Die Idee einer gemeinwohlorientierten Suchmaschine klingt nicht erst heute utopisch. Das Team von Ecosia hat es 2009 gewagt und entwickelt die Vision immer weiter. Ein Interview mit COO Wolfgang Oels über KI und Klimaschutz.
Interview: Jan Lurweg

Eine Suchmaschine, die Bäume pflanzt. Euer Motto klingt utopisch. Was war die Motivation, um Ecosia zu gründen?
Als Ecosia 2009 gegründet wurde, war die Umweltkatastrophe schon akut. Die Idee unseres Gründers Christian Kroll war es, eine Firma aufzubauen, die Geld verdient, dieses aber nicht an einzelne Oligarchen ausschüttet, sondern für uns alle und für das überragend wichtige Thema Klimaschutz verwendet.
Wie funktioniert im Hinblick auf dieses Ziel das Geschäftsmodell von Ecosia?
Kleinere Suchmaschinen wie wir kaufen die Suchergebnisse bei den beiden großen amerikanischen Suchmaschinen. Geld verdient wird dabei über Werbung in den Suchergebnissen. Bei Ecosia gibt es aber keine Gewinnausschüttung – wir verwenden 100 Prozent der Überschüsse für Klima- und Biodiversitätsschutz, vor allem für Wiederaufforstung in Biodiversitätshotspots. Außerdem investieren wir in erneuerbare Energien, und zwar weit über unseren eigenen Strombedarf hinaus, um die Energiewende zu beschleunigen.
Was macht Ecosia im Vergleich zu anderen Suchmaschinen sonst noch anders?
Neben der Verwendung unserer Überschüsse für Klima- und Biodiversitätsschutz gibt es zwei weitere Punkte: Der erste ist, dass wir privatsphärenfreundlich sind. Große Suchmaschinen verwenden die Daten ihrer Nutzer*innen für Werbung außerhalb der Suchmaschine. Das machen wir nicht. Der zweite Punkt: Eine Woche nach der Trump-Wahl haben wir mit einem französischen Partner die Gründung der „European Search Perspective“ veröffentlicht. Diese baut eine eigene, souveräne europäische Suchinfrastruktur auf. Die Internetsuche ist von überragender wirtschaftlicher und demokratischer Bedeutung und unsere Abhängigkeit von einigen Großkonzernen in den USA entsprechend gefährlich. Donald Trump hat explizit erklärt, dass es im Interesse der USA ist, Europa zu zersplittern.
Was motiviert Dich, trotz wachsender Herausforderungen weiterzumachen?
Es gibt zum Weitermachen keine Alternative. Die Zerstörung unserer Lebensgrundlagen findet weiterhin statt, jetzt auch die von Demokratie und einem freien Europa. Außerdem hat Ecosia Erfolg bei dem, was es tut. Wir wachsen schnell und bekommen viel positive Resonanz von unseren Nutzer*innen, sei es von Einzelnen, von Unternehmen oder von Ministerien.
„Gemeinsam handeln, viel bewegen“
Strom, Mobilfunk, Banking, Versicherung, Suchmaschine: Jede Entscheidung verändert unsere Zukunft. Wer Wolfgang Oels Impuls direkt in die Tat umsetzen möchte – hier gibt es die zukunftsweisenden Alternativen auf einen Blick: planetwir.jetzt
Wie hilft die besondere Unternehmensform von Ecosia in schwierigen Situationen?
Unsere Unternehmensform hilft uns enorm, sowohl nach innen als auch nach außen. Wir sind eine Purpose-Firma. Die Purpose-Stiftung hat ein Vetorecht und stellt sicher, dass es niemals privatnützige Ausschüttungen gibt. Bei uns gibt es keinen Widerspruch zwischen Unternehmensinteressen und Klimainteressen, das ist bei uns dasselbe. Das macht viele Diskussionen intern einfacher und produktiver. Nach außen bringt uns das eine enorme Glaubwürdigkeit, weil sicher ist: 100 Prozent des wirtschaftlichen Gewinns gehen dauerhaft und rechtlich abgesichert in den Klima- und Biodiversitätsschutz.
Wie passen Ecosia und energieintensive KI zusammen?
Beim Thema KI sind unsere Nutzer*innen sehr gespalten – manche finden es großartig, andere halten es für gefährlich. Auch wir sehen Chancen und Risiken. Da wir Menschen nicht verbieten können, KI-Suchdienste zu nutzen, versuchen wir, Alternativen zu Big Tech anzubieten, die Schäden und Risiken minimieren. Wir haben unseren Solarpark erheblich ausgebaut und sind so weiterhin in der Lage, den Energiebedarf mit erneuerbarem Strom zu decken und darüber hinaus noch fossilen Strom aus dem Netz zu drängen. Sehr bald werden unsere KI-Dienste komplett auf unabhängigen Infrastrukturen in der EU betrieben werden. Damit fließen dann keine Daten mehr unkontrollierbar in die USA ab.

Bedeutet Mut auch, dass man beim Thema KI dem Markt folgen muss?
Ich glaube weder, dass wir mutig sind, noch feige. Unser Markt droht sich gerade erheblich zu verändern. Großkonzerne pumpen Hunderte von Milliarden US-Dollar in KI-Dienste, ohne damit auch nur annähernd so viel Geld zu verdienen. Wir sind Zeuginnen des größten Dumpings der Menschheitsgeschichte. In diesem Umfeld zu überleben, ist nicht einfach. Wir müssen wachsam sein, neugierig bleiben und das Ohr nah an unseren Nutzerinnen haben, die sehr unterschiedliche Bedürfnisse äußern. Und bei alldem dürfen wir nie das große Ziel aus dem Blick verlieren: Wir wollen Ökosysteme stärken und brauchen dafür Demokratie frei vonKonzernübermacht und ein handlungsfähiges Europa.

ecosia.org
Wie sieht Deine Vision für Ecosia in zehn Jahren aus?
Mit den Gewinnen von Google oder Microsoft könnte man in wenigen Jahren alles Notwendige tun, um die dauerhafte Zerstörung unserer Lebensgrundlagen zu vermeiden. Meine Vision ist es daher, dass wir mithilfe unserer Nutzer*innen ein sehr viel größeres Stück von diesen Gewinnen bekommen, um damit substanzieller Klima und Umwelt zu schützen.
Welche Rolle spielt Gemeinschaft für den Wandel?
Auf der einen Seite kann man sich fragen, warum nicht die Menschen, die Hunderte von Milliarden Euro besitzen, diese für die Klimawende nutzen. Man würde noch in ferner Zukunft von ihnen sprechen. Stattdessen gieren sie nach mehr und verfolgen wirre transhumane Ideologien. Auf der anderen Seite könnten aber auch wir alle die Infrastrukturen verlassen, die uns zerstören. Wenn morgen alle zur GLS Bank oder zu Ecosia wechseln, dann wäre diese Welt plötzlich ein besserer Ort. Wenn viele Menschen gemeinsam handeln, dann können sie viel bewegen. Der Wechsel zu nachhaltigen Angeboten ist oft einfacher, als man denkt. Wir müssen uns gegenseitig daran erinnern und anregen und uns aus diesen egoistischen Infrastrukturen verabschieden.
Was macht Mut, dass der Wandel gelingt?
Mir macht Mut, dass Veränderungen plötzlich und schnell passieren können. Bei Ecosia gab es immer wieder Sprünge, wo wir uns innerhalb von wenigen Wochen verdoppelt haben. Auch bei Bewegungen wie Fridays for Future sieht man, in wie kurzer Zeit sich Bewegungen formieren können. Wir sind so viele. Plötzlich wird es ganz schnell gehen.
Zukunftsmut

Um in einer bedrückenden Gegenwart eine gute Zukunft zu gestalten, brauchen wir Zukunftsmut! Die GLS Bank versteht darunter die Fähigkeit trotz Gegenwind entlang der eigenen Werte zu handeln. Wie wir das schaffen? Dieser Frage sind wir in unserem Schwerpunkt mit Mutmacher*innen aus unserer Community nachgegangen.
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