RESQSHIP :: Ein Schiff für Menschen auf der Flucht

RESQSHIP – Menschen sterben im Mittelmeer. Täglich. Das ist zwar bekannt, aber sind wir uns dieser Tatsache wirklich bewusst?

Gegen menschenunwürdige Zustände

Der Verein RESQSHIP mit Sitz in Hamburg und Außenstellen in Freiburg und Bochum hat sich zum Ziel gesetzt, Menschenleben auf dem Mittelmeer zu retten. Dafür wird ein Rettungsschiff benötigt, das durch Spenden finanziert werden soll. „Solange es keine politische Lösung gegen das Massensterben auf dem Mittelmeer gibt, wollen wir dort zukünftig durch unseren Einsatz helfen“, sagt Gründungsmitglied Judith Büthe. An zweiter Stelle steht das Ziel, gemeinsam mit anderen großen und kleinen Hilfsorganisationen ein Netzwerk zu entwickeln, um diesen menschenunwürdigen Zuständen entgegenzuwirken. Ebenso will RESQSHIP die psychologische Nachversorgung von ehrenamtlichen Helfern leisten. „Zudem möchten wir an Schulen und Universitäten gehen, um dort aufzuklären und von unseren Erfahrungen zu berichten“ ergänzt Judith Büthe.

resqship - rettungseinsatz Frauen und Kinder

Schwierig auszuhaltende Bilder

RESQSHIP wurde im Juni 2017 gegründet. Judith Büthe, die 2016 gemeinsam mit den anderen Gründungsmitgliedern zu ihrer ersten Rettungsmission ins Mittelmeer aufbrach, ist Fotojournalistin aus Bochum und hat auf diesem Einsatz beeindruckende und gleichzeitig beklemmende Bilder aufgenommen, die die gegenwärtige Situation dokumentieren. Auch wenn nur eine leise Ahnung von dem, was sich auf hoher See abspielt, hervorgebracht wird, ist das bereits schwierig auszuhalten.

Die Situation: Menschen auf der Flucht, die um ihr Leben bangen, haben oftmals keine Chance, das Land auf legalem Weg zu verlassen. In Libyen, von wo geflüchtete Menschen Richtung Italien das Mittelmeer überqueren, sind sie Vergewaltigung, Folter und Sklavenhandel ausgeliefert. So hoffen sie darauf, durch Schlepper entkommen zu können, die auf ein Boot 120 bis 150 Menschen quetschen. „Menschen berichteten uns nach ihrer Rettung von der Flucht aus ihren Herkunftsländern, ihrer oftmals langen Zeit in Libyen, von den Schleppern, die sie bezahlten, um der Hölle dort zu entkommen. Ihnen war vorher gar nicht bewusst, worauf sie sich bei der Überfahrt mit den Gummibooten einlassen. Sind sie erst einmal an einem vereinbarten Treffpunkt am Wasser und das Boot völlig überfüllt bereit zum Ablegen, gibt es keine Chance für die Menschen mehr, sich anders zu entscheiden. Weigern sie sich, das Boot zu besteigen oder wollen wieder heraus, droht ihnen in der Regel schlimmste Gewalt der Schlepper, so Augenzeugen, die wir an Bord hatten“, berichtet Judith Büthe. Die Zustände auf den Booten sind kaum vorstellbar. Menschen werden erdrückt oder gehen über Bord; Schläuche platzen unter der immensen Last und die Menschen ertrinken, ersticken oder holen sich starke Verbrennungen im Inneren des Gummiboots, denn das Gemisch aus Salzwasser und Zweitakter-Benzin ist hochätzend.

Primärer Fokus: Menschenleben retten

Im Jahr 2017 sind so laut IOM (Internationale Organisation für Migration) 3095 Menschen im Mittelmeer ertrunken, die Dunkelziffer ist wahrscheinlich viel höher (Stand: 13.12.2017). Anhand dieser Zahlen wird eindeutig klar: Die Arbeit von Hilfsorganisationen und NGOs wird mehr gebraucht denn je. 40% der Einsätze werden laut Frontex von privaten NGOs durchgeführt. Der primäre Fokus der staatlichen Organisationen liegt jedoch auf der Bekämpfung von Schleppern und dem Schutz der europäischen Außengrenzen, nicht auf den Rettungsaktionen.

Die Politik erschwert die Arbeit von RESQSHIP

Die Arbeit der zivilen Retter werde vor allem durch die libysche Küstenwache erschwert. „Diese sogenannte Küstenwache, die nicht aus ausgebildeten Seeleuten besteht, sondern aus ohne klar kommunizierten Kriterien ausgewählten Milizen und Anhängern von Warlords in Libyen, überfällt Flüchtlinge in Schlauchbooten und attackiert mit schwerem Geschütz an Bord Nichtregierungsorganisationen“, erklärt Judith Büthe. Die freie Berichterstattung vom Massensterben im Mittelmeer werde so erschwert, denn „… wenn es keine Bilder gibt, verblasst die Katastrophe in den Köpfen der Menschen. Das Problem ist dann nicht mehr existent.“ Die EU unterstützt libysche Milizen, deren Rettungseinsätze höchst fragwürdig sind und die die wichtige Arbeit von NGOs erheblich erschweren.

resqship rettungseinsatz überfülltes Gummiboot

Wie läuft so eine Rettung ab?

Judith Büthe bricht es für uns herunter: „Wir bekommen über Funk Koordinaten vom MRCC in Rom und machen uns auf den Weg zu dem in Seenot geratenen Gummiboot. Ein Teil der Crew, darunter auch Mediziner*innen, bereitet sich mit ein bis zwei Schnellbooten, die vom Rettungsschiff aus ins Wasser gelassen werden, darauf vor, an das Boot mit den Geflüchteten heranzufahren und den Kontakt zu ihnen zu suchen. Dann werden wichtige Fragen gestellt: Gibt es Verletzte oder Tote im Innenraum des Bootes, sind Frauen und Kinder an Bord, die wir als erstes von den Booten holen und medizinisch an Bord des Rettungsschiffes versorgen. Anschließend werden Rettungswesten an die Insassen ausgegeben und es wird erklärt, wie diese anzulegen sind. Nach und nach werden die Menschen aus dem überfüllten Gummiboot auf die Schnellboote geholt und auf das Rettungsschiff gebracht, wo sich der andere Teil der Crew um die Ausgabe von Wasser und die medizinische Versorgung kümmert. Nun ist es an der italienischen Küstenwache, einem zuständigen Militärschiff oder in der Vergangenheit auch größeren Rettungsschiffen von NGOs gelegen, die Menschen in einen sicheren Hafen zu bringen.“ Freiwillige Helfer*innen müssen zum Teil extreme Situationen aushalten: Kontakt mit dem Tod, Bergung von Leichen, Menschen, die vor den eigenen Augen ertrinken, weil die Hilfe zu spät kommt oder aber Rettungseinsätze durch die sogenannte libysche Küstenwache be- oder verhindert werden. „Der Großteil der Rettungsaktionen aber verläuft durch gute Planung und Strukturen der NGOs, die sich bislang bewährt haben, erfolgreich“, ergänzt Frau Büthe hoffnungsvoll. 

RESQSHIP will ein Rettungsschiff kaufen

Diese beklemmende Situation zeigt: Es wird noch mehr aktive Hilfe auf dem Mittelmeer benötigt. RESQSHIP finanziert sich allein aus Spenden und arbeitet ausschließlich mit ehrenamtlichen Helfer*innen. Hohe Anschaffungskosten fallen für das Schiff an. Zudem wird mit monatlichen Kosten von rund 40.000 Euro gerechnet. Der Plan: Mit einer 15-köpfigen Crew Einsätze vor Libyen zu fahren. Spenden sind also dringend erwünscht.

… und benötigt deine Hilfe

Wenn du der Organisation helfen möchtest, kannst du dich ihr anschließen und sie mit deiner nautischen, medizinischen oder journalistischen Erfahrung unterstützen. „Aber auch Menschen, die keine Vorkenntnisse mitbringen und sich die Arbeit auf dem Wasser oder auch mit uns gemeinsam an Land vorstellen können, sind herzlich willkommen“, so Judith Büthe.

Spenden kannst du hier. Hilf RESQSHIP dabei, ein geeignetes Rettungsschiff zu finanzieren, mit dem so viele Menschenleben wie möglich gerettet werden können. Auch Bordequipment und die Ausstattung für einen medizinischen Behandlungsraum werden benötigt.

Gesucht: kleines Büro in Bochum

Zudem wird seit Vereinsgründung im Juni 2017 ein kleines, erschwingliches Büro gesucht, stadtnah in Bochum, um die täglich anfallenden Büroarbeiten zu erledigen und für die freiwilligen Helfer*innen Zugang zu Infomaterialien zu schaffen, z. B. für Veranstaltungen. Wenn ihr RESQSHIP unterstützen könnt, wäre das für den Verein eine große Hilfe.

Humanität der europäischen Gesellschaft in der Krise

Ein Zitat von Veit Lorenz Cornelis, Vorstandsmitglied RESQSHIP, in seinem Vortrag zum Internationalen Tag der Menschenrechte am 10. Dezember 2017 in Freiburg fasst anschaulich zusammen, warum die Arbeit von RESQSHIP (und uns allen) so wichtig ist:

[…] Die Situation an den Außengrenzen Europas ist eine humanitäre Katastrophe. Die Situation in den Ländern, aus denen Menschen aufgrund von Kriegen, Gewalt, Zwängen und Hunger sowie Krankheit fliehen, ist dies ebenso. Eine Schuldzuweisung zu suchen, bringt aus meiner Sicht nichts. Und dennoch müssen wir handeln! Wir alle, die sich für die flüchtenden Menschen einsetzen, sind die Antwort darauf, was oft als „Flüchtlingskrise“ benannt wird, sich de facto jedoch als eine Krise der Humanität der europäischen Gesellschaften demaskiert […]

Handeln

Jeder kann etwas tun. Niemand möchte, dass Menschen ertrinken oder verhungern müssen. Zu Zeiten, in denen durch Hatespeech Hass geschürt wird, ist es von dringender Wichtigkeit, sich die Zustände in Kriegsländern bewusst zu machen und die eigene Wohlstandsposition zu hinterfragen.

Fotos: Judith Büthe / RESQSHIP

Interessant? Lies auch folgenden Beitrag auf dem GLS Bank-Blog:

Flüchtlingsradio – „Wir machen das aus Liebe“

 

 

 

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