Haferähren in der Natur

Warum ist Hafermilch teurer als Kuhmilch?

Kuhmilch wird unter immensem Aufwand von Ressourcen hergestellt. Hafermilch besteht aus Wasser und Körnern. Jedes Mal, wenn ich 50 Cent Aufschlag für meine Hafer-Latte-Macchiato bezahle, frage ich mich: Warum ist das so?

Milchkühe in einer Melkanlage
Milchkühe in einer Melkanlage

Wir halten Kühe in konventionellen Betrieben in riesigen Hallen, die im Winter geheizt und im Sommer gekühlt werden. Die Kühe werden künstlich befruchtet, die männlichen Samen werden in einer Samenbank eingekauft. Unmengen an Futter werden benötigt, damit die Hochleistungskuh eine konstant hohe Milchmenge liefert. Vollautomatische Maschinen melken die Kühe. Im Anschluss wird die Kuhmilch unter hohem Energieaufwand erhitzt und geschleudert (pasteurisiert und homogenisiert), mit Kühllastern zu Molkereien gefahren und abgefüllt. Hinzu kommen externe Kosten für Umweltzerstörung wie Methanausstoß, Flächenverbrauch, Überdüngung des Bodens und die „ethischen“ Kosten für Tierhaltung.

Ein Liter konventionelle Milch kostet im Supermarkt zwischen 95 Cent und 1,10 Euro pro Liter. Milchbäuer*innen erhalten im Schnitt 46,40 Cent pro Kilogramm Milch. Bio-Landwirt*innen bekommen 58 Cent pro Kilogramm, entsprechend höher ist der Preis im Supermarkt für Biomilch. [Die Daten stammen aus November 2025, siehe die Milchpreistabelle pro Monat des BZL, Bundesinformationszentrums Landwirtschaft.] Landwirt*innen können nicht kostendeckend arbeiten, da die Preise von den Einzelhandelsunternehmen (Metro, Lidl, Aldi) massiv gedrückt werden. Aldi, Lidl, Kaufland, Edeka und Rewe haben im Lebensmitteleinzelhandel über 75 Prozent Marktanteil.

Für Hafermilch werden Körner in Wasser gemixt und abgefüllt. Der Liter kostet im Handel zwischen 1,50 bis 2,50 Euro. Dabei besteht die Hafer-Pflanzenmilch zu 90 bis 95 Prozent aus Wasser.

Mehrwertsteuersatz in der Gastronomie fällt – außer Du lebst vegan

Der Mehrwertsteuersatz in der Gastronomie wird dieses Jahr von 19 auf 7 Prozent gesenkt. Das gilt aber nur für Essen. Getränke unterliegen weiterhin dem regulären Steuersatz von 19 Prozent, unabhängig davon, ob sie vor Ort verzehrt oder mitgenommen werden.

Ausnahmen bestehen hier für Milchmischgetränke mit mindestens 75 Prozent Milchanteil (zum Beispiel der Latte Macchiato). Die Milchmischgetränke werden mit 7 Prozent besteuert, weil es sich bei Milch um ein „Grundnahrungsmittel“ handelt. Hafermilch zählt jedoch nicht zu den Grundnahrungsmitteln und daher gilt für meine vegane Hafer-Latte-Macchiato weiterhin der 19-Prozent-Steuersatz.

Die Gründe für die verdrehten Preise

Die Kuhmilch-Subventionen

Der Hauptgrund für die Preisunterschiede sind Subventionen. Die Milchindustrie erhält jährlich 13,3 Milliarden Euro an EU-Fördergeldern, die die Produktionskosten senken und Kuhmilch wettbewerbsfähig halten. 45 Milliarden sind es für die gesamte Tierindustrie in Europa. Ohne diese Subventionen würde Kuhmilch über 2 Euro pro Liter kosten. Ohne massive Subventionszahlungen könnte die Milchproduktion in Deutschland nicht aufrechterhalten werden.

Ohne massive Subventionszahlungen könnte die Milchproduktion in Deutschland nicht aufrechterhalten werden.

Lobbyismus

Die Milchindustrie ist eine der bedeutendsten Segmente in der deutschen Ernährungswirtschaft. So werden mit Milchprodukten die zweitmeisten Umsätze erzielt – nach Fleisch und Fleischprodukten. Neben Kuhmilch gehören zu den Milchprodukten auch SahneerzeugnisseJoghurtTrockenmilcherzeugnisse (z.B. Milchpulver), Butter, Hart-, Schnitt- und Weichkäse sowie Frischkäse und Speisequark. Rund 57.000 Landwirt*innen sind von Kuhmilch abhängig, hinzu kommen tausende Molkereien und Milchverarbeitungsbetriebe.

Der Umsatz in der Milchverarbeitung in Deutschland beträgt 29,6 Milliarden Euro. Die Umsätze vieler einflussreicher Unternehmen wie Dr. Oetker, Müller Milch, Zott, Ehrmann, Coppenrath & Wiese, Meggle, frischli uvm. sind abhängig von billiger Kuhmilch. Die Industrie, im Namen mehrerer großer Milchverbände, setzt die Politik massiv unter Druck mit dem Argument des Verlustes von Arbeitsplätzen. Statt die umweltschädliche Produktion umzulenken in nachhaltigere Branchen wird uns in Dauerschleife eingeschärft, wie gesund und lecker Milchprodukte sind. Millionenschwere Kampagnen verbreiten das Narrativ, dass Kuhmilch unersetzlich für ein gesundes Kinderwachstum ist. Dem gegenüber steht keine Hafermilchlobby.

Steuern

Die Politik hat eine Lenkungswirkung auf den Markt. Preise lassen sich durch eine unterschiedliche Mehrwertsteuer senken oder erhöhen.

Kuhmilch wird in Deutschland als „unverarbeitetes Lebensmittel“ mit 7 Prozent besteuert. Pflanzenmilch fällt unter „verarbeitete Lebensmittel“ – es wird ein Steuersatz von 19 Prozent fällig. In einigen Ländern zahlt man eine erhöhte Mehrwertsteuer auf Produkte, die negative Auswirkungen auf die Gesellschaft haben. Frankreich hat eine Steuer auf Zucker und Süßungsmittel in Softdrinks eingeführt, Dänemark erhebt eine Steuer auf Nahrungsmittel mit einem hohen Gehalt an gesättigten Fettsäuren.

In Deutschland hat der Lobbyismus ganze Arbeit geleistet. Das hochindustrielle Produkt Kuhmilch, das in aufwendigen Verfahren homogenisiert und pasteurisiert wird, gilt als „unverarbeitet“, während Körnerwasser als „verarbeitet“ gilt.

Über 40 Prozent des Preises, den wir im Laden bezahlen, kann auf die Gewinnmargen zurückgeführt werden.

Gewinnmargen

Die Gewinnmargen der verschiedenen Player entlang der Wertschöpfungskette, von den Produzenten bis zur Supermarktkette, machen den Löwenanteil des Preises von Hafermilch aus. Über 40 Prozent des Preises, den wir im Laden bezahlen, kann auf die Gewinnmargen zurückgeführt werden.

Bei Konsument*innen von pflanzlichen Drinks haben Marktforschungsinstitute eine besonders hohe Zahlungsbereitschaft nachgewiesen. Laut Studien ist eine vegan lebende Person eher weiblich, Akademikerin und übt einen gut bezahlten Job aus. Veganer*innen können es sich leisten, für pflanzliche Drinks mehr zu bezahlen, weil ihnen Tierwohl und die Umwelt wichtig sind. Die Zahlungsbereitschaft wird ausgenutzt, um die maximale Marge abzuschöpfen.

Fazit

Mit Milliarden von Steuergeldern erhält die EU eine Industrie am Leben, die der Umwelt Schaden anrichtet und nicht am Tierwohl ausgerichtet ist. Was gut gemeint war – günstige Lebensmittel für alle Menschen nach Kriegsende verfügbar zu machen – ist ins Gegenteil umgeschlagen. Zu viel Kuhmilch ist weder gesund noch nachhaltig. Die Milch- und Molkereiverbände schaffen es mit ihrem Einfluss dennoch, die Milchindustrie durch Subventionen und Steuern am Leben zu halten.

Was können wir tun?

Wir wollen Kuhmilch nicht verteufeln. Es ist die Milchindustrie, die sich reformieren muss. Wenn Ihr Milch kauft, kauft sie direkt beim Bio-Bauern, so umgeht Ihr die Molkereien und Zwischenhändler. Oder schließt Euch einer Solawi an und zahlt den Landwirt*innen so einen fairen Preis.

HINWEIS: Diesen Text von Marianne Pietschmann haben wir im Mai 2022 zum ersten Mal im digitalen Bank Magazin veröffentlicht. Marianne hat einen Faktencheck gemacht und alle Zahlen aktualisiert. Daher nun viel Freude beim erneuten Lesen!

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4 Antworten zu „Warum ist Hafermilch teurer als Kuhmilch?“

  1. Avatar von Evelyne Eberle
    Evelyne Eberle

    Einen etwas anderen Blick auf Wiederkäuer und den Einfluss auf das Klima liefert das Interview mit Dr. Florian Leiber, der am FiBL Schweiz zu Tieren in der Landwirtschaft forscht. https://www.fibl.org/de/stimmen-klima/florian-leiber.

    Für Verbraucher*innen ist es aber tatsächlich je nach Wohnort eine große Herausforderung, Bio-Weidemilch von einem Hof in der Nähe zu erhalten. Es braucht einfach viel mehr Höfe, um wieder eine stärkere Beziehung zur Landwirtschaft zu schaffen und die Wertschöpfung in der Region zu halten. Solidarische Landwirtschaften sind da ein wunderbares Beispiel. Vielen Dank für den Beitrag!

  2. Avatar von Oliver Schmitt
    Oliver Schmitt

    Danke für den Bericht. Für mich nichts neues, für andere vielleicht schon. Es fehlt die Empfehlung, statt Kuhmilch Pflanzenmilch zu kaufen, trotz des Preisunterschieds, damit die Pflanzenprodukte Skaleneffekte nutzen können. Und Politiker zu nerven mit den genannten Fakten.

  3. Avatar von Georg Feldmann
    Georg Feldmann

    Gute Argumente,und Recherche, kleiner Fauxpas am Anfang: Es gibt keine beheizten Kuhställe 🙂

    1. Avatar von Michael
      Michael

      Hallo Georg,
      auch wenn Kühe allgemein als kältesesistent gelten, so gibt es durchaus Kuhställe, die beheizt werden.
      Quellen:
      „Warme Füße im Kuhstall“ topagrar.de Do., 29. Januar 2015, 14:29 Uhr
      „Die beste Hallenheizung für Nutztiere“ etapart.com
      Liebe Grüße

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