Filmkritik: System Error

So zerstören wir die Welt: Florian Opitz zeigt, im Dokumentarfilm System Error was unser Konsum und unser Egoismus anrichten. Sein Film ist ein Weckruf.

Würde man die Welt aus der Ferne betrachten, würde man sich wirklich wundern. Warum ist Wachstum wie eine Religion? Warum glauben wir daran? Woher kommt dieser Glaube?

In System Error portraitiert Florian Opitz unsere Welt, die voll auf Wachstum ausgerichtet ist. Und zwar aus ungewohnter Perspektive. In seiner Doku zeigt nicht Umweltschützer und NGOs, die den Finger in die Wunde legen. Opitz lässt die Profiteure des Kapitalismus zu Wort kommen. Die sprechen völlig offen darüber, warum sie immer mehr wollen.

Vier Jahre lang ist Opitz durch die Welt gereist, hat mit hochkarätigen Akteuren aus der Wirtschafts- und Finanzwelt gesprochen. Zum Beispiel mit Andreas Gruber, dem Chefanleger der Allianz oder mit Anthony Scaramucci, Hedgefondsmanager und Ex-Berater von Donald Trump. Auch ein leitender Airbus Manager in China und brasilianische Lebensmittelbarone kommen zu Wort.

Für sie alle ist eine Welt ohne expandierende Wirtschaft undenkbar. Ungeschminkt berichten sie von ihren Erfolgen und den immerwährenden Segnungen des Wachstums – für sie ein Naturgesetz. „Solange es Menschen gibt, die Bedürfnisse haben, wird es Wachstum geben. Ich halte das für ähnlich unabänderbar wie die Schwerkraft“, sagt BDI-Hauptgeschäftsführer Markus Kerber.

So zerstören wir die Welt: Florian Opitz zeigt, im Dokumentarfilm System Error was unser Konsum und unser Egoismus anrichten. Sein Film ist ein Weckruf.

Das Wachstum hat auch eine ähnliche Energie wie die Schwerkraft. Dafür findet Opitz gewaltige Bilder. Dazu gehört die weltweit größte „Nahrungsmittelfabrik“ in Brasilien, eine Region fünfmal so groß wie Deutschland. Wo noch vor wenigen Jahren dichter Urwald war, werden heute tonnenweise Soja, Mais, Rinder, Schweine und Hühner produziert. „Grenzen für unser Geschäft kennen wir keine“, sagt ein Agrarmanager.

Auch der Airbus-Manager kommt ins Schwärmen, weil er schon bald mit Milliarden Fluggästen rechnet und dafür 32.000 Maschinen gebaut werden. Spätestens dann wird die tiefe Begeisterung für das Wachstum schmerzlich spürbar. Was ist mit der Umweltverschmutzung? Der Manager winkt ab, die Vorteile der Luftfahrt überwögen. Noch 1994 seien in den Straßen von Peking fast ausschließlich Fahrräder unterwegs gewesen – heute nur noch Autos. Im Stau („Das ist tatsächlich ein Problem hier“). Der Film gibt Einblicke in Smart Factorys bei Audi und die schillernde Welt der Finanzmärkte, deren Entkopplung von der Realwirtschaft sofort deutlich wird.

Die Finanzmärkte erzielen gigantische Gewinne, die Kurse steigen trotz sinkender Gewinne der Unternehmen. Längst bestimmen Glasfasernetze und Algorithmen das Börsenparkett – der Mensch kann die komplexen Systeme nicht mehr verstehen und kontrollieren. Niemand wisse, wann die nächste Krise kommt.

Immer wieder trifft der Zuschauer in diesem Pradoxon auf einen tief verwurzelten Glauben. Man müsse die (Umwelt-)Gesetze eben dem Markt anpassen. „Die Natur kennt kein unendliches Wachstum. Für eine Art Wachstum scheint diese Regel allerdings außer Kraft gesetzt“, sagt Florian Opitz

Opitz zeigt uns eindrucksvoll den Preis für unseren Wohlstand. Der Film macht betroffen und das liegt an den Protagonisten. Wir erleben Bilder des Fortschritts, die faszinieren und zugleich die zerstörerischen Zwänge des Systems offenlegen. Opitz wählt eine provozierende Art, um zur zur Diskussion über unser System anregen. Und damit, wie wir unser Leben leben wollen.

System Error läuft ab 10. Mai in den Kinos. Im Anschluss an die Premieren diskutieren wir über den Film und mögliche Alternativen. Alle Termine mit Referenten*innen der GLS Bank findet Ihr in unserem Veranstaltungskalender.

Wir verlosen 5 x 2 Freikarten – Kommentiert diesen Artikel bis Montag den 7. Mai 2018 / 12:00 Uhr! Die Gewinner werden per Losverfahren ermittelt, der Rechtsweg ist ausgeschlossen. 

Fotos: „Können wir ewig wachsen? Bundesstraße 163 durch Mato Grosso, Brasilien“, „Trading Floor bei PIMCO, einer der größten Fondsgesellschaften der Welt“ alle Port au Prince Pictures 2018

  1. Michael Günzl

    Ein wichtiger Film!
    Ich fürchte nur, diejenigen, die sich den Film anschauen, wissen das eh schon.
    Und die, die es nicht wissen, werden ihn nicht anschauen

  2. Alexander E.

    Längst überfällig.

  3. John Snow

    Mutig das eine Bank so kritisch mit der Markt/Systemfrage umgeht, finde ich gut!

  4. Pingback: Multi Asset Fonds: Mit aktivem und flexiblem Ansatz auf Erfolgskurs | KrausFinanz

  5. Danke für’s Teilen Kim Jasmin. Ich hoffe viele Menschen finden den Weg in diesen Film. Vielleicht schaffen wir das Umdenken ja auch ohne große Krise. Beispiele wie es anders geht, gibt es genug.

  6. Das System Kapitalismus ist auf dem Muster des Wachstums aufgebaut. Dieses Muster ist systemimmanent. Ich habe vor geraumer Zeit dazu mal hier etwas geschrieben. https://blog-conny-dethloff.de/?p=362

  7. Alexander Kuhn

    Die Filmkritik weckt mein Interesse auf die bewegten Bilder dazu – auch wenn es mit den Freikarten nicht klappt, werde ich mir diesen erhellenden Film ansehen.

  8. Susanne T.

    Jetzt bereits ein „Danke“ für diesen Film.
    Ich hoffe, es sehen ihn möglichst viele Menschen.
    Mögen sie beginnen mit Denken.

  9. Klingt hochinteressant

  10. Heike Sander

    Wow – was für ein Perspektivwechsel in der Darstellung. In diesen Film muss ich unbedingt.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.