TINCON :: Ein Festival für digitale Jugendkultur

Ende Mai findet in Berlin zum ersten Mal die Teenage Internetwork Conference, kurz TINCON, statt. Sie ist quasi der jugendliche Ableger der in diesem Jahr bereits zum 10. Mal stattfindenden Netzkonferenz re:publica. Sie wird maßgeblich initiiert und organisiert von den beiden re:publica-Machern Tanja und Johnny Haeusler.

GLS Online-Redakteur Hannes Korten hat mit Johnny Haeusler über die Ziele, Motivationen und Inhalte der TINCON, die von der GLS Bank gefördert wird, gesprochen.

Johnny, stell dich bitte unseren Leserinnen und Lesern bitte kurz vor.

Johnny und Tanja Haeusler // Foto: Alice Plati // TINCON.orgIch betreibe unter anderem das Weblog Spreeblick.com und habe vor gut 10 Jahren gemeinsam mit meiner Frau Tanja und anderen die Netzkonferenz re:publica gegründet. Vor drei Jahren haben Tanja und ich dann gemeinsam ein Buch geschrieben. Es heißt Netzgemüse und ist ein Elternratgeber. Es beschäftigt sich damit, wie Eltern Kinder und Jugendliche an digitale Medien und ihre Nutzung heranführen und sie im besten Sinne kompetent machen können. Uns war dabei ein positiver, nicht von Ängsten und Risiken geprägter Ansatz wichtig. Das Buch war ein Erfolg und hat uns dann ins Nachdenken gebracht, wie wir unsere Erfahrungswelten aus „Netzgemüse“ und der re:publica, die mittlerweile eine der größten und erfolgreichsten Netzkonferenzen Deutschlands ist, zusammenbringen können. Das Ergebnis nennt sich nun TINCON und steht für „Teenage Internetwork Convention“.

Was genau ist die TINCON?

Initiiert ist die Veranstaltung von unserem gemeinnützigen Verein TINCON e.V. Die TINCON ist ein Festival für Jugendkultur. Wir wollen Ende Mai rund 1.000 Jugendliche im Alter von 13 bis 21 Jahren im Haus der Berliner Festspiele zusammenbringen und miteinander vernetzten, online to offline quasi. Wir wollen die ganzen unterschiedlichen Digitalbereiche, die inzwischen Gesellschaftsbereiche geworden sind, abbilden. Sie sollen in alles reinschnuppern können. Es wird Workshops geben, Diskussionen, Vorträge, kurzum, es wird vor allem interaktiv zugehen. Alle sollen mit- und voneinander lernen können, Dinge aus und ihren digitalen wie realen Horizont erweitern. Und zwar ohne, dass ihnen die Eltern oder andere Erwachsene dabei im Nacken sitzen. Ich glaube, wenn man unter Gleichgesinnten ist und sich nicht permanent erklären muss, warum man gerade ins Smartphone schaut oder welche Games man spielt, dann ist man einfach freier, in dem was man macht.

Warum sollten die Jugendlichen zur TINCON kommen?

Der ganzheitliche Ansatz der TINCON ist neu. Das gibt es bei anderen Veranstaltungen, die sich an Jugendliche richten nicht in dieser Form. Es geht darum, die unterschiedlichen Talente miteinander zu vernetzen. Wir wollen Perspektiven aufzeigen, wie die Jugendlichen gemeinsam Dinge tun können. Welche verschiedenen Begabungen und Fähigkeiten können sinnvoll zusammenwirken, um etwas Neues zu schaffen. Es braucht nicht nur Programmierer für digitale Medien, es braucht auch Geschichtenerzähler, Zeichner, Projektmanager, vieles mehr. Was passiert, wenn Youtuber mal über ihren Tellerrand schauen.

Es wird auch um Dinge wie Netzpolitik und Medienkompetenz gehen. Wir werden diskutieren, wie sich Jugendliche sicher im Netz bewegen. Und zwar einerseits in Bezug auf die Kommunikation, Hatespeech und Cybermobbing sind da aktuelle Themen, aber andererseits auch in Bezug auf die technische Sicherheit. Wir werden auch Crypto-Partys feiern, bei denen es um den sicheren Umgang mit Daten im Netz gehen wird. Auch Kunst und Kreativität werden ihren Raum bekommen. Wie kann man mit digitalen Medien Kunstwerke schaffen?

Kurzum, es lohnt sich auf jeden Fall, nach Berlin zu kommen. Zudem schließen wir eine Alterslücke. Viele Veranstaltungen richten sich nur an Kinder oder dann wieder an junge Erwachsene. Wir haben bewusst ein anderes Spektrum gewählt.

Mit welchen Partnern arbeitet ihr bei der TINCON zusammen?

Wir freuen uns, dass die GLS Bank als erster mit an Bord und von der Idee begeistert war. Das hat uns gerade zu Beginn einige wichtige Freiheiten verschafft. Im politischen Bereich, also Demokratie, politische Bildung und Netzpolitik, arbeiten wir mit der Robert Bosch-Stiftung zusammen. Auch die Junge Aktion Mensch, JAM, ist Partner der TINCON, sie besetzt so wichtige Felder wie Inklusion und Integration. Auch das Bundesfamilienministerium ist an Bord und fördert die Veranstaltung.

Was Medien angeht reden mit dem neuen Jugendprogramm von ARD und ZDF, was zwar erst Ende des Jahres an den Start gehen wird, aber sie haben jetzt schon großes Interesse an neuen Kommunikationswegen mit der jungen Zielgruppe.

Was treibt dich und Tanja persönlich an, eine solche Veranstaltung auf die Beine zu stellen?

Uns treibt eine große Unzufriedenheit an. Sowohl Politik als auch Wirtschaft reden seit vielen, vielen Jahren darüber, welche Chancen die digitale Gesellschaft bietet, welche Partizipationsmöglichkeiten und welche neuen Berufsbilder es gibt. Wir persönlich sehen das nur ganz, ganz selten umgesetzt. Wir sehen nicht, das Jugendliche gefragt sind, wenn es um gesellschaftliche Partizipation geht, wir sehen nicht, dass die Schulen es schaffen, diesen ganzen Ansprüchen gerecht zu werden, weder personell noch von der technischen Ausstattung. Und wir sehen ganz viele verzweifelte Eltern, die diesen ganzen digitalen Kram komplett ablehnen und sich darüber aufregen, dass die Kinder dieses oder jenes Videospiel spielen oder über Whatsapp kommunizieren.

Die Fragen, die wir uns wirklich stellen müssen, nämlich wie bewege ich mich sicher im Netz, was für Auswirkungen haben Spiele, welche Fähigkeiten kann ich durch die intelligente Nutzung digitaler Medien entwickeln, dazu kommt es in vielen Fällen gar nicht. Es ist immer so ein Schwarz-Weiß-Malen. Wir möchten jungen Menschen gern ein digitales Selbstbewusstsein geben und dafür sorgen, dass sie Kompetenzen, die über die reine Kommunikation hinausgehen, erhalten. Unsere Motivation ist, eine Lücke zu füllen und da rein zu gehen, wo Eltern und Lehrer es nicht mehr leisten können.

Wie wollt ihr die Eltern erreichen, dass sie ihren Kindern eine Teilnahme an der TINCON ermöglichen?

Wir werden den potentiellen jugendlichen Gästen in Form eines ‚Elternzettels‘ Argumentationshilfen an die Hand geben. Bei den älteren Jugendlichen so ab 16 gehen wir davon aus, dass die schon relativ selbstbestimmt über eine Teilnahme entscheiden dürfen. Wenn Eltern das natürlich komplett ablehnen, dann wird es natürlich schwierig. Wir können da nur appellieren, unsere Kompetenz in die Waagschale werfen und hoffen, dass die Eltern uns da vertrauen. Es geht uns darum, die Jugendlichen mit Spaß und Freude zu motivieren und inspirieren. Sie sollen massig Wissen mitnehmen.

Wollt ihr die Jugendlichen zu Multiplikatoren der guten Sache machen?

Das hoffe ich doch, klar. Das schwierige und schöne an der TINCON ist, dass wir uns selbst erfinden. Das haben wir vor 10 Jahren mit der re:publica auch machen müssen. Die gab es vor zehn Jahren auch noch nicht und es gibt bis zum Mai auch noch keine TINCON. Wir experimentieren also. Ich bin sicher, dass wir das ein oder andere Format haben, das nicht funktionieren oder angenommen wird. Andere Formate werden dafür besser laufen, als wir vielleicht heute erwarten. Die Gäste werden die TINCON zu dem machen, was sie ist. Das ist für uns eine aufregende Sache, aber wir sind zuversichtlich.

Wie gestaltet sich das Programm? Haben die Jugendlichen Möglichkeiten, sich selbst einzubringen?

Das Programm wird zu zwei Dritteln aus von uns kuratierten Inhalten bestehen, mit denen wir uns seit einigen Wochen beschäftigen. Dieses Programm stimmen wir konstant mit unserem Jugendbeirat ab, der aus mittlerweile rund 15 Teenagern besteht und uns berät. Das weitere Drittel wird ausgeschrieben, Projekte und Jugendliche können sich bewerben mit Ideen, Workshops und Vorträgen. Das einzige, was wir vermeiden wollen, ist Langeweile. Es soll aufregend werden und vor allem Spaß machen, wir wollen die vielen Möglichkeiten feiern. Die Jugendlichen sollen nach der TINCON rausgehen und Bock haben, tolle Dinge mit den digitalen Möglichkeiten, die sie haben, zu machen.

Gibt es ein Lieblingsformat, auf das du dich besonders freust?

Es gibt ein paar Leute, die auf interaktive Formate setzen. Leute, die mit den Jugendliche reden wollen. Zum Beispiel jemand wie Raul Krauthausen, der seit vielen Monaten Mails und Kommentare von jungen Menschen bekommt, die von ihm wissen wollen, wie es ist, Glasknochen zu haben oder im Rollstuhl zu sitzen. Diesen Dialog wollen wir fördern. Das gleiche gilt aber auch für Berufsbilder, die die Jugendlichen vielleicht noch nicht kennen. Wo man den Begriff kennt, aber nicht weiß, was eigentlich dahinter steckt. Wir haben ein Motto, das heißt „Wissen aus erster Hand“. Wir möchten, dass möglichst viele Leute von ihrem Leben und ihrer Arbeit erzählen und berichten.

Warum habt ihr euch mit dem TINCON e.V. für die GLS Bank entschieden?

Wir kennen die GLS Bank schon länger. Unter anderem auch aus der Kooperation mit der re:publica im letzten Jahr. Außerdem haben wir gesehen, dass viele Initiativen aus unserem Umfeld auch ihre Konten bei euch haben. Und als wir uns dann schlau über eure Hintergründe gemacht haben, waren wir so überzeugt, dass wir unser Konto bei euch eröffnet haben.

Vielen Dank und gutes Gelingen dem ganzen TINCON-Team!

  1. Ich habe mal über das Netzwerken auf der #rpTEN gebloggt – u.a. mit Jürgen Korten im Video http://www.brand-l.net/blog/2016/05/17/republica-2016-live-event-affenfelsen/

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