Zukunftsfrage Gesundheit

Vorstandssprecher Thomas Jorberg über einen dringend notwendigen Paradigmenwechsel in unserer Gesellschaft und die Schlüsselrolle von Banken im gesellschaftlichen Wandel.

Es ist naheliegend, in der Corona-Krise über Gesundheit zu reden. Die Frage, die sich uns als GLS Bank stellt, geht weit darüber hinaus. Gesundheit ist eben nicht nur die Abwesenheit von Krankheit. Notwendig ist mehr denn je, die sozialen, kulturellen und natürlichen Rahmenbedingungen für eine gesunde Zukunft zu schaffen. Wir wollen eine Gesellschaft, die jedem Einzelnen von uns, aber auch dem System an sich, Gesundheit ermöglicht.

Alte Ökonomie: Geldvermögen wird aus der Zerstörung von Natur und Sozialem gewonnen.
Alte Ökonomie: Geldvermögen wird aus der Zerstörung von Natur und Sozialem gewonnen.

Einen großen Beitrag in dem dringend erforderlichen System- und Wertewandel kann das weltweite Finanzsystem leisten. Bislang waren die Aufgaben von Banken die Regelung des Zahlungsverkehrs, die Vermögensverwaltung und die Kapitalvermehrung. Diese Aufgaben haben die Banken auch perfekt erfüllt. Nur mit welchen Folgen? Das Bilden von Geldvermögen ging stets zu Lasten des Sozialvermögens und des Naturvermögens. Wir stehen heute vor schwerwiegenden Kollateralschäden, die uns mehr und mehr die Lebensgrundlage entziehen. Das weltweite Vermögen, von dem nur einige wenige Menschen profitieren, beruht auf sozialer Ausbeutung und auf der Ausbeutung von Ressourcen und Rohstoffen.

Wir erleben in der Corona-Krise vielfältige Einschnitte in unserem Handlungsspielraum und nehmen dies als große Bedrohung wahr. Dabei übersehen wir die viel größeren Krisen, in denen wir uns aktuell befinden: die Klimakrise und darüber hinaus die Boden- und Biodiversitätskrise.

Die Corona-Krise ist nur eine logische Folge aus den beiden anderen Krisen. Nur gemeinschaftlich und mit einem ganzheitlichen Blick können wir diese lösen. Davon wird die Gesundheit jedes Einzelnen und die des gesamten Systems abhängen.

Schon heute können wir absehen, dass die nächste Gesundheitskrise kommen wird, weil die Verhältnisse in der Natur sich weiter stetig verschlechtern. Massentierhaltung mit standardisiertem Antibiotikaeinsatz und Monokulturen mit massivem Pestizideinsatz befördern Resistenzen. Die globalen Märkte machen die Ausbreitung in nur wenigen Tagen möglich. Wir können diesen Kampf gegen die Natur nicht gewinnen. Darum müssen wir ihn bedingungslos und sofort beenden. Das ist, um was es geht, wenn wir bei der GLS Bank von Gesundheit im ganzheitlichen Sinne sprechen.

Die Transformationsleistung von Geld

Tatsächlich ist sehr viel Geld im Markt vorhanden, zu viel, was sich an dem Nullzinsniveau zeigt. Mit dem überschüssigen Geld wird klassischerweise spekuliert und es kann somit keiner sinnvollen Verwendung zugeführt werden. Das Geld ist zum Selbstzweck geworden. Es ist nur dazu da, sich zu vermehren. Hier müssen wir eine Kehrtwende schaffen. In Zukunft wird die Aufgabe von Banken sein, genau das Gegenteil von dem zu machen, was sie bisher getan haben: Geld umverteilen sowie natürliche Ressourcen schützen und erhalten. Das Finanzsystem steht vor der großen Herausforderung, das überschüssige Geld im Markt in Sozialvermögen und in Naturvermögen zurückzuverwandeln. Wenn wir in Zukunft gesund leben wollen, müssen wir Einkommensgerechtigkeit, Generationengerechtigkeit und Klimagerechtigkeit schaffen. Das Erfreuliche ist, dass diese Einsicht im Bankensektor, in den meisten Unternehmen und in der Wirtschaft angekommen ist – trotz und gerade wegen Corona.

Neue Ökonomie: Geld wird in Sozialvermögen und in Naturvermögen zurückverwandelt.
Neue Ökonomie: Geld wird in Sozialvermögen und in Naturvermögen zurückverwandelt.

 

 

Diese Entwicklung sehen wir an den steigenden Angeboten von nachhaltigen Geldanlagen innerhalb des Bankensektors. Die Frage, die nicht nur von Privatkund*innen immer häufiger gestellt wird, ist die nach der Nachhaltigkeit. Auch viele institutionelle Anleger wie Pensionskassen und Vermögensfonds legen Wert auf Nachhaltigkeitskriterien.

Selbst Blackrock, der weltweit führende Investmentmanager und größte Vermögensverwalter der Welt, zieht Konsequenzen aus der Corona-Krise. Auch die Politik reagiert: Im EU Action Plan ist in einer Taxonomie festgelegt worden, was als nachhaltige Geldanlage bezeichnet werden darf. Damit will man Greenwashing vermeiden und mehr Transparenz schaffen. Banken werden also durch rechtliche Rahmenbedingungen gezwungen, nachhaltiger zu wirtschaften, da sie offenlegen müssen, wo das Geld hinfließt. Fonds, die auf Geschäften mit klimaschädlicher Kohle beruhen, werden in der breiten Masse keine Abnehmer mehr finden. So baut sich der Druck zu handeln von zwei Seiten auf: zum einen durch die Kunden, zum anderen durch die Bankenaufsicht.

Nachhaltigkeitsrisiken — Geldinstitute müssen umdenken

Die Banken sind mehr und mehr gezwungen, nicht nur die physischen Risiken wie Überschwemmung, Trockenheit und Hitze zu erfassen, sondern auch die transitorischen Risiken. Dies sind die gesellschaftlichen Veränderungen, die notwendig sind, um CO2-neutral zu werden.

Viele Finanzinstitute haben diese Risiken bislang unterschätzt. In Zukunft werden sie nicht umhinkönnen, ökologische und soziale Aspekte bei ihrer Risikobetrachtung zu berücksichtigen. Und genau dieser Richtungswechsel wird das Banking grundlegend verändern. Wer zukünftig in CO2-emittierende Technologien investieren will, wird es schwer haben, bei Banken ein Darlehen zu bekommen. Die Risiken werden sich in hohen Zinsen widerspiegeln und es wird zunehmend unattraktiv, in „schmutzige“ Geschäfte zu investieren.

Banken werden gezwungen sein, nachhaltiger zu werden: Die Finanzwirtschaft steht kurz vor einem grundlegenden Paradigmenwechsel. Dieser Wechsel beschreibt die Herausforderung, dass es nicht mehr darum geht, besser zu sein als der Durchschnitt. Alle Akteure werden sich einzig und allein an dem 1,5-Grad-Ziel orientieren müssen. Bislang orientieren wir uns an den „Schlechtesten“ und loben kann sich, wer besser ist. Künftig muss sich jedes Unternehmen an dem 1,5-Grad-Ziel messen und wer die Anforderungen nicht erfüllt, wird nicht wettbewerbsfähig sein. Das wird für uns alle eine Herausforderung, auch wenn die Ausgangslage für sozial-ökologische Unternehmen wie die GLS Bank eine deutlich bessere ist. Der Leitfaden unseres Handelns ist in den 17 SDGs (Sustainable Development Goals) festgelegt. Diese 17 Nachhaltigkeitsziele mit ihren insgesamt 169 Unterzielen dienen weltweit als Orientierung für die Bewältigung globaler Herausforderungen.

Die Krankheitssymptome in der Landwirtschaft

Ein weiteres Beispiel für den anstehenden Paradigmenwechsel ist die Landwirtschaft. Viele Kosten der Landwirtschaft spiegeln sich nicht in den Marktpreisen wider, die sogenannten externen Kosten, die von der Allgemeinheit getragen werden und bislang nicht dem Verursacher angerechnet werden können. Zu diesen Kosten gehören etwa das Verschwinden der Artenvielfalt, Erosion der Böden, Verunreinigung des Grundwassers und viele weitere negative und oftmals unumkehrbare Folgen. Der Schaden entsteht für die gesamte Gesellschaft und kommt verzögert bei der Landwirtschaft selbst wieder an. Wenn die Bodenfruchtbarkeit sinkt, wird mehr Düngemittel notwendig. Durch den Pestizideinsatz gibt es zunehmend weniger Bienen und Insekten, die die Landwirte zum Bestäuben brauchen. Aufgrund des Klimawandels gibt es mehr und mehr Dürreperioden und damit zunehmende Ernteausfälle.

Das Tragische ist: Die vermeintlichen „Täter“ sind gleichzeitig die „Opfer“. Die Verursacher, die konventionellen Landwirte, sind die eigentlichen Opfer ihrer eigenen Bewirtschaftungsweise. Um den negativen Folgen in der Landwirtschaft entgegenzuwirken, braucht es politische Rahmenbedingungen. Wir brauchen in Deutschland, ähnlich einer CO2-Abgabe, eine Abgabe auf Pestizide. Mit dieser Abgabe kann ein Teil der externen Kosten wieder eingepreist werden. Durch die Erhöhung der Preise kann ein Landwirt validere Entscheidungen fällen, ab welcher Dringlichkeit ein Pestizid auf seinen Acker gelangt. Die Abgabe hebt ein Stück weit die Verzerrung der Preise auf, die vorher durch die Externalisierung der Kosten stattgefunden hat. Die Politik steht in der Verantwortung zu handeln, es muss ein Umdenken erfolgen: Nicht gegen die Natur, mit der Natur soll gearbeitet werden!

Im Wahljahr für sinnorientierte Wirtschaft

Der sinnorientierten Wirtschaft, zu der sich auch die GLS Bank zählt, wird es nicht schwerfallen, sich an die neuen Ziele anzupassen. Der gewinnorientierten Wirtschaft wird es deutlich schwerer fallen, von ihrem gewohnten Denken der Gewinnmaximierung auf Kosten von Mensch und Natur abzurücken. Deswegen brauchen wir politische Rahmenbedingungen, etwa für eine wirklich wirksame Abgabe auf Klimagase und auf Pestizide. Darum geht es in diesem Jahr, im Wahljahr. Wir Bürger*innen dieses Landes sind aufgerufen, Parteien zu wählen, die diese Rahmenbedingungen setzen wollen. Denn wir brauchen eine sinnorientierte Ökonomie. Dafür stehen wir als Ihre GLS Bank.

GLS Bank aktiv für Transformation

1. Studie für Pestizid-Abgabe
Die Europäische Kommission will den Einsatz von Pestiziden bis 2030 um 50 Prozent verringern. Eine Studie des Helmholtz-Zentrums für Umweltforschung (UFZ) im Auftrag eines breiten Bündnisses von einem Dutzend NGOs gemeinsam mit der GLS Bank zeigt: Dies lässt sich mit einer Pestizid-Abgabe erreichen. In Dänemark ging der Pestizideinsatz nach Einführung einer solchen Abgabe um fast die Hälfte zurück. „Die Gelder aus der Abgabe sollten für den ökologischen Umbau an die Landwirtschaft zurückfließen“, sagt GLS Bank Vorstandssprecher Thomas Jorberg.

2. Studie für Klimaschutz
Fridays for Future hat im vergangenen Jahr eine Studie in Auftrag gegeben, die belegt: CO2-Neutralität bis 2035 ist möglich. Machbar wurde die Studie durch die Finanzierung der GLS Bank. Das Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie analysierte die Bereiche Verkehr, Industrie, Energie sowie Bauen und zeigte Wege zur Klimaneutralität. Notwendig sind eine Verkehrswende mit 30 Millionen weniger Autos, ein Verbot von Inlandsflügen, ausschließlich klimafreundliche Antriebe und sinnvolle Mobilität dank ÖPNV, mehr Energie aus Wind und Solar, zudem grüner Wasserstoff, klimaneutrale Fabriken, Kreislaufwirtschaft und ein CO2-Preis, der hoch genug ist, um echte Lenkungswirkung zu entfalten. In einem anschließendem Onlineevent beantwortete die GLS Fragen von über 200 Firmenkunden zur Machbarkeit der Studienergebnisse. Wie die Theorie in die Praxis umgesetzt wird, wird eine der zentralen Fragen im
Wahljahr sein.

3. Politisches Engagement in der Bundestagswahl 2021
Thomas Jorberg, Vorstandssprecher der GLS Bank, spricht deutlich aus, was viele denken: „Die Bundesregierung ergreift nicht die Maßnahmen, die die Menschen eindeutig für den Klimaschutz erwarten.“ Politisch mischt sich die GLS Bank ein, so auch im aktuellen Wahljahr. Und Jorbergs Meinung ist gefragt: In Ausschüssen und Wirtschaftsgremien vertritt er seinen Standpunkt zu den Themen Sustainable Finance, CO2-Preis und nachhaltiges Wirtschaften. Gesprächspartner*innen in diesem ersten Halbjahr waren unter anderem Bundesumweltministerin Svenja Schulze, Staatssekretär Jochen Flasbarth und Staatssekretär im Bundesfinanzministerium Werner Gatzer.

Zurück zum Bankspiegel 2021/1 Inhaltsverzeichnis
Ein Artikel aus dem GLS Kundenmagazin Bankspiegel zum Thema „Das Leben ändern – Mit Herzblut für Natur und Soziales“. Diesen und viele andere spannenden Artikel finden Sie im Blog. Alle Ausgaben des GLS Bankspiegel als PDF finden Sie unter: https://www.gls.de/bankspiegel/.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.