Ein Mann mit einem Klemmbrett begutachtet eine Pflanze.

Endspurt: Jetzt Lockerung bei Gentechnik ablehnen

Du kannst die EU-Abgeordneten per Mail in die Verantwortung nehmen!

Eigentlich gelten in der EU strenge Gentechnik-Regeln: Alle gentechnisch veränderten Organismen müssen auf Risiken geprüft, gekennzeichnet und rückverfolgbar sein. Damit sind Verbraucher*innen und Landwirt*innen sicher: Sie entscheiden selbst, was sie essen und anbauen. Genau das steht jetzt jedoch auf dem Spiel, denn die EU will Pflanzen aus neuen Gentechnikverfahren von diesen Regeln ausnehmen. Das würde die Umwelt, die Wahlfreiheit der Menschen und die gentechnikfreie Landwirtschaft massiv gefährden. Doch wir Verbraucher*innen können uns dagegen immer noch wehren: Jetzt ist es entscheidend, EU-Abgeordnete aufzufordern, sich klar gegen die Lockerung zu positionieren. Über die aktuelle Situation sprechen wir mit Franziska Achterberg, Leiterin Politik bei Save Our Seeds.

Die EU plant, Gentechnik-Pflanzen, die mit neuen Verfahren wie CRISPR entwickelt wurden, aus dem EU-Gentechnikrecht auszunehmen. Risikoprüfung, Rückverfolgbarkeit und Verbraucherkennzeichnung sollen für solche Pflanzen komplett wegfallen. Das würde die gentechnikfreie und ökologische Landwirtschaft, die Transparenz und das Vorsorgeprinzip gefährden.

Biotechnologie-Expert*innen warnen außerdem vor Risiken. Erbgut ist eine höchst komplexe Angelegenheit, daher sind die Auswirkungen gentechnischer Eingriffe nur schwer abschätzbar.

Stellen wir uns vor: Gentechnisch veränderte Pflanzen – wie etwa Raps oder Mais – werden in der Umgebung angebaut, und die Samen landen mit dem Wind auf einem benachbarten Bio-Acker. Vielleicht werden auch Maschinen oder Getreidemühlen gemeinschaftlich genutzt. Ökologische Landwirte könnten in dem Fall für ihre Produkte nicht mehr garantieren, dass sie 100 Prozent frei von Gentechnik sind.

Franziska Achterberg stellt klar: „Deshalb muss hier das Vorsorgeprinzip gelten.“

Franziska Achterberg

Franziska Achterberg ist politische Leiterin des Berliner Kampagnenbüros der Zukunftsstiftung Landwirtschaft „Save Our Seeds“. Sie war 13 Jahre bei Greenpeace und befasste sich dort unter anderem mit Gentechnik und Pestiziden. Bevor sie 2024 zu Save Our Seeds kam, war sie vier Jahre lang für die Fraktion der Grünen/EFA im Europäischen Parlament tätig. Dort beschäftigte sie sich mit Fragen der biologischen Vielfalt, einschließlich Gentechnik, Wälder und Meere.

Franziska Achterberg
Franziska Achterberg, Foto: Florian Dürkopp

Frau Achterberg, wie sieht es denn momentan in Brüssel aus? Was ist der Stand der Verhandlungen zur neuen Gentechnik? Unsere Vermutung ist, dass viele Menschen da inzwischen den Überblick verloren haben, da erste Überlegungen zur Aufweichung der Regelungen bereits 2021 öffentlich wurden.

Leider ist das Verfahren auf der EU-Ebene schon sehr weit fortgeschritten. Ende 2025 haben sich die Vertreter*innen von EU-Parlament und Ministerrat auf einen gemeinsamen Text verständigt. Die EU-Agrarminister haben diesen Text kurz darauf informell abgesegnet. Nach der formalen Abstimmung der EU-Staaten, die bislang für den 21. April angesetzt ist, muss nur das EU-Parlament noch einmal abstimmen.

Eine Mehrheit der Abgeordneten hatte 2024 für eine Kennzeichnungspflicht und ein Patentverbot gestimmt. Im Text von Dezember fehlt aber nun beides, das Parlament wurde regelrecht über den Tisch gezogen. Die Abgeordneten sollten sich nun an ihre ursprünglich beschlossene Position erinnern und dem Text eine klare Absage erteilen.

Was können Mails, die wir zum jetzigen Zeitpunkt an EU-Abgeordnete senden, ausrichten? Hand aufs Herz: Bringt das noch was? Können wir Verbraucher*innen wirklich noch Impulse setzen?

Natürlich, öffentlicher Druck wirkt! Erinnern wir uns: Die Bundesregierung stand im Dezember kurz davor, dem völlig inakzeptablen Verhandlungsergebnis zuzustimmen. Dann haben wir als Verbände, aber auch Bürger und Bürgerinnen, den Bundesminister*innen klar gemacht, dass das nicht angehen kann. Zwei SPD-Minister – Carsten Schneider und Stefanie Hubig – erklärten daraufhin, dass sie dem vorgeschlagenen Gesetz nicht zustimmen können. Die Bundesregierung musste sich enthalten, obwohl Agrarminister Alois Rainer nur zu gern zugestimmt hätte. Leider kam die Mehrheit im EU-Ministerrat auch ohne Zustimmung Deutschlands zustande.

Gerade die EU-Abgeordneten sind für öffentlichen Druck empfänglich. Als das Parlament zum ersten Mal über den Text abstimmte, gab es schon einmal eine europaweite E-Mail-Aktion. Damals stimmte eine Mehrheit der Abgeordneten für eine Verbraucherkennzeichnung. Den Abgeordneten muss klar sein, dass die Menschen hinschauen, wenn sie in Strasburg in die Abstimmung gehen!

Den Abgeordneten muss klar sein, dass die Menschen hinschauen, wenn sie in Strasburg in die Abstimmung gehen!

Franziska Achterberg

Was sind Ihre Hauptkritikpunkte an der geplanten Lockerung und wie kontern Sie die Argumente der Befürworter*innen? Welche Rolle spielt der Einzelhandel?

Mit dem neuen Gesetz sollen Produkte der neuen Gentechnik ungeprüft und ungekennzeichnet in den Markt gedrückt werden. Das ist unverantwortlich, untergräbt Verbraucherrechte und gefährdet die gentechnikfreie Landwirtschaft – auch den Ökolandbau, wo die Nutzung jeglicher Gentechnik weiterhin verboten bleibt.

Die Befürworter*innen behaupten, diese Gentechnikpflanzen könnten auch auf natürlichem Wege entstanden sein, z.B. durch Selektionszüchtung. Da keine Fremd-DNA eingebaut würde, handele es sich gar nicht mehr um Gentechnik im eigentlichen Sinne. Auch deutsche Politiker*innen argumentieren so. Sie verwenden dann Begriffe wie „neue Züchtungsmethoden“ oder den von der EU geprägten Begriff „neue genomische Techniken“.

Doch auch Pflanzen, deren Erbgut keine Fremd-DNA enthält, fallen unter das EU-Gentechnikrecht. Das hat der Europäische Gerichtshof schon 2018 klargestellt. Und das ist sachlich gut begründet, denn die neuen Gentechnikverfahren ermöglichen Veränderungen im Erbgut, die mit herkömmlicher Pflanzenzüchtung kaum erreichbar sind. Daraus können auch Umweltrisiken erwachsen. Gerade deshalb muss hier das Vorsorgeprinzip gelten!

Trotz jahrelangem Zerren an der Gesetzgebung: Wie schaffen Sie es, Ihren Zukunftsmut zu bewahren?

Die Geschichte von den „neuen Züchtungsmethoden“ schlägt nur bei bestimmten Politiker*innen an. Die meisten Menschen lassen sich nichts vormachen und fordern nach wie vor ihre Rechte ein. Laut einer Umfrage des Bundesamtes für Naturschutz wollen 94 Prozent der Erwachsenen in Deutschland, dass Lebensmittel, die mit neuen Gentechnikverfahren hergestellt wurden, im Handel eindeutig gekennzeichnet werden.

Außerdem stehen wir mit unserer klaren Haltung ja nicht allein, sondern arbeiten in einem breiten Bündnis von Umweltorganisationen bis hin zu Verbraucher- und Bioverbänden. Gegenüber Greenpeace hat zumindest Aldi bestätigt, dass es Gentechnik-Produkte nach wie vor aus seinem Sortiment ausschließen will.

Das Thema ist gesetzt. Jetzt bleiben wir dran!

Wer ist Save Our Seeds?

Save Our Seeds wurde 2002 als Berliner Büro der Zukunftsstiftung Landwirtschaft ins Leben gerufen. Die Mitarbeitenden setzen sich für eine verantwortungsvolle Regulierung der Gentechnik ein. Sie arbeiten für agrarökologische und biologische Innovationen in der europäischen und internationalen Landwirtschaft.

Du willst aktiv werden?

Dann schreibe jetzt an so viele EU-Abgeordnete wie möglich! Auf der Webseite der Zukunftsstiftung Landwirtschaft kannst Du alle deutschen Abgeordneten anklicken und sie darum bitten, das neue EU-Gesetz über neue Gentechniken abzulehnen!

Achtung: Du kannst die Abgeordneten nur einmal anschreiben. Daher lohnt es sich, gleich alle deutschen oder österreichischen Abgeordneten in deine E-Mail aufzunehmen!

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