Archivbeitrag

Lasst uns über Tiere sprechen!

Meist sind wir uns einig in der GLS Gemeinschaft. Wir sind für Ökologie, eine gerechtere Welt und gegen Atomkraft und Massentierhaltung. Ungemütlich kann es aber werden, wenn es ganz grundsätzlich um Tierhaltung geht. Veganer haben dazu deutlich andere Ansichten als beispielsweise Ökolandwirte. Wenn es um Tiere geht wird es schnell emotional und persönlich. Verlassen wir also einmal unsere gemeinschaftlichen Überzeugungen und gehen hinein in diese Kontroverse.

Diskutiert mit uns hier im Blog, hinterlasst uns einen Kommentar mit Eurer Meinung zum Thema Tiere & Ernährung.

 

Auch mich lässt dieses Thema nicht kalt, spätestens nachdem ich letztes Jahr einigen Kindern mal wieder meine Bienen gezeigt habe, drei Völker, die im Garten stehen und fleißig Honig bringen. Eine Wabe hatte ich rausgeholt und die Kinder durften vom Honig kosten. Alle staunten und freuten sich. Dann schritt allerdings eine Mutter ein, eine Veganerin, wie sich herausstellte. „Meine Kinder nehmen den Bienen keinen Honig weg“, sagte sie. Ich war zunächst etwas sprachlos, dass überhaupt jemand auf die Idee kommt, meine schöne Bienenidylle infrage zu stellen. Mit den verbliebenen Kindern machte ich zunächst einfach weiter. Aber danach ratterten mir die Argumente durch den Kopf, warum ich im Recht bin: Es macht den Bienen bestimmt wenig aus, wenn etwas Honig fehlt. Jetzt im Spätsommer hängen die Bienen ohnehin oft in großen Trauben einfach im Stock herum und freuen sich vielleicht sogar, wenn sie die Wabe wieder schön in Ordnung bringen dürfen. Der Übergang von Arbeit zu Spiel ist auch bei Tieren oft fließend. Und überhaupt: Viele vegane Produkte kommen aus der industriellen Landwirtschaft, die unsere Bienen existenziell gefährdet. Die Spritzmittel sind das Problem, nicht das Honigernten. — Solche Gedanken setzten sich allmählich in mir fest und brachten damit wieder Ordnung in mein Weltbild, genauso wie das Bienenvolk wieder in seine Routinen verfiel, nachdem ich den Kasten mit dem Deckel verschlossen hatte.

Dennoch tauchten auch nach Wochen leise Zweifel auf. Nutze ich meine Bienen aus, wenn ich Honig ernte? Mit Blick auf den Bankspiegel musste ich außerdem feststellen, dass wir in den letzten Jahren eine Auseinandersetzung über Tierhaltung möglichst zu vermeiden suchten, nachdem einige Tierrechtler sehr aufgeladene E-Mails und Kommentare geschrieben hatten. Ein Kreditnehmer, der seine Hühner selbst schlachtet, wurde sogar einige Zeit lang beschimpft. Eine ungute Situation. Also machte ich mich auf den Weg.

Erste Station: Ein veganer Brunch

Bochum, sonntags um 13 Uhr. Ich bin mit einem GLS Kollegen verabredet. An der Türe treffe ich zufällig einen weiteren Kollegen und drinnen eine Kollegin. So exotisch sind sie also gar nicht, die Veganer. Jeder hat etwas mitgebracht und kann sich vom selbst gemachten Buffet bedienen. Echt lecker, vor allem die eine Hälfte mit den süßen Sachen. Es geht also auch ohne tierische Produkte.

Die Sitzplätze werden bald knapp. Die meisten hier sind unter 30. Wie die Lebensmittelindustrie auch schon festgestellt hat, strahlt diese Szene ein echtes Potenzial aus. Als ich meinen Notizblock auspacke und sage, dass ich über Tierhaltung schreibe, erhalte ich viel Aufmerksamkeit. Es sind vor allem die persönlichen Geschichten, die mich interessieren. Ein junger Aktivist erzählt, wie er zufällig auf YouTube gesehen hatte, was in einem Schlachthaus passierte. Das schockierte ihn so, dass er sich entschied: „Ich will niemanden mehr dafür bezahlen, dass er für mich intelligente Wesen tötet.“ Solche prägnanten Sätze höre ich dann immer wieder. Schnell wird deutlich, wie konsequent die Leute hier bereit sind, bestimmte Gedanken zu Ende zu denken — auch wenn sie als Folge ihr Leben ändern müssen.

Das ist großartig zu erleben. Und gleichzeitig erschütternd. Denn bin ich selbst ebenfalls dazu bereit? Es gibt auch ganz andere Geschichten, etwa die vom guten Leben. „Vegane Ernährung ist ein Gewinn für mich, kein Verzicht“, so eine Gesprächspartnerin. Der ganze Konsumwahn im Supermarkt kann ihr egal sein, weil sie nur ein paar wenige, qualitativ gute Produkte braucht. Das macht ihren Kopf frei für das, was wirklich wichtig ist im Leben. Ein großes Thema sind auch die ökologischen Folgen des Fleischkonsums: Zum Klimawandel trägt er mehr bei als Flugzeuge, Autos und alle anderen Transportmittel zusammen. Wer sich komplett ohne Fleisch ernährt, verursacht 60 Prozent weniger CO2-Emissionen. Sonst noch Fragen? Eine Ärztin ergänzt schnell im Vorbeigehen, dass laut WHO verarbeitetes Fleisch Krebs auslösen kann. Sie ist Onkologin und muss das wissen. Nach über zwei Stunden und zwölf beschriebenen Blättern meldet sich eine junge Frau, die schon länger schweigend dabeigesessen hat: „Ich will auch noch unbedingt etwas sagen.“ Sie erzählt, dass ein Drittel der weltweiten Getreideernte an Schweine verfüttert wird, mit der Folge, dass die Getreidepreise für die Armen steigen. — Ich bin erstmal bedient, habe keine Fragen mehr, aber großen Respekt vor allen meinen Gesprächspartner*innen.

Zweite Station: Fußgängerzone

Meine nächste Station ist samstagnachmittags in der Fußgängerzone. Hier bin ich mit Nadja Ismail verabredet. Sie organisiert den Cube of Truth, eine Aktion, die sich von Australien aus seit 2017 auch in Deutschland immer weiter ausbreitet. Ein starkes Bild: Zwölf Menschen stellen sich im Quadrat mit dem Rücken zueinander auf, weiß maskiert und schwarz gekleidet. In den Händen halten sie schwarze Tafeln, auf denen „Truth“ und „Wahrheit“ steht, sowie Laptops mit Videos aus der Massentierhaltung und Schlachtung. Die gezeigten Bilder sind schrecklich. „Das soll Fragen provozieren“, sagt Nadja. „Was ist die Wahrheit? Habe ich bisher in Lügen gelebt?“ Die Menschen sollen eine Verbindung zwischen dem herstellen, was in der Fleischindustrie passiert, und dem, was sie ansehnlich verpackt in ihren Einkaufswagen legen.

Nadja ist 19 und hat in Australien den ersten Cube gesehen. Zunächst war sie Vegetarierin. „Mir wurde dann aber deutlich, dass in Milch und Eiern sogar noch viel mehr Gewalt stecken kann als in Fleisch.“ Beim Cube ist sie meistens bei den Outreachern, sie führt also ohne Maske Gespräche mit Passanten. „Wichtig ist mir eine respektvolle Ebene. Niemand ist als Veganer geboren. Wir alle brauchen einen Anstoß, um unsere Gewohnheiten zu ändern.“ Auch die meisten Aktivisten*innen hinter den Masken sind jung. Sie gehören zu der Generation, von der die aktuelle Shell Jugendstudie sagt: Ihr politisches Engagement bringt sie weniger in traditionellen Organisationen ein, sondern in Konsumboykott und anderen Aktionen. Das politische Interesse junger Leute ist demnach seit 2002 von 31 auf beachtliche 40 Prozent gestiegen. Das ist auch hier zu spüren. Man fühlt sich als Teil einer globalen Bewegung. Per Facebook sind die weltweit über 400 Aktionsgruppen bestens vernetzt und unterstützen neue Initiativen. Für Ende Juni ist ein vierundzwanzigstündiger Cube in Berlin angekündigt, vermutlich ein Großevent.

Bleibt noch eine Frage, die mich als GLS Banker besonders umtreibt: „Ist denn Ökotierhaltung okay?“ Nadja antwortet sofort: „Nein!“ Das Töten von Tieren ist in jeder Hinsicht unethisch, „egal wie viel Grün sie vorher gesehen haben. Wir sollten die Tiere einfach in Ruhe lassen“, so Nadja. Auch in dieser Frage zeigt der Cube of Truth also klare Kante.

Dritte Station: Tiere vom Bärenbrunnerhof

Zwei Tage später bin ich unterwegs zum Bärenbrunnerhof, die letzten sechs Kilometer vom Bahnhof zu Fuß auf Wanderwegen durch den schönen Pfälzer Wald mit seinen roten Sandsteinfelsen. Landwirtschaft gibt es hier kaum noch. Die Böden sind zu sauer und die Sommer zu trocken. Wälder und Büsche breiten sich aus. Früher gab es hier überall offenes Weideland mit einer großen Artenvielfalt. Eine interessante Beobachtung: Die durch Tierhaltung entstandene Kulturlandschaft war attraktiv für viele Pflanzen und Wildtiere. Ohne Tierhaltung schwindet die Biodiversität wieder. Ganz andere Probleme waren auf dem Weg hierher zu sehen: großflächig industrialisierte Landwirtschaft, oft tierfrei mit Einsatz von chemischem Dünger. Ist das die Zukunft? Mit Chemie bewirtschaftete Flächen ohne Tiere auf der einen Seite, verwaldete Mittelgebirge mit wenig Vielfalt auf der anderen Seite?

[green_box] Ein Artikel aus dem GLS Kundenmagazin Bankspiegel. Diesen und viele andere spannenden Artikel finden Sie im Blog. Alle Ausgaben des GLS Bankspiegel als PDF finden Sie unter: https://www.gls.de/bankspiegel/. [/green_box]

Das Ehepaar Kill hat anderes vor. Auf ihrem Bioland-Betrieb leben 50 Kühe mit Jungvieh, 60 Schweine und 450 Hühner, eine Bilderbuchidylle zwischen aufragenden Felsen. Dazu kommen noch Hütehunde, Pferde und ein kleines Tierheim für Katzen, die im Laufe der Zeit hierher gebracht wurden und zu denen Nina Kill nicht Nein sagen konnte. Als ich ihr von den Cube-Aktivisten erzähle, sagt sie: „Das wäre sicher auch ein Weg für mich gewesen. Aber ich habe mich anders entschieden. Ich will an Alternativen arbeiten.“ Auf die Frage, wie sie Tiere essen kann, die sie vorher gekannt hat, fragt sie zurück: „Wie kannst du Tiere essen, die du nicht gekannt hast?“ Auch ihr ältestes Pferd, das sie von frühester Jugend an begleitet und mit 28 Jahren bald am Lebensende ist, soll geschlachtet werden. „Den Toni gebe ich doch nicht auf den Kadaverwagen. Er ist doch kein Müll.“

Heute ist Schlachttag auf dem Bärenbrunnerhof. Ich gehe mit Nina zum Stall und sie bringt ein Rind auf den Anhänger, ganz unaufgeregt, einer der Hunde bleibt auf Abstand immer dahinter. Die Fahrt im Schritttempo geht nur wenige Meter, denn die Kills haben ihr eigenes Schlachthaus. „Das Tempo bestimmen die Tiere“, sagt Nina, und die Tiere vertrauen ihr. Am Schlachthaus angekommen ist aber spürbar, dass es jetzt ernst wird. Auch Sebastian Kill und ein helfender Metzger sind voll konzentriert. Jetzt darf nichts schiefgehen. Für einige Sekunden ist die Stimmung angespannt, der Bolzenschussapparat wird aufgesetzt, das Rind betäubt, ins Schlachthaus fallen gelassen und durch einen gezielten Stich getötet. Das Blut fließt ab. Mir wird nicht schwarz vor Augen, aber schon etwas schummrig. Hier wurde aus einem Lebewesen plötzlich ein toter Körper, der dann mit handwerklicher Kunst und viel Kraft zerlegt wird.

Nachher spreche ich mit den Kills über diesen Moment. Nina sagt offen: „Je besser ich ein Tier kenne, desto schwerer fällt mir das Schlachten.“ Sebastian bezeichnet es als Scheidepunkt, wenn er im vertrauensvollen, ruhigen Umgang dem Tier plötzlich den Bolzenschussapparat aufsetzt. Spüren sie auch Trauer dabei, jede Woche vertraute Tiere zu schlachten? „Ja“, sagt Nina, „wenn wir viel schlachten, dann kann ich auch an mein Limit kommen.“ Die wirklich dramatischen Todesszenen, die sie schildern, stammen allerdings von kranken oder verletzten Tieren. Der Tod ist selten ein unbeschwertes Einschlafen, auch nicht in der freien Wildbahn. Es ist beeindruckend, wie Nina und Sebastian mit aller Empathie und Fachlichkeit auf ihre Tiere schauen, ihnen das bestmögliche Leben ermöglichen — und aus ihrer Sicht auch das bestmögliche Sterben.

Nach meiner Reise bin ich mir sicher: Unser empathischer Blick auf die Tiere — also versuchen zu verstehen, was sie fühlen, und wie wir verantwortlich mit ihnen umgehen können — wird sich in den nächsten Jahren und Jahrzenten noch zu einem großen Thema entwickeln.

Die Aktivisten, mit denen ich gesprochen habe, stehen dabei an vorderster Front. Eine solche Entwicklung braucht immer Kämpfer*innen, die kompromisslos für ihre Sache eintreten, wenn nötig auch konfrontativ, immer wieder radikal aus der Perspektive der Tiere geschaut. Was uns die Tiere zur Massentierhaltung sagen würden, ist klar: Das geht gar nicht! Aber wollten die Bärenbrunner Kühe tatsächlich nicht in ihrem idyllischen Tal leben, wenn sie wüssten, dass sie später geschlachtet werden? Und würden meine Bienen akzeptieren, dass für vegane Produkte Chemie auf die Felder kommt, wenn dadurch weniger Schweinemast betrieben wird? Fänden es die Mistkäfer, Tausendfüßler und Schmetterlingsraupen auf einer Kuhweide gut, wenn wir ihren Lebensraum für einen Sojaacker umpflügten? Oder dass daraus wieder Wald wird, weil es keine Tierhaltung mehr gibt?

Die möglichen Antworten zeigen: So schwarz und weiß wie am Cube of Truth ist die Welt nicht ganz. Es gibt auch einige Schattierungen und Farben. Christian Vagedes von der Veganen Gesellschaft Deutschland fragte in einem Interview: „Wie können ehemalige Ausnutz-Tiere Teil einer neuen Kultur werden, in der wir die Tiere in unsere Kommunikation einbeziehen?“

Lasst uns also über Tiere sprechen — und mit ihnen!

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Ein Artikel aus dem aktuellen Kundenmagazin der GLS Bank, den ganzen Bankspiegel gibt es hier: ZUM BANKSPIEGEL

Zum cube of truth: anonymousforthevoiceless.org
Zum Bärenbrunnerhof: baerenbrunnerhof.de
Zum Interview mit Christian Vagedes https://www.info3-magazin.de/bio-dyn-trifft-vegan/
Zum Tierzuchtfonds für eine artgemäße Tierzucht www.tierzuchtfonds.de
Zum Fleischatlas: https://www.boell.de/de/fleischatlas
How to talk with birds, trees, fish, shells, snakes, bulls and lions – Ausstellung im Hamburger Bahnhof
Weitere Artikel im Blog zum Thema: Ernährung
Die Sprachen der Tiere, Eva Meijer[/green_box]

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55 Antworten zu „Lasst uns über Tiere sprechen!“

  1. Avatar von Heiko
    Heiko

    Ich bin nicht ganz sicher, wo hier der Hass angesiedelt ist. Soweit ich informiert bin, leben Veganer vegan, weil sie einfach keine anderen fühlenden Wesen töten möchten. Die meisten Veganer greifen keine Fleischesser an, sondern informieren, teilen ihre Überzeugung mit und versuchen etwas zu bewegen. So wie die Gegendemonstranten gegen die unsägliche AfD gestern in Berlin.
    Der Artikel ist vollkommen ausgewogen und angemessen, zeigt weder Hass, noch Extreme. Er zeigt einen zeitgemäßen, notwendigen Gedankengang.
    Als verantwortungsbewusster Veganer setzt man selbstverständlich auf bio und regional und freut sich über wohlschmeckendes Gemüse der nahegelegenen kleinen Landwirtschaftsbetriebe und darüber, dass man die Nährstoffe direkt und wesentlich effizienter ohne den Umweg über den Tierkörper aufnehmen kann. (Man kann übrigens sehr gut ohne Soja vegan leben, 90% des Sojas wird ohnehin für Tierernährung genutzt)
    Von einer defizitären Ernährung bei Veganern zu sprechen ist nicht mehr zeitgemäß. Millionen von sehr gesunden Menschen inklusive zahlreicher professioneller Sportler, die aufgrund der für sie geeigneteren Nährstoffversorgung auf vegan umgestellt haben, beweisen das Gegenteil.
    Ideologie? Veganismus ist natürlich eine Ideologie. Eine gewaltfreiere. Fleischessen (Karnismus, s. Melanie Joy) ist ebenfalls eine Ideologie.
    Ich lebe gern eine Ideologie, die auf einen kurzzeitigen Genussverzicht setzt, um 1.000 neue Genüsse kennenlernen zu dürfen und vor allem anderen fühlenden Wesen nicht den Garaus macht. Es ist vieles so bereichernd, wenn man nicht auf Tradition der Traditionen wegen beharrt.
    Vielleicht bleiben wir alle ein bisschen offen und hinterfragen uns selbst immer wieder.

  2. Avatar von Joachim Konrad
    Joachim Konrad

    Danke für den Denkanstoß zu diesem wichtigen Thema. Wie gehen wir mit unseren Mit-Lebewesen um. Was ist ethisch zu rechtfertigen und was nicht. Eines ist klar: die auf Niedrigpreise ausgerichtete konventionelle Landwirtschaft mit ihrer Massentierhaltung und auf maximale Produktion getrimmten Rassen kann es nicht sein. Und dass auch Biofleisch von artgerecht gehaltenen Tieren bedeutet, dass ein Tier getötet werden muss ist auch eine Tatsache. Aber wenn auch der Konsum von Honig, Biomilch, Käse aus extensiver Schaf- und Ziegenhaltung oder Wollpullover als „Ausbeutung von Tieren“ abgelehnt wird, frage ich mich, ob überzeugten Veganern bewusst ist, was die Konsequenz dieses „konsequenten Handelns“ ist: Dann gibt es nämlich keine Rinder, Schafe, Ziegen und Hühner mehr, und damit auch keine Wiesen und Weiden mit ihrer Artenvielfalt. Für mich ist das Leitbild eine vielfältige bäuerliche Landwirtschaft mit artgerechter Tierhaltung. Ersatzprodukte mögen geschmacklich oder ernährungsphysiologisch genauso gut oder besser sein, Ein Ersatz für eine bäuerliche Landwirtschaft sind die nicht. Vor allem dann nicht, wenn für die Grundstoffe Kunstdünger und Pflanzenschutzmittel auf riesigen Ackerschlägen zum Einsatz kommen. Dann verschwindet nicht nur die Artenvielfalt, sondern auch die Vielfalt der Kulturlandschaft.

    1. Avatar von Nathan V.
      Nathan V.

      Hallo Herr Konrad,

      ich beschäftige mich seit einiger Zeit mit ökologischer Landwirtschaft und veganem Konsum. Mein bisheriger Wissensstand ist, dass beides gut vereinbar ist.

      1) Honig: Warum ist er ökologisch notwendig? Als ein Punkt wird die Bestäubungsleistung der Honigbiene angeführt, die aber laut diesem Artikel z. B. nicht überbewertet werden sollte, weil (gerade) auch Wildbienen diese Aufgabe übernehmen (https://www.naturgartenfreude.de/wildbienen/honigbiene-versus-wildbiene/). Von daher könnte man sicher die Honigproduktion reduzieren, ohne dass Nachteile entstehen.

      2) Biomilch: Eine Milchproduktion ist für einen bäuerlichen Stoffkreislauf (Mist für die Bodenfruchtbarkeit) nicht nötig. Es gibt Demeterbetriebe, die bewusst darauf verzichten. Oft wird Milchproduktion mit a) der Nachfrage des Konsumenten begründet, b) mit der Annahme dass wir Menschen die Milch benötigten oder c) hat wirtschaftliche Gründe, die in der aktuell vorliegenden Entlohnungsstruktur der Landwirte begründet liegt.

      3) Rinder: eine Rinderhaltung ist möglich, ohne die Tiere für den menschlichen Konsum zu schlachten. Weil aber derzeit die Nachfrage da ist und Bio-Rind ein hochpreisiges Produkt ist, wird eher selten auf diese Einnahmequelle verzichtet (was auch verständlich ist, solange das Entlohnungssystem für unsere Landwirte nicht geändert wird). Hier aber ein Beispiel eines Demeterhofes, der seine Rinder bewusst nicht schlachtet: http://willmann-biokiste.de/ueber-uns/. Das Stichwort ist „Tiere nutzen ohne töten“ (https://www.lebenlassen.de/veranstaltungen-aktuelles/). Für mich ist das selber recht neu, von daher weiß ich nicht viel über die Details.

      4) Käse aus extensiver Schaf- und Ziegenhaltung: Damit habe ich mich bisher weniger beschäftigt, weil diese Produkte bei mir in der Gegend schwer zu beziehen sind. Ich könnte mir aber vorstellen, dass die Milchproduktion analog zu Milchkühen funktioniert. Wenn man nun die Schafs- und Ziegenmilch den Lämmern etc. überlasst, bleibt wahrscheinlich keine Milch für eine Käseproduktion übrig. Milchgeben ist für jeden Organismus eine Belastung und daher ist eine Reduktion auf das Mindestmaß vermutlich gut für die Tiere, ohne die ökologische Funktion zu beeinträchtigen.

      5) Wolle: Wo kommt die Wolle her? Ein großer Teil kommt von Tieren, die im Akkord geschoren werden. Das ist sehr schmerzhaft. Ich bin kein Biologe, aber anscheinend wurden Schafe extra so gezüchtet, dass ihnen viel mehr Fell wächst, als eigentlich nötig. Wenn man im Internet „wolle kritik“ eingibt, findet man einige Artikel dazu, was Woll-Schafe alles erleiden müssen.

      Mir scheint, dass auch wenn das konsequente Handeln von vegan lebenden Menschen an manchen Stellen befremdlich wirkt (auch weil sich sicher nicht alle Menschen tiefer mit den Details einer ökologischen Landwirtschaft auseinandergesetzt haben), es aber – in Anbetracht der derzeit mehrheitlich vorherrschenden schlimmen Zustände – überwiegend Vorteile mit sich bringt. Nicht zuletzt, indem es die Gesellschaft anregt, über Alternativen nachzudenken und neue Wege zu gehen.

      Momentan gehe ich davon aus, dass – abgesehen vom Abschaffen der Massentierhaltung und -Quälerei – sich eine mehrheitlich vegane Lebensweise schrittweise umsetzen lässt, und zwar im Einklang mit der Entwicklung einer vielfältigen bäuerlichen Landwirtschaft mit Tierhaltung (mit minimaler Schlachtungszahl) inkl. Wiesen, Weiden und Artenvielfalt. Expertenmeinungen zu den Details der Umsetzbarkeit würde ich sehr begrüßen.

  3. Avatar von Markus Schulz
    Markus Schulz

    „Macht Euch die Erde Untertan!“
    Als denkendes und (mit-)fühlendes Wesen, bin ich als Mensch auch verantwortlich. D.h., ich bin in der Lage, mein Handeln zu reflektieren und zu hinterfragen. Denn bei all den brennenden Themen rund um Umwelt, Ressourcen, Ethik, Konsum etc. bin auch ich ein Akteur. Dies dedeutet also, dass ich es in der Hand habe etwas zu tun. Ich kann mich also beispielsweise nicht über Massentierhaltung und Tierleid beschweren, ohne gleichzeitig mein eigenes (Konsum-)Verhalten in Frage zu stellen. So dargestellt in dem treffenden Sprichwort man solle zuerst vor seiner eigenen Haustür kehren. Um also etwas zu verändern, muss ich (leider) selbst tätig werden.
    Beim Thema Fleischkonsum, Vegetarismus, Veganismus muss also jeder für sich selbst entscheiden, wie er sich verhalten will bzw. ob er (sie) tatsächlich bereit ist etwas an den eigenen Verhaltensmustern zu ändern.
    Ich persönlich war streckenweise immer wieder vegetarisch unterwegs, wobwi mir dennoch Zweifel kamen, ob das wirklich Tierleid verhindert. Im Grunde ging es darum, ein „gutes Gewissen“ zu haben, dass ja wegen mir kein Tier getötet werden muss. Aber unterschwellig wurde mir immer bewusster, dass das äußerst inkonsequent war, denn somit wird kein Tierleid verhindert.
    Als ich dann den Dokumentarfilm „Earthligs“ gesehen hatte, war die Entscheidung vegan zu werden von einen auf den nächsten Augenblick vollzogen. Und ich kann nur sagen, dass es mir – abgesehen von den anderen vielen Vorteilen für Mensch und Umwelt – wesentlich besser geht als vorher. Ich ernähre mich seit dem tatsächlich gesünder und fühle mich auch fitter. Noch nie vorher war meine Verdauung so unbeschwert. Ich habe keine Figurprobleme und mein Gewicht ist konstant – und dass obwohl ich in keiner Weise auf irgenswelche Kalorien o.ä. achte. Ich esse wann wo und soviel ich will. Es ist einfach ein Genuss…
    Ich kann es einfach nur empfehlen, denn es ist wider der landläufigen Meinung in keinster weise ein Verzicht!

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