Folgekosten: Richtig rechnen

Der Gärtner Christian Hiß berechnet soziale und ökologische Folgekosten wirtschaftlicher Tätigkeiten. Hiß ist auf einem der ältesten Demeter-Höfe aufgewachsen. Jetzt kooperiert der Gärtner mit globalen Playern wie SAP und Ernst & Young. Denn die haben gemerkt: Hiß kann richtig rechnen!

Von Robert B. Fishman, ecomedia.info

Billig ist teuer. Das gilt vor allem für Lebensmittel. Die Preise an der Supermarktkasse verschweigen einen Großteil der Kosten für unsere Ernährung. Die zahlen wir alle: mit unseren Steuern, unseren Wasser- und Müllgebühren und auf vielen weiteren Rechnungen. Eine Ursache ist die Landwirtschaft. Diese überdüngt die Böden mit Mineraldünger und Gülle. Die Wasserwerke müssen immer tiefer bohren, um an einigermaßen sauberes Trinkwasser zu kommen. Hinzu kommen die Rückstände von Pflanzen„schutz“mitteln im Essen, der Energieaufwand für die Herstellung von Kunstdünger und viele andere Faktoren, die Umwelt und Mensch belasten.

Allein die ökologischen Folgekosten unserer Landwirtschaft summiert die UN-Welternährungsorganisation FAO in einer Studie auf weltweit etwa 2,1 Billionen US-Dollar. Hinzu kommen soziale Folgekosten von rund 2,7 Billionen US-Dollar, zum Beispiel für die Behandlung von Menschen, die sich mit Pestiziden vergiftet haben.

Seine Buchhaltung zeigte: Da stimmt etwas nicht!

Christian Hiß - Soziale und ökologische Folgekosten: Richtig rechnen
Christian Hiß

Das alles will Christian Hiß ändern. Schon in den 50er Jahren haben seine Eltern ihren Betrieb in Südbaden auf biologischdynamische Landwirtschaft umgestellt. Hiß wurde Gärtner und begann, Gemüse anzubauen. Als er 1995 wie die meisten Agrarbetriebe die doppelte Buchhaltung eingeführt hatte, erkannte er aber: „Da stimmt etwas nicht.“

Denn als Biogärtner investierte er viel Zeit und Geld in den Erhalt der Bodenfruchtbarkeit, in Misch- statt Monokulturen, wechselnde Fruchtfolgen und Gründüngung. Auch hält er Milchvieh, das wertvollen Dünger produziert. Bei all dem zahlt er aber drauf. „Ein Kilogramm Stickstoff in Form von Kunstdünger kostet drei Euro, bei Hornspänen 14 und ein Kilo selbst produzierter Stickstoff im Kompost 40 Euro“, rechnet Hiß vor. „Diese Kosten kann ich nicht auf die Preise umlegen“, sagt der Gärtner. „Kosten und Ertrag gehen deutlich  auseinander.“ Er stand vor der Entscheidung: Soll er sich immer weiter spezialisieren, so wie viele seiner Kollegen? Hiß dachte weiter: Ein großer Teil des Kunstdüngers wird in Russland und der Ukraine hergestellt. Die Mitarbeiter der dortigen Fabriken können von den niedrigen Löhnen kaum oder gar nicht leben. Der Energieverbrauch ist horrend. Auch an die Folgekosten durch Luftverschmutzung und Klimawandel denkt kaum jemand.

Den Wert der Landwirtschaft sichtbar machen

Seit mehr als 100 Jahren suchen Wirtschaftswissenschaftler*innen nach Methoden, diese sogenannten externen Kosten in die Bilanzen der Betriebe aufzunehmen, also zu internalisieren. Doch wie viel ist eine gesunde Umwelt wert? Was lassen wir uns fruchtbaren Boden kosten, der Wasser aufnehmen und speichern kann und der weniger erodiert als die ausgelaugten Flächen der großen Agrarunternehmen? Hiß setzt beim betrieblichen Aufwand an. Er berechnet den Mehraufwand für nachhaltigere Wirtschaftsweisen der Landwirte. Wer weniger schwere Landmaschinen einsetzt, sorgt dafür, dass der Boden luftdurchlässig bleibt und weniger Kleinstlebewesen sterben. Die wiederum lockern das Erdreich und erhöhen seinen Nährstoffgehalt. Bauern, die Hecken pflanzen und Wildkräuter blühen lassen, erhalten Lebensräume für Insekten, die Nutzpflanzen bestäuben. Da diese Perspektive deutlich über den einzelnen Hof hinausgeht, gründete Hiß 2006 mit einigen Verbündeten die Regionalwert Aktiengesellschaft. Mit dem Geld der Aktionär*innen kauft diese Bauernhöfe, die sie an Bio-Landwirte verpachtet. Außerdem beteiligt sie sich an nachhaltig wirtschaftender Verarbeitung von Lebensmitteln, Handel, Catering und Gastronomie. „Wir investieren in die ganze Wertschöpfungskette“, erklärt Hiß. Inzwischen gibt es deutschlandweit fünf solcher Regionalwert AGs. Etwa 2.500 Aktionär*innen haben hier rund acht Millionen Euro Stammkapital angelegt und sich so unter anderem an zehn Biobauernhöfen beteiligt. Eine finanzielle Dividende erhalten die Investoren bislang nicht. Als Rendite verspricht der Prospekt des Unternehmens dafür „soziale und ökologische Vermögenswerte“ sowie den Erhalt von Bodenfruchtbarkeit und eine artgerechte Tierhaltung.

Jetzt interessieren sich globale Player

Diese Darstellung der Wertschöpfung ist inzwischen auch für andere interessant. Hiß nennt als Beispiele den Versicherungskonzern Allianz und das Chemieunternehmen BASF. Auch Wirtschaftsprüfer wie Ernst & Young und PWC wollen wissen, wie der Bio-Betrieb seine Leistungen erfasst, die er für das Allgemeinwohl erbringt. Vier Ökobetriebe wurden schon genauer untersucht: Für einen Umsatz von rund einer halben Million Euro erbringen sie einen Zusatzaufwand von etwa 100.000 Euro, der bisher in keiner Bilanz erscheint, aber der Umwelt und damit uns allen zugutekommt. Auch das Institut der deutschen Wirtschaftsprüfer IDW habe anerkannt, dass die betriebliche Gewinn- und Verlustrechnung nicht finanzielle Faktoren berücksichtigen müsse.

Mit SAP, einem der größten Softwareentwickler weltweit, erarbeitet Hiß jetzt entsprechende  Buchhaltungsprogramme. Dazu der SAP-Projektleiter Dr. Joachim Schnitter: „Viele Werte, die ein Unternehmen schafft oder zerstört, lassen sich kaum oder gar nicht in Zahlen ausdrücken.“ Schon die Frage, was saubere Luft wert ist, lässt sich nur schwer beantworten. Deshalb gehen Schnitter und sein Projektteam einen anderen Weg: „Ich frage, welche Risiken wir verringern oder vermeiden, wenn wir uns an dieser oder jener Stelle umwelt- oder sozialverträglicher verhalten.“ Risikovermeidung senke die Notwendigkeit, Rückstellungen zu bilden, und erhöhe so den Wert eines Unternehmens.

„In Zukunft werden wir ökologischer wirtschaften müssen.“

Mit Abgaben auf CO2-Emissionen sowie auf Spritz- und Düngemittel gibt es erste Ansätze, die Verursacher an den Folgekosten zu beteiligen. SAP geht davon aus, dass uns „die Zukunft zwingen wird, Unternehmen ökologischer als bisher zu führen“. Darauf will der Konzern vorbereitet sein. Außerdem entstehe hier ein neuer Markt für Software, die die sozialen und ökologischen Auswirkungen eines Betriebes sichtbar macht. Von der Politik ist Schnitter wie viele enttäuscht. „Es fehlen wirksame Vorgaben.“ Auch deshalb gingen nun viele Unternehmen selbst voran.

Gärtner und Betriebswirt Hiß sieht darin große Chancen für die ökologische Landwirtschaft. „Seit mehr als 100 Jahren externalisieren wir die Kosten unseres Wirtschaftens. Die Folgen sehen wir in Waldsterben, Klimawandel und dem Verlust der Bodenfruchtbarkeit.“ Wenn dann Bauern und Agrarindustrie aber richtig rechnen müssen, werden vermeintlich billige Lebensmittel aus konventioneller Landwirtschaft sehr teuer oder die Produzenten gehen in die Insolvenz.

Ökologische Produkte erhalten so die richtige Wertschätzung und müssen keinen Preisvergleich mehr scheuen. Auch die GLS Bank unterstützt die Entwicklungen ihres Kunden Christian Hiß. „Bislang bildet die Buchhaltung immer nur die Vergangenheit ab“, so Laura Mervelskemper aus der Abteilung Wirkungstransparenz und Nachhaltigkeit. Immer mehr Unternehmen wollen jedoch wissen, wie zukunftsfähig ihr Geschäftsmodell ist. Danach fragen zunehmend auch Investoren und die Öffentlichkeit. „Nachhaltigkeit war bislang in den meisten Unternehmen ein nachgelagertes Thema”, so Jan Koepper, Kollege von Mervelskemper. „Jetzt wird es zunehmend ein hartes Thema der Unternehmens- und Risikosteuerung.” Gut, dass Christian Hiß hierfür bereits Pionierarbeit geleistet hat!

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Ein Artikel aus dem GLS Kundenmagazin Bankspiegel. Diesen und viele andere spannenden Artikel finden Sie im Blog. Alle Ausgaben des GLS Bankspiegel als PDF finden Sie unter: https://www.gls.de/bankspiegel/. 

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