Rückenwind aus Brüssel

Vom 16. bis zum 22. September findet die Europäische Mobilitätswoche statt. Während viele von Hyperloops, Flugtaxis, selbstfahrenden Autos und anderen Zukunftstechnologien träumen, feiert ein anderes Verkehrsmittel ein unerwartetes Comeback: Das Fahrrad. Lange fristete es ein Nischendasein als beliebtes Freizeitgerät aber unbedeutendes Verkehrsmittel. Fahrradfahren war etwas für Kinder und Sportfreaks. Nichts für den Alltag. Politik wurde fürs Auto gemacht, Gesetze fürs Auto erlassen und Städte fürs Auto gebaut.

Über den Autor

Ingwar Perowanowitsch

Ingwar Perowanowitsch ist ein deutscher Filmemacher, Autor, freier Journalist und Radreisender, der sich auf die Verkehrswende und fahrradgerechte Städte verschrieben hat. Sein Dokumentarfilm Cycling Cities aus dem Jahr 2025 verzeichnet eine viertel Million Aufrufe auf YouTube; sein gleichnamiges Buch über die leise Revolution der Städte ist 2026 erschienen.

ingwarpero.de

Glücklicherweise hat sich in den letzten zwei Jahrzehnten der Wind gedreht. Eine Vielzahl von Entwicklungen führte dazu, dass das Fahrrad an Bedeutung gewonnen hat. Vor allem die Einführung von E-Bikes und Pedelecs stellte den Markt auf den Kopf und machte das Radfahren für viele Menschen attraktiv. So steigt die Zahl derer, die regelmäßig Fahrrad fahren, kontinuierlich an. Die Etablierung von Leasing-Anbietern verlieh dem Markt zusätzlichen Schub.

Die Renaissance des Fahrrades verleiht ihm politisches Gewicht. Eine wachsende Zahl von Kommunen in Deutschland schmiedete ambitionierte Radverkehrspläne. An der jährlichen Kampagne STADTRADELN nehmen in diesem Jahr 3.000 Kommunen teil. Auch in Landes- und Bundesdokumenten taucht neuerdings das Wort “Fahrrad” auf.

Was Fahrradaktivisten seit vielen Jahrzehnten betonen, wird in Zeiten der Klimakrise auf politischer Ebene erkannt: Das Fahrrad bietet eine Lösung für viele ökologische und soziale Probleme in unseren Städten. Schlechte Luft, Stau, Lärm, Unfälle, Gesundheit, Stress und Bewegungsmangel: weniger Auto, mehr Fahrrad.

Die großen Zukunftsthemen der EU

Mit der Verabschiedung der European Declaration on Cycling erreicht die Anerkennung des Fahrrads einen vorläufigen Höhepunkt. Die Erklärung bietet die Chance, das Fahrrad in allen 27 Mitgliedsstaaten als vollwertiges Verkehrsmittel der Zukunft zu etablieren. Die EU rahmt Radfahren erstmals ausdrücklich als strategisch relevanten Teil von Verkehrs-, Klima- und Industriepolitik. Das strategische Papier nennt das Fahrrad nachhaltig, gesund, günstig und effizient und beschreibt es als Schlüssel, um Stadtverkehr zu dekarbonisieren und die EU-Klimaziele zu erreichen.

Konkret sollen EU-weit die Investitionen für das Fahrrad erhöht, die Fahrradindustrie gestärkt, die Verkehrssicherheit verbessert und Gesetze zur Förderung des Fahrrads verabschiedet werden. Um diese Ziele zu erreichen, nimmt die EU die Mitgliedstaaten in die Pflicht. Bis 2027 sind rund 4,5 Milliarden Euro für den Radverkehr vorgesehen, davon 3,2 Milliarden aus EU-Mitteln — damit sollen EU-weit über 12.000 km Radwege gebaut oder ausgebaut werden.

Mit der Verabschiedung der European Declaration on Cycling erreicht die Anerkennung des Fahrrads einen vorläufigen Höhepunkt.

Symbolisch hat diese Deklaration einen hohen Wert. Das Fahrrad wird erstmals von höchster staatlicher Ebene als nachhaltigste Form der Mobilität anerkannt. Das Fahrrad passt sehr gut zu den großen Zukunftsthemen der EU: Klimaschutz, Null-Schadstoff-Ziel, Energieeffizienz und gesunde Mobilität. Weil Radfahren günstig, flächeneffizient und in Städten schnell einsetzbar ist, kann es besonders im Alltagsverkehr viele Autos ersetzen.

Ebenfalls bemerkenswert ist der soziale Aspekt der Deklaration: Das Fahrrad wird als Mittel gegen Mobilitätsarmut gesehen. Es ist ein Verkehrsmittel, das Teilhabe fördert und als ein soziales Instrument von der Politik positioniert werden kann.

Auch die Auswirkungen auf die Wirtschaft hebt die EU hervor, also Produktion, Dienstleistung, Logistik und Bikesharing. Damit schafft die Erklärung die Grundlage, das Fahrrad nicht nur als Verkehrsmittel, sondern auch als Wachstums- und Beschäftigungsfeld zu positionieren.

Die ambitionierte EU-Deklaration spricht alle wichtigen Aspekte an – doch wie folgen aus Worten Taten? Wie wird aus Anspruch Wirklichkeit? Wie werden aus unverbindlichen Erklärungen bindende Gesetze? Das ist die große Frage, vor der wir stehen. Denn die konkrete Gestaltung des öffentlichen Raums liegt häufig in lokaler Hand. Hier wird final die Verkehrswende entschieden und hier entflammen die Konflikte.

Die große Lücke zwischen EU und kommunaler Stadtplanung

Öffentlicher Raum war selten so umkämpft wie heute. Fußgänger*innen, Radfahrer*innen, Autofahrer*innen, Bus und Bahn-Unternehmen, Einsatzkräfte oder Gewerbetreibende teilen sich eine hart umkämpfe Fläche. Hier entscheidet sich, ob die Verkehrswende gelingt oder ob sie scheitert – ungeachtet dessen, was in Brüssel entschieden wird.

Die Hebel der EU auf die Verkehrswende liegen woanders. Mit verbindlichen Rahmenbedingungen und Grenzwerte, wie dem Luftreinhaltungsgesetz und Schadstoffgrenzwerte, treibt sie die Städte zum Wandel an. Dass europaweit die Städte insgesamt grüner, leiser, teilweise autoärmer und sicherer werden, hat ganz direkt mit den konkreten Vorgaben aus Brüssel zu tun.  

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Obwohl die allgemeine Entwicklung Anlass zur Hoffnung gibt, wird in fast allen Städten dem Auto weiterhin unverhältnismäßig viel Platz eingeräumt. Die Dominanz des Autos sorgt weiterhin dafür, dass Menschen abgehalten werden, auf das Rad zu steigen. Fehlende Radwege und die Angst vor Unfällen führt dazu, dass Menschen häufig auf das Fahrrad verzichten. Für die Verkehrswende ist es unerlässlich, dass es auf regionaler und nationaler Ebene bindende Gesetze gibt, die die Veränderung des öffentlichen Raums unumgehbar machen. 

Vorreiter in Deutschland war das Land Berlin. 2018 verabschiedete der Senat aus SPD, Linken und Grünen Deutschlands erstes Mobilitätsgesetz. Die Verkehrswende wurde als politisches Ziel festgelegt und verbindliche Ausbau- und Qualitätskriterien für neue Radwege formuliert. So lautete eine Vorgabe, dass bis 2030 an allen Berliner Hauptstraßen breite und sichere Radwege gebaut werden müssen. Mit dem Regierungswechsel zu CDU und SPD wurde das Gesetz wieder verwässert und Ziele missachtet. Dennoch zeigt das Beispiel, dass die Förderung des Radverkehrs von einer Absichtserklärung zur politischen Pflicht gelingen kann.

Insgesamt ist die Verkehrswende auf einem guten Weg. EU-weit zeigen Städte wie London, Wien und Paris, wie schnell sich verkrustete Strukturen innerhalb weniger Jahre aufbrechen lassen – vorausgesetzt der politische Wille ist vorhanden. Und in Deutschland keimt Hoffnung. Nirgendwo streiten mehr Menschen für die Verkehrswende; nirgendwo setzen sich mehr Menschen in vielfältiger Weise für die lebenswerte Stadt ein. Denn die Verkehrswende wird nicht in Brüssel entschieden, sondern durch die Bürger*innen und ihr Engagement auf der Straße. 

Fazit: Durchbruch für die Verkehrswende?

Eine EU-Deklaration zum Fahrrad hilft zweifellos. Der wichtigste Effekt ist die politische Anerkennung: Das Fahrrad ist nicht mehr nur Freizeitgerät oder Nischenverkehrsmittel, sondern zentraler Baustein der städtischen Klimaanpassungsmaßnahmen.

Doch die Erklärung allein baut keine Radwege und schafft keine sicheren Kreuzungen. Ihr Wert liegt darin, politischen Druck, Förderlogik und Industrieinteressen auf eine gemeinsame Richtung auszurichten; ob daraus echte Veränderung wird, hängt von den Mitgliedstaaten und Kommunen ab. Sie ist wie Rückenwind, in die Pedale treten muss man aber immer noch selbst.

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