Reise in die neue Welt der EU-Taxonomie

Reise in die neue Welt der EU-Taxonomie

Wir wollen euch heute in die Welt der EU-Taxonomie entführen, die eine wichtige Rolle für die Zukunft unseres Planeten spielt. EU-Taxonomie – was genau ist damit gemeint? Als Quereinsteigerin in die Finanzwelt werde ich versuchen, euch diesen Begriff zu erläutern. Zur Seite steht mir Experte Timo Hülsdünker von der Wirkungstransparenz der GLS Bank. Er erklärt, welche Aspekte beim Thema Taxonomie für uns als sozial-ökologische Bank wichtig sind.

Europa auf dem Weg zur Klimaneutralität: Da sind wir schnell beim Pariser Klimaabkommen und dem Green Deal. Während Frankreichs Hauptstadt 2015 mit der Klimakonferenz „COP 21“ Klimageschichte schrieb, rief Ursula von der Leyen 2019 den Green Deal auf Ebene der Europäischen Union aus. Die EU-Kommissionspräsidentin befand, dass dieses Abkommen Paris an historischer Bedeutung in Nichts nachstehe. Sie bescheinigte ihm eine Dimension à la „Landung der ersten Menschen auf dem Mond“.

Die EU auf sozial-ökologischer Mission

Damit sich die 27 europäischen Staaten der EU diesem Superlativ nähern können, müssen Finanz- und Wirtschaftsmärkte eine gemeinsame sozial-ökologische Richtung einschlagen – und zwar wirklich überall: in Griechenland, Dänemark, Spanien, Irland, Kroatien, Litauen, Bulgarien etc. (Welche EU-Mitglieder noch? Schaut hier nach)

Alle Initiativen, die diesen Schulterschluss der EU-Mitgliedstaaten in der nachhaltigen Finanzpolitik zum Ziel haben, sind im sogenannten „Sustainable Finance-Aktionsplan“ gebündelt. Der Begriff Sustainable Finance beschreibt einen neuen Weg in der Finanzpolitik: Neben betriebswirtschaftlichen Kennzahlen sollen auch soziale und ökologische Belange berücksichtigt werden.

Die Europäische Union möchte alle Unternehmen – und auch die Verbraucher*innen – motivieren, die Transformation zum nachhaltigen Wirtschafts- und Finanzsystem voranzutreiben. Der Begriff der Transformation bezeichnet einen dauerhaften Wandel: vom aktuellen Ist-Zustand, in dem die Wirtschaft primär auf fossilen Energieträgern beruht, hin zu einer nachhaltigen Lebensweise, die die Kapazitäten unseres Planeten respektiert. Und das in naher Zukunft.

Miteinander vereint – doch wer gibt den Kurs vor?

Um nun aber miteinander vereint auf die ausgerufenen EU-Umweltziele zuzusteuern, braucht es jemanden, der den Kurs vorgibt, in Form von Richtlinien und Gesetzen. Der Sustainable Finance-Aktionsplan umfasst mehrere Gesetzesinitiativen, die alle ineinandergreifen. Und da wären wir endlich bei der „Sustainable Finance-Taxonomie“ angelangt. Auch EU-Taxonomie oder schlicht nur Taxonomie genannt.

Der Green Deal und seine rechtlichen Konsequenzen – gut erläutert von der Stiftung Umweltenergierecht:

„Mit dem europäischen Green Deal soll der Wandel der EU hin zu einer modernen, ressourceneffizienten und wettbewerbsfähigen Wirtschaft und Gesellschaft gelingen. Ambitioniertere Klima- und Energieziele sollen den Weg hin zur Klimaneutralität der EU bis 2050 ebnen. Für eine bestmögliche Umsetzung dieser Ziele ist der EU-Rechtsrahmen ausschlaggebend. Es stehen umfangreiche Gesetzgebungsverfahren für neue EU-Rechtsakte an, etwa zur CO2-Bepreisung, zu erneuerbaren Energien und Energieeffizienz oder zu Wasserstoff und Infrastruktur als große Querschnittsthemen.“

Die GLS Bank beschäftigt sich intensiv mit diesen Themen. Denn eine nachhaltige Wirtschaft ist Kernstück einer zukunftsfähigen Gesellschaft und auch Essenz aller unserer Bank-Aktivitäten.

„Als werteorientierte Bank möchten wir mit unserem täglichen Handeln zu einer Wirtschaft und Gesellschaft beitragen, die sich an den Bedürfnissen der Menschen orientiert und dabei die ökologischen Grenzen respektiert. Es entspricht daher unseren Grundwerten, einen Beitrag zur nachhaltigen Transformation der Wirtschaft zu leisten, damit diese sowohl den zukünftigen Herausforderungen standhalten als auch eine lebenswerte Zukunft mitgestalten kann. Wir begrüßen daher die Ziele der EU-Kommission und ihres Beirats, die Taxonomie anzupassen, um Investitionen noch stärker in nachhaltige Unternehmen und Aktivitäten zu lenken.“

Das ist ein Auszug aus einer Stellungnahme der GLS Bank zu einem Konsultationsprozess der Europäischen Union, in der es um die Weiterentwicklung der EU-Taxonomie ging. Da es bislang nur zwei Kategorien („nachhaltig“ und „nicht nachhaltig“) gibt, plant die EU, stärker zwischen den einzelnen Sektoren mit Blick auf ihre Umweltwirkung zu unterscheiden. Die GLS Bank hat sich hier für möglichst hohe Standards eingesetzt, die auch dafür geeignet sind, unsere Klima- und Umweltziele zu erreichen.

Was will die Taxonomie konkret?

Als Taxonomie bezeichnet man Verfahren oder Modelle, die etwas nach bestimmten Kriterien in Kategorien oder Klassen, auch Taxa genannt, einordnen. Die EU-Taxonomie wird klassifizieren, welche Wirtschaftstätigkeiten als sozial und ökologisch nachhaltig gelten. In einem ersten Schritt erfolgt dies in Bezug auf die europäischen Klimaziele. Deshalb wird bisweilen auch von Umwelttaxonomie gesprochen. Eine Verknüpfung mit sozial-gesellschaftlichen Themen – der sogenannten Sozialtaxonomie – wird zurzeit entwickelt, ebenso die „Governance“-Taxonomie, die auf gute Unternehmensführung abzielt.

„Mithilfe der Taxonomie soll Finanzkapital in nachhaltige Investitionen gelenkt werden“, fasst es Timo Hülsdünker vom Team der Wirkungstransparenz in der GLS Bank zusammen. Damit die Anleger*innen eine Chance haben, ihr Geld tatsächlich nur in nachhaltige Anlagen zu investieren, sind umfassende Informationen über diese Anlagen notwendig. Unserer Auffassung nach muss die Taxonomie deshalb von einem ganzheitlichen und ambitionierten Verständnis von Nachhaltigkeit geprägt sein.“

Was fordert die GLS Bank?

Kurz gesagt: ein höheres Anspruchsniveau in der Klassifizierung, eine stärkere Vernetzung der unterschiedlichen Ziele und die Behebung einiger grundlegender Probleme im Steuerungsinstrument. Timo erläutert diese Dinge anhand von sechs konkreten Forderungen der GLS Bank zur Taxonomie.

EINS: Ökologische und soziale Taxonomie müssen eng verknüpft sein

Was wir uns wünschen, ist ein ganzheitliches Verständnis von Nachhaltigkeit. Dahinter steckt der Gedanke, dass sich authentisches ökologisch-nachhaltiges Handeln immer auch positiv auf die sozialen Fundamente in der Gesellschaft auswirken wird. Anders ausgedrückt: Wenn es wirklich unser gemeinsames Ziel ist, alle Aspekte unseres Lebens nachhaltig zu gestalten, dürfen wir Nachhaltigkeit nicht in Einzelaspekte zerlegen. Wo Nachhaltigkeit draufsteht, muss auch Nachhaltigkeit drin sein. In allen Punkten, nicht nur in einem.

Es existiert die Angst, dass beim Anlegen hoher Umwelt- und Sozialstandards nur wenige Unternehmen übrig bleiben, die diese auch erfüllen. Dieses Risiko darf jedoch nicht dazu führen, dass wir einfach die Standards bzw. unsere Ansprüche absenken.

Jetzt gibt es die Chance zur nachhaltigen Transformation vieler Unternehmen. Dazu braucht es Investitionen in die Veränderungsprozesse und diese Kosten sollten stärker als bisher in der Taxonomie berücksichtigt werden. Ich kann das ja mal beispielhaft auf das reale Leben herunterbrechen: Bisher wäre nur ein Bio-Hof „nachhaltig im Sinne der Taxonomie“ und könnte durch das entsprechende Siegel leichter an Finanzierungen kommen. Der konventionelle Landwirt, der zum Bio-Hof werden will und dafür Finanzierungen braucht, hingegen nicht.

Ein weiterer wichtiger Punkt: Die kleinen und mittleren Unternehmen (KMU) müssen dabei unterstützt werden, ihre eigenen sozialen und ökologischen Auswirkungen besser bewerten zu können. Die Taxonomie erfordert eine Fülle an Daten samt Lieferkette. Das ist für die Unternehmen nur schwer zu leisten.

ZWEI: Strengere Kriterien müssen stetig verschärft werden

Die TSCs sind so etwas wie technische Prüfwerte oder technische Schwellenwerte. Sie definieren europaweit einheitlich, welche Geschäftstätigkeiten nachhaltig sind. Es gibt den Vorschlag, diese Werte zu dynamisieren, sie also laufend zu verschärfen. Das begrüßen wir absolut! Die derzeitigen TSCs reichen nämlich nicht aus, um das Klimaziel von maximal 1,5-Grad Erderwärmung zu erreichen. Wir brauchen strengere Kriterien, auf die sich die Unternehmen schnell einstellen müssen. Ungeachtet der angestrebten Dynamisierung appellieren wir an die Europäische Kommission, die geltenden TSCs ebenfalls bereits zu verschärfen und mit den Zielen des Pariser Klimaabkommens in Einklang zu bringen. Ohne echte und ehrliche Kriterien wird die Lenkung von Finanzkapital in nachhaltige Anlagen verzerrt.

DREI: Taxonomie-Ampel soll Transformation von Rot zu Grün unterstützen

Im Prinzip besteht die Taxonomie aus den beiden Kategorien „nachhaltig“ und „nicht nachhaltig“. Jetzt soll ein Ampelsystem eingeführt werden: „Significant Contribute“ (SC) ist Grün, damit nachhaltig und gut; „Intermediate Performance“ (IP) ist Gelb, eine Art Übergangsleistung und ein „geht so“;„Significant Harm“ (SH) ist Rot, also gar nicht nachhaltig und somit schlecht. Als GLS Bank unterstützen wir diese Erweiterung – sie ist sinnvoll und notwendig.

Unternehmen, die in der roten Kategorie sind, werden es schwerer haben, an eine Finanzierung über den Kapitalmarkt zu kommen, da ihre Umweltbilanz schlecht und die Nachhaltigkeitsrisiken hoch sind. Das macht es für Unternehmen attraktiv, nicht mehr in der roten Kategorie zu sein. Ziel sollte dann aber sein, in die grüne Kategorie (und nicht nur in die gelbe) zu kommen. Was ich damit sagen will: Die Unternehmen sollen nicht nur kosmetische Änderungen durchführen, um aus der gelben Kategorie heraus besser an eine Finanzierung zu kommen. Wer Investitionskosten zur Transformation berücksichtigt wissen will, sollte anstreben, in die grüne Kategorie zu kommen. Manchmal ist das selbstverständlich nicht möglich, weil zum Beispiel die Technologie fehlt. Grundsätzlich jedoch sollten unserer Meinung nach nur Transformationsprozesse von Rot nach Grün oder von Gelb nach Grün finanziell unterstützt werden.

Das Zeitfenster, um den Klimawandel effektiv zu bekämpfen, schließt sich. Deshalb müssen wir dafür sorgen, dass nur Investitionen, die einem anspruchsvollen Nachhaltigkeitsverständnis folgen, Finanzierungen im Rahmen der Taxonomie erhalten können. Wir möchten ein mögliches „Transformations-Washing“ unbedingt verhindern!

VIER: Keine wesentlichen Auswirkungen? Dann kein Teil der Taxonomie…

Leider soll auch eine „No Significant Impact“-Kategorie (NSI, keine signifikanten Auswirkungen) in die Taxonomie eingeführt werden. Davon raten wir als GLS Bank dringend ab. Warum? Weil wir große Zweifel haben, ob es überhaupt Sektoren gibt, die weder eine Auswirkung auf die Umwelt haben, noch von Klimaanpassungsprozessen verschont bleiben können.

Das Bundesverfassungsgericht hat kürzlich festgestellt, dass „praktisch die gesamte Freiheit potenziell betroffen [ist], weil fast alle Bereiche des menschlichen Lebens nach wie vor mit dem Ausstoß von Treibhausgasen verbunden sind und daher nach 2030 von drastischen Einschränkungen bedroht sind.“

FÜNF: Soziale Dimensionen nicht gegeneinander ausspielen – und mehr Kultur

Wir begrüßen den Ansatz, sowohl die Auswirkungen von Unternehmen als Ganzes als auch die Auswirkungen einzelner wirtschaftlicher Aktivitäten auf soziale Rechte und Gemeinschaften zu berücksichtigen. Ein Unternehmen, das zum Beispiel Infrastrukturen in abgelegenen Regionen aufbaut, gleichzeitig aber seinen Mitarbeitenden keine existenzsichernden Löhne zahlt, kann nicht nachhaltig sein. Strenge Kriterien müssen auf die Lieferketten angewendet werden. Wir finden, dass Unternehmen, die trotz ausreichender Ressourcen Menschenrechte in ihren Lieferketten nicht überwachen, ethisch bankrott sind. Deshalb fordern wir die gleichberechtigte Zusammenführung dieser verschiedenen Dimensionen – und vor allem, dass soziale und ökologische Dimensionen nicht gegeneinander ausgespielt werden.

Leider werden kulturelle Aspekte bislang nicht in der Taxonomie aufgegriffen, obwohl sie eine zentrale Säule sozialer Gemeinschaften darstellen. Kunst und Kultur geben den Menschen Kraft und beflügeln die Entwicklung neuer Trends und Innovationen. Wir fordern daher eine stärkere Betonung und Integration der kulturellen Aspekte im Bereich der sozialen Nachhaltigkeit.

SECHS: Grenzenloses Wirtschaftswachstum ist eine Illusion

Ist Wirtschaftswachstum ein gesellschaftliches Ziel? Diesen Status räumen internationale Rahmenwerke ihm ein – „Menschenwürdige Arbeit und Wirtschaftswachstum“ ist zum Beispiel ein Sustainable Development Goal (SDG 8). Aber: Diese beinahe sakrale Sichtweise hat uns dahin gebracht, wo wir jetzt sind. Der Planet kommt an seine Grenzen und die kostbare Zukunft der kommenden Generationen ist gefährdet. Daher finden wir als GLS Bank: Grenzenloses Wirtschaftswachstum, das soziale und planetare Grenzen berücksichtigt, ist eine Illusion, von der wir uns endgültig lösen müssen!

Die Taxonomie sollte sich dahin entwickeln, diese Illusion erkennbar zu machen. Sie ist eigentlich ein Hilfsmittel, um die Transparenz zu schaffen, die durch verzerrte Marktpreise verschleiert wird. Würden alle Ressourcen, die ein Produkt tatsächlich verbraucht, eingepreist, bekämen nachhaltige Produkte automatisch einen Wettbewerbsvorteil. Der Finanzsektor würde nachziehen und nur noch Finanzierungen für nachhaltige Investitionen bereitstellen.

Die grundlegenden Probleme der Taxonomie als Steuerungsinstrument eines verschleierten Marktes müssen also dringend behoben werden. Die bloße Fokussierung auf CO2-Emissionen zum Beispiel trägt wenig zur Erreichung des Pariser Klimaziels bei. Vielmehr müssen diese Werte im Kontext des CO2-Budgets stehen, das auf diesem Planeten noch zur Verfügung steht. Wir müssen unsere Anstrengungen beschleunigen und intensivieren, um eine gerechte Zukunft für kommende Generationen zu sichern.

Wie weiter mit der Taxonomie?

Ganz schön kompliziert, oder? Auf EU-Ebene wird die Taxonomie noch intensiv verhandelt. Wir bleiben dran und mischen uns ein: für echte Nachhaltigkeit. Gerne könnt ihr uns auch eure Fragen schicken oder kommentiert hier unter dem Artikel. Weitere spannende Artikel aus unserer Kategorie „Aus der Finanzwirtschaft“.