narrativ in viel mehr Köpfe hineinzubekommen, gerade auch in die Köpfe der Entscheidungsträger*innen in der Politik, in den Ministerien: Da sehe ich erst einmal unsere Aufgabe.

Wenn wir dann ein führender Standort sind, wird das Hand in Hand laufen, ganz geschmeidig. Es wird immer mehr Unternehmer*innen geben, die an der Lösung unserer gesellschaftlichen Probleme arbeiten und die dafür Geld benötigen. Das wiederum wird gut organisiert von einem Finanzmarkt, der seine Befriedigung nicht aus komplizierten Finanzprodukten zieht, sondern aus der Finanzierung der Realwirtschaft, der Finanzierung der Transformation. Das machen wir in Deutschland dann ganz smart, mit hohem Anspruch, hohem Ambitionsniveau – und immer mit der Messlatte: Hinten heraus brauchen wir eine andere Wirtschaft, eine transformative, an den SDGs und Pariser Klimazielen orientierte Wirtschaft.

Das wäre meine Vision. Ob wir da führend sind oder nicht, halte ich nicht für entscheidend. Das Bild eines Führenden impliziert, dass man etwas allein macht. Das ist ja Quatsch, wir brauchen internationale Spielregeln, die wir ohnehin multilateral, zum Beispiel mit den USA und innerhalb von Europa entwickeln müssen.

Sie gehörten bereits dem ersten Beirat an und wurden jetzt auf Vorschlag der Bundesregierung von den Mitgliedern zur Vorsitzenden gewählt. Hat sich damit etwas verändert? Was verbinden Sie mit dieser Aufgabe?

Genau, ich gehöre dem Sustainable Finance Beirat von Anfang an. Im Juli 2019 ist er im Auftrag des Staatssekretärausschusses für nachhaltige Entwicklung einberufen worden. Damals wurde ich vom Finanzministerium gefragt, ob ich mitmachen möchte. Ich wollte wissen, wie viel Aufwand es ist, denn meine Zeit als Mutter, Vorständin der Hannoverschen Kassen, Aufsichtsrätin für die Umweltbank etc. ist begrenzt. Ich bin von vier Sitzungen im Jahr ausgegangen – und es wurden natürlich etliche mehr. Aber: Die Arbeit im Beirat macht wahnsinnig viel Spaß, weil man mit Leuten zu tun hat, die alle intrinsisch motiviert sind und die alle etwas bewegen wollen.

Beim ersten Beirat war ich zum Schluss stellvertretende Vorsitzende, da Kristina Jeromin das Amt für ihre Kandidatur für die Grünen im Bundestag abgeben musste. Ich konnte also ein bisschen in das neue Amt hineinschnuppern. Als ich jetzt gefragt wurde, ob ich den Vorsitz übernehme, brauchte ich eine Nacht Bedenkzeit – ich habe Respekt vor dieser Aufgabe. Auf der anderen Seite ist sie wirklich begeisternd: Als Vorsitzende hat man eine stark moderierende Funktion, kann zwischen den verschiedenen Gruppen aus Realwirtschaft, Finanzwirtschaft, NGOs und Wissenschaft vermitteln. Ich verstehe meine Aufgabe so, dass wir es hinbekommen, uns einig zu werden, und als Beirat am Ende immer mit einer Stimme sprechen. Ich muss gar nicht die Fachfrau auf allen Ebenen und für alle Themen sein. Mich reizt es, den Prozess zu managen, alle Leute mitzunehmen, die Bundesregierung einerseits als Sparringspartner zu beraten und sie andererseits auch anzutreiben.

Ich bin immer schon ein sehr politischer Mensch gewesen. Zu schauen, wo ich etwas bewirken kann, ist das, was mich antreibt. Ich will etwas verändern in dieser Welt. Dazu möchte ich meinen kleinen Beitrag leisten.

Alle 34 Mitglieder des Beirats arbeiten ehrenamtlich, auch Sie, richtig?

Ja, das stimmt, alle arbeiten ehrenamtlich. Es gibt kein Honorar. Wenn wir Sitzungen in Präsenz haben, können wir unsere Bahnfahrten abrechnen, mehr nicht. Da kommt generell schon ein ganz schönes Sümmchen zusammen, das die Bundesregierung durch Beiratsarbeit wie unsere an Beratungskosten spart…

Wird man für eine Mitgliedschaft im Beirat immer nur angefragt oder kann man auch selbst Interesse bekunden?

Dieses Jahr gab es ein Interessenbekundungsverfahren. Wer mitarbeiten wollte, konnte sich auf einer Seite mit seinen beruflichen Positionen und Motivationen kurz darstellen. Es gab knapp 300 Bewerbungen. Die Ministerien haben daraus ausgewählt und versucht, verschiedene gesellschaftliche Gruppen, alte und neue Mitglieder zu berücksichtigen. Und sie haben mehr Fokus auf das Thema Internationalität gesetzt, also nach Personen geschaut, die auch international arbeiten, um eine breitere Perspektive zu erhalten.

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Der Beirat soll als Multistakeholder-Plattform, so heißt es, die Bandbreite der gesellschaftlichen Akteure zeigen. Ist ein Annähern bei bestimmten Themen dadurch nicht sehr schwierig, weil die Meinungen so unterschiedlich sind und so weit auseinanderliegen?

An diesem Punkt setzt das Thema Vertrauensbildung an. Jeder Mensch hat bestimmte Vorurteile im Kopf. Nehmen wir ein Beispiel: Wenn ich aus der dunkelgrünen Nachhaltigkeitsecke komme und auf Vertreter*innen großer Versicherungen oder Energieversorger treffe, habe ich ganz bestimmt erstmal meine Bilder im Kopf. Wenn ich dann aber in Gesprächen und Diskussionen im vertraulichen Rahmen merke, dass wir vielleicht doch gar nicht so weit auseinander sind oder dass wir das gleiche Ziel, nur unterschiedliche Ideen haben, wie der Weg dahin beschritten werden sollte – dann kann ich mich, auch durch viele Abstimmungsrunden, annähern. Das hat im letzten Beirat gut funktioniert. Wir haben offene Briefe, Stellungnahmen zu Regierungsvorhaben und natürlich unsere 31 Empfehlungen miteinander erarbeitet. Wir brauchen immer eine einfache Mehrheit, streben aber einen Konsens an.

Ich glaube, es ist wichtig, zu hinterfragen, warum jemand eine bestimmte Position einnimmt. Was bringt ihn dazu? Welche Auswirkungen ergeben sich durch die Transformation in seinem Sektor? Wo gibt es Probleme? Was fürchtet er? Wenn man hier gut miteinander ins Gespräch kommt und das Ganze nicht gleich öffentlich ausgetragen wird, schafft man eine Einigung. Wir sind ja alle deswegen im Beirat, weil wir von dem Thema überzeugt sind – und davon, dass der Finanzmarkt eine Hebelfunktion hat. Die Vision ist gleich. Über die Wege müssen wir diskutieren.

Welche Themen und Punkte werden im Beirat erörtert? Diskutieren Sie die Taxonomie, den Ausbau der erneuerbaren Energien oder vielleicht Habecks Oster- und Sommerpaket?

Das Sommerpaket ist durchaus Thema, aber wir schauen uns nicht einzelne Maßnahmen an, sondern richten den Blick eher auf das übergeordnete große Thema der Transformationsfinanzierung. Woran hapert es da? Was können wir wie verbessern? Was braucht es auf lokaler Ebene, auf Landesebene, auf Bundesebene und auf internationaler Ebene? Es ist klar, dass die Politik den Prozess will. Als Beirat fragen wir uns daher, wie wir die Finanzierung der Transformation schnell und gut organisieren können, sodass das Geld auch in die richtige Richtung fließt. Das Geld ist ja vorhanden, das Problem ist eher – und das sage ich auch als Pensionskassen-Vorständin –, dass wir nicht genug Projekte in Deutschland haben, in die wir investieren können. Wir haben in den letzten drei Jahren viel in erneuerbare Energien investiert, aber in Portugal, in Schweden, in Spanien – und fast gar nicht in Deutschland, weil es keine Projekte für die Projektentwickler gab. Da, glaube ich, muss die Politik eingreifen. Die Genehmigungsverfahren müssen einfacher werden.

Wir beschäftigen uns auch mit den Berichterstattungspflichten zur Nachhaltigkeit. Viele Vorgaben kommen von der EU-Ebene, zum Beispiel die CSRD-Richtlinie, die Corporate Sustainability Reporting Directive, also die Vorgaben für das Nachhaltigkeitsreporting von Unternehmen, Banken, Versicherern. Ist die Richtlinie adäquat? Welche Hemmschwellen gibt es noch im Mittelstand? Wie sieht es mit den internationalen Richtlinien aus? Passt das alles konsistent zusammen? Wir möchten ein kritischer Sparringspartner sein und Input sowie Feedback aus der Praxis geben.

Was man dabei nicht aus den Augen verlieren darf, ist der Wissensaufbau zu Sustainable Finance. In unserer vergangenen Sitzung war das ein Riesenthema. Wir müssen die Mitarbeiter*innen in den Unternehmen fit machen, ebenso die Bankberater*innen. Da gibt es noch einen riesigen Bedarf. Und im Prinzip musss unbedingt auch den normalen Bürger*innen nachhaltiges Finanzwissen vermittelt werden.

Haben Sie ein Projekt, das Sie auf jeden Fall weiter vorantreiben wollen?

Definitiv: Das ist die Nachhaltigkeits-Ampel für alle Finanzprodukte. Die Idee ist schon relativ weit fortgeschritten, es liegen bereits Konzeptpapiere vor.

Die Ampel ist eigentlich ein Relikt aus dem alten Beirat, da hieß die Idee „Klassifizierungssystem für Finanzprodukte“. Daraus hat die Bundesregierung die Nachhaltigkeits-Ampel gemacht – wunderschön griffig! Die Ampel soll jedes Finanzprodukt, sei es ein Sparbuch, eine Versicherung oder ein Baukredit, auf einer Skala von 1 bis 5 bewerten: Wie nachhaltig oder wie risikoreich ist das Produkt aus Nachhaltigkeits-Gesichtspunkten? Das wird dann ähnlich wie beim Kühlschrank sein: Dort sehe ich als Verbraucherin durch die A- bis G-Logik sofort, wie energieeffizient das Produkt ist. Die Ampel müsste natürlich in ganz Europa gelten und Verbraucher*innen die Entscheidung für nachhaltige Finanzprodukte erleichtern.

Was ist aus den 31 Empfehlungen im Abschlussbericht des früheren Beirats geworden?

Die Empfehlungen wurden im Februar 2021 der Bundesregierung übergeben, im Mai darauf hat diese dann ihre Sustainable Finance Strategie vorgestellt – mit 26 Maßnahmen. Einige Maßnahmen basieren auf unseren Empfehlungen und sind weiterentwickelt worden. Andere Maßnahmen sind aber auch neu, etwa das Thema der internationalen Zusammenarbeit, auch in den G7- und G20-Formaten, oder die Stärkung der Entwicklungs- und Schwellenländer.

Und dann kam die Bundestagswahl. Danach haben sich die Ministerien sortiert, dann hat sich die Regierung sortiert. Und schließlich begann der Ukraine-Krieg. Wir haben also gedacht, so arg viel kann seit Vorstellung der Sustainable Finance Strategie noch nicht passiert sein. Doch auf der ersten Beiratssitzung wurden wir über die Fortschritte bei den 26 Maßnahmen informiert, das war gar nicht so wenig. Im Koalitionsvertrag steht, dass die Sustainable Finance Strategie weiter geschärft werden soll. Dafür treten wir als Beirat ein: die Strategie weiter zu schärfen, mehr in die praktische Umsetzung zu gehen und die Bundesregierung dabei zu fordern.

Im Prinzip geht es bei der Strategie darum, die Transformation von Wirtschaft und Gesellschaft hin zu Nachhaltigkeit zu begleiten, zu unterstützen, voranzubringen, sodass die Menschen besser mit ihrem Planeten Erde umgehen und noch lange darauf leben können.

Ja. Darum geht es. Das ist nicht trivial. Daran müssen wir uns messen lassen. Deshalb ist es wichtig, immer zu prüfen, ob einzelne Themen auf das große Ganze einzahlen. Denn wir haben auch in diesem Beirat nur begrenzte Ressourcen. Will heißen: Unsere breite Themensammlung müssen wir jetzt genau danach abklopfen. Welche Themen nehmen wir uns verstärkt vor? Ist der Hebel groß genug, um bei der Transformation wirklich etwas zu bewirken? Ist das auch ein akutes, aktuelles Handlungsgebiet? So werden wir die vielen Themen priorisieren und loslegen.

Wie fühlt sich Ihr Vorsitz im Sustainable Finance Beirat bis jetzt an?

Gut. Ja, es klappt wirklich gut. Am Anfang, als diese ganzen Erwartungen auf mich einprasselten, habe ich leichte Schnappatmung bekommen. Wie soll ich das alles bewerkstelligen? Aber ich sage mir: Wir sind 34 Menschen. Wir sind ein Sprachrohr, um Einfluss auf die Politik zu üben, um für Veränderungen zu werben und den Transformationsprozess gut zu managen. Ich muss keine Agenda alleine entwickeln, sondern alle zusammen bestimmen im Beirat den gemeinsamen Kurs.

Vielen Dank für das Gespräch, Frau Stremlau!

[green_box]Zur Person
Silke Stremlau ist von Haus aus Sozialwissenschaftlerin mit Schwerpunkt Umweltpolitik und Umweltplanung. Sie hat in Oldenburg studiert und ist nach dem Studium zur imug Beratungsgesellschaft gegangen. Dort war sie 15 Jahre lang im Nachhaltigkeitsrating aktiv. Nach anderthalb Jahren bei der Bank im Bistum Essen kehrte sie aus familiären Gründen zurück nach Hannover. Seit 2017 ist sie bei den Hannoverschen Kassen tätig, seit 2018 als Vorständin. Ihr Hauptthema dort ist die nachhaltige Kapitalanlage für Angebote der betrieblichen Altersvorsorge. Die Hannoverschen Kassen sind ein enger Kooperationspartner der GLS Bank.[/green_box]

Über die Schlüsselrolle von Banken im gesellschaftlichen Wandel – erläutert von Vorstandssprecher Thomas Jorberg – erfährst du in diesem Blogartikel noch mehr:

Zukunftsfrage Gesundheit


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