Richtig krank

Im Zuge der Corona-Krise geht es andauernd um Gesundheit und Krankheit, Leben und Tod. Wir werden nonstop mit großen Fragen konfrontiert: mit Krankheiten kaputtgesparter Gesundheitssysteme ebenso wie mit gesunden Reaktionen gestresster Ökosysteme, die wir zwar oft bedenkenlos, aber nicht folgenlos zerstören.

Was für diese oder jene Systeme im Großen gilt, das gilt nicht minder für das individuelle Wohlbefinden im Kleinen. Auch hier stellen sich nicht zuletzt angesichts der Corona-Krise drängende Fragen nach den Bedingungen von Gesundheit und Krankheit – wobei zu bedenken ist, dass Gesundheit mehr als die Abwesenheit von Krankheit und Krankheit mehr als die Abwesenheit von Gesundheit ist.

Ein Beispiel: Wenn ich Urlaub vom Leben brauche, von Alltagsstress und Alltagsroutine, von fremden Erwartungen und eigenen Überzeugungen, dann besteht mein Urlaub meistens nicht darin, dass ich hierhin oder dorthin in die Ferne düse. Nein. Meistens besteht meine Auszeit dann darin, dass ich krank werde. Richtig krank. Krank, um zu genesen; krank, um ein anderer zu werden.

Um nicht missverstanden zu werden: Ich wünsche niemandem, dass er krank wird. Ich freue mich über jeden, der gesund wird. Und ich bin allen dankbar, die Kranken helfen, gesund zu werden. Aber ich wehre mich gegen die ebenso verlockende wie verkürzende Vorstellung, dass Krankheiten per se sinnlose Übel sind, die es möglichst schnell und schmerzfrei auszumerzen gilt.

Anders gesagt: Es gibt ein gesundes Verhältnis zu Krankheit und ein krankes Verhältnis zu Gesundheit. Ich kann richtig krank und falsch gesund sein. Krankheiten können dazu beitragen, dass ich ein anderer werde, wo dies gefordert ist; Gesundheit kann mich dazu verleiten, dass alles beim Alten bleibt, obwohl Neues ansteht. In diesem Sinne resümiert der Dichter und Denker Novalis: „Das Ideal einer vollkommenen Gesundheit ist bloß wissenschaftlich interessant. Krankheit gehört zur Individualisierung.“

Wenn die Corona-Krise dazu beiträgt, dass wir unser Selbst- und Weltbild schärfen, dass wir Gesundheit und Krankheit, Leben und Tod besser verstehen, dann wäre viel gewonnen. Solange wir leibhaftige Menschen aus Fleisch und Blut sind, werden uns Gesundheit und Krankheit begleiten.

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Ein Artikel aus dem GLS Kundenmagazin Bankspiegel zum Thema „Das Leben ändern – Mit Herzblut für Natur und Soziales“. Diesen und viele andere spannenden Artikel finden Sie im Blog. Alle Ausgaben des GLS Bankspiegel als PDF finden Sie unter: https://www.gls.de/bankspiegel/.
  1. Gut zu lesen. Danke. Als Heilpraktikerin und Psychotherapie erfahrene und praktizierende Frau kann ich nur zustimmen:
    Krankheit ist ein sinnvoller Teil des Lebens. Gehört zur Individualisierung und schärft das Selbst- und Weltbild.
    Es wäre schön, wenn mehr Menschen sich und andere ganzheitlich betrachten, verstehen und Verantwortung übernehmen.

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