Das Ende des harmlosen Naturschutzes

Kurz vor Weihnachten haben sich die Teilnehmerstaaten der Biodiversitätskonferenz COP15 im kanadischen Montreal auf eine Erklärung geeinigt, die den Schutz der Natur und ihre nachhaltige und gerechte Nutzung gewährleisten sowie das Artensterben beenden soll.

Kernelemente der Erklärung sind:

  • die Unterschutzstellung von jeweils 30 Prozent der Land- und Meeresflächen,
  • die Bereitstellung von 25 Mrd. Dollar für Naturschutzzwecke in den Ländern des globalen Südens durch die Industrieländer,
  • die Inwertsetzung und ehrliche Bilanzierung der Natur und ihrer Leistungen durch Unternehmen
  • und in Ansätzen auch der bessere Schutz von Rechten indigener Bevölkerungen.

In vielen Punkten bleibt das Dokument aber vage. Entsprechend fallen die Einschätzungen der Ergebnisse von Montreal auch unterschiedlich aus. Sie reichen von „historisch“ (EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen) über „Durchbruch“ (Ricarda Lang von den Grünen) bis zur Einschätzung des Naturschutzbund-Vorsitzenden Jörg-Andreas Krüger, die Welt rase in Sachen Natur- und Klimakrise auf den Abgrund zu und könne sich nicht wirklich zum Bremsen entscheiden. Vielleicht urteilt die Umweltjournalistin Heike Holdinghausen von der taz am treffendsten, wenn sie feststellt, die Naturschutz-Erklärung von Montreal markiere „ein bisschen Fortschritt“.

Blick in das Buch “Die Naturschutzrevolution”

In diesen Wochen ist in deutscher Sprache zugleich ein bemerkenswert anderes Buch über den Naturschutz erschienen: „Die Naturschutzrevolution“ von Bram Büscher und Robert Fletcher. Die beiden Autoren halten dem konventionellen Naturschutz den Spiegel vor und entwerfen eine „konviviale“ Alternative. Ich habe einen wohlwollend-kritischen Blick ins Buch geworfen.

Naturschützer*innen: Eine revolutionäre Kraft?

Es fällt nicht ganz leicht, sich Naturschützerinnen und Naturschützer als revolutionäre Kraft vorzustellen, die die sozial-ökologische Transformation von Gesellschaft, Politik und Wirtschaft radikal vorantreibt. Zu sehr denkt man beim Naturschutz hierzulande an Schutzgebiete, in denen der ökonomische „Normalbetrieb“ ausgesetzt ist, an die Pflege harmonischer Naturzustände, die es zu bewahren gilt, und an jenes „Zurück zu Natur und Natürlichkeit“, das sich als Gegenbild zur gehetzten und oberflächlichen Gegenwart versteht.

Sicher, es gibt in der Naturschutzbewegung auch Grundsatzdebatten über Lebensqualität, Eigenrechte der Natur und nachhaltige Entwicklung, über Agrar-, Energie- und Verkehrspolitik. Aber fundamental politische Fragen wie etwa diejenige nach dem ressourcenzehrenden Wachstums-, Wettbewerbs- und Freihandelsmodell im Gegenwartskapitalismus werden eher nicht gestellt oder auf Wochenendseminaren abgehandelt. Jedenfalls prägen sie den Naturschutzalltag nicht, der sich aus nachvollziehbaren Gründen eher durch Abwehrkämpfe aller Art auszeichnet und nach dem Motto verfährt: Retten, was zu retten ist.

Von der selbst auferlegten Genügsamkeit des Naturschutzes

Geht es nach Bram Büscher und Robert Fletcher, soll es mit dieser selbst auferlegten Genügsamkeit des Naturschutzes bald vorbei sein. Die beiden Entwicklungssoziologen von der Universität Wageningen mit dem Schwerpunkt Politische Ökologie begründen in ihrem Buch “Die Naturschutzrevolution. Radikale Ideen zur Überwindung des Anthropozäns” zunächst eindringlich, warum ein Abschied vom bisherigen „Mainstream-Naturschutz“ aus ihrer Sicht geboten ist. Das Argument: Trotz partieller Erfolge hier und da und trotz einer weltweit steigenden Zahl von Schutzgebieten gehen intakte Ökosysteme und Artenvielfalt in atemberaubender Geschwindigkeit zurück.

Wir stehen vor dem sechsten Massenaussterben von Arten in der Erdgeschichte, diesmal menschengemacht, und zwar vor allem durch Lebensraumzerstörung, intensivierte Landnutzung, Ausbeutung, Erderwärmung und Umweltverschmutzung. Es droht schon in naher Zukunft das Aussterben von einer Million Tier- und Pflanzenarten, so der Weltbiodiversitätsrat IPBES. Wer sich diese niederschmetternde Bilanz vor Augen führt, kann eigentlich kaum für ein „Weiter wie bisher“ im Naturschutz plädieren.

Absage an Naturschutz-Kolonialismus

Von der Strategie, wegen des drastischen Schwundes an biologischer Vielfalt die Bemühungen zur Ausweitung von Naturschutzgebieten an Land und auf dem Meer voranzutreiben, halten Büscher und Fletcher allerdings nicht viel. Ihre Kritik richtet sich dabei vor allem gegen die weltweite „Nature Needs Half“-Bewegung, die die Hälfte der Erdoberfläche menschlicher Nutzung entziehen will, vor allem jene Gebiete, die sich durch eine große biologische Vielfalt auszeichnen und um den Äquator herum ballen.

Man kann die recht pauschale Absage an Reservate als leichtfertig kritisieren, denn hinreichend große und gut vernetzte Schutzgebiete können sehr wohl einen relevanten Beitrag zum Artenschutz leisten, vor allem dann, wenn sie mit Entwicklungsperspektiven für die lokalen Bevölkerungen verknüpft werden. Aber den beiden Autoren geht es um Grundsätzliches.

Sie wollen die sogenannte Natur-Kultur-Dichotomie überwinden, in der der Mensch per se als Störfaktor gesehen wird, den es zum Wohle der nicht-menschlichen Arten möglichst zurückzudrängen gilt. Stattdessen wollen sie über die vernunftgemäße Gestaltung des Stoffwechsels zwischen Gesellschaft und Natur durch eine basisdemokratische Öffentlichkeit reden, über gesellschaftlich vereinbarte Werte, Ziele und Verfahren.

Indigenes Wissen in Naturschutzstrategien integrieren

Nicht zuletzt speist sich die Skepsis gegenüber der Idee, Naturschutz durch Parks erreichen zu können, bei Büscher und Fletcher aus einer kolonialismuskritischen Grundhaltung. Vor allem mit Blick auf Afrika verweisen sie darauf, dass die Ausweisung von Schutzgebieten in der Vergangenheit oft mit der Vertreibung indigener Bevölkerung einherging, die – trotz ökologisch angepasster Lebensweisen – zum vermeintlichen Wohle der „Wildnis“ verdrängt wurden.

Statt indigenes Wissen und indigene Lebenspraxis als zentrale Elemente in die Naturschutzstrategien zu integrieren, werde von weiten Teilen des Mainstream-Naturschutzes nach wie vor eine Denkfigur gepflegt, in der das Mensch-Natur-Verhältnis nur als Täter-Opfer-Beziehung gedacht werden könne. Der Sieg des einen ist dann die Niederlage der anderen.

Inwertsetzung verhindert den nötigen Wandel

Noch tiefer als die Aversion gegen exkludierende Schutzgebietsstrategien sitzt bei Büscher und Fletcher die Abneigung gegen Ökonomisierungsstrategien im Naturschutz, welche die Natur als Naturkapital in Wert setzen und zum handelbaren Gut machen wollen. Daran, dass die definitorische Einführung von Naturkapital als dritte Säule des Kapitalismus, neben Investivkapital und „Humankapital“, irgendetwas an den zerstörerischen Gegenwartstendenzen ändern könnte, haben sie erhebliche und gut begründete Zweifel.

Der heute etablierten Sprache der Klimaneutralität und der sogenannten Nature-Based Solutions, in der Wälder vor allem auf ihre Funktion als handelbare CO2-Senken zusammenschnurren, die zur Kompensation unterlassener Emissionsvermeidung dienen, können sich die Autoren jedenfalls nicht anschließen.

Brauchen wir Preise für Lenkungseffekte?

Auch hier könnte man wieder „pragmatisch“ argumentieren und den Autoren entgegenhalten, dass die Natur in Abwägungsprozessen doch nur verlieren könne, wenn ihr kein Preis zugeschrieben wird. Schließlich müssen die Preise die „ökologische Wahrheit“ sagen, um Lenkungseffekte zu bewirken.

Aber wie bei der Ablehnung der Natur-Kultur-Dichotomie geht es Büscher und Fletcher auch hier um Grundsätzlicheres. Ihre These: Der Kapitalismus, der Mensch und Natur durch seine Wachstumsfixierung deformiert und zurichtet, kann niemals zu jener sozial-ökologischen Transformation führen, derer es so dringend bedarf. Wo Akkumulationszwang und Eigentumsfetisch herrschen, sind Freiheit und Nachhaltigkeit schlicht unmöglich.

Ökologisch geläuterter Anthropozentrismus

Wollte man die Autoren im vertrauten politischen Koordinatensystem verorten, so wären sie sicher eher links einzusortieren. Ihren Marx haben sie gelesen, und auch die neuen Leitsterne am linken Firmament sind ihnen bestens vertraut, von David Graeber über Slavoj Žižek bis Naomi Klein.

Unterschiede zur traditionellen Linken mit ihrem öden Geschichtsdeterminismus bestehen aber vor allem in zweierlei Hinsicht: Büscher und Fletcher argumentieren nicht in der Denkwelt von Haupt- und Nebenwidersprüchen, sondern sehen sich als Teil eines breiter werdenden und äußerst diversen Denkstroms aus Klimagerechtigkeit, Wachstumskritik, Antikolonialismus, Allmende-Wirtschaft („Commons“) und Gemeinwohlorientierung.

Und sie bleiben nicht bei der Kritik und Dekonstruktion der herrschenden Verhältnisse stehen, die doch oft nur Ohnmachtsgefühle kultiviert, sondern präsentieren eine konkrete Alternative zu Mainstream-Naturschutz, Natur-Kultur-Dichotomie und Monetarisierung der Natur. Diese Alternative nennen sie – in Anlehnung an den von Ivan Illich in den 1970er Jahren eingeführten Begriff der Konvivialität – „konvivialen Naturschutz“.

Der konviviale Naturschutz

Den Wesenskern des konvivialen Naturschutzes bilden die vorbehaltlose Anerkennung der planetaren Grenzen, das solidarische Miteinander von Menschen zur Erhaltung ihrer natürlichen Lebensgrundlagen in Raum und Zeit und das permanente Anstreben eines kooperativen und lebensdienlichen Verhältnisses von uns Menschen zur nicht-menschlichen Mitwelt, zur belebten und unbelebten Natur, zu den Tieren, Pflanzen und anderen Lebewesen.

Dem Anthropozentrismus der Gegenwart wird also kein reiner „Ökozentrismus“ gegenübergestellt, sondern ein ökologisch geläuterter Anthropozentrismus, der den Menschen zurücknimmt, aber nicht ausschließt, seine Existenzbedürfnisse anerkennt, aber Hybris, Dominanz, Ökonomismus und blinden Technikglauben ablehnt.

Ein Quantensprung in der Naturschutzdebatte

Man kann kritisieren, dass Büscher und Fletcher ihre zentralen Begriffe im Buch nicht wirklich umfassend durchdringen, etwa den Konvivialismus (das lebensdienliche Miteinander), das Anthropozän (die Menschenzeit) oder das Kapitalozän (das Zeitalter des Kapitalismus). Auch die Zusammenhänge von Erderwärmung und Biodiversitätsschwund hätten eine umfassendere Behandlung verdient gehabt. So manche wertvolle Literaturquelle geht den Autoren durch.

Aber das Inspirierende am Konzept der beiden „Radikalen“ aus Wageningen ist, dass sie in der Zusammenschau aus Bekanntem und Neuem eine Perspektive auf den Naturschutz bieten, die weit über die enge Fachöffentlichkeit hinausgeht und so mehr Menschen für das überlebenswichtige Thema Biodiversität interessieren könnte.

Diskussionswürdige Punkte

Die konkreten Vorschläge des Buches sind allesamt diskussionswürdig, etwa die Weiterentwicklung

  • von ausschließenden Naturschutzgebieten zu Naturfördergebieten,
  • vom Experten- zum Mitmach-Naturschutz für alle,
  • vom spektakulären zum alltäglichen Naturschutz,
  • vom voyeuristischen Tourismus zur engagierten Besuchskultur,
  • von der „Entwicklungshilfe“ für Naturschutz zur Wiedergutmachung für angerichtete Schäden an der Natur des globalen Südens,
  • vom Naturkapital zu eingebetteten Werten,
  • von der vorherrschenden „Greenwashing“-Tendenz der Industrie zur ehrlichen Beteiligung von Unternehmen am Erreichen von Naturschutzzielen oder
  • von Kompensationszahlungen für entgangene wirtschaftliche Nutzungsmöglichkeiten durch Naturschutz zum „Naturschutz-Grundeinkommen“ für all jene, die in und an Naturschutzgebieten leben, vor allem im globalen Süden.

Ganz unabhängig von der Frage, ob das diskursiv-basisdemokratische Moment bei Büscher und Fletcher nicht ein wenig zu stark idealisiert wird und die Möglichkeiten der formalen Politik, des Rechts und der ökologischen Fachexpertise nicht eher unterschätzt werden, ist ihr Buch dennoch ein Quantensprung in der Naturschutzdebatte.

Fazit: Eine Fülle von Anregungen

Gerade die deutschen Naturschutzverbände, die sich in ihrer Arbeit sehr stark auf den Staat beziehen und sich in Kommissionen aller Art in halbherzige Kompromisse einbinden lassen, sollten in Zukunft stärker auf die Gesamtgesellschaft zielen, um neue Allianzen zu schmieden. In diesem Buch finden sie eine Fülle von Anregungen dafür, wie man Naturschutz zur Sache aller machen kann – und zwar an die Wurzeln gehend.

 

Dieser Beitrag erschien zuerst auf den Seiten der Klimareporter.

Informationen zum Buch
Bram Büscher, Robert Fletcher: Die Naturschutzrevolution. Radikale Ideen zur Überwindung des Anthropozäns. Passagen Verlag, Wien 2022, 280 Seiten, 38 Euro

Wenn ihr mehr von und über Reinhard Loske erfahren wollt, empfehlen wir euch ein Interview mit ihm aus dem Jahr 2019 und seine Buchrezensionen von Ende 2021 auf unserem Blog.

Natur, Kapitalismus und das Neue – Interview mit Reinhard Loske

Nachhaltiges Wirtschaften: Von gut gemachten Dingen und sauberen Lieferketten

Diesen Artikel teilen

3 Antworten zu „Das Ende des harmlosen Naturschutzes“

  1. Avatar von Asel
    Asel

    |

    Interessanter Artikel, die Ansätze sind sehr gut überlegt;)

    Asel

  2. Avatar von Matthias Losert
    Matthias Losert

    |

    Das parlamentarische Fazit „ein höherer Preis für Kohlenstoffemissionen wäre sinnvoll, schadet aber der monetären Wettbewerbsfähigkeit“ offenbart die Vorherrschaft eines „monetären Weltbildes“, was uns auf dem „highway to hell“ navigiert.
    Wirtschaftswissenschaft ist eine Geisteswissenschaft; keine Naturwissenschaft. Unsere Wirtschaftslehre konstituiert sich durch Axiome, die u. a. mit naturwissenschaftlichen Einsichten unvereinbar sind. … Eine wissenschaftsübergreifende Plausibilitätsprüfung dysfunktionaler Axiome findet im „politischen Diskurs“ nicht statt.
    Eine Anpassung der Axiome wäre denkbar. Das setzt voraus, dass wir die Selbstentfaltung vom Universum aus dem Nichts verstehen und in „marktwirtschaftliche Sprache für den Güterkreislauf transferieren“. Danach sollte unser Währungsaxiom Güter- und Finanzkreislauf so vernetzten, dass die unsichtbare Hand der Evolution und vom Finanzmarkt an einem Strang ziehen.
    Dadurch hätten wir ein „symbiontisches Navi“, was Ökonomie mit Ökologie versöhnt.

  3. Avatar von Oliver Schmitt
    Oliver Schmitt

    |

    Ein sehr interessanter Artikel, danke fürs Teilen. Das Buch werde ich mir besorgen – aus der Bücherei.
    Das am Anfang verwendete Wort „Massenaussterben“ halte ich für unangemessen. Es handelt sich eher um eine Massenausrottung, die Tiere und Pflanzen werden ja aktiv vom Menschen getötet, mehr oder weniger direkt.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Weitere aktuelle Themen