FENSTER AUF! – der kulturelle Schlachtruf der Pandemie

FENSTER AUF! – Die Corona-Krise schickt erneut Kunst und Kultur in Quarantäne. Dabei bräuchten wir alle besonders in diesen Zeiten die Kraft und Zuversicht spendende Kunst. Die uns berührende Musik, das Tanzen, das Schauspiel, das miteinander Lachen. Wir vermissen die Albernheit, das Drama – die mit Wucht daherkommende Kunst und Kultur in all ihren Facetten! Die persönlichen Begegnungen! Mit all unseren Sinnen! Wir dürsten alle danach!

Die Künstler*innen und Kulturschaffenden trifft dieses erneute Verharren, Warten und Nichtstun bis ins Mark. Bereits im Frühjahr mussten die Kreativen um ihre Existenzen bangen. Und das nicht nur finanziell. Sie wollen endlich wieder raus. Bei und mit ihrem Publikum sein! Auch sie darben danach!

Sie nach uns und wir nach ihnen! Wir brauchen uns gegenseitig! Live!

Und daher wird jetzt kulturell durchgelüftet! Für alle Menschen im Kulturbereich! Für alle Menschen, die Zuhause sind! Für alle Menschen im homeoffice! Für alle, die Kunst und Kultur vermissen! Für alle!

Kunst trotz Lockdown in Bochum

Macht die FENSTER AUF! Sie kommen – ganz coronaconform – aber sie werden da sein! Jeden Donnerstag um 18.00 Uhr, immer zeitgleich an verschiedenen Orten in Bochum.

Die Künstler*innen werden von der Initiative FENSTER AUF! engagiert und bezahlt. Diese Initiative wurde am 31.Oktober 2020 in der GLS Bank durch Katja Leistenschneider, Kommunikatorin, und Aysel Osmanoglu, Vorständin der GLS Bank, ins Leben gerufen. Beide hatten unabhängig voneinander das Bedürfnis, die Menschen zu ermutigen und ihnen eine Freude zu bereiten. Gemeinsam machten sie sich an die Umsetzung.

Sieben Künstler*innen werden jeweils an drei Orten in Bochum auftreten. In verschiedenen Sprachen rufen sie laut „FENSTER AUF!“, um die Anwohner*innen auf ihre Performance aufmerksam zu machen.

Impression FENSTER AUF in Bochum / ©Stephan Muennich
Impression FENSTER AUF in Bochum / ©Stephan Muennich

Sie bringen Musik, Gesang, Lesung, Schauspiel – direkt vor Euren Fenstern. Das sorgt für Abwechslung im Alltag und für Arbeit bei Künstlerinnen und Künstlern.

Wo genau – das sagen wir vorher nicht, denn Ihr sollt in den Fenstern stehen, nicht auf der Straße. Also macht es Euch gemütlich und vergesst für eine gute Viertelstunde alles andere. Natürlich seid Ihr alle eingeladen mit zu tanzen, zu singen und zu klatschen! Wenn die Zeit um ist, ziehen die Künstler weiter.

Wer steckt dahinter?

Für FENSTER AUF! haben sich Kulturschaffende auf Einladung der GLS Bank zusammengeschlossen. Konzept und Realisation sind von Katja Leistenschneider – unter anderem als Moderation beim Radio Bochum unterwegs. Die Technik stellt Sven Nowoczyn von der eventmediagroup aus Bochum zur Verfügung. Weitere Kulturschaffende helfen tatkräftig in Bochum mit und entwickeln Ideen zur Verbreitung der Idee in weiteren Städten.

Katja Leistenschneider, Impression FENSTER AUF in Bochum / ©Stephan Muennich
Katja Leistenschneider Impression FENSTER AUF in Bochum / ©Stephan Muennich

Mit vielen kleinen künstlerischen Auftritten will der Verbund erreichen, dass die Menschen auch in dieser Zeit gesehen und geschätzt werden. Zudem erhalten Künstler*innen eine dringend notwendige Einkommensquelle.

Über 1,5 Millionen Beschäftigte arbeiten in der Kreativ-Branche. Besonders freischaffende Menschen sehen sich in ihrer Existenz bedroht. Über fenster-auf.org werden Spenden gesammelt, um die Künstler*innen zu entlohnen.

 

 

Aysel Osmanoglu, Vorständin der GLS Bank, ist bei der Aktion FENSTER AUF dabei / ©Stephan Muennich
Aysel Osmanoglu, Vorständin der GLS Bank / ©Stephan Muennich

Wenn die Menschen nicht ins Theater können, dann müssen wir das Theater zu den Menschen bringen“,

sagt Aysel Osmanoglu, Vorständin der GLS Bank.

Die Bank finanziert die Aktion mit 10.000 Euro. Zusätzlich sollen Spenden gesammelt werden, um die Aktion weiterzuführen. Bereits im Frühjahr hat die GLS Bank mit der eigens geschaffenen Kunstnothilfe begonnen, Spenden für in Not geratene Künstler*innen zu sammeln.

Kunst und Kultur sichtbar machen – die Menschen dahinter

Was für eine wunderbare Idee! Ich bin so gespannt, auf wen ich treffe. Wer seid Ihr? Was treibt Euch an? Ich habe bei vieren der mitwirkenden Künstler*innen also mal hinter die Kulissen geschaut.

Kai Bettermann

Kai Bettermann
Kai Bettermann

Kai Bettermann absolvierte sein Schauspielstudium 1991 an der Akademie in Ulm, spielte von da an auf vielen Bühnen der freien Theaterszene NRW, sowie Kinder und Jugendtheater Dortmund, Junge Oper Dortmund, Stadttheater Essen, -Oberhausen und Theater der Klänge.

Mit seinen Musiktheaterstücken „Being Freddie Mercury“ und „Rene Reloaded“ ist er immer wieder auf Tournee. Seit 2015 spielt und singt er in vielen Produktionen am Duisburger Theater. Mit seinem Duo „Les Deux“ erwecken Kai Bettermann und Gitarristin Sabine Thielmann Literatur und Musik zu neuem Leben. Seit 20 Jahren ist er Dozent für Körperpräsenz und Stimme, inszeniert Theaterstücke mit Flüchtlingen und Gefangenen.

Lieber Kai, warum FENSTER AUF?

Wenn die Menschen nicht mehr die Theater und Musikstätten besuchen können, müssen wir das Theater, die Musik zu ihnen bringen. Beide werden bereichert: der Künstler kann endlich das tun, was er liebt – in meinem Fall singen/spielen und die Zuhörer in ihren Wohnungen werden berührt von den Melodien und das jemand live für sie präsent ist.

Martina und Thomas Hoeveler

Martina und Thomas Hoeveler
Ehepaar Martina und Thomas Hoeveler

„Die Bühne scheint mir der Treffpunkt von Kunst und Leben zu sein.“ Damit beschreibt Oscar Wilde sehr treffend das Motto des kleinewelttheater. Denn das ausgebildete Schauspieler- und Musikerpaar Martina und Thomas Hoeveler lebt nicht nur, sondern arbeitet auch zusammen.

Nach zahlreichen Engagements als Schauspieler und Musiker an Theatern in Deutschland gründeten sie 1997 ihre eigene Spielwiese: Das kleinewelttheater. Seitdem sind sie mit Theater- und Musikproduktionen unterwegs zu ihrem Publikum in Stadthallen und Bürgerhäusern, in Theatern und Schulen oder auch auf der Straße, wo sie vor geöffneten Fenstern Bossa Nova-Songs spielen.

Beide treibt der Wunsch an, kleine Kunstwerke zu erschaffen und nach der Leichtigkeit zu forschen. Diese Suche macht sie als Künstler und Menschen immer wieder glücklich, auch wenn der Weg oft mühsam und unüberwindbar scheint. Wie Karl Valentin schon sagte: Kunst ist schön, macht aber viel Arbeit. Aber weil Kunst eben so schön ist, gehen sie diesen Weg wieder und wieder. Denn am Ende wird immer alles gut.

Ausgezeichnet wurden sie mit dem KULTURPREIS der Stadt Velbert und mit dem
Preis KULTUR PRÄGT des Landes NRW.

Wichtig ist ihnen auch der Dialog, nicht nur auf der Bühne. Der Austausch mit anderen Künstler*innen, seien es darstellende, bildende oder literarische, und auch dem Publikum bleibt für Martina und Thomas Hoeveler inspirierend und wichtig, um über den eigenen Tellerrand hinauszublicken.

Liebe Martina, lieber Thomas, was hat Euch dazu bewogen, nun bei der Aktion FENSTER AUF mitzuwirken?

„Die Aktion FENSTER AUF! liegt genau auf unserer Herzenslinie. Da entsteht Empathie zwischen Künstler*innen und Publikum und eine wunderbare Solidarität, die die Künstler*innen durch das Publikum erfahren. Trotz, oder wahrscheinlich nur wegen der momentanen Situation mit all ihren Einschränkungen konnte diese kreative Idee Wirklichkeit werden. Für uns ist sie auch ein Zeichen für die Freiheit der Kunst.“

Rainer Limpinsel „Mambo Kurt“

Mambo Kurt ist bei der Aktion FENSTER AUF dabei
Rainer Limpinsel „Mambo Kurt“

Mambo Kurt – Ein Alleinunterhalter mit einer Heimorgel spielt und singt Coverversionen von Songs, die man nie an einer Heimorgel erwartet hätte.

Es gibt Tage, an denen ist „Abba“ zu hart oder „Slayer“ zu weich. Für alle anderen Gemütszustände gibt es Mambo Kurt. „Der allseits beliebte, leicht durchgeknallte Orgelgott“ interpretiert eine feine Zusammenstellung wahrer Welthits auf seiner geliebten Heimorgel. Mambo Kurt zelebriert die hohe Kunst des Weglassens und Nichtsingenkönnens, dass es eine wahre Freude ist. Jeder Song ist eine Hommage an die Originalinterpreten.

Mambo Kurt war 1982 westdeutscher Meister im Heimorgelspielen in der Altersgruppe der bis 14jährigen. Ende der 90er bot er zum ersten Mal im kleinen Kreis Coversongs auf der Heimorgel dar. Sofort fand sich in Heavy-Metal Kreisen eine große Fangemeinde, da Mambo eine Vorliebe für Rocksongs hat. Der Trash-Hype der Jahrtausendwende spülte Mambo ins TV, zu RTL und VIVA2, um genau zu sein. Es folgte ein Engagement am Schauspielhaus Hannover in 2003 und eine Komponistentätigkeit für ARTE. Mambo Kurt ist nach eigenen Aussagen definitiv der einzige Künstler, der beim europäischen Theater-Festival in Wiesbaden auftrat und eine Woche später beim Parookaville in Weeze und noch eine Woche später in Wacken. Mambo Kurt war von 2006 bis 2017 einmal die Woche als kleinste Studioband der Welt in der SWR latenight Show im TV zu sehen. Mambo bespaßt Festivals in ganz Europa.

Lieber Mambo, noch ganz kurz etwas zu Corona und FENSTER AUF?

„FENSTER AUF ist eine ganz tolle Aktion. Ich bin stolz, dass Bochum sowas erfunden hat. Bundesweit wollen viele Künstler das jetzt nachahmen. Corona-Zeit ist für Künstler einfach nur scheiße. Pleite und Langeweile. Gut, dass ich über 50 bin. In jungen Jahren hätte mich Corona sehr viel mehr gestresst.“

Ich freue mich schon sehr auf die nächsten persönlichen Begegnungen mit den Künstler*innen. Auf ihre Musik, ihren Gesang, ihr Schauspiel. Schaut aus Eure Fenster – jeden Donnerstag Abend ziehen sie durch die Stadt – ! vielleicht stehen sie auch auch bald vor Eurer Tür!

Videos der Auftritte finden Sie auch auf unserem Instagram Kanal.

Auch interessant zum Thema Kunst und Kultur, hier bereits im Blog erschienen:

„Covid19 Spezial“ – Kunst: Schöpferkraft und Kraftschöpfung

Alle Fotos, ausser die der Künstler*innen, ©Stephan Muennich

  1. Kerstin J.

    Großartige Idee, tolle Sache!! :)
    Ich hoffe das sich dieses Beispiel schnell auf andere Städte ausbreitet.

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