Kleine Frischluftfanatiker

Raus aus dem Haus mitten im Corona-Winter: Wie ein ganzer Kindergarten gemeinschaftlich die richtige Entscheidung getroffen hat.

Hier im Wald zwischen hohen Bäumen und unweit einer großen Wiese liegt der Amares-Naturkindergarten. Dass sich drum herum die Stadt Köln mit ihrem Häusermeer ausgebreitet hat, ist kaum zu bemerken. Überhaupt sieht es hier eher aus wie am Rande der Zivilisation. Wenn Momo in Köln wohnen würde, träfe sie sich bestimmt hier mit Beppo Straßenkehrer und all ihren Freundinnen und Freunden.

Gebaut wurde offensichtlich viel mit alten Materialien, die sonst nicht mehr gebraucht werden, und mit Holz aus dem nahen Wald. Auf dem Hof laden Wasserpfützen zum Erkunden ein, ein lustiges Feuer brennt, statt eines Sandkastens vergnügen sich die Kinder auf einem großen Sandhaufen. Ja, das überrascht wirklich: Viele Kinder tummeln sich hier unbesorgt im Freien, heute bei 0 Grad und Schneeregen.

Sie spielen mit Schubkarren und fahren Erde — oder arbeiten sie? Einiges an Gemüse steht noch in den vielen Beeten und wartet darauf, geerntet zu werden. Frieren die Kinder nicht? Dürfen die nicht bald rein ins Warme? „Wir sind den ganzen Tag draußen“, sagt sichtbar stolz die Gärtnerin Simone Schubert. Auch die Kleinsten, die Einjährigen, bleiben die ganzen sechs Stunden Kindergartenzeit an der frischen Luft, sogar zum Mittagsschlaf. „Dass es dazu kam, dafür musste manches zusammenkommen.“

Entscheidend war da der Schreiner Lorenz B. Er sollte sich Gedanken machen, wie ein altes Haus so vergrößert werden kann, dass alle Kinder darin Platz haben. Für die zwölf ganz Kleinen reichte es zwar gut aus, aber die 22 anderen Kinder hatten nur eine kleine Ecke und mussten im Winter zur Mittagsschlafenszeit immer ganz still sein.

Doch die Stadt Köln wollte nicht, dass das Haus ausgebaut wird. „Dann lasst eben alle draußen schlafen, da ist genug Platz“, sagte der Schreiner und erzählte von seinen Nichten und Neffen in Dänemark, wo das in den Kindergärten ganz selbstverständlich ist. Zur gleichen Zeit kam die bereits erwähnte Gärtnerin dazu, die ursprünglich aus Ostdeutschland stammt, wo viele Kinder ebenfalls draußen schlafen.

Naturkindergarten Amares, Kinder ziehen einen Bollerwagen
Naturkindergarten Amares

„Dadurch sind die Kleinen viel gesünder und stecken sich nicht so leicht mit Krankheiten an.“
Aber Ansteckungen waren damals noch nicht das große Thema in Deutschland. Und mal konkret: Wie könnten Schlafplätze draußen aussehen und wer sollte das alles bauen ohne viel Geld? „Ich traue mir das nicht zu“, sagte die Gründerin von Amares, Vanda Perez Bessone. „Zeit für gemeinsame Planungen gibt es in Kindergärten ohnehin kaum, vielleicht ein paar Stunden im halben Jahr. Und dann würde die Arbeit erst richtig anfangen.“ So schien die Initiative wieder einzuschlafen und zwei Jahre gingen ins Land.

Dann kam die Corona-Zeit. Die meisten Kinder mussten zu Hause bleiben, sodass es ruhig wurde im Wald. Da sah die Gärtnerin die Zeit für ihren Plan gekommen. Gut, dass bei Amares das „Initiativprinzip“ gilt, sodass alle anderen sagten: „Wenn du das wirklich willst und uns vorher um Rat fragst, dann legen wir dir keine Steine in den Weg.“ Überhaupt sind die Menschen hier sehr miteinander verbunden.

„Wir sind vor allem ein sozialer Ort, kein pädagogischer“, wird hier gesagt. Das zeigt sich auch daran, wie mit Krankheiten umgegangen wird — und es gibt hier ausgesprochen viele Krankengeschichten, ohne dass die Arbeit liegen bleibt. Die Menschen unterstützen sich dann gegenseitig in ihren Notlagen und gewinnen so gleichzeitig einen Blick dafür, was wirklich wichtig ist im Leben. Außerdem scheinen sie damit ihrer Zeit immer ein wenig voraus zu sein. Doch davon gleich. Das Wichtigste war jetzt erst einmal, Unterstände gegen den Regen und Betten für den Mittagsschlaf draußen zu bauen. Das Material wurde von überall hergebracht: Der Förster kam mit Robinienstämmen aus dem nahen Wald. Eltern und Freund*innen brachten kaputte Bollerwagen, Strandkörbe und alte Terrassendielen. Mit den Waldarbeitern um die Ecke wurde gesprochen und nach ein paar Monaten war da ein großer Haufen von Rindenmulch für den Boden. Gekauft wurde so gut wie nichts. Und was dem Schreiner Lorenz immer ganz wichtig ist: „Wir machen das alles mit Leichtigkeit. Nichts ist für die Ewigkeit.“ Viele Hände packten an und es entstanden die schönsten Betten — jedes ein Einzelstück oder fast gar ein Kunstwerk.

Ob es ein Zufall war oder nicht: Genau in dem Moment, als das Wichtigste fertig war — im November 2020 —, da mussten im ganzen Land wieder die Menschen zu Hause bleiben, um sich nicht gegenseitig mit Corona anzustecken. Bei Amares aber rechnete man nach und schnell wurde klar: Am wenigsten stecken sich die Kinder an, wenn sie nicht zu Hause bleiben, sondern den Tag über hier im Wald sind, an der frischen Luft. Das konnten sofort alle nachvollziehen: die Eltern, die Menschen von Amares, die hier arbeiten, und auch die Kindergartenkinder. Während die allermeisten über Wochen und Monate in ihren vier Wänden verharren mussten, durften diese Kinder weiterhin in den Wald zum Holz Sammeln, Erde Fahren, Pfützen Treten und — zum Schlafen in den neuen Betten.

„Auch wenn das rückblickend die richtige Entscheidung war — das hätte kein Chef alleine entscheiden können“, so Perez Bessone. „Für mich war das am Anfang nicht vorstellbar und für viele andere auch nicht. Das hätte bestimmt Streit und Unmut gegeben, wenn wir das angeordnet hätten.“ Die Gärtnerin konnte trotzdem einfach mal anfangen und fragte die anderen bei jedem Schritt um Rat. So setzte sich letztlich die gute Idee durch — und die Kinder haben nun einen wunderbaren Platz an der frischen Luft mitten im Wald. Dazu die Gründerin: „Klar gehen auch hier die Meinungen und Sorgen auseinander. Aber letztlich treffen sich alle Menschen immer im Konkreten. Das ist gerade sehr gut an den Betten zu sehen, an der Liebe zum Detail, die da reingeflossen ist.“ Wunderschön, dass es solche Orte gibt!

Der Amares-Naturkindergarten wurde 2007 in Köln eröffnet und betreut derzeit etwa 60 Kinder an zwei Standorten. „Wir möchten Kindern Zeit geben, eine Sache kennenzulernen, sie zu befragen, sei es ein Baum, eine alte Schreibmaschine, der Schatten oder eines der unzähligen kleinen Rätsel im Alltag, an denen wir Erwachsene so oft gleichgültig vorbeigehen.“ Die GLS Bank finanzierte den Start von Amares mit einer Schenkgemeinschaft und den zweiten Standort mit einem Immobilienkredit. Für den GLS Kundenbetreuer Stefan Möller war in den Gesprächen besonders spannend, wie die Menschen von Amares zusammenarbeiten: „Vanda Perez hat mir gleich das Buch ‚Reinventing Organizations‘ von Frederic Laloux empfohlen, lange bevor das überall bekannt wurde.“ Ganz wichtig darin ist das „Initiativprinzip“, auch „konsultative Einzelentscheidung“ genannt: Wer eine Initiative umsetzen will, muss die wesentlichen Beteiligten um Rat fragen, darf dann aber frei entscheiden. Das soll die persönliche Verantwortungsübernahme, die Qualität der Entscheidung und auch das Zusammengehörigkeitsgefühl im Team fördern. Sieben Jahre nach den Gesprächen hörte Möller nun von der nebenstehenden Geschichte, die dieses Prinzip treffend und anschaulich darstellt, und schlug vor, sie im Bankspiegel zu veröffentlichen.

amares-koeln.de
kita-selbstorganisation-beratung.de

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Ein Artikel aus dem GLS Kundenmagazin Bankspiegel zum Thema „Das Leben ändern – Mit Herzblut für Natur und Soziales“. Diesen und viele andere spannenden Artikel finden Sie im Blog. Alle Ausgaben des GLS Bankspiegel als PDF finden Sie unter: https://www.gls.de/bankspiegel/.

Fotos: Amares-Naturkindergarten e. V.

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