Neue Leitstände für grünen Strom

Es löste den Boom der regenerativen Energien aus und sorgte für viele Diskussionen um Subventionen. Jetzt läuft die Förderung über das Erneuerbare-Energien-Gesetz nach 20 Jahren für viele Anlagen aus. Das kann ein Ansporn sein, zu neuen Ufern aufzubrechen — zeigt ein Besuch bei zwei GLS Kunden.

Von Jörg Staude, Journalist

Ein Leitstand im Großkraftwerk beeindruckt sicher mehr als das persönliche Konto eines Mitglieds der Kölner Energiegewinner eG. Aber jedes der mehr als tausend Mitglieder der Genossenschaft kann per Internet auf einem persönlichen Chart sehen, wie sich die Ertragslage der Solaranlage entwickelt, in der „seine“ Solarmodule eingebaut sind — tagesscharf sowie monatlich. Eins der genossenschaftlichen Module hat im Schnitt 330 Watt Leistung, genug, um zwei bis drei Kühlschränke am Laufen zu halten.

Stromproduzent werden kann jede und jeder. „Von Anfang an wollten wir Menschen, die in der Stadt wohnen und kein Eigenheim besitzen, zu Produzenten von Energie machen — und das möglichst einfach“, erinnert sich Energiegewinner-Vorstand Kay Voßhenrich. Dazu passt auch die Finanzierung per Crowdfunding: Schon zweimal haben die Energiegewinner mehrere Hunderttausend Euro auf der gls-crowd.de eingesammelt, jeweils innerhalb weniger Tage.

Mit den persönlichen Stromkonten hat die vor zehn Jahren gegründete Genossenschaft ihre Kernidee weiterentwickelt, findet Voßhenrich. Ihm geht es vor allem darum, die Solarenergie voranzubringen, gerade, wenn für die Anlagen die bisherige Einspeisevergütung über das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) ausläuft.

Inzwischen können die Solarmodulbesitzer an vielen Orten ihre Module real auf Dächern sehen — die Energiegewinner betreiben bundesweit um die 60 Solaranlagen — und zu Hause am Bildschirm die Entwicklung ihrer Erträge auf dem Chart live mitverfolgen. „Gibt es mal Probleme, rufen die Leute bei uns gleich an und wollen wissen, was los ist”, berichtet Voßhenrich.

„Das ändert auch ihr Konsumverhalten”, beobachtet er. „Sehen sie die Erzeugungskurve, sagen sich die Leute: Okay, dann lass‘ ich die Waschmaschine laufen, wenn gerade viel Strom da ist.” Für Voßhenrich drückt sich darin ein Kulturwandel aus — der Bürger wird vom Energieproduzenten zum Prosumer (aus dem Englischen: gleichzeitig sowohl Produzent „producer“ als auch Konsument „consumer“).

Bis die ersten Solar- und Windanlagen der Energiegewinner eG keine Förderung mehr bekommen, dauert es zwar noch ein paar Jahre, aber gedanklich ist Voßhenrich schon lange in der förderfreien Zeit: „Sich eine größere Solaranlage zuzulegen und dann nur auf die Einspeisevergütung zu bauen — das funktioniert für uns schon lange nicht mehr”, betont er.

Derzeit lohnten sich vor allem kleine Privatanlagen unter zehn Kilowatt sowie große Freiflächenanlagen — und letztere auch jenseits der oberen Zehn-Megawatt-Fördergrenze des EEG. Dazwischen sei der Ausbau momentan mehr oder weniger blockiert.

„Es würde schon sehr helfen”, betont der Vorstand, „wenn die Politik einige Hindernisse ausräumte wie die Abgabe auf Eigenstrom. Dann ginge es in den Städten bei Solarstrom endlich richtig voran.” Das wollten nach seinem Eindruck eigentlich auch alle, es werde aber durch die etablierten Energielobbys noch verhindert.

Einstweilen bauen die Energiegewinner für ihre Projekte vor Ort immer auf Partner — sei es ein Unternehmen, eine öffentliche Einrichtung oder eine Mietergemeinschaft, die jeweils den größten Teil des grünen Stroms direkt nutzen. Dann entfallen meist Netzentgelte sowie ein Teil der weiteren Abgaben.

Zweites Leben für alte Windmaschinen

Während die Energiegewinner eG noch Zeit hat, sich weiter von der Förderung zu emanzipieren, endet bei Edvard Högner, Geschäftsführer der rheinland-pfälzischen
Invest-Wind, Anfang 2021 die EEG-Zeit für ein Dutzend seiner Enercon-Anlagen.

Die bereits Mitte der 1990er-Jahre in Betrieb gegangenen „Windmaschinen“ haben einen Vorteil: In den damaligen Frühzeiten wurde die Technik für die starken Winde an der Küste ausgelegt. Sie seien also, so Högner, „sehr robust” und könnten im Binnenland noch einige Jahre laufen.

Derzeit rechnet der Geschäftsführer mit spitzem Bleistift aus, was der Windstrom einbringen muss, damit sich der Weiterbetrieb lohnt. Vorläufiges Ergebnis: Wird er den Strom für mindestens 3,5 Cent pro Kilowattstunde los, bleibt der Verwaltungsaufwand niedrig, und fallen zudem keine größeren Reparaturen an — dann können die Enercon-Anlagen weiterlaufen. Das ist sehr günstig. Bei der jüngsten Ausschreibung der Bundesnetzagentur gingen neue Windkraftprojekte für rund 6,2 Cent pro Kilowattstunde weg, also für nahezu das Doppelte.

Den Strom könnte Högner ab Anfang nächsten Jahres direkt an Unternehmen oder Gewerbegebiete liefern, die sich auf grüne Energie umstellen wollen. Dem steht aber
der Rechtsrahmen entgegen, der eine direkte Stromleitung vom Windpark zum Großkunden verlangt. „Für so eine Anbindung wären die Kosten zu hoch”, sagt Högner. „Zwei bis drei Kilometer Stromleitung für eine Anlage zu legen, die doch irgendwann über die Wupper geht — das lohnt sich nicht”, bedauert er.

Die Alternative wäre, an die Strombörse zu gehen. „Den Verkauf müssten uns aber Stromhändler abnehmen. Das könnten wir nicht leisten“, erläutert er.

Das Problem ist ein grundsätzliches. Bundesweit steht ab Anfang nächsten Jahres die Zukunft mehrerer Tausend alter Windkraftanlagen auf dem Spiel. Grün und regional erzeugter Strom ist aus Sicht des Klimaschutzes aber sehr wertvoll. Deshalb setzt sich der Windenergieverband BWE dafür ein, Anlagen, die nicht durch neue, stärkere Windräder ersetzt werden können, einen pauschalen Zuschlag von bis zu zwei Cent je Kilowattstunde zu gewähren.

Eine solche „Weiterbetriebsprämie“ kann sich auch Högner für seine Enercon-Anlagen gut vorstellen. Auf den ersten Blick sei es zwar nicht gut vermittelbar, Ökostromanlagen nach 20 Jahren Förderung weiter zu unterstützen — andererseits würden Windanlagen, die alte ersetzten und neu ans Netz gingen, eben deutlich höher gefördert. „Das belastet die Stromkunden viel mehr“, sagt Högner.

Schon jetzt zeichnet sich bundesweit eine „Ökostromlücke“ ab. Das Engagement von Prosumern allein wird sie nicht schließen können. Hier ist auch die Politik gefordert: Der Solardeckel muss weg, Windkraft darf, auch wenn sie schon einige Jahre auf dem Buckel hat, nicht abgeschaltet werden, der direkte Stromhandel muss erleichtert werden — denn der Klimawandel erfordert, dass die fossilen Kraftwerke schnell vom Netz gehen.

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[green_box]Ein Artikel aus dem GLS Kundenmagazin Bankspiegel zum Thema „Neu denken – So geht Transformation“. Diesen und viele andere spannenden Artikel finden Sie im Blog. Alle Ausgaben des GLS Bankspiegel als PDF finden Sie unter: https://www.gls.de/bankspiegel/. [/green_box]

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