„Wir ermutigen Frauen, um die Gemeinschaft zu stärken“

Schwerpunktthema |

Margaret Ikiara stärkt in Kenia die Rechte von Frauen und Mädchen. In einem herausfordernden Umfeld setzt sie auf Bildung und die Kraft von Netzwerken.

von Dr. Annette Massmann (Interview) und Wiebke Bomas (Gespräch)/GLS Zukunftsstiftung Entwicklung

Margaret Ikiara hat ein Lebensziel: Mädchen und Frauen im Norden Kenias, in Meru, sollen sich als Menschen mit allen Rechten, Stärken und Träumen verstehen, die ihr Leben und ihre Gemeinschaft gestalten. Aus ihrer eigenen Kindheit weiß sie, wie sehr die Stigmatisierung von Frauen dem entgegensteht. Mit Gründung der Community Initiatives for Rural Development (CIFORD) haben sie und ihr Team sich diesem Ziel verschrieben. CIFORD schützt jährlich hunderte Mädchen vor Genitalverstümmelung (englisch: female genital mutilation; kurz: FGM), schult und stärkt sie für ein selbstbestimmtes Leben. Und seit rund drei Jahren begleitet die Organisation auch Jungen auf ihrem Weg, Männlichkeit neu zu definieren.

Ich wurde in einem Dorf geboren, in dem die Marginalisierung von Frauen ein großes Problem war. Man gab meinem Vater das Gefühl, er habe keine Kinder. Dabei hatte er sechs Mädchen – nur keinen Jungen. Das ist ein Grund, weshalb ich mich heute für Frauen und Mädchen einsetze. Mein Vater ist die Person, die mich in meinem Leben am meisten inspiriert hat. Er hat dafür gesorgt, dass wir zu Schule gehen und nicht auf die Geschlechtervorurteile gehört. Deshalb sind wir heute, was wir sind. Sechs Frauen, die ihren eigenen Weg gehen und zeigen: So sehr wir Frauen sind, sind wir vor allem Menschen, die einen Platz in ihrer Gemeinschaft brauchen, um sich selbst zu verstehen, zu entwickeln und ihre Gemeinschaft zu stärken.

Margaret Ikiara, Gründerin der Organisation CIFORD in Kenia

Gemeinsam mit Freundinnen wollte ich Mädchen und Frauen ermutigen, ihre Kapazitäten weiterzuentwickeln. Denn das, wussten wir, würde auch die ländlichen Gemeinschaften verändern. So gründeten wir CIFORD. Die Stigmatisierung von Frauen ist das größte Problem in Regionen wie Meru. Sie werden hier vielfach nicht als Menschen gesehen, die Entwicklung vorantreiben, Entscheidungen treffen oder Eigentum besitzen können. Unser erster Ansatzpunkt war der Kampf gegen FGM. Als wir 2002 mit CIFORD starteten, wurde HIV zudem als nationale Katastrophe ausgerufen.

FGM fördert HIV. So viele Kinder wurden zu Waisen oder kamen in die Obhut ihrer Großeltern. Seither helfen wir mit Aufklärung zu HIV und Sexualität. Und der Klimawandel zerstörte zusehends Lebensgrundlagen. Deshalb haben wir uns neben Gender und Advocacy auch der nachhaltigen Landwirtschaft und der Sicherung von Lebensgrundlagen verschrieben.

Zukunftsmut

Um in einer bedrückenden Gegenwart eine gute Zukunft zu gestalten, brauchen wir Zukunftsmut! Wir verstehen darunter die Fähigkeit trotz Gegenwind entlang der eigenen Werte zu handeln. Wie wir das schaffen? Dieser Frage sind wir in unserem Schwerpunkt mit zahlreichen Mutmacher*innen aus unserer Community nachgegangen.

Um gemeinsam Wege mit ihnen zu finden, haben wir Eltern und Großeltern zusammengebracht. Doch viele wollten sich nicht von dem verabschieden, was sie als ihre Kultur verstanden. Also haben wir die Gemeindevorsteher angesprochen. Wir haben klar gemacht, dass es nicht darum geht, ihre Kultur zu bekämpfen, sondern eine Praxis, aus der Frauen Traumata, Verletzungen und lebenslange Folgen davontragen. Erst waren es nur zwei, aber nach und nach haben uns immer mehr unterstützt – auch weil FGM heute in Kenia verboten ist und die Umsetzung eigentlich ihr Job ist.

In unserem Programm zu alternativen Übergangsriten klären wir Mädchen über Mythen und Fakten zu FGM auf und bringen sie mit Frauen zusammen, die beschnitten wurden. Die Mädchen sehen so, dass es viele falsche Behauptungen zu FGM gibt und es überflüssig ist. Wir zeigen ihnen, wie sie den Übergang vom Mädchen zur Frau ohne Beschneidung, aber in ihrer Kultur feiern können. Und wir vermitteln, wie wichtig Bildung ist. So können sie sich ihr eigenes Bild machen und selbstbewusst für sich entscheiden.

Anfangs gab es in den Gemeinden viel Misstrauen gegen uns als Frauen, die vermeintlich ihre Kultur verraten. Doch die Unterstützung der Gemeindechefs und wie sehr wir die Mädchen stärkten, hat immer mehr überzeugt. Heute haben wir jährlich 400 Mädchen in unseren FGM-Trainings. Darüber hinaus helfen wir auch schwangeren Mädchen im Teenageralter, die Schule weiter zu besuchen und eine Berufsausbildung zu machen. Und als immer mehr Eltern fürchteten, dass die Jungs abgehängt werden, war unsere Antwort das „Redefining Manhood“-Programm. Es vermittelt Jungen ein Verständnis von sich selbst und davon, wie sie verantwortungsvolle Entscheidungen treffen. Und das Schöne ist: Immer mehr Jungen nehmen teil.

Zur Zukunftsstiftung Entwicklung

Expedition Zukunftsmut

Zukunftsmut kann eine Antwort auf aktuelle Zukunftsangst sein. Doch was steckt dahinter und wie kommen wir dahin? Unsere Autorin hat sich aufgemacht und Mutmacher*innen wie Cesy Leonard von Radikale Töchter nach dem Weg gefragt.

Zukunftscoach Ahmet

Bildungscoaching: Der Wegbegleiter

Im Peer-to-peer-Programm der Zukunftsstiftung Bildung werden junge Menschen zu Coaches. Als nahbare Vorbilder ermutigen sie Schüler*innen, ihren eigenen Weg zu suchen. Ahmet aus Gelsenkirchen ist einer von ihnen.

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