Selbstbestimmt Studieren – Wir können auch anders.

Was passiert, wenn einige junge Menschen ihre Bildung selbst in die Hand nehmen? Sie probieren, philosophieren und starten einen ersten Studiengang. Im Zukunftsdorf Sonnerden finden sie ihr Domizil. Es geht um Philosophie und Gesellschaftsgestaltung. Was sie antreibt und welche Denkanstöße für andere darin stecken.

Fragen und Demut

Es geht darum, fragend durch die Welt zu gehen und nicht immer gleich auf alles eine  Antwort finden zu wollen. Das Fragende, damit kommt Unsicherheit auf. Aber ich glaube, dass das auszuhalten eine Fähigkeit ist, die wir in der heutigen Zeit besonders brauchen.

Charlotte von Bonin (24) Mitinitiatorin des Studienganges, startete im Oktober 2019 zusammen mit 15 Mitstudierenden das Pionierjahr
Charlotte von Bonin (24) Mitinitiatorin des Studienganges, startete im Oktober 2019 zusammen mit 15 Mitstudierenden das Pionierjahr

Unser Studium ist in Blockseminare aufgeteilt. Wir versuchen, uns Themen in ihrer Tiefe zu erschließen. Bei einer Wahrnehmungsübung ging es darum zu fragen: Was kommt eigentlich von mir, was kommt von außen auf mich zu und wie ist mein Verhältnis zu dem, was ich wahrnehme? In Verbindung mit anderen zu kommen, bedeutet für mich, offen zu sein für alles, was da ist. Zu beobachten, wie ich mit anderen in Verbindung trete, hilft mir auch, mit mir in Verbindung zu kommen.

Gerade beschäftigt mich auch mein Ethikseminar noch sehr. Hier ging es um Fragen wie: Bin ich ein tugendhafter Mensch? und: Was soll ich tun? Jeder hat sich eine Tugend ausgewählt und die wollen wir in unserem Leben vertiefen, beobachten und ausbilden. Ich habe mir Demut ausgesucht. Das hängt damit zusammen, dass ich mich frage, mit welcher Haltung wir der Natur und anderen Lebewesen respektvoller begegnen können.

Johanna Hueck (36) Studiengangsleiterin und Mitarbeiterin am philosophischen Seminar der Kueser Akademie
Johanna Hueck (36) Studiengangsleiterin und Mitarbeiterin am philosophischen Seminar der Kueser Akademie

Im Studiengang lerne ich sehr viel über selbstständiges Arbeiten. Das lerne ich auch bei Fridays for Future und so profitieren diese beiden Aktivitäten voneinander. Ich habe Lust, zu etwas Größerem beizutragen. Die Entscheidung für einen freien Studiengang bedeutet, Mut zur Unsicherheit aufzubringen: sich gegen die geregelten Bildungswege zu stellen und für etwas zu entscheiden, bei dem noch unsicher ist, ob es am Ende einen Abschluss gibt.

Philosophiegeschichte und bewegliche Prozesse

Durch die gemeinsame Auseinandersetzung mit philosophischen Fragen kommen wir zu Evidenzmomenten. Die tauchen nur auf, weil wir gemeinsam nachdenken. So lernen sich Menschen noch einmal ganz anders kennen als in ihrem tagtäglichen Tun. Da sehe ich ein Potenzial für Philosophie heute.

Dabei stellt sich die Grundfrage: Wie können akademische Lehre und Zusammenarbeit an Hochschulen so gedacht werden, dass sie zur Persönlichkeitsentwicklung beitragen? Die Freude an der Imperfektion ist für mich dabei ein wichtiger Schritt. Dass gerade eigentlich das Erleben von Hindernissen ein produktives Moment sein kann und daran Entwicklungsmöglichkeiten entstehen. Es gibt beispielsweise eine Arbeitsgruppe für Seminarplanung, da gab es Konflikte, weil wir gemerkt haben: Das betrifft alle, was die machen. Deshalb haben wir eine Vollversammlung eingeführt. Da kommen nicht nur die Studierenden zusammen, sondern die Lehrenden sind auch eingeladen. An einzelnen Tischen wird über Module gesprochen und die Wünsche werden dann nach und nach zu einer konkreten Idee verdichtet.

Daria Urman (33) Investmentpartnerin der Purpose Stiftung, lebt auf Sonnerden, einem 2020 gegründeten Zukunftsdorf
Daria Urman (33) Investmentpartnerin der Purpose Stiftung, lebt auf Sonnerden, einem 2020 gegründeten Zukunftsdorf

Aus dem schrittweisen Abtasten ist eine Arbeitsform entstanden. Was müssen wir anders greifen, wo müssen wir etwas neu machen? Wir haben keine Organisationsstruktur von außen aufgesetzt, sondern aus den Notwendigkeiten der einzelnen Aufgabenbereiche Strukturen entstehen lassen. Jetzt ist aber die Frage: Ist dieser Rahmen starr oder wächst der mit, ist der beweglich? Das ist auch das Kunststück mit der Akkreditierung, vor dem wir stehen. Es geht nicht darum, irgendwo auf der grünen Wiese irgendwas zu machen, in dem man sich wunderbar wohlfühlt, das aber mit der Gesellschaft nicht mehr viel zu tun hat. Im Dialog zu sein mit der Hochschullandschaft, verstehen wir als eine wichtige Aufgabe.

Gemeinschaft und Lernen

Ich bin in einem Vorort von Sankt Petersburg aufgewachsen. Meine Eltern saßen, während ich gespielt habe, nie vor dem Spielplatz, um aufzupassen. Wir Kinder waren einfach draußen, es gab immer Nachbarn, die hätten meinen Eltern schon gesagt, wenn etwas passiert wäre. Dieses Gefühl, sich als Kind frei zu bewegen und zu entwickeln und nicht die ganze Zeit von der eigenen Familie abhängig zu sein, das ist hier auf Sonnerden auch so.

Wir haben uns als Gruppe von Menschen zusammengetan, um Sonnerden zu gründen. Wir wollten anders leben als bisher. Unser Bedürfnis war es, wertverwandte Menschen als direkte Nachbarn um uns herum zu haben. Nicht zu vereinzeln. Wir wollten in Verbindung sein, ins Teilen kommen und gemeinsam Dinge schaffen und voneinander lernen. Wir merken, dass wir damit nicht einfach eine verrückte Idee hatten, sondern dass dieser Wunsch dem Zeitgeist entspricht. Er trifft die Sehnsucht, sei es als Familie mit Kindern oder als alleinstehende Rentnerin anders im Leben gehalten zu werden. Es ist auch eine pragmatische Entscheidung, die vieles vereinfacht. Das können Alltagssachen sein, wie zum Beispiel das Kind zu den Nachbarn zu schicken, zusammen zu kochen oder ein zu Auto teilen, einen Garten zusammen zu gestalten oder auch Projekte zusammen voranzubringen.

Ein wichtiges Motiv auf Sonnerden ist Lernen: Wir leben hier in verschiedenen Generationen und lernen dadurch, wir lernen von den Projekten und der Arbeit der anderen und dazu kommt nun auch Lernen mit der Initiative „Selbstbestimmt Studieren“. Zum einen leben einige von den Studierenden hier, wir essen immer wieder zusammen, debattieren über politische Fragen wie direkte Demokratie, oder sie wollen zum anderen im Dorf mit anpacken und helfen uns beim Verputzen von Lehmwänden.

selbstbestimmt-studieren.org

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Ein Artikel aus dem GLS Kundenmagazin Bankspiegel zum Thema „Das Leben ändern – Mit Herzblut für Natur und Soziales“. Diesen und viele andere spannenden Artikel finden Sie im Blog. Alle Ausgaben des GLS Bankspiegel als PDF finden Sie unter: https://www.gls.de/bankspiegel/.

Fotos: privat, Christoph Schomann und Felicitas Oszwald

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