Archivbeitrag

Lasst uns über Tiere sprechen!

Meist sind wir uns einig in der GLS Gemeinschaft. Wir sind für Ökologie, eine gerechtere Welt und gegen Atomkraft und Massentierhaltung. Ungemütlich kann es aber werden, wenn es ganz grundsätzlich um Tierhaltung geht. Veganer haben dazu deutlich andere Ansichten als beispielsweise Ökolandwirte. Wenn es um Tiere geht wird es schnell emotional und persönlich. Verlassen wir also einmal unsere gemeinschaftlichen Überzeugungen und gehen hinein in diese Kontroverse.

Diskutiert mit uns hier im Blog, hinterlasst uns einen Kommentar mit Eurer Meinung zum Thema Tiere & Ernährung.

 

Auch mich lässt dieses Thema nicht kalt, spätestens nachdem ich letztes Jahr einigen Kindern mal wieder meine Bienen gezeigt habe, drei Völker, die im Garten stehen und fleißig Honig bringen. Eine Wabe hatte ich rausgeholt und die Kinder durften vom Honig kosten. Alle staunten und freuten sich. Dann schritt allerdings eine Mutter ein, eine Veganerin, wie sich herausstellte. „Meine Kinder nehmen den Bienen keinen Honig weg“, sagte sie. Ich war zunächst etwas sprachlos, dass überhaupt jemand auf die Idee kommt, meine schöne Bienenidylle infrage zu stellen. Mit den verbliebenen Kindern machte ich zunächst einfach weiter. Aber danach ratterten mir die Argumente durch den Kopf, warum ich im Recht bin: Es macht den Bienen bestimmt wenig aus, wenn etwas Honig fehlt. Jetzt im Spätsommer hängen die Bienen ohnehin oft in großen Trauben einfach im Stock herum und freuen sich vielleicht sogar, wenn sie die Wabe wieder schön in Ordnung bringen dürfen. Der Übergang von Arbeit zu Spiel ist auch bei Tieren oft fließend. Und überhaupt: Viele vegane Produkte kommen aus der industriellen Landwirtschaft, die unsere Bienen existenziell gefährdet. Die Spritzmittel sind das Problem, nicht das Honigernten. — Solche Gedanken setzten sich allmählich in mir fest und brachten damit wieder Ordnung in mein Weltbild, genauso wie das Bienenvolk wieder in seine Routinen verfiel, nachdem ich den Kasten mit dem Deckel verschlossen hatte.

Dennoch tauchten auch nach Wochen leise Zweifel auf. Nutze ich meine Bienen aus, wenn ich Honig ernte? Mit Blick auf den Bankspiegel musste ich außerdem feststellen, dass wir in den letzten Jahren eine Auseinandersetzung über Tierhaltung möglichst zu vermeiden suchten, nachdem einige Tierrechtler sehr aufgeladene E-Mails und Kommentare geschrieben hatten. Ein Kreditnehmer, der seine Hühner selbst schlachtet, wurde sogar einige Zeit lang beschimpft. Eine ungute Situation. Also machte ich mich auf den Weg.

Erste Station: Ein veganer Brunch

Bochum, sonntags um 13 Uhr. Ich bin mit einem GLS Kollegen verabredet. An der Türe treffe ich zufällig einen weiteren Kollegen und drinnen eine Kollegin. So exotisch sind sie also gar nicht, die Veganer. Jeder hat etwas mitgebracht und kann sich vom selbst gemachten Buffet bedienen. Echt lecker, vor allem die eine Hälfte mit den süßen Sachen. Es geht also auch ohne tierische Produkte.

Die Sitzplätze werden bald knapp. Die meisten hier sind unter 30. Wie die Lebensmittelindustrie auch schon festgestellt hat, strahlt diese Szene ein echtes Potenzial aus. Als ich meinen Notizblock auspacke und sage, dass ich über Tierhaltung schreibe, erhalte ich viel Aufmerksamkeit. Es sind vor allem die persönlichen Geschichten, die mich interessieren. Ein junger Aktivist erzählt, wie er zufällig auf YouTube gesehen hatte, was in einem Schlachthaus passierte. Das schockierte ihn so, dass er sich entschied: „Ich will niemanden mehr dafür bezahlen, dass er für mich intelligente Wesen tötet.“ Solche prägnanten Sätze höre ich dann immer wieder. Schnell wird deutlich, wie konsequent die Leute hier bereit sind, bestimmte Gedanken zu Ende zu denken — auch wenn sie als Folge ihr Leben ändern müssen.

Das ist großartig zu erleben. Und gleichzeitig erschütternd. Denn bin ich selbst ebenfalls dazu bereit? Es gibt auch ganz andere Geschichten, etwa die vom guten Leben. „Vegane Ernährung ist ein Gewinn für mich, kein Verzicht“, so eine Gesprächspartnerin. Der ganze Konsumwahn im Supermarkt kann ihr egal sein, weil sie nur ein paar wenige, qualitativ gute Produkte braucht. Das macht ihren Kopf frei für das, was wirklich wichtig ist im Leben. Ein großes Thema sind auch die ökologischen Folgen des Fleischkonsums: Zum Klimawandel trägt er mehr bei als Flugzeuge, Autos und alle anderen Transportmittel zusammen. Wer sich komplett ohne Fleisch ernährt, verursacht 60 Prozent weniger CO2-Emissionen. Sonst noch Fragen? Eine Ärztin ergänzt schnell im Vorbeigehen, dass laut WHO verarbeitetes Fleisch Krebs auslösen kann. Sie ist Onkologin und muss das wissen. Nach über zwei Stunden und zwölf beschriebenen Blättern meldet sich eine junge Frau, die schon länger schweigend dabeigesessen hat: „Ich will auch noch unbedingt etwas sagen.“ Sie erzählt, dass ein Drittel der weltweiten Getreideernte an Schweine verfüttert wird, mit der Folge, dass die Getreidepreise für die Armen steigen. — Ich bin erstmal bedient, habe keine Fragen mehr, aber großen Respekt vor allen meinen Gesprächspartner*innen.

Zweite Station: Fußgängerzone

Meine nächste Station ist samstagnachmittags in der Fußgängerzone. Hier bin ich mit Nadja Ismail verabredet. Sie organisiert den Cube of Truth, eine Aktion, die sich von Australien aus seit 2017 auch in Deutschland immer weiter ausbreitet. Ein starkes Bild: Zwölf Menschen stellen sich im Quadrat mit dem Rücken zueinander auf, weiß maskiert und schwarz gekleidet. In den Händen halten sie schwarze Tafeln, auf denen „Truth“ und „Wahrheit“ steht, sowie Laptops mit Videos aus der Massentierhaltung und Schlachtung. Die gezeigten Bilder sind schrecklich. „Das soll Fragen provozieren“, sagt Nadja. „Was ist die Wahrheit? Habe ich bisher in Lügen gelebt?“ Die Menschen sollen eine Verbindung zwischen dem herstellen, was in der Fleischindustrie passiert, und dem, was sie ansehnlich verpackt in ihren Einkaufswagen legen.

Nadja ist 19 und hat in Australien den ersten Cube gesehen. Zunächst war sie Vegetarierin. „Mir wurde dann aber deutlich, dass in Milch und Eiern sogar noch viel mehr Gewalt stecken kann als in Fleisch.“ Beim Cube ist sie meistens bei den Outreachern, sie führt also ohne Maske Gespräche mit Passanten. „Wichtig ist mir eine respektvolle Ebene. Niemand ist als Veganer geboren. Wir alle brauchen einen Anstoß, um unsere Gewohnheiten zu ändern.“ Auch die meisten Aktivisten*innen hinter den Masken sind jung. Sie gehören zu der Generation, von der die aktuelle Shell Jugendstudie sagt: Ihr politisches Engagement bringt sie weniger in traditionellen Organisationen ein, sondern in Konsumboykott und anderen Aktionen. Das politische Interesse junger Leute ist demnach seit 2002 von 31 auf beachtliche 40 Prozent gestiegen. Das ist auch hier zu spüren. Man fühlt sich als Teil einer globalen Bewegung. Per Facebook sind die weltweit über 400 Aktionsgruppen bestens vernetzt und unterstützen neue Initiativen. Für Ende Juni ist ein vierundzwanzigstündiger Cube in Berlin angekündigt, vermutlich ein Großevent.

Bleibt noch eine Frage, die mich als GLS Banker besonders umtreibt: „Ist denn Ökotierhaltung okay?“ Nadja antwortet sofort: „Nein!“ Das Töten von Tieren ist in jeder Hinsicht unethisch, „egal wie viel Grün sie vorher gesehen haben. Wir sollten die Tiere einfach in Ruhe lassen“, so Nadja. Auch in dieser Frage zeigt der Cube of Truth also klare Kante.

Dritte Station: Tiere vom Bärenbrunnerhof

Zwei Tage später bin ich unterwegs zum Bärenbrunnerhof, die letzten sechs Kilometer vom Bahnhof zu Fuß auf Wanderwegen durch den schönen Pfälzer Wald mit seinen roten Sandsteinfelsen. Landwirtschaft gibt es hier kaum noch. Die Böden sind zu sauer und die Sommer zu trocken. Wälder und Büsche breiten sich aus. Früher gab es hier überall offenes Weideland mit einer großen Artenvielfalt. Eine interessante Beobachtung: Die durch Tierhaltung entstandene Kulturlandschaft war attraktiv für viele Pflanzen und Wildtiere. Ohne Tierhaltung schwindet die Biodiversität wieder. Ganz andere Probleme waren auf dem Weg hierher zu sehen: großflächig industrialisierte Landwirtschaft, oft tierfrei mit Einsatz von chemischem Dünger. Ist das die Zukunft? Mit Chemie bewirtschaftete Flächen ohne Tiere auf der einen Seite, verwaldete Mittelgebirge mit wenig Vielfalt auf der anderen Seite?

[green_box] Ein Artikel aus dem GLS Kundenmagazin Bankspiegel. Diesen und viele andere spannenden Artikel finden Sie im Blog. Alle Ausgaben des GLS Bankspiegel als PDF finden Sie unter: https://www.gls.de/bankspiegel/. [/green_box]

Das Ehepaar Kill hat anderes vor. Auf ihrem Bioland-Betrieb leben 50 Kühe mit Jungvieh, 60 Schweine und 450 Hühner, eine Bilderbuchidylle zwischen aufragenden Felsen. Dazu kommen noch Hütehunde, Pferde und ein kleines Tierheim für Katzen, die im Laufe der Zeit hierher gebracht wurden und zu denen Nina Kill nicht Nein sagen konnte. Als ich ihr von den Cube-Aktivisten erzähle, sagt sie: „Das wäre sicher auch ein Weg für mich gewesen. Aber ich habe mich anders entschieden. Ich will an Alternativen arbeiten.“ Auf die Frage, wie sie Tiere essen kann, die sie vorher gekannt hat, fragt sie zurück: „Wie kannst du Tiere essen, die du nicht gekannt hast?“ Auch ihr ältestes Pferd, das sie von frühester Jugend an begleitet und mit 28 Jahren bald am Lebensende ist, soll geschlachtet werden. „Den Toni gebe ich doch nicht auf den Kadaverwagen. Er ist doch kein Müll.“

Heute ist Schlachttag auf dem Bärenbrunnerhof. Ich gehe mit Nina zum Stall und sie bringt ein Rind auf den Anhänger, ganz unaufgeregt, einer der Hunde bleibt auf Abstand immer dahinter. Die Fahrt im Schritttempo geht nur wenige Meter, denn die Kills haben ihr eigenes Schlachthaus. „Das Tempo bestimmen die Tiere“, sagt Nina, und die Tiere vertrauen ihr. Am Schlachthaus angekommen ist aber spürbar, dass es jetzt ernst wird. Auch Sebastian Kill und ein helfender Metzger sind voll konzentriert. Jetzt darf nichts schiefgehen. Für einige Sekunden ist die Stimmung angespannt, der Bolzenschussapparat wird aufgesetzt, das Rind betäubt, ins Schlachthaus fallen gelassen und durch einen gezielten Stich getötet. Das Blut fließt ab. Mir wird nicht schwarz vor Augen, aber schon etwas schummrig. Hier wurde aus einem Lebewesen plötzlich ein toter Körper, der dann mit handwerklicher Kunst und viel Kraft zerlegt wird.

Nachher spreche ich mit den Kills über diesen Moment. Nina sagt offen: „Je besser ich ein Tier kenne, desto schwerer fällt mir das Schlachten.“ Sebastian bezeichnet es als Scheidepunkt, wenn er im vertrauensvollen, ruhigen Umgang dem Tier plötzlich den Bolzenschussapparat aufsetzt. Spüren sie auch Trauer dabei, jede Woche vertraute Tiere zu schlachten? „Ja“, sagt Nina, „wenn wir viel schlachten, dann kann ich auch an mein Limit kommen.“ Die wirklich dramatischen Todesszenen, die sie schildern, stammen allerdings von kranken oder verletzten Tieren. Der Tod ist selten ein unbeschwertes Einschlafen, auch nicht in der freien Wildbahn. Es ist beeindruckend, wie Nina und Sebastian mit aller Empathie und Fachlichkeit auf ihre Tiere schauen, ihnen das bestmögliche Leben ermöglichen — und aus ihrer Sicht auch das bestmögliche Sterben.

Nach meiner Reise bin ich mir sicher: Unser empathischer Blick auf die Tiere — also versuchen zu verstehen, was sie fühlen, und wie wir verantwortlich mit ihnen umgehen können — wird sich in den nächsten Jahren und Jahrzenten noch zu einem großen Thema entwickeln.

Die Aktivisten, mit denen ich gesprochen habe, stehen dabei an vorderster Front. Eine solche Entwicklung braucht immer Kämpfer*innen, die kompromisslos für ihre Sache eintreten, wenn nötig auch konfrontativ, immer wieder radikal aus der Perspektive der Tiere geschaut. Was uns die Tiere zur Massentierhaltung sagen würden, ist klar: Das geht gar nicht! Aber wollten die Bärenbrunner Kühe tatsächlich nicht in ihrem idyllischen Tal leben, wenn sie wüssten, dass sie später geschlachtet werden? Und würden meine Bienen akzeptieren, dass für vegane Produkte Chemie auf die Felder kommt, wenn dadurch weniger Schweinemast betrieben wird? Fänden es die Mistkäfer, Tausendfüßler und Schmetterlingsraupen auf einer Kuhweide gut, wenn wir ihren Lebensraum für einen Sojaacker umpflügten? Oder dass daraus wieder Wald wird, weil es keine Tierhaltung mehr gibt?

Die möglichen Antworten zeigen: So schwarz und weiß wie am Cube of Truth ist die Welt nicht ganz. Es gibt auch einige Schattierungen und Farben. Christian Vagedes von der Veganen Gesellschaft Deutschland fragte in einem Interview: „Wie können ehemalige Ausnutz-Tiere Teil einer neuen Kultur werden, in der wir die Tiere in unsere Kommunikation einbeziehen?“

Lasst uns also über Tiere sprechen — und mit ihnen!

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Ein Artikel aus dem aktuellen Kundenmagazin der GLS Bank, den ganzen Bankspiegel gibt es hier: ZUM BANKSPIEGEL

Zum cube of truth: anonymousforthevoiceless.org
Zum Bärenbrunnerhof: baerenbrunnerhof.de
Zum Interview mit Christian Vagedes https://www.info3-magazin.de/bio-dyn-trifft-vegan/
Zum Tierzuchtfonds für eine artgemäße Tierzucht www.tierzuchtfonds.de
Zum Fleischatlas: https://www.boell.de/de/fleischatlas
How to talk with birds, trees, fish, shells, snakes, bulls and lions – Ausstellung im Hamburger Bahnhof
Weitere Artikel im Blog zum Thema: Ernährung
Die Sprachen der Tiere, Eva Meijer[/green_box]

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55 Antworten zu „Lasst uns über Tiere sprechen!“

  1. Avatar von Bettina Schmoll
    Bettina Schmoll

    Sehr geehrter Herr Janzing,
    wir freuen uns, wenn Menschen hier im GLS Bank Blog miteinander unterschiedliche Standpunkte diskutieren. Wir bitten aber darum, unsere Blog-Regeln zu beachten und wertschätzend miteinander umzugehen.
    Viele Grüße
    Bettina Schmoll

  2. Avatar von Falk Zientz
    Falk Zientz

    Sehr geehrter Herr Janzing,
    dass Sie Menschen als parasitäre Nutznieser bezeichnen geht garnicht. Seitens GLS Bank sind wir an einen Austausch auf Augenhöhe interessiert. Wenn Sie dazu nicht bereit sind ist das kein Formum für Sie.
    Grüße aus Bochum, Falk Zientz

  3. Avatar von Nathan V.
    Nathan V.

    Sehr geehrter Herr Janzing,

    ich kenne Sie nicht persönlich; ich kann nur das reflektieren, was ich in Ihren zwei Beträgen zu lesen bekomme. Und das stimmt mich – als differenzierten Menschen und Umweltschützer – sehr traurig. Ich war am hin- und herüberlegen, wie genau Ihre Beiträge zu verstehen sind. Sie sind langjähriger BUND-Aktiver, studierter Biologe und somit ein Experte mit Fachwissen. Ihre Beiträge allerdings enthalten Elemente von unzulässigen Verallgemeinerungen, Hass und Angst. Sie haben anscheinend sehr schlechte Erfahrungen mit einigen vegan lebenden Menschen gemacht haben und das tut mir sehr leid.

    Die Rhetorik in den beiden Beiträgen zeugt davon, dass Sie sich mit den Facetten des Veganismus entweder nicht tiefer beschäftigt haben oder es nicht wollen. Einige Aussagen sind so verzerrend, dass sie so klingen, wie die Einseitigkeit der Betrachtung, die Sie „den Veganern“ vorwerfen. Ich würde gerne zu einigen Ihrer zentralen Aussagen Denkanstöße setzen, die zu einem Weg der Versöhnung führen sollen und nicht zu einer weiteren Spaltung. Ich denke, wenn Sie sich gegenüber Menschen, die sich ohne Tierprodukte ernähren möchten, stärker öffnen und nicht gleich innerlich blockieren, profitieren alle davon.

    Punkt 1: Es fällt auf, dass Sie öfter den Veganismus mit Religion gleichsetzen und Veganer als Sektenmitglieder. Veganismus ist aber nachweislich keine Religion, sondern eine Lebens- und Ernähungsweise. Auch ist es für die meisten Menschen keine „Ersatzreligion“, was immer das auch sein mag. Was würden wohl Christen, Juden, Muslime oder Buddhisten, die selber vegan leben, zu Ihrer Aussage, die Religion als etwas Negatives darstellt, sagen? Ergänzend ein Beitrag eines Kulturwissenschaftlers dazu: https://www.stuttgarter-nachrichten.de/inhalt.kulturwissenschaftler-zu-veganismus-veganer-sind-ueberwiegend-tolerant.f58a63ef-a6ac-40ec-afb7-5f6e851a9df1.html („Veganer sind überwiegend tolerant“).

    Punkt 2: Sie stellen die These auf, dass Veganer sich „sinnlos kasteien, zum Teil bis zur Selbstzerstörung“ und „Askese“. Auf welcher Basis entsteht bei Ihnen dieses Bild? Bestimmt gibt es einige traurige Einzelfälle, aber damit lassen sich doch keine Schlüsse über den allgemeinen Veganismus ableiten. Die vegan lebenden Menschen, die ich persönlich kenne, sind lebensfroh und gesund. Auf genau dieselbe Art könnte man Umweltschützern vorwerfen, Sie würden sich sinnlos kasteien, weil sie sich anstrengen müssen, weil sie mit dem Fahrrad anstatt mit dem Auto fahren. So ein Niveau bringt uns nicht weiter.

    Punkt 3: Wem genau werfen Sie „einen Krieg gegen die biologische Landwirtschaft, gegen Weideökosysteme und gegen ein ökologisch angepasstes Ressourcenmanagement“ vor? Allen Menschen, die sich vegan ernähren möchten? Da tun sie der großen Mehrheit dieser Menschen sicher unrecht. Viele Veganer kaufen Bio-Produkte und engagieren sich gegen Agrarkonzerne. Oder ist das jetzt auch verkehrt?

    Punkt 4: Ich lese eine Angst heraus, dass große Chemie- und Gentechnik-Konzerne den größer werdenden Veganismus für sich nutzen wollen, um mit ihren Geschäftspraktiken die Umwelt zu zerstören. Da stimme ich Ihnen zu. Nur: ist das ein Problem des Veganismus? Das Wort „Nachhhaltigkeit“ ist auch schon länger „in Mode“. Und auch damit machen diese Konzerne Propaganda. Monsanto wirbt damit, dass Glyphosat die Umwelt schützt, weil man weniger oft über die Felder fahren muss und damit Diesel eingespart wird. Unilever macht Lobbyismus in Kantinen, um ihr Palmöl schön zu reden. Dieses Palmöl wird dort primär für nicht-vegane Gerichte verwendet. Die Agrar- und Chemiekonzerne nehmen alles auf, was Ihnen nützt, darunter natürlich auch den Veganismus.

    Punkt 5: „Die Veganer maßen sich autoritär an, im Namen der Tiere zu sprechen, glauben, sie wissen besser, was die Tiere wollen und fühlen, als Biobauern, die tagtäglich mit Tieren zu tun haben.“ – Wo bekommen Sie nur solche Eindrücke her? Und warum verallgemeinern Sie auf „Die Veganer“? Warum setzen Sie einen Kontrast speziell zu Bio-Bauern? Die meiste Tierhaltung wird in Deutschland konventionell und in Massen betrieben. Wenn der Durchschnittsveganer in seiner Kantine nach veganen Gerichten fragt, dann wird genau das reduziert, was Sie auch wollen: die konventionelle Massentierhaltung. Optimal ist es natürlich zusätzlich zu fordern, dass die Kantine allgemein auf Bio umstellt und die Fleischgerichte auf Weidetierhaltung. Dazu eine Feststellung: der Kantinenchef könnte quasi sofort und kostenneutral (nach Lieferantenwechsel und Kochausbildung) auf Bio-Gemüse und vorwiegend vegane Gerichte umstellen. Bei Fleisch aus Weidetierhaltung wird das schwieriger, weil die geforderten Mengen einfach (noch?) nicht verfügbar sind und die Preise exorbitant sind.

    Punkt 6: „Da investieren die Bauern viel Arbeit und Liebe und ernten dafür von den Veganern nur Hass.“ – Warum bilden Sie hier Fronten, wo keine sind? Das erinnert mich an „Teile und herrsche“: was Sie hier machen spielt den ausbeuterischen Agrarkonzernen in die Hände. Warum treten Sie stattdessen nicht in den Dialog mit den veganen Kollegen im BUND?

    Punkt 7: „Aber eines hatten alle Veganer gemeinsam: Sie hatten keinerlei Interesse an Ökologie.“ – Das ist wieder eine unzulässige Verallgemeinerung. Wieviele Prozent der allgemeinen Bevölkerung interessiert sich für tiefer Ökologie? Sehr wenig. Greifen Sie die Menschen, die regelmäßig zu McDonalds gehen, auch so an wie die Veganer? Ich würde sogar sagen, der Anteil der sich für Ökologie interessierenden Veganer ist wesentlich höher als in der Durchschnittsbevölkerung. Viele Veganer sind Biologen/innen wie Sie und auch in Umweltschutzorganisationen tätig. Wie passt das mit Ihrer Aussage zusammen?

    Punkt 8: Immer wieder betonen Sie, dass alle Veganer neben der Massentierhaltung auch die Weidetierhaltung ablehnen. Das gilt vielleicht für Veganer, die sich nicht mit biologischer Landwirtschaft beschäftigt haben. Hier ist helfende und wohlwollende Aufklärungsarbeit von Ihrer Seite erforderlich. Für den Veganismus im Allgemeinen gilt Ihre pauschale Aussage jedoch nicht. Sie können nämlich Weidetierhaltung sehr wohl auch ohne Produktion von Milch und Eiern durchführen und die Schlachtzahlen so reduzieren, dass es zu einer niedrigen Fleischnachfrage passt. Fragen Sie mal bei bio-dynamischen Experten nach. Es ist eine Frage der konsumentenseitigen Nachfrage.

    Punkt 9: Gesundheit: Sie stellen die These auf, alle Menschen können sich nicht ohne Tierprodukte gesund ernähren. Diese These ist heutzutage widerlegt. Ergänzend: Was halten Sie von der vegetarischen Ernährung, die vor 20 Jahren von einigen Leuten genauso diffamiert wurde wie Sie es jetzt mit der veganen machen?

    Punkt 10: „naive Heilserwartungen“ – Was soll das? Fragen Sie einen konventionell ausgebildeten Landwirt, der regelmäßig die topagrar liest. Der wird Ihrer flächendeckenden Weidetierhaltung ebenfalls naive Heilserwartungen zusprechen. Mit Anschuldigungen dieser Art kommen wir nicht weiter.

    Punkt 11: „Massentierhaltung und Veganismus sind einander viel ähnlicher, als viele glauben“ – Wahnsinn, wie hier alles verdreht wird. Es geht hier doch um vegane Ernährung und Reduktion von Schlachtzahlen in der industrialisierten Welt; nicht um die Abschaffung jeder Tierhaltung um jeden Preis an jedem Ort der Welt. Haben Sie einmal ausgerechnet wieviel Fleisch, Milch und Eier für den menschlichen Verzehr in Deutschland zur Verfügung steht, wenn man die komplette Versorgung auf bio-dynamische Landwirtschaft umstellt? Und zwar so, dass auf die Produktion größerer Milch- und Eiermengen verzichtet wird, da diese für das Ökosystem nachweislich nicht benötigt werden.

    Punkt 12: Begegnen Sie den Menschen doch auf Augenhöhe: Die Gegenüberstellung von „echtem Joghurt“ und „Gensoja-Imitat“ geht so weit an der Realität von vegan lebenden Menschen vorbei, dass es mich nicht wundert, dass Sie und Ihre veganen Gesprächspartner nicht zueinander finden.

    Fachliche Fragen zur Weidetierhaltung:

    1) Halten Sie eine Weidetierhaltung, die zur Produktion von Lamm- und Kalbfleisch ausgelegt ist, für sinnvoll? Ich habe letztens gelesen, dass früher in der Schafwirtschaft hauptsächlich Wolle produziert wurde. Erst in den letzten Jahren wird vermehrt Lamm- und Schafsfleisch produziert. Wegen der hohen Lammfleisch-Nachfrage.

    2) Wie wenig Fleisch, Milch und Eier „darf“ man denn aus Ihrer Sicht essen, um eine flächendeckende Weidetierhaltung in Deutschland aufbauen und aufrechterhalten zu können?

    3) Haben Sie sich einmal genauer mit den Zuständen in den Zuchtbetrieben für Legehennen (inkl. Bio) beschäftigt? Was ist Ihre Antwort darauf?

    4) Sehen Sie es nicht auch so, dass man den Milchkonsum in Deutschland reduzieren muss? Ist es nicht schön, wenn immer mehr Individuen gar nichts davon konsumieren, um dieses Ziel schneller zu erreichen? Was ist ein aus Ihrer Sicht vernünftiges Maß bei der Milchproduktion?

    Ich würde mich freuen, mit Ihnen hier in einen konstruktiven Dialog zu treten. Wir können sicher alle voneinander etwas lernen.

    Herzliche Grüße

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