Die Erde im Weltall mit Sonnenaufgang

Earth Overshoot Day: Leben auf Kosten der Zukunft

Am 30. Juli hat die Menschheit rechnerisch die natürlichen Ressourcen verbraucht, die sich binnen eines Jahres erneuern können. Der Erdüberlastungstag – international als Earth Overshoot Day bekannt – liefert ein starkes Bild für die ökologische Krise. Doch verändert er auch Politik und Verhalten?

Von Joachim Wille

Ab dem heutigen Donnerstag lebt die Menschheit wieder auf Pump. Aktuell sind am 30. Juli nach Berechnungen des Global Footprint Network rechnerisch alle natürlichen Ressourcen verbraucht, die die Erde innerhalb eines Jahres erneuern kann – es ist „Earth Overshoot Day“.

Für die folgenden fünf Monate des Jahres werden Wälder schneller gerodet, als sie nachwachsen, mehr Fische gefangen als sich vermehren können und mehr Treibhausgase ausgestoßen, als Wälder und Meere aufnehmen können. Die Menschheit greift damit ihre natürlichen Lebensgrundlagen an – ähnlich einem Haushalt, der nicht mehr von laufenden Einnahmen lebt, sondern sein Vermögen aufzehrt.

Eine leicht verständliche Botschaft: Die Menschheit beutet die Natur deutlich mehr aus, als diese dauerhaft bereitstellen kann.

Die Berechnung hinter dem Erdüberlastungstag

Am „Earth Overshoot Day“, zu Deutsch Erdüberlastungstag, sind allerdings nicht plötzlich die Rohstofflager leer oder es wächst kein Getreide mehr. Es ist ein symbolischer Stichtag. Er übersetzt komplizierte Daten über Ressourcenverbrauch, Landnutzung und CO2-Ausstoß in eine leicht verständliche Botschaft: Die Menschheit beutet die Natur deutlich mehr aus, als diese dauerhaft bereitstellen kann. Rein rechnerisch würden derzeit die Ressourcen von rund 1,7 Erden benötigt. Folglich schrumpfen Wälder, Böden, Fischbestände und anderes Naturkapital, zugleich reichern sich Treibhausgase wie CO2 in der Atmosphäre weiter an.

Berechnet wird der Tag, indem die weltweit verfügbare Biokapazität durch den ökologischen „Fußabdruck“ der Menschheit geteilt und das Ergebnis mit 365 multipliziert wird. Zur Biokapazität zählen biologisch produktive Flächen wie Äcker, Weiden, Wälder und Fischgründe. Mit dem „Fußabdruck“ wird erfasst, welche Fläche nötig ist, um Nahrung, Holz und Fasern bereitzustellen, Siedlungen aufzunehmen und vor allem das aus der Verbrennung fossiler Energien stammende CO2 zu binden. Grundlage sind die „National Footprint and Biocapacity Accounts“, die sich überwiegend auf Daten von UN-Organisationen stützen.

Der jeweils verkündete Stichtag ist daher keine tagesgenaue Messung. Viele internationale Statistiken liegen erst mit mehrjähriger Verzögerung vor. Deswegen wird der aktuelle Stand fürs laufende Jahr anhand neuerer Energie-, Wirtschafts- und Produktionsdaten hochgerechnet. Auch nachträgliche Revisionen können das Datum verschieben.

Seit etwa einem Jahrzehnt fällt der Erdüberlastungstag meist auf einen Tag Ende Juli oder Anfang August. Das könnte als Fortschritt erscheinen, immerhin sind in dem Zeitraum Weltbevölkerung und Wirtschaftsleistung weiter gewachsen. „Wir stabilisieren uns aktuell auf einem zu hohen Niveau der Übernutzung“, bewertet Jan Fischer-Wolfarth von der Stiftung Werner-von-Siemens-Ring die „Stagnation“ des Überlastungstages. Tatsächlich sieht das Global Footprint Network die ökologische Überlastung weiterhin auf einem Rekordniveau.

Wir stabilisieren uns aktuell auf einem zu hohen Niveau der Übernutzung.

Jan Fischer-Wolfarth
Erdüberlastungstag in Deutschland

Der deutsche Erdüberlastungstag fiel 2026 bereits auf den 10. Mai. Würden alle Menschen so leben wie die Bevölkerung Deutschlands, wären rechnerisch rund 2,8 Erden erforderlich. Deutschland gehört damit zu den Ländern mit dem weltweit höchsten Ressourcenverbrauch pro Kopf. Besonders ins Gewicht fallen der hohe Energie- und Materialverbrauch, der Einsatz fossiler Energieträger in Industrie, Verkehr und Gebäuden sowie ein insgesamt ressourcenintensiver Konsum. Der nationale Stichtag beantwortet dabei die hypothetische Frage, wann der globale Erdüberlastungstag eintreten würde, wenn alle Menschen den gleichen Pro-Kopf-Fußabdruck hätten wie die Bevölkerung Deutschlands.

Zuspitzung erforderlich: Ein Datum als Warnsignal im Kalender

Über längere Zeiträume zeigt sich dennoch ein klarer Trend. Anfang der 1970er Jahre hielten sich der Verbrauch der Menschheit und die Regenerationsfähigkeit der Erde rechnerisch noch ungefähr die Waage. Seither wanderte der Termin im Kalender nach vorn. Im Jahr 2000 lag der Tag im September, inzwischen wird das globale Naturbudget bereits im Juli überschritten. Eine Ausnahme war das Corona-Jahr 2020, als Lockdowns, Produktionsstillstände und der zeitweise Einbruch des Verkehrs den Termin deutlich nach hinten verschoben.

International bekannt gemacht hat den Erdüberlastungstag Mitte der 2000er Jahre das „Global Footprint“ Netzwerk, das von dem Schweizer Nachhaltigkeitsforscher Mathis Wackernagel mitgegründet wurde. Das Konzept des „ökologischen Fußabdrucks“ geht auf Wackernagel und den kanadischen Ökologen William Rees zurück. Ihr Ziel war es, die Beanspruchung der Natur ähnlich einer volkswirtschaftlichen Bilanz sichtbar zu machen.

Die Stärke des Konzepts Erdüberlastungstag liegt in seiner Zuspitzung. Milliarden Tonnen von Rohstoffen, globale Hektarangaben über degradierte Böden, über Kohlenstoffsenken oder Materialfußabdrücke sind für die meisten Menschen abstrakte Größen. Ein Datum hingegen funktioniert wie ein Warnsignal im Kalender. Medien berichten darüber, Umweltverbände starten Kampagnen.

Ein weiterer wichtiger Punkt: Der Tag macht deutlich, dass Klimakrise, Artensterben, Entwaldung und Bodenverlust keine voneinander getrennten Probleme sind. Sie haben eine gemeinsame Ursache: Wirtschaft und Konsum überschreiten die Belastungsgrenzen der Erde.

Mathis Wackernagel warnt deshalb davor, die Überlastung als vorübergehendes Umweltproblem zu behandeln. Aufgrund der Gesetze der Physik könne ein Overshoot nicht von Dauer sein. Er werde entweder „durch bewusste Gestaltung oder durch eine aufgezwungene Katastrophe“ beendet. Die Gesellschaft könne sich entweder auf erneuerbare Energien, langlebige Produkte, ressourcenschonende Städte und eine Kreislaufwirtschaft umstellen – oder sie werde durch Ernteausfälle, Naturzerstörung, Knappheiten und steigende Kosten zur Anpassung gezwungen.

Klimakrise braucht politische Lösungen: Erreicht der Erdüberlastungstag die Politik?

Doch erzeugt der alljährliche Alarm tatsächlich politische Wirkung? Die Bilanz fällt gemischt aus. Der Begriff hat sich in der Öffentlichkeit etabliert und wird weit über die Umweltbewegung hinaus verwendet. In Regierungserklärungen, Haushaltsplänen oder internationalen Wirtschaftsverhandlungen spielt das Datum dagegen kaum eine Rolle. Trotz jahrzehntelanger Warnungen steigt der weltweite Rohstoffverbrauch weiter. Nach Prognosen des UN-Umweltprogramms könnte er bis 2060 nochmals um rund 60 Prozent wachsen. Das liegt nicht nur an mangelnder Aufmerksamkeit. Der Erdüberlastungstag steht in Konkurrenz zu einem Wirtschaftssystem, das Erfolg vor allem am Wachstum des Bruttoinlandsprodukts misst. Sinkender Materialverbrauch erscheint darin schnell als Bedrohung, obwohl weniger Rohstoffverbrauch durch langlebige Produkte, Reparaturen oder effizientere Gebäude durchaus Wohlstand sichern kann. Hinzu kommt, dass politische Verantwortlichkeiten oft unscharf bleiben. „Dennoch brauchen wir vor allem politische Lösungen auf nationaler und internationaler Ebene, um die Klimakrise als globales Problem zu bewältigen“, betont Fischer-Wolfarth. Individuelle Entscheidungen seien wichtig, doch der ökologische Fußabdruck hänge wesentlich von politischen Rahmenbedingungen ab – etwa davon, wie Strom erzeugt, Gebäude beheizt oder Verkehr organisiert werde. Wer auf dem Land ohne ausreichenden Nahverkehr lebt oder in einer schlecht gedämmten Mietwohnung wohnt, kann seinen Ressourcenverbrauch nur begrenzt durch persönliche Entscheidungen verringern.

Dringend erforderlich: Der soziale Blick auf den Verbrauch von Ressourcen

Auch methodisch ist der Indikator nicht unumstritten. Kritiker bemängeln, dass sehr unterschiedliche Umweltprobleme in einer einzigen Flächeneinheit zusammengeführt werden. Das Ergebnis wird zudem stark vom CO2-Ausstoß geprägt. Wasserknappheit, giftige Chemikalien, der Verlust einzelner Arten oder Schäden durch den Bergbau werden dagegen nur teilweise berücksichtigt. Der Erdüberlastungstag ist deshalb kein vollständiger Gesundheitscheck des Planeten, sondern ein verdichteter Indikator für die Übernutzung biologischer Ressourcen.

Andere wissenschaftliche Konzepte wie die planetaren Belastungsgrenzen oder der globale Materialfußabdruck kommen freilich zu einer ähnlichen Diagnose: Die reichen Volkswirtschaften verbrauchen dauerhaft zu viele Ressourcen.

Besonders wichtig ist dabei der soziale Blick. Davon zu sprechen, dass „die Menschheit“ 1,7 Erden verbraucht, verdeckt gewaltige Unterschiede. In wohlhabenden Ländern wird pro Kopf ein Vielfaches der Ressourcen armer Staaten verbraucht. Gleichzeitig leiden gerade ärmere Regionen besonders unter Dürren, Überschwemmungen, steigenden Lebensmittelpreisen und dem Verlust fruchtbarer Böden. Eine gerechte Ressourcenpolitik darf deshalb nicht Entwicklung verhindern, sondern muss übermäßigen Verbrauch in reichen Ländern senken und zugleich ärmeren Staaten bessere Entwicklungsmöglichkeiten eröffnen.

Nachhaltiges Verhalten als einfache und wirtschaftlich sinnvolle Option

Die Lösungen sind seit Jahren bekannt. Der Ausstieg aus Kohle, Öl und Gas würde den größten Teil des ökologischen Fußabdrucks verringern. Gebäude können energieeffizienter werden, Städte stärker auf Bus, Bahn und Fahrrad setzen. Produkte müssen langlebiger, reparierbar und recyclingfähig werden. Weniger Lebensmittelverschwendung und eine Landwirtschaft, die Böden und Artenvielfalt schützt, würden ebenfalls helfen.

Entscheidend ist, dass nachhaltiges Verhalten nicht von besonderem Idealismus abhängt, sondern zur einfacheren und wirtschaftlich sinnvolleren Option wird.

Wirkung hätte der Erdüberlastungstag dann,

  • wenn Regierungen ökologische Schulden ähnlich ernst nähmen wie finanzielle,
  • wenn klimaschädliche Subventionen konsequent abgebaut würden,
  • wenn der Ressourcenverbrauch verbindlich begrenzt würde.

Der Aktionstag verändert die Welt nicht. Er erinnert aber daran, dass die Natur keine Schulden erlässt – und dass jeder weitere Monat auf Pump die Rechnung für kommende Generationen erhöht.

Zum Autor

Joachim Wille ist Co-Chefredakteur bei klimareporter°. Zudem arbeitet er als freier Journalist, unter anderem für die Frankfurter Rundschau. Dort war er zuvor als Nachrichten- und Politikredakteur sowie Leiter des Ressorts Umwelt und Wissenschaft tätig. Er hat das Bundesverdienstkreuz und mehrere Medien- und Umweltpreise erhalten.

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