Thomas Jorberg

Thomas Jorberg: der Unmögliches begehrt

Vorstandssprecher und erster Auszubildender: Nach 45 Jahren hat Thomas Jorberg die Bank verlassen. Es bleiben Inspiration, Mut und eine moderne GLS Bank, deren Grundwerte aktueller sind denn je.

Von Angelika Ivanov, GLS Bank

Die Idee einer sozial-ökologischen Bank wird auch 2023 gern als Unfug, unmöglich oder unsinnig abgetan. Da kann man nur erahnen, wie es 1977 im Ruhrgebiet zugegangen sein muss. Zwölf Menschen in Bochum aber waren sich sicher: Wir brauchen ein neues Bankwesen. Unter ihnen ist der damals 20-jährige Thomas Jorberg, der eine Leidenschaft für das Unmögliche besitzt. Steht er vor einem Problem oder scheint etwas nicht zu Ende gedacht, leuchten seine Augen. Also stürzt er sich in das Abenteuer und kommt dort bis 2022 gar nicht mehr wieder heraus. Warum auch?

In Interviews wird Thomas Jorberg häufig gefragt, ob Banker eigentlich sein Berufswunsch war. In solchen Momenten lächelt er in sich hinein und sagt leicht kopfschüttelnd: „Ich habe im Traum nicht daran gedacht, Banker zu werden.“ Auslöser war der GLS Bank Gründer Wilhelm Ernst Barkhoff, bei dem Thomas Jorberg eine Zeit lang wohnte. Mit einer Frage sollte er seinem Leben eine entscheidende Richtung geben: „Willst du bei mir eine Lehre machen?“ Thomas Jorberg sagte zu und hat damit „hingenommen, Banker zu werden“, um die Welt nach seinen Ideen zu gestalten. „Das ist das Reizvolle am Banker Sein. Man ist in vielen Branchen und Projekten engagiert, daraus ergibt sich immer die Herausforderung, den Blick aufs Ganze und die gesamte Gesellschaft zu richten – zumindest, wenn es vernünftig gemacht wird“, sagt er heute.

Ich habe im Traum nicht daran gedacht, Banker zu werden.

Thomas Jorberg

Ein Rückblick

1986 versetzt der Atomunfall in Tschernobyl die Menschen in Angst. Die Natur wird zum feindlichen Territorium. Thomas Jorberg reagiert und treibt den Bereich erneuerbare Energien voran. 1987 steht die Finanzierung des ersten Windrads in Deutschland auf dem Hof Dannwisch in Norddeutschland. Die GLS Bank hat eine Bilanzsumme von nur 47,6 Millionen Euro, ist also eher klein. Zum Vergleich: Die Deutsche Bank ist 30.000 Mal größer.

Aber die GLS Bank wirkt als Pionierin: Auf Initiative von Thomas Jorberg hin, der noch nicht Vorstand ist, startet die Bank 1990 den ersten Fonds für Windenergie. Zugleich beginnt die Zusammenarbeit mit den Stromrebellen Ursula und Michael Sladek aus Schönau im Schwarzwald. Erstmals in der Bundesrepublik übernahmen sie ein Stromnetz in Bürgerhand. Für die GLS Bank sind diese Initiativen von Thomas Jorberg eine Wende: Sie wird politisch. Als erste Bank setzt sie sich für die Unabhängigkeit von fossilen Energien und von Atomkraft ein. Gleichzeitig für Bürgerbeteiligung und dezentrale Strukturen. Insgesamt bleibt dies aber ein Nischenthema. Deutschland setzt weiterhin auf Kohle, Öl und Gas.

Ab 2000 steigt das Bewusstsein für den Klimawandel und seine Folgen. Die Bilanzsumme der GLS Bank liegt mittlerweile bei 270 Millionen Euro – fast sechsmal so viel wie 1986. Kund*innen können zwar viele Finanzangebote nutzen, doch es fehlt ein Girokonto. „Wir waren nur eine Sonntagsbank, eine Zweitbank für unsere Kunden“, sagt Thomas Jorberg später über diese Epoche. Die Ende der 80er gegründete Ökobank hingegen bietet Girokonten an. Doch sie gerät in Schieflage. Die Geschäftsführungen kommen ins Gespräch und beschließen, dass die GLS Bank die Bankgeschäfte der Ökobank übernimmt.

2006 erschüttert die Finanzkrise die Welt. Immer mehr Menschen hinterfragen das kapitalistische Finanzsystem. Aus Banker wird Bankster, ein Kunstwort aus „Gangster“ und „Banker“. Als Gegenmodell und „gute Bank“ erlebt die GLS Bank einen Ansturm von Kund*innen. Das Bilanzvolumen steigt um 20 bis 30 Prozent – pro Jahr. Thomas Jorberg erhält Interviewanfragen und wird häufig auf Podien großer Kongresse geladen. Auch wenn er im ersten Moment zurückhaltend wirkt, lebt er vor Publikum und auf der Bühne voll auf. Thomas Jorberg wird zur öffentlichen Person.

Zehn Jahre später hat die Finanzbranche so gut wie nichts aus der Krise gelernt. Stattdessen wurde das anfällige System mit Staatshilfen wiederhergestellt. Als Folge zeichnet sich 2014 eine Nullzinspolitik ab, die das alte Modell der Bankenfinanzierung infrage stellt. Thomas Jorberg reagiert visionär und pocht auf die Entwicklung eines Mitgliedsbeitrags, damit weiterhin Kredite für nachhaltige Unternehmen, soziale Einrichtungen und ökologische Landwirtschaft gesichert sind. „Auch wenn ich Situationen vorhergesehen habe, haben sie mich am Ende oft überrascht“, sagt er heute. In solchen Momenten greift er auf seinen „unabdingbaren Willen zur Lösung“ zurück. Dabei hat er das Leitbild und das Geschäftsmodell einer sozial-ökologischen Bank im Sinn, die wirtschaftlich handelt und dabei Mensch und Natur in Einklang hält. Daraus folgt 2017 mit den vier politischen Forderungen der GLS Bank ein weiterer Meilenstein: die Abgabe auf CO2-Ausstoß, die Abgabe für Spritz- und Düngemittel, höhere Steuern auf Kapital und ein bedingungsloses Grundeinkommen für alle.

2019 folgt der gesellschaftliche Bewusstseinswandel: Kinder fordern auf der Straße eine klimagerechte Welt, aus Klimawandel wird Klimakrise und die „letzte Generation“ stört die Abläufe. Greenwashing wird zum Thema der Finanzbranche, während die EU-Taxonomie versagt. Erstmals wird der Vorstand einer kleinen, nachhaltigen Bank und damit Thomas Jorberg zum European Banker of the Year 2021 ernannt. Das Thema Nachhaltigkeit ist in der Finanzbranche angekommen, um zu bleiben. Es wird klar, dass die GLS Bank zukunftsweisend ist. Thomas Jorberg verlässt seinen Posten als Vorstandssprecher und hinterlässt viel Inspiration. Aber vor allem bleibt der unabdingbare Wille, Unmögliches, Unsinn und Unfug voneinander zu unterscheiden und beherzt zu handeln.

Was Thomas Jorberg über den notwendigen Paradigmenwechsel in unserer Gesellschaft denkt, könnt ihr u.a. hier lesen.

Den kompletten Bankspiegel 2023/1 – “Die GLS Bank im Wandel”, kann man auch hier als PDF downloaden (2,3 Mbyte).

Was denkt ihr? Hinterlasst uns eure Gedanken und Meinungen im Kommentarfeld. Wir freuen uns über eure Beiträge.


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3 Antworten zu „Thomas Jorberg: der Unmögliches begehrt“

  1. Avatar von Edmund Gerdes
    Edmund Gerdes

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    Dank an Herrn Jorberg, der auch mich zum Kunden der GLS-Bank gemacht hat. Unvergessen sein Auftreten bei den Jahreshauptversammlungen.

  2. Avatar von Matthias Losert
    Matthias Losert

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    Der gesellschaftliche Bewusstseinswandel ist eine Akzeptanzverschiebung vom Finanz- zum Gütermarkt. Noch heute werden Zukunftserwartungen im Finanzmarkt als Motor für Entwicklung im Gütermarkt gesehen. Das ist nicht falsch, aber auch nicht richtig.
    Das Nichts als Schöpfungsquelle von Allem ist naturwissenschaftlich in der Vergangenheit zu verorten. Aus dieser Quelle sprudelt Evolution in begrenzter Unendlichkeit. Da wir kein Perpetuum mobile haben, wirtschaften wir mit Verlust.
    Das Nichts als Geldschöpfungsquelle funktioniert durch realisierbare Zukunftserwartungen in offener Unendlichkeit. Und da unsere Währungsdefinition nur monetäre Transfers gewährt, spaltet das Axiom Ökonomie von Ökologie ab. … De facto naviegiert der Finanzmarkt in einer selbstgeschaffenen Wirklichkeit ohne „buchungstechnisch konkreten Bezug“ zum Güterkreislauf.
    Hr. Jorbergs Verdienst liegt im Engagement für einen konkreteren Bezug zum Güterkreislauf, was in dem Stichwort „Nachhaltigkeit“ zum Ausdruck kommt.
    Gesamtgesellschaftlich wäre es für die Gegenwart besser, wenn wir beide Nichts-Quellen auch in der Wirtschaftstheorie vernetzen. Und zwar so, dass beide unsichtbaren Hände vom Markt an einem Strang ziehen.
    Hier kann Hr. Jorbergs Kind, die GLS, durch Veranstaltungen mitwirken.

  3. Avatar von Uwe Baumann
    Uwe Baumann

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    Vielen Dank, lieber Thomas Jorberg für ihre wertehaltige, stets bestens inspirierende, geniale Arbeit.

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