„Wir brauchen eine regenerative Kultur.“

„Wir brauchen eine regenerative Kultur.“

Was sind die Chancen der aktuellen Krise? Darüber sprach Falk Zientz mit der Aktivistin Lu Yen Roloff.

Warum hast Du Dich entschieden, Aktivistin zu werden?

Als im letzten Jahr die Schulstreiks begonnen haben, da wurde mir klar, dass jetzt die Zeit zur Auseinandersetzung mit unserer drastischen Situation gekommen ist: Die Klimakrise kostet bereits in weiten Teilen der Welt viele Menschenleben durch Stürme, Dürren, Feuersbrünste und Übersäuerung der Meere. Da reicht es nicht mehr, ein paar Kampagnen zu machen. Genauso wie die Schüler*innen müssen wir Erwachsenen das business as usual beenden.

Du hast damals bei Greenpeace gearbeitet. Dort ging das nicht?

Mein damaliges Projekt war MAKE SMTHNG, das Alternativen zum Konsum populär machen sollte. Dafür hatte ich aus vielen Kampagnen Fakten angefordert, wie unser Konsum Ozean, Wälder und Landschaften zerstört und zur Klimakatastrophe beiträgt. Am Ende konnte ich das Ausmaß nicht fassen. Ich saß vor dem Bildschirm und habe geweint, so dramatisch machen wir mit unserem Wirtschaftssystem alles kaputt. Das können wir nicht mehr durch einzelne Reformen aufhalten. Die bestehenden Strukturen sind viel zu träge für das schnelle Umsteuern, das nötig ist. Wirbrauchen einen tiefgreifenden Systemwandel. Darum habe ich mich Extinction Rebellion (XR) angeschlossen — ohne Job, als Vollzeitaktivistin.

Durch Corona erleben wir derzeit einen tiefgreifenden Wandel. Du hast Dich mit den Auswirkungen der Finanzmarktkrise befasst und vor sieben Jahren die SARS-Pandemie in Hongkong miterlebt. Was ist zu tun in solchen Disruptionen?

Eine Gefahr ist, dass in Krisen zunächst immer die sozialen und ökologischen Kriterien über Bord geworfen werden. Im Ergebnis landen dann öffentliche Hilfen aus Steuergeldern in privaten Kassen, wie wir dies nach 2008 erleben mussten. Darum habe ich bereits im März eine Petition gestartet, um die Corona-Krise zur Klimachance zu machen. Nur wenn die Fördergelder richtig eingesetzt werden, können wir die notwendige Transformation in Richtung einer klimaneutralen Wirtschaft noch schaffen — das ist unsere letzte Chance. Das ist mittlerweile vielen klar. Sofort bin ich mit Menschen in Kontakt gekommen, die auch an diesen Themen dran sind, und eine sehr fruchtbare Zusammenarbeit hat begonnen. Die Anstöße dazu müssen aus der Zivilgesellschaft kommen, dort liegt das Potenzial.

Wie können wir dieses Potenzial heben?

Wir brauchen eine regenerative Kultur. Bei XR bezeichnen wir damit den respektvollen und empathischen Umgang miteinander, Achtsamkeit gegenüber allem Leben, aber auch sich selbst gegenüber. Fürsorge, Gemeinwohlorientierung, Miteinander — das ist jetzt zu erleben, etwa in der Nachbarschaftshilfe oder wenn wir unsere Aktivitäten zurückfahren und uns auf das Wesentliche besinnen. Dieses stärkende Prinzip ist die kulturelle Grundlage für den selbst organisierten Wandel. Gleichzeitig müssen wir Menschen unterstützen, den Wandel zu leben — viele Menschen stecken in Berufen fest, arbeiten für Unternehmen, an deren Ziele sie nicht glauben. Ökonomische Notwendigkeit? Gut wäre, wenn das wieder diskutierte Grundeinkommen wirklich kommen würde. Das wäre eine Investition in die Zukunft, die viele Freiräume für den Aufbau neuer, nachhaltiger und gerechterer Arbeitsformen schaffen könnte, die Mensch und Planet ins Zentrum rücken.

Was sind die Alternativen?

Die Lösungen sind alle schon da! Die GLS Community ist voll davon. Wenn wir die menschlichen Grundbedürfnisse nehmen, etwa gesunde Ernährung, bezahlbaren Wohnraum und regenerative Energien — viele Menschen praktizieren erfolgreiche Alternativen schon seit Jahrzehnten. Das muss aber noch viel besser zugänglich gemacht werden für die breite Öffentlichkeit. In Selbstorganisation und Gemeinschaften können resilientere Strukturen entstehen — wichtig für die anstehenden Disruptionen in den kommenden Jahrzehnten. Wir stehen vor einem tiefgreifenden Wandel: Werden wir von immer mehr Krisen überrollt oder gestalten wir ihn?

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Ein Artikel aus dem GLS Kundenmagazin Bankspiegel zum Thema „Neu denken – So geht Transformation“. Diesen und viele andere spannenden Artikel finden Sie im Blog. Alle Ausgaben des GLS Bankspiegel als PDF finden Sie unter: https://www.gls.de/bankspiegel/.

  1. „Viele Menschen stecken in Berufen fest, arbeiten für Unternehmen, an deren Ziele sie nicht glauben. Ökonomische Notwendigkeit? Gut wäre, wenn das wieder diskutierte Grundeinkommen wirklich kommen würde. Das wäre eine Investition in die Zukunft, die viele Freiräume für den Aufbau neuer, nachhaltiger und gerechterer Arbeitsformen schaffen könnte, die Mensch und Planet ins Zentrum rücken.“
    Mehr gibt es dazu nicht zu sagen. „Resilent“ und „Disruptiv“? Buzzword-Bingo… Die vielbeschworene Transformation fängt gerade mit der Abschaffung von Demokratie und Bargeld an. Apple Pay? Nein danke.

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