Eine Eule schaut in die Nacht.

Lichtverschmutzung: Vergessen wir die Nacht?

Zwei Drittel aller Säugetiere sind nachtaktiv. Hättest du es gewusst? Oder auch, dass die überwiegende Bestäubung von Blüten nicht tagsüber, sondern durch Nachtfalter geschieht? Wenn du dann noch erfährst, dass künstliches Licht massiv in die Verhaltensweisen und Reproduktion von Insekten, Vögeln, Fischen und Pflanzen eingreift, stellst du dir die Frage: Vergessen wir im Umweltschutz die Nacht? Sehen wir unsere Umwelt in einer Tagperspektive, weil wir als Menschen nur bei Tag gut sehen können?

Es mag tatsächlich eine Art unconscious bias sein, eine unterbewusste Bevorzugung, denn wir Menschen sind Tagwesen. Dadurch fehlt uns die Empathie für Lebewesen, die rund um die Uhr oder sogar nur bei Nacht aktiv sind und weit empfindlichere Sinnesorgane aufweisen, als wir es tun.

Das ist nicht gut, denn: Die Folgen von künstlichem Licht bei Nacht, Artificial Light at Night (ALAN), sind dramatischer als lange gedacht. Nicht nur Astronomen, sondern auch Umweltforscherinnen und Chronobiologen beklagen die zunehmende Störung von biologischen Prozessen durch Licht, das dann leuchtet, wenn eigentlich Dunkelheit angesagt wäre.

2002 erste Konferenz zu ökologischen Auswirkungen künstlichen Lichts bei Nacht

Es sind massive Vorwürfe, die seit 20 Jahren immer mehr an Bedeutung gewinnen. In mehr als 4.000 wissenschaftlichen Fachbeiträgen wurde mittlerweile nachgewiesen, welche Folgen künstliches Licht bei Nacht auf die Umwelt hat. Als die Ökologen Travis Longcore und Catherine Rich aus L.A. 2002 die erste Konferenz aus diesem Blickwinkel ins Leben riefen, war es noch Neugier und Unsicherheit, ob Licht Ökosysteme stören könnte. Heute weiß man mit Sicherheit: Licht ist nicht neutral. Künstliche Beleuchtung bei Nacht stört lokal und wird auch indirekt in Richtung Himmel abgestrahlt. Dies hat bedeutende negative Folgen für Pflanzen, Menschen und Tiere und trägt entscheidend zum Biodiversitätsverlust bei.

Forschercommunity weist Folgen der Lichtverschmutzung nach

In zahlreichen ALAN-Konferenzen und interdisziplinären Forschungsprojekten wie „Verlust der Nacht“ hat sich eine internationale Forschercommunity rund um die Umweltfolgen von Licht gebildet. In ihrer Forschung weisen die Forscherinnen unter anderem folgende Folgen von Lichtverschmutzung nach:

  • Insekten verenden erschöpft an Straßenleuchten.
  • Fische produzieren weniger Nachtkommen in beleuchteten Gewässern.
  • Vögel fliegen in Massen desorientiert gegen Scheiben.
  • Junge Schildkröten wandern zum beleuchteten Strand in der Vermutung, es sei das Mondlicht, das sich auf dem Meer spiegelt. Dort verenden sie, weil sie nicht zum rettenden Wasser zurückfinden.
  • Bäume werfen ihre Blätter verspätet ab in der Nähe von Straßenleuchten, mit Folgen für die Winterruhe und die Lebenszeit des Organismus.

Der wissenschaftliche Stand wird sehr gut zusammengefasst im Leitfaden für umweltgerechte Beleuchtung des Bundesamtes für Naturschutz, einem Ratgeber für Kommunen, die nachhaltig beleuchten wollen und weniger Schäden durch Licht anrichten wollen. Eine Einführung in das Thema für Interessierte bietet das Buch „Licht aus“ von Annette Krop-Benesch.

Begriff Lichtverschmutzung ist vor 50 Jahren aufgetaucht

Der Begriff Lichtverschmutzung kam bereits von 50 Jahren in der Astronomie auf. Die ersten Schutzgebiete entstanden rund um internationale Sternwarten, wie auf dem Mont Mégantique in Canada oder auf La Palma, wo es seit 1988 ein Gesetz gegen Lichtverschmutzung gibt. Das zeitlich versetzte Bewusstsein für den Begriff Lichtverschmutzung in den verschiedenen Branchen hat Karolina M. Zielinska-Dabkowska im Fachmagazin Sustainability herausgearbeitet.


© Karolina M. Zielinska-Dabkowska

Aktivistinnen und Aktivisten weltweit setzen sich seit fünfzig Jahren dafür ein, auch kommenden Generationen den Blick auf die Sterne zu ermöglichen. In den letzten fünf Jahren hat die Bewegung einen Schub bekommen. Protagonisten sind die International Dark Sky Association, die Starlight Foundation und die Royal Astronomical Society of Canada. Alle Organisationen zertifizieren Gebiete, in denen der Nachthimmel noch besonders gut erlebt werden kann, ähnlich wie Naturschutzgebiete. Zudem gehören zur Bewegung zahlreiche lokale Initiativen, astronomische Clubs und einzelne Aktivistinnen und Aktivisten.

Über 200 Sternenparks schützen die Nacht

Weltweit sind allein durch die Zertifizierung der International Dark Sky Association über 200 Sternenparks (Dark Sky Parks) entstanden, weitere 200 sind in Vorbereitung. Auch in Deutschland, Österreich und der Schweiz gibt es Schutzgebiete zum Schutz der Nacht, etwa den Naturpark Gantrisch in der Schweiz, den Sternenpark Attersee in Österreich oder in Deutschland der Sternenpark Rhön, die Sternenlandschaft Eifel, der Sternenpark Westhavelland oder die Sterneninseln Spiekeroog und Pellworm. Wer in den Alpen die vollkommene Nacht erleben möchte, ist auf der Winklmoosalm richtig.

Länder erlassen Gesetze gegen die Lichtverschmutzung

Zahlreiche Länder in Europa haben in den letzten Jahren außerdem Gesetze gegen Lichtverschmutzung erlassen, unter anderem Frankreich 2021 oder seit 2007 Slowenien. Kern der Gesetze ist jeweils die Regelung, wie und wo Licht möglichst vermieden werden soll. Dabei wird meistens unterschieden zwischen städtischen und ländlichen Gebieten.

In allen Gesetzen oder auch in sonstigen Handlungsanweisungen zum Schutz der Nacht finden sich die folgenden Prinzipien:

  • so wenig künstliches Licht wie nötig,
  • Zeitabschaltung in der Nacht durch Steuerung oder Regelung,
  • Abschirmung der Leuchten nach unten, keine Abstrahlung in den Himmel,
  • eine Lichtfarbe mit wenig Blauanteilen im Spektrum.

Auf dieser Karte, veröffentlicht auf den Seiten des Hessischen Netzwerks gegen Lichtverschmutzung, finden sich alle Kommunen in Deutschland, die bereits nachts das Licht abschalten. Hier gibt es auch eine gute Zusammenstellung von Informationsmaterial.

Warum gibt es so viel Licht bei Nacht?

Die Gründe dafür sind vielfältig. Vor 150 Jahren begannen immer mehr Menschen, in die Städte zu ziehen. Durch die zunehmende Industrialisierung und die Möglichkeiten künstlicher Beleuchtung entstanden immer mehr Nachtaktivitäten in der Stadt.

Für die Zukunft werden immer mehr Menschen in Städten vorhergesagt. Laut der UN sollen bis 2050 fast 70 Prozent aller Menschen weltweit in Städten leben. In diesem Zusammenhang entstehen Gewerbe, die zu jeder Zeit auf sich aufmerksam machen möchten, durch Leuchtwerbung und starke Innenbeleuchtung. Die zunehmende Dichte von Menschen auf den Straßen, immer komplexere Verkehrsverhältnisse mit mehr Autos und Radfahrenden erzeugen das Bedürfnis nach mehr Beleuchtung bei Polizei und Bevölkerung. Stetig angepasste Normung von Straßenbeleuchtung und neue LED-Leuchten laden dazu ein, heller zu beleuchten.

Die Versorgung der 24/7 Stadt ist Teil des Problems

Auch am Rande der Städte und auf dem Land tragen Verursacher zur Lichtverschmutzung bei. Industriebetriebe, die 24/7 die Versorgung der Stadt gewährleisten, beleuchten ihre Logistikzentren. Eine verstärkte Landwirtschaft sucht nach Effizienzgewinnen, unter anderem mit beleuchteten Gewächshäusern. Fußballstadien werden nachts beleuchtet, um den Rasen zum Wachsen zu bringen. Auch in privaten Gärten findet mehr Licht statt als früher. Licht ist preiswerter geworden und wird daher mehr genutzt, ohne dass die ökologischen Folgen für die Umwelt bekannt wären.

Was kannst du tun, um Lichtverschmutzung zu vermeiden?

Prinzipiell gilt: Nachts sollte das Licht aus sein, sowohl innen als auch außen. Die Steuerung kann entweder per Hand oder per Zeitschaltuhr erfolgen, zum Wohl von nachtaktiven Tieren und Pflanzen. Leuchten mit Bewegungsmelder aus dem Baumarkt werden häufig falsch angebracht, so dass sie lokal stark blenden. Generell sollte bei Außenleuchten darauf geachtet werden, dass sie nur nach unten und nicht zur Seite oder nach oben strahlen. Leuchten, die vorhanden sind, können mit einfachen Handgriffen und schwarzer Alufolie (Black Wrap) abgedeckt werden, so dass sie nur dorthin strahlen, wo das Licht benötigt wird.

Was kannst du tun, um den Schutz der natürlichen Nacht zu unterstützen?

Vereine wie den Sternenpark Rhön, die International Dark Sky Association oder Initiativen wie Paten der Nacht kannst du mit einer Spende unterstützen. Die eigenen Beleuchtungsgewohnheiten kannst du kritisch hinterfragen. Muss die Solarleuchte die ganze Zeit leuchten? Sie verbraucht vielleicht keine Energie, aber stört Igel, Vögel und Nachtfalter im Garten massiv. Eine Zeitschaltuhr ist schnell eingebaut. Auf blendende oder unnötige Beleuchtung kannst du andere hinweisen. In Zeiten des Energiesparens ist vielleicht der eine oder die andere dafür dankbar.

Bürgerwissenschaftsprojekte zu Lichtverschmutzung wie “Verlust der Nacht”, “Tatort Straßenbeleuchtung” oder „Nachtlicht-Bühne“ bieten ebenfalls einen guten Einstieg ins Thema und tragen zur Forschung bei.

Wie kannst du die natürliche Nacht erleben?

Die eigenen Kinder oder Freunde kannst du zum Beispiel mitnehmen zu einem Sternenurlaub. Auf der Seite Lightpollutionmap.info oder VisitDarkSkies.com könnt ihr nach Orten suchen, an denen ihr noch den Nachthimmel in seiner schönsten Form erleben könnt. Als Stadtbewohnerin muss man ihn mittlerweile per Reise aufsuchen, denn Planetarien können diese überwältigende Naturerfahrung nicht ersetzen. Sternenführungen in den Regionen können dabei helfen, die Kostbarkeit des Nachthimmels noch einmal neu wertzuschätzen.

Wer einmal von einer solchen Reise zurückgekehrt ist, schließt sich vielleicht der Bewegung zum Schutz der natürlichen Nacht an. Lichtverschmutzung ist im Gegensatz zu anderen Umweltproblemen sehr rasch zu lösen, wenn ein Bewusstseinswandel eingetreten ist. Je weniger Licht bei Nacht, desto weniger wird die Reproduktion von wichtigen Arten gehindert. So trägt jeder persönliche Einsatz für die Nacht zur Biodiversität bei.

Dass die Krise der Artenvielfalt wichtig ist und mittlerweile auch hoch auf der politischen Agenda steht, hat gerade die Weltnaturkonferenz in Montreal gezeigt. Dort wurde von allen Staaten gemeinsam beschlossen, dass bis zum Jahr 2030 weltweit mindestens 30 Prozent der Landschaft und der Meere zu Schutzgebieten werden sollen. Es ist stark zu hoffen, dass auch der Schutz der Nacht bei solchen Initiativen ins Zentrum der Überlegungen rückt.

 

Silvester steht an und damit der obligatorische Blick in den Himmel. Was sagst du zu deinem Nachthimmel und was denkst du zum Thema Lichtverschmutzung? Wir freuen uns über Kommentare!

Zur Biodiversitätskonferenz COP15 im kanadischen Montreal haben wir einen Blogbeitrag veröffentlicht:

Das Ende des harmlosen Naturschutzes

  1. Emscherperle

    Um die Lichtverschmutzung zu reduzieren ist es wichtig, für das Thema stärker zu sensibilisieren.

    Die Straßenbeleuchtung wird in vielen Städten aus Energiespargründen auf LED umgestellt – das ist gut.
    Aber es muss in den Kommunen dafür gesorgt werden, dass das Licht insektenfreundlich ist, die Lampen dimmbar sind und nachts runtergedimmt werden. Da ist sicherlich ein verstärkter Einsatz der NGOs von Nöten.

    Die Menschen wissen meist nicht, dass sie mit ihrer Beleuchtung den Insekten schaden. Da gilt es eine enorme Wissenslücke zu schließen. Diese Informationen zu streuen sehe ich auch als Aufgabe der NGOs an.

    Es sollte für Unternehmen und öffentliche Einrichtungen selbstverständlich werden, dass Firmen und Gebäude nicht mehr die ganze Nacht beleuchtet werden.
    Vielleicht trägt die Engergiekrise dazu bei, dass an diesen Stellen endich mehr gespart wird.

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