Bankspiegel 236 Weltretten

Im Dickicht der Weltrettung

Weltrettung: Die Welt zu retten, ist eine komplexe Angelegenheit. Was kann ich persönlich beitragen? Was müssen Politik und Wirtschaft tun? Thomas Friemel, Gründer des Wirtschaftsmagazins enorm und Kommunikationsexperte, stellt Fragen und gibt Antworten.

Von Thomas Friemel

Unverpackt einkaufen, vegan essen, Upcycling, Urban Gardening, Mikrolandwirtschaft: Was sind die wirklichen Hebel?

Nichts davon. Ob wir unverpackt einkaufen, auf Plastik und Fleisch verzichten, Mitglied einer solidarischen Landwirtschaft werden, aufs Fliegen und sogar aufs Auto verzichten — allein hat das natürlich so gut wie keine direkte Auswirkung aufs Weltklima. Selbst wenn sich ein paar Millionen Menschen so umweltbewusst verhalten würden, wären die Änderungen nur marginal. Trotzdem werden Gegner der Klimakrise oft gefragt, was sie persönlich gegen die Klimakrise tun. Haben Sie schon einmal gehört, dass etwa Gegner der Arbeitslosigkeit gefragt wurden, was sie persönlich gegen die Arbeitslosigkeit tun? Solche Fragen sind also in erster Linie Ablenkungsmanöver.

Kann durch individuelles Handeln überhaupt etwas bewirkt werden?

Natürlich, auf einer übergeordneten Ebene. Es ist wichtig, dass jede*r Einzelne von uns entsprechende Schritte unter nimmt. Der Sozialpsychologe Prof. Harald Welzer geht davon aus, dass es drei bis fünf Prozent einer Gesellschaft braucht, damit „ein System kippt“ — denn der Mensch folgt Vorbildern. Außerdem üben wir mit unserem Handeln Druck auf Wirtschaft und Politik aus. Durch ein — auch in den Medien — sichtbares Anders-Verhalten von Konsument*innen und Wähler*innen verändert sich auch das Gebaren jener Akteure, die die Hebel für gesellschaftliche Change-Prozesse in den Händen halten.

Brauchen wir nicht ökonomische Anreize, und wenn ja, wo?

Grundsätzlich sagt es Prof. Franz Josef Radermacher, Verfechter der ökosozialen Marktwirtschaft und der Global Marshall Plan Initiative, schon richtig: „Hat der Markt vernünftige Rahmenbedingungen, produziert er vernünftige Ergebnisse. Ist der Markt frei gesteuert, dann ist er ein Bonanza-System zur Plünderung. Es geht darum, dem Markt die richtigen Anreize und Vorgaben zu machen, sodass das Eigeninteresse mit dem Gesamtwohl zusammengeht.“ Was er damit meint, erleben wir derzeit in der Frage des CO2-Preises: Wenn man die Umwelt schützen will, dann muss es sehr teuer werden, sie zu zerstören; wer dagegen im Einklang mit der Natur wirtschaftet, wird belohnt. Das leistet das im September vorgelegte Klimapaket der Bundesregierung nach Expertenmeinung jedoch nicht. „Ich bin entsetzt ob der Tatsache, dass da so gut wie gar nichts beschlossen wurde“, so etwa Mojib Latif vom Helmholtz-Zentrum Kiel. Die Angst vor den Wähler*innen hätte ein wirksames Paket mit einem entsprechenden CO2-Preis verhindert.

Wie können wir die Rahmenbedingungen wirksam ändern?

Die Wissenschaftlerin Luise Tremel geht davon aus, dass eine gesellschaftliche Transformation nur dann gelingt, wenn sie es durchs „Nadelöhr der Politik“ schafft. Derzeit hat man den Eindruck, dass die Menschen im Land — was die ökosoziale Transformation angeht — schon weiter sind als die Politik. Nach dem Tremel‘schen Modell folgt dieser Mobilisierungsphase die Phase der politischen Regulierung. Viele der maßgeblichen Themen der Nachhaltigkeitsszene liegen derzeit auf dem Kabinetttisch — wer sie mitgestalten möchte, muss Verantwortung ergreifen: in Parteien, in den Industrie- und Handelskammern, in Berufsverbänden und NGOs. Nur wer sich einmischt, kann Rahmenbedingungen gestalten. Wissenschaftler sind sich einig: Wir sollten uns lieber politisch engagieren, als uns an unserem persönlichen CO2-Fußabdruck abzuarbeiten

Wäre ein grüner Diktator die Lösung?

„Menschen handeln nicht auf der Grundlage von rationalökonomischen Kalkülen und Einsichten, sondern sie handeln auf Grundlage von Beziehungen und kulturellen Prägungen, das heißt von Geschichte“, sagt etwa Welzer. Heißt: Ein verordneter ökosozialer Handlungsrahmen könnte zu massiven Gegenbewegungen führen. Welzer glaubt: „Wir überschätzen die Wirkung von Vernunft, von wunderbaren Modellen, von Einsicht. Beim Menschen sind Einstellung und Handlung zwei völlig verschiedene Angelegenheiten.“ Der Philosoph Peter Sloterdijk macht einen Unterschied zwischen einer sogenannten Modellproblematik und einer gefühlten Problematik. „Da die Menschen in ihren gefühlten Problemwelten leben, sind sie schwer erreichbar für Vorschläge, die aus einer anderen Perspektive erfolgen.“ Selbst wenn die Perspektiven das eigene Überleben sichern sollten. Darum kommen wir nicht umhin, mit den Werkzeugen der Demokratie — Dialog, Überzeugungsarbeit, Mehrheiten schaffen — für eine bessere Umweltpolitik zu streiten. Auch wenn es länger dauert.

Durch Bäumepflanzen kann jedes Unternehmen grün erscheinen. Ist das gut?

Greenwashing ist mittlerweile ein alter Hut und funktioniert bei kritischen Kund*innen längst nicht mehr: Ein Unternehmen stellt einen Scheck für den Kindergarten nebenan aus, die Lokalpresse berichtet — fertig ist das soziale Engagement. Gerade in Zeiten des Klimawandels brüsten sich nicht wenige, den Regenwald zu retten. Einige grüne Start-ups wie der Mobile-Banking-Anbieter Tomorrow schieben in ihrer Kommunikation ihre Baumaktionen so weit nach vorne, dass das gesamte Unternehmen als nachhaltig erscheint. Und damit die kritischen Punkte überlagert werden. Hinter Tomorrow etwa steht mit der solarisBank ein konventionelles Unternehmen. Die Guthaben der Kund*innen werden weitgehend in Anleihen einer Landesförderbank angelegt, immerhin nicht in Rüstung und andere kontroverse Branchen.
Die Nachhaltigkeitsplattform Utopia kommt zu dem Schluss: „So wirkt Tomorrow derzeit noch wie ein grüner Überzug für ein konventionelles Konto.“ Die Frage ist, ob solche Unternehmen es beim Bäumepflanzen belassen oder ob sie allmählich auch ihr Kerngeschäft nachhaltig gestalten. Uns als Kund*innen bleiben einstweilen das genaue Hinsehen und das Abwägen solcher Angebote.

Warum ist Verzicht so schwierig für uns, wenn es um die Klimarettung geht?

Soziologisch betrachtet ist die kulturelle DNA in Deutschland seit den 68ern zunehmend von Freiheiten geprägt, die jetzt teilweise von der Umweltbewegung infrage gestellt werden. Das Credo der Klimaaktivisten ist ganz klar: Wir müssen verzichten — auf zu viel Fleisch, auf Fernreisen, aufs Auto. „Das ist ein gravierender Eingriff in unsere bisherige Freiheit und unser Konsumverhalten. Das kann als Bedrohung wahrgenommen werden und Abwehrreaktionen hervorrufen“, sagt etwa die Soziologin Prof. Anita Engels von der Universität Hamburg. Die Forderungen nach Verzicht widersprechen nicht nur dem liberalen Zeitgeist in unserer Gesellschaft, sondern führen auch insbesondere bei denjenigen zum Aufschrei, die sich doch diese Annehmlichkeiten in den vergangenen Jahrzehnten hart erkämpft haben. Viele fordern daher, den Verzicht ökonomisch abzufedern und ihn auch als Chance für die Wirtschaft zu ergreifen. Andere werden nicht müde darauf hinzuweisen, dass ihrer Erfahrung nach im Verzicht das wahre Leben und der wahre Genuss zu finden seien. In den 1990er-Jahren wären die notwendigen Einschnitte tatsächlich noch nicht so hart gewesen (siehe Seite 33). Wenn wir allerdings schnell von derzeit elf Tonnen CO2-Emissionen pro Kopf in Deutschland pro Jahr auf nur noch eine Tonne kommen wollen — was dem 1,5-Grad-Ziel entspricht —, wird es ohne persönliche Abstriche kaum gehen.

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Ein Artikel aus dem GLS Kundenmagazin Bankspiegel. Diesen und viele andere spannenden Artikel finden Sie im Blog. Alle Ausgaben des GLS Bankspiegel als PDF finden Sie unter: https://www.gls.de/bankspiegel/. 
  1. Warum ist es denn für Sie legitim, zu fragen ob ein Diktator eine Lösung wäre? Diktatur war und wird nie eine Lösung sein. Auch ein „grüner“ Diktator wäre ein Diktator, daher kann ich nicht verstehen, warum das überhaupt als Option vorgeschlagen wurde?

    • Danke für Ihren Kommentar. Was daran deutlich wird: Bei allen anderen Fragen sind die Antworten recht vielschichtig. Aber ob wir einen Diktator brauchen ist eigentlich ganz schlicht mit einem „Nein“ zu beantworten. Darum passt diese Frage tatsächlich nicht in diese Reihe. Besten Dank für den Hinweis!

  2. Lieber Herr Zients,
    danke für die Zeilen, die zum Nachdenken anregen.
    Allerdings sollte das Fazit, nämlich der „böse CO2- Fussabdruck“, nicht unkommentiert stehen bleiben.
    Es gibt immer mehr Wissenschaftler, die genau das Gegenteil behaupten – nämlich, CO2 ist ein notwendiges Gas, was Pflanzen und demzufolge auch den Menschen nutzt! Hier m.E. eine sehr konstruktive Ausarbeitung von Axel Burkart:
    https://amthor-art.de/wp-content/uploads/2019/02/Klimaschwandel-AxelBurkart.pdf
    Die subtile Info mit rauchenden Schornsteinen (CO2 sieht man nicht) , dem Kölner Münster unter Wasser etc. ist m. E. eine geschickte sublime Taktik, vor den wahren Problemen abzulenken. Ziel ist eine 2.Mehrwertsteuer (getarnt als CO2-Steuer, die noch mehr Gelder von unten nach oben pushen).
    Dies bedeutet , den Umweltgedanken/Mitweltgedanken auf die Dinge zu konzentrieren, wo es wirklich Sinn macht: Vom Feinstaub, der technisierten Landwirtschaft bis hin zu den Sollbruchstellen in den technischen Geräten – nur ein krankes Denken kann sowas hervorbringen. Das Pentagon mit ihrer Kriegstreiberpolitik erzeugt – um beim CO2 zu bleiben, einen größeren Fussabdruck als ganz Schweden! Auch möchte ich am Schluss kurz darauf hinweisen, dass die jetzt angestrebte 5G-Technikk und das in den schönsten Farben beschriebene Internet der Dinge eine ganz üble Ökobilanz erzeugen wird!
    Mehr auch unter: https://amthor-art.de/die-geburt-der-klimaluege/

    M.f.G. Michael Amthor

  3. Gerald Rath

    Es ist ja schön, dass sich der ökologische Landbau seiner Stärken bei der Gemeinwirtschaft bewusst wird und diese berechenbar macht, im Endeffekt wird dies auf eine gewaltige Verschiebung des Konsumenten-Preisniveaus
    hinauslaufen. Wird die Arbeit einer angestellten Krankenschwester, die täglich von Arschderwelt zu ihrem Dienst-
    ort muss, mehr wert, wenn sie statt mit dem Auto zu fahren 30 KM radelt, zu fuß geht oder gar vor dem Kranken-
    haus zeltet ? Wenn ja, wer vergütet ihr diesen Mehrwert für das Klima? Haben die schlauen globalen angloweenen Beratungsunternehmen darauf auch eine Antwort?

    • René Kirsche

      @ Gerald Rath
      Gute Frage aus dem praktischen Leben. Ich denke, daß es bei der Krankenschwester, dem Hilfsarbeiter wie dem konventionellen Ökonomieprofessor darauf ankommt, ob sie Einsicht in die Notwendigkeit einer Lebens- und Verhaltensanpassung entwickeln. Selbstverständlich wird es zu Preiserhöhungen kommen müssen, wenn die Produzenten aller Waren mit menschenwürdigen Löhnen für ihre Arbeitsleistungen entschädigt werden.

      Führen wir doch einfach ein Bonuspunkteprogramm für den Konsum von ökölogischen Produkten ein:
      Ähnlich dem Payback. Bloß daß die angesammelten Punkte allein für den Kauf von tierischen Fleischprodukten eingesetzt werden können. So bekommt alles seinen Wert. Denn wer meint, er_sie_es könne weiter mit der „körpereigenen“ weil antrainierten Charakterschwäche auf großem Fuße leben, stellt sich dann hoffentlich der Notwendigkeit.
      Zudem müssen die höhere Rohstoffkosten der Hersteller ebenfalls von den Konsumenten der Waren bezahlt werden. Diese Kosten kann sich der Endverbraucher und Eigentümer der Ware teilweise über ein Pfandsystem für Batterien, Akkus (Lithium), Elektromotore und andere Rohstoffträger bei der Abgabe in einem wieder aufzubauenden geschlossenen Recyclingsystem zurückholen. Wenn wir dann noch dieses unselige zinsrelevante Wirtschafts- und Finanzsystem geregelt kriegen, wird das Leben ein Fest! Aber ich fürchte die wollen sich vorher aus der Verantwortung stehlen und sich in den Weltraum absetzen… (auch von unseren Steuergeldern finanziert)

  4. Sven Sebastian Horner

    Sehr geehrter Thomas Friemel,

    Wenn ich Absatz 1 und 2 logisch verknüpfe, komme ich zu dem Ergebnis, dass die in Absatz 1 als „wirkliche Hebel“ verneinten Handlungen tatsächlich doch zu den wirklichen Hebeln gehören, da sie der Beginn einer Kettenreaktion sind.

    —–
    Ich sah im GLS Heft den Hinweis zu diesem Blog (Weiter diskutieren..“). Da konnte ich nicht widerstehen und musste den vorherigen Satz loswerden. Die weiteren Gedanken bitte nicht als Widerspruch zu Ihrem Text verstehen.. ich habe einfach vor mich hin sinniert. Ihre Kollage an unterschiedlichen Perspektiven hat mich einfach inspiriert. Vielleicht kann ich ja etwas Inspiration zurückgeben?
    —–

    Auch wenn politische Entscheidungen oft schwer nachvollziehbar sind, sind sie doch immer Folge menschlichen Handelns. Der Weg der Menschheit resultiert aus den Handlungen jedes Einzelnen. Natürlich haben wir nicht alle die gleiche Macht, und die gleichen Möglichkeiten, zumindest nicht, wenn wir den Einzelnen isoliert betrachten. Da aber keiner von uns unbeeinflusst ist, ist es eigentlich unmöglich zu bestimmen oder gar vorherzusagen, wer oder was den größten Einfluss hat.

    Das wird noch klarer, wenn wir überlegen, wie unverhofft manch große Veränderung einer kleinen Gruppe von Menschen gelingt, so wie beim Schmetterlingseffekt. Eines kommt zum anderen, und plötzlich fällt der Groschen, macht es Klick, geht eine Tür auf, kommt ein Stein ins Rollen. Tue einfach jeder, was ihm leicht fällt zuerst. Fange jeder bei sich an und strahle auf sein Umfeld aus.

    Versuchen wir gelassen zu bleiben, ohne den Ernst der Lage zu ignorieren. In der Ruhe liegt doch die Kraft. Ich persönlich glaube, dass der Rest sich durch kollektive Intellligenz, durch Kooperation, ergeben wird.

    Doch es fängt beim Einzelnen an.

    Alles was einen Unterschied macht, ist wichtig. Die Richtung zählt. Jeder kann nur von dort aus gehen, wo er steht.

    Ich glaube auch, es hilft uns, wenn wir den Dualismus zwischen Politik und persönlichem Handeln auflösen. Politik ist eine Betätigungsfeld persönlichen Handelns. Mögen sich die dort engagieren, denen es leicht Feld. Die dabei gar aufblühen.

    Ist es nicht sehr wichtig, dass jeder sich dort engagiert, wo seine Stärken liegen? Wir sprechen ja nicht von einem kurzen Einsatz für eine kleine Sache. Was vor uns liegt, gelingt nur, wenn genügend Menschen es sich zur Lebensaufgabe machen. Da muss das Betätigungsfeld dann schon im Einklang mit den eigenen Stärken und Schwächen liegen. Sonst geht schnell die Puste wieder aus.

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