Zur Einweihung des Schenkwindrads in Gnannenweiler spielte auch ein Orchester auf. Die Musiker sitzen auf Stühlen vor dem Windrad.

Wir gewinnt!

Schwerpunktthema | Wir machen Zukunft

Das erste Windrad und die Atomkraft-Nein-danke-Bewegung liegen Jahrzehnte zurück. Die Technologie für die Energiewende ist längst da. Doch kommt der Umbau erst jetzt in Schwung. Wie lässt er sich beschleunigen?

Taschenlampen, Generatoren und Teelichter waren 2023 besonders gefragt. Das zeigt eine Umfrage des Onlinehandlers Idealo.de. Wer meint, die Deutschen seien dem Campingwahn verfallen, liegt falsch. Die Suchmaschine Google lost auf: Seit Russlands Angriff auf die Ukraine werden die Begriffe „Stromausfall“ und „Blackout“ verstärkt gesucht.

Es ist also Angst, die uns suchen lässt. Angst, die uns in den Baumarkt treibt. Doch was ist Angst eigentlich? Im Grunde handelt es sich um ein Gefühl in Reaktion auf eine akute Gefahr oder – wie heute häufiger der Fall – unsere Vorstellung davon. Empfinden wir die nähere oder auch ferne Zukunft als unangenehm oder bedrohlich, kann die Angst davor uns lahmen. Oder antreiben. Die Frage ist also, wie wir darauf reagieren, dass unsere wichtigsten Energieträger endlich sind.

Die gute Nachricht: 2023 war der Anteil der Erneuerbaren am Energiemix so hoch wie noch nie in Deutschland. 48,6 Prozent wurden laut Statistischem Bundesamt aus Sonne, Wind und Wasser erzeugt. Das heißt aber auch: Mehr als die Hälfte kam aus fossilen Energien. Mit gravierenden Folgen. Also begegnen wir der Angst am besten, indem wir schon heute etwas für das mögliche Morgen tun.

Die Erfindung des Schenkwindrads

So wie Daniel Büttner. Er ist Lehrer an einer Waldorfschule im Kreis Heidenheim, einem Ort nördlich von Ulm. Die Klimakrise beschäftigt ihn und seine Schüler*innen jeden Tag. Bei einem eher zufälligen Gespräch erzählt ihm ein Schüler, dass sein Vater Erwin Schweizer durch Deutschland fährt und Windkraftprojekte macht. Büttner wird neugierig. Ihm wird klar, dass Schweizer kein normaler Investor ist. Er baut Windenergieanlagen, von denen die Bürger*innen vor Ort profitieren.

Er und Schweizer setzen sich zusammen. Beide wissen: Die meisten Windräder werden in Großprojekten gebaut. Diese werden an meistbietende, teilweise sogar internationale Investoren verkauft. Sie wollen es anders machen und schalten die GLS Bank ein, um eine bürgernahe Finanzierung zu finden. Eine Bedingung ist: Der Überschuss muss gemeinnützig ausgegeben werden. Das Schenkwindrad ist erfunden.

Bürgerinnen und Bürger schauen sich die Errichtung eines Windrads vor Ort an.

Profitieren soll das lokale Krankenhaus, das von Spenden abhängig ist. Statt Investoren reich zu machen, werden heute Patient*innen der Heidenheimer Klinik versorgt. Diese Verbindung zur Bevölkerung und zur lokalen Klinik sorgt dafür, dass Windkraft in Heidenheim viele Fans hat. Das Schenkwindrad gibt eine überzeugende Antwort auf die Angst vor der Energiewende. Statt Abhängigkeit von wenigen Quellen sind unabhängige und dezentrale Energien die Losung. Sie sind klimafreundlich, günstiger und damit auch sozialer als fossile Energie.

Win-Win-Win-Situation

Der soziale Aspekt ist tatsächlich entscheidend. Die Klimakrise birgt die Gefahr, die Gesellschaft zu spalten. Da zeigt eine aktuelle Studie*. Demnach empfinden 80 Prozent der Befragten den Umbau zur ökologischen Wirtschaft als ungerecht. Personen mit wenig Einkommen leiden stärker darunter, wenn die Heizkosten steigen oder sie mehr für Benzin bezahlen müssen.  Dabei ist die Mehrheit für Klimaschutz. Sie kann ihn sich aktuell nur nicht leisten.

Bei der GLS Bank arbeiten wir daher mit einem Zukunftsbild, an dem wir unsere Entscheidungen orientieren. Demnach sollen sich alle Menschen mit 100 Prozent erneuerbaren Energien versorgen können. Die Produktion passiert dezentral, solidarisch und sozial gerecht.  In den vergangenen Jahrzehnten hat Deutschland von Kohle und günstigen Gaslieferungen Russlands profitiert. Es gab politisch wenig Anreize, nachhaltige Ideen zu fordern.

Private Energiewende: Die GLS Bank unterstützt auch die Transformation in Deinem Zuhause.

Aber es bewegt sich was. Das 2017 in Kraft getretene Gesetz zur Forderung von Mieterstrom erlaubt etwa, dass sich Genossenschaften, Immobilienbesitzer*innen oder Mieter*innen zusammenschließen und selbst Photovoltaikanlagen aufbauen. Dafür braucht es auch Know-how. Das liefert die BürgerEnergie Nord eG (BEN) , Kundin der GLS Bank. Die BEN entwickelt Mieterstromprojekte, setzt deren Umbau um, kümmert sich um die Finanzen und nimmt auch die PV-Anlagen in Betrieb. Als Energiegenossenschaft ermöglicht sie dabei allen, sich auch finanziell an dem Vorhaben zu beteiligen.

Wie lauft das praktisch ab? Nehmen wir mal ein Mehrfamilienhaus mit zwölf Wohnungen. Das Haus gehört einer Eigentümerin. Die Mietergemeinschaft hatte gern Solarstrom auf dem Dach und bittet ihre Vermieterin, das umzusetzen. Diese beauftragt die BEN. Das Team rund um Vorständin Anna Leidreiter prüft den Fall und realisiert das Vorhaben. Die Mietergemeinschaft bekommt günstigen Strom. Die Eigentümerin erhöht ohne eigene Investitionen den Wert ihrer Immobilie. Und alle, die an der BEN Genossenschaftsanteile gezeichnet haben, profitieren von den Einnahmen der Mieterstromanlage. Es ist eine Win-Win-Win-Situation.

David gegen Goliath

Wenn es doch so einfach geht, konnte man sich fragen, warum nicht schon längst alle günstigen und nachhaltigen Strom beziehen. Die Antwort ist so unbefriedigend wie simpel: Weil es neu ist. Weil es anstrengt und auch erst mal Geld kostet, die fossilen Energiesysteme anzupassen.

Warum es sich lohnt, diesen Weg zu gehen, zeigt die Geschichte der EWS Schönau. Geschockt von den Folgen des Reaktorunfalls in Tschernobyl 1986, hat das Ehepaar Ursula und Michael Sladek es satt. Sie wollen eine sichere und soziale Art der Energie. Sie engagieren sich gegen Atomstrom und finden zahlreiche Mitstreitende. Auch sie kennen die Angst, wenn ihre Kinder draußen spielen und es plötzlich regnet – womöglich radioaktiv. Als die Verträge des lokalen Elektrizitätswerks auslaufen, sehen sie eine Chance. Sie wollen diese übernehmen und nachhaltig gestalten. Das David-gegen-Goliath-Spiel beginnt 1990. Die GLS Bank steigt als Finanzierungspartnerin ein. Zwei Bürgerentscheide, einen Bieterkampf und sieben Jahre später wird 1997 die EWS Schönau gegründet. Noch bis 2005 dauert der Rechtsstreit, in dem das Unternehmen einen Teil des überhöhten Kaufpreises zurückfordert. Am Ende gewinnt tatsachlich David. Und versorgt als EWS in Bürgerhand über die Region hinaus Haushalte mit regenerativem Strom. Was zeigen uns diese Projekte? Sie geben Beispiele dafür, dass die Energiewende von vielen Menschen abhängt. Sie folgen alle einem konstruktiven Zukunftsbild, das ihnen hilft, die Angst zu überwinden und Widerstände auszuhalten.

Wie die GLS Bank Bürgerenergie-Projekte unterstützt

Wollen Bürger*innen ihre Energiegewinnung selbst in die Hand nehmen, kann das für die nötige Akzeptanz vor Ort sorgen. Bürgerenergie-Projekte haben es jedoch nicht leicht: Zunächst gilt es, die Projektentwicklung aus Eigenkapital zu leisten. Danach bedarf es einer anteiligen Projektfinanzierung durch eine Bank. Konventionelle Banken scheuen teils die Prüfung dieser kleineren Projekte und auch das Risiko, mit nicht professionellen Partnern zusammenzuarbeiten. Die GLS Bank macht es anders. Neben dem Ausbau der Erzeugungskapazität der erneuerbaren Energien (EE) ist es auch Ziel der GLS Bank, EE-Projekte möglichst mit Bürgerbeteiligung umzusetzen. Bei der Konditionsfindung gewichten wir daher unter anderem den Aspekt einer Bürgerbeteiligung positiv.

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