BS 2019 / 1 - Schneeballsystem für die Savanne in Kenia

Schneeballsystem für die Savanne in Kenia

26 Gute Bildung, kooperative Wirtschaft und politisches Engagement stärken sich gegenseitig. Das können wir aus Kenia lernen.

Vom Bettina Schmoll, GLS Bank

Der Platz unter der alten Akazie ist leer, auf der roten Erde liegen vertrocknete Blätter. Ilona Schön fröstelt in Erinnerung an den kalten Wind, während sie ihren Kolleg*innen in der GLS Bank Fotos von ihrem Besuch im Massai-Gebiet im Süden Kenias zeigt. „Hier war früher die Schule von Selenkay“, erklärt sie lächelnd. Unterricht auf einem offenen Platz unter einem der ältesten Bäume des Dorfes.

Das nächste Bild zeigt einen einfachen Klassenraum. Eine Schiefertafel füllt fast die gesamte Breite des Raumes. Auf den einfach gezimmerten Schulbänken drängen sich Schüler*innen zwischen fünf und zwölf Jahren in türkis-lilafarbenen Schuluniformen. „Und das ist die neue Schule“, fährt Ilona Schön voller Freude fort. Sie ist einer von vielen Menschen, die in Kenia und weltweit jeweils auf ihre Weise dazu beitragen, Schule zu ermöglichen.

Das Land von Selenkay gehört rund 3.000 Familien gemeinsam. Die Massai leben traditionell von ihren Rinder-, Schafund Ziegenherden. Alle drei bis fünf Jahre gibt es eine Dürre. Dann ziehen die Hirten mit den Herden fort, Frauen und Kinder bleiben zurück. Ackerbau ist im trockenen Savannenboden schwierig, es gibt keine Bewässerung. In den vergangenen Jahren sind die Dürren wegen des Klimawandels extremer geworden. Und die Idee, Geld durch individuellen Landverkauf in die Hand zu bekommen, stellte die gemeinsame Nutzung immer mehr infrage. Doch warum wurde hier trotzdem eine neue Schule gegründet?

Eine faszinierende Geschichte

Dr. Annette Massmann, Geschäftsführerin der Zukunftsstiftung Entwicklung der GLS Treuhand, weiß viel über die Historie der Schule zu berichten: „Ein wichtiger Impuls kam von der Rudolf Steiner School in Nairobi.“ Hier werden seit über 20 Jahren Kinder armer Familien unterrichtet. Im Schulgarten praktizieren sie organischen Landbau. „Auch aus Selenkay waren einige Kinder auf dieser Schule“, sagt Annette Massmann. „Zu Hause stellten ihre Familien fest, dass sich diese Kinder respektvoller gegenüber der Natur und sozialer gegenüber ihren Mitmenschen verhielten.“ Deshalb hätten sich die Bewohner*innen von Selenkay auch „so eine Waldorfschule“ gewünscht. Fast fünf Jahre sollte es dauern, bis die Schule mit zwei Klassenzimmern stand, obwohl ein solcher Bau normalerweise in vier Monaten fertig gemauert ist.

Ohne funktionierende Gemeinschaft geht nichts

Warum die Verzögerung? „In Selenkay ging es nicht nur um ein Gebäude“, sagt Annette Massmann. „Es ging darum, wie eine Gemeinschaft entscheidet, und darum, wer mit wem zusammenarbeiten kann.“ Zunächst bestimmte die Gemeinschaft vier Menschen, die zu Waldorflehrer*innen ausgebildet werden sollten. Denn nur wer das Leben in der Abgeschiedenheit kennt, wird auch auf Dauer hier unterrichten. Die Auswahl bedurfte ausführlicher Gespräche, schließlich mussten während der Ausbildungszeit andere Community-Mitglieder die Aufgaben der zukünftigen Lehrer übernehmen. Zwei von den vieren hielten tatsächlich durch.

Eine wichtige Rolle spielte auch der angesehene Massaiführer Leonard Onetu. Ein umtriebiger Mann, bekannt für seinen Veränderungswillen. Er half dabei, die Amboseli Masai Development Organisation (AMDO) einzurichten, die heute über alle Fragen rund um die Schule entscheidet. „Bis es soweit war, brauchte es Beratung, Coaching, Auswertungen einzelner Projektabschnitte und die Vernetzung mit den richtigen Menschen“, beschreibt Annette Massmann das Kerngeschäft der Zukunftsstiftung. In Deutschland kommen Öffentlichkeitsarbeit und Geldbeschaffung dazu, ermöglicht von vielen privaten Spendensammler*innen und Botschafter*innen.

„Nur wenn die Community ihren Beitrag leistet und wenn dann Beratung und Finanzierung im richtigen Maß dazukommen, kann Entwicklung gelingen“, hat Annette Massmann festgestellt. In Selenkay hat es funktioniert. 2016 war die Schule fertig. Danach sprang der Motor richtig an. Mittlerweile betreiben 20 Frauen auf einem Grundstück, das ihnen die Community überlassen hat, organischen Landbau. Einige von ihnen verließen 2018 zum ersten Mal ihr Zuhause, um von Kleinbauerninitiativen an anderen Orten Kenias zu lernen.

Daraus kann Großes werden

Selenkay ist noch ein junges Projekt. Doch daraus kann Großes entstehen. Das erlebt die Zukunftsstiftung Entwicklung in Kenia immer wieder. Etwa bei den Modellfarmen des Masai Land Value Enhancement Project. Sie werden getragen von einer Kleinbäuerinnenorganisation sowie fünf Communitys und der Zukunftsstiftung Entwicklung. Neben nachhaltigen wirtschaftsmethoden inklusive Weiterverarbeitung und Vermarktung ihrer Erzeugnisse lernen die Massai-Clans, unternehmerische Kooperativen aufzubauen und ihre politischen Belange stärker selbstständig zu vertreten. Außerdem bauen sie ein Naturschutzgebiet von rund 100.000 Hektar mit Angeboten für Ökotourismus auf. Zu all dem gehören Know-how-Transfer und Weiterbildung. Ein Schneeballsystem an Fähigkeiten für die Savanne.

Entwicklung geht alle an

Wer jetzt den Eindruck gewonnen hat, Entwicklung sei vor allem etwas, was den Süden betrifft, liegt falsch. Afrika und Europa können viel voneinander lernen. Zum Beispiel, dass eine angepasste Kreislaufwirtschaft das A und O des Klimaschutzes ist. Dass Menschen viel erreichen können, wenn sie sich mit den ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln FÜR etwas einsetzen. Dass Geld nicht immer die Hauptrolle spielt. Und dass mit einer funktionierenden Gemeinschaft alles möglich ist, ohne sie aber alles scheitern kann. Ilona Schön ist Teil einer solchen Gemeinschaft. Für die Zukunftsstiftung Entwicklung und für Selenkay wird sie in Deutschland weiterhin als Botschafterin unterwegs sein und so zur Entwicklung hier und dort beitragen.

zukunftsstiftung-entwicklung.de/selenkay

Zurück zum Bankspiegel 2019/1 Inhaltsverzeichnis
Ein Artikel aus dem GLS Kundenmagazin Bankspiegel. Diesen und viele andere spannenden Artikel finden Sie im Blog. Alle Ausgaben des GLS Bankspiegel als PDF finden Sie unter: https://www.gls.de/bankspiegel/.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.