Blick auf das Dorf

Selbstbestimmt bis ins hohe Alter: Ein Wohnprojekt in Harpolingen

Viele Senior*innen träumen davon, auch im hohen Alter noch selbstbestimmt, bedürfnisgerecht und im vertrauten Umfeld zu leben. Die Umsetzung scheitert oft an den Barrieren und Stolperfallen im eigenen Haus oder in der Wohnung. Diesem Problem widmet sich die GLS Kundin Daheim Bleiben eG. Die Wohnbaugenossenschaft schafft seniorengerechten Wohnraum in Harpolingen in Baden-Württemberg. Geplant ist der Bau von dreizehn Wohnungen, von denen elf barrierefrei sind.

Seniorengerechte Wohnalternativen sind in Harpolingen jedoch Mangelware. Auch die öffentliche Infrastruktur lässt zu Wünschen übrig. Neben der schlechten ÖPNV-Anbindung fehlt es an Geschäften, Ärzt*innen, Bank- und Postfilialen. Trotzdem wünschen sich viele Harpolinger*innen, ihren Lebensabend im vertrauten Umfeld zu verbringen. Und das wiederum stellt die Jungen in Harpolingen vor Probleme: Viele junge Familien suchen verzweifelt nach bezahlbarem Wohnraum. Die Mieten sind hoch und Eigentumswohnungen in der Regel nicht finanzierbar. Die Häuser der Senior*innen würden sie also mit Handkuss nehmen. Doch – und damit drehen wir uns im Kreis: Wo sollen die Älteren hin?

Im 650-Seelen-Dorf Harpolingen haben 28 Prozent der Bevölkerung ihren 65. Geburtstag bereits erlebt. Die meisten Älteren leben seit vielen Jahren in ihren Häusern. Oft sind es alleinstehende Einfamilienhäuser, die sanierungsbedürftig, zu groß und nicht barrierefrei sind. Mit einer schmalen Rente lassen sich die notwendigen Umbauten oft nicht realisieren, so dass ein Auszug aus den vertrauten vier Wänden eigentlich unumgänglich wird.

Zwei Fliegen mit einer Klappe

Hier kommt die Daheim Bleiben eG ins Spiel und schlägt zwei Fliegen mit einer Klappe: Erstens ermöglicht die Genossenschaft den ortsansässigen Seniorinnen, in vertrauter Umgebung zu bleiben. Sie passt die Wohnungen an die Bedürfnisse von alten Menschen an, macht sie pflegeleicht und barrierearm – und denkt in Form von Gästeappartements sogar gleich mit an die Kinder und Enkel. Zweitens bringen die “Daheimbleiber” die Seniorinnen, die ihr Haus gegen eine Genossenschaftswohnung eintauschen, mit jungen, wohnungssuchenden Familien zusammen.

Das Haus wird gebaut.

Denn die Daheim Bleiben eG schafft mehr als “nur” Wohnraum für ältere Mitbürgerinnen, sie schafft ein Gegenmodell zum Altwerden. Besonders Selbstbestimmung und Selbstorganisation werden großgeschrieben. Die künftigen Bewohnerinnen haben dank der genossenschaftlichen Organisationsform nicht nur lebenslanges Wohnrecht, sondern auch viele eigene Gestaltungsmöglichkeiten. Es besteht zum Beispiel die Möglichkeit, einen Gemeinschaftsgarten anzulegen. Auch in handwerklichen Dingen werden die Älteren nicht allein gelassen: Eine Hausmeisterfamilie bringt Alt mit Jung zusammen und gibt den Senior*innen so ein Stück Sicherheit.

Lebendige Vereinskultur im Dorf

Auch wenn Harpolingens Infrastruktur im öffentlichen Raum verbesserungswürdig ist, am Vereinsleben gibt es nichts zu bekritteln: Das Dorf zeichnet sich durch vielfältiges bürgerschaftliches Engagement aus. Der Bürgerverein “Daheim in Harpolingen” lässt sich so einiges einfallen, um die Dorfgemeinschaft zu stärken und die Lebensqualität zu verbessern. Es gibt Grünpflegeaktionen, einen Gemeinschaftsgarten und den Bürgerbus, um nur einige Beispiele zu nennen. Im letzten Jahr wurde Harpolingen mit der Goldmedaille im Baden-Württembergischen Landeswettbewerb “Unser Dorf hat Zukunft” ausgezeichnet.

Der Bürgerverein hat es sich auch zur Aufgabe gemacht, Strukturen und Einrichtungen zu schaffen, die sich der alternden Dorfbevölkerung anpassen. “Die Alten” sollen weiterhin am Dorfleben teilhaben können. Dazu gehören etwa ausreichend Sitzbänke, kulturelle Veranstaltungen und ganz praktische Angebote wie Mitfahrdienste oder ein Reparaturservice.

Zu sehen, wie eine motivierte Gruppe beherzt und professionell an die Umsetzung dieses Vorhabens geht, begeistert mich. In dem Wohnprojekt geht es darum, das Älterwerden selbstbestimmt und gemeinschaftlich zu gestalten. Ich glaube, das kann gerade für kleinere Gemeinden ein Zukunftsmodell sein.

Volker Krauth ist Kundenberater bei der GLS Bank und von der Genossenschaft und ihrem Projekt absolut überzeugt:

Fazit: Preiswürdiges Engagement

Die Daheim Bleiben eG ergänzt die Aktionen des Bürgervereins um den wichtigen Aspekt des Wohnens. Im Dezember 2022 wurden auch diese Bestrebungen honoriert: Die Genossenschaft räumte im Wettbewerb “Menschen und Erfolge” den ersten Platz im Bereich Wohnen ab. Der Wettbewerb wird vom Bundesministerium für Wohnen, Stadtentwicklung und Bauwesen durchgeführt.

Die GLS Bank gratuliert!

Die Gewinner des Wettbewerbs

Wir haben uns hier im Blog schon einmal die Frage gestellt, was wir im Alter brauchen. Lest euch den Text gerne durch. Schreibt uns, wie ihr euch euer Wohnen im Alter vorstellt.


Bleib auf dem Laufenden

Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge sofort per E-Mail zu erhalten.

Diesen Artikel teilen

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Weitere aktuelle Themen