Expedition Zukunftsmut

Schwerpunktthema | Zukunftsmut

Zukunftsmut kann eine Antwort auf aktuelle Zukunftsangst sein. Doch was steckt dahinter und wie kommen wir dahin? Unsere Autorin hat sich aufgemacht und Mutmacher*innen wie Cesy Leonard von Radikale Töchter nach dem Weg gefragt.

von Christiane Langrock-Kögel/Kombüse

Wilde Stauden blühen auf den Berliner Verkehrsinseln. Rund um die Blumenoasen rollen Fahrräder auf Radschnellwegen. An der Spree stehen Hunderte neu gepflanzter Bäume in Mulden, die Regenwasser sammeln. Wassertaxis und Ruderboote ziehen an Schilfgürteln und kleinen Inseln vorbei, an Sandstränden wird gebadet. Am Ufer wachsen Kräuter und Gemüse, Menschen pflücken Beeren. Hausfassaden sind begrünt, auf den Dächern drehen sich kleine Windräder. Diese Vorstellung habe sie gerührt, sagt Katharina van Bronswijk. „Ich empfand so etwas wie Zukunftssehnsucht. Und dachte: Da will ich leben!“

Die Psychotherapeutin hat das Berliner Zukunfts-Wimmelbild vor einiger Zeit in einem Buch entdeckt – es zeigt keine Fiktion, sondern setzt Lösungen zusammen, an denen vielerorts längst gearbeitet wird. Van Bronswijk hat Bücher über die Psychologie des Klimawandels geschrieben, über die Angst vor der Zukunft und wie sich ein Umgang mit ihr finden lässt. Sie weiß: „Visionen sind unsere Verbündeten. Sie motivieren uns, unser Verhalten zu ändern und ins Handeln zu kommen.“

Sich aus gefühlter Ohnmacht herausarbeiten. Etwas tun, anstatt zu resignieren. Für all das braucht es Mut. Zukunftsmut. „Wir verstehen darunter die Verbindung aus Mut und Zuversicht, wie sie auch in unseren Kernwerten ,beherzt‘ und ,zukunftsweisend‘ zum Ausdruck kommt“, sagt Aysel Osmanoglu, Vorständin der GLS Bank. Schon die Gründung einer Bank für das Gemeinwohl in den 1970er Jahren sei ein „zukunftsmutiger Akt“ gewesen. Für Aysel Osmanoglu ist Zukunftsmut kein naiver Optimismus. „Es geht darum, trotz schwieriger Bedingungen gemeinsam auf eine gute Zukunft hinzuwirken.“

Zukunftsmut

Um in einer bedrückenden Gegenwart eine gute Zukunft zu gestalten, brauchen wir Zukunftsmut! Wir verstehen darunter die Fähigkeit trotz Unsicherheiten oder Gegenwind entlang der eigenen Werte zu handeln. Wie wir das schaffen? Dieser Frage sind wir in unserem Schwerpunkt mit zahlreichen Mutmacher*innen aus unserer Community nachgegangen.

Doch ist Zukunftsmut eine angeborene Kompetenz oder eine erlernbare Haltung? „Die Herausforderungen zu sehen und an ihre Bewältigung zu glauben – diese Fähigkeit ist trainierbar“, sagt Katharina van Bronswijk. Sie hat in Heidelberg Psychologie studiert, inzwischen betreibt sie in Berlin eine Praxis. „Es gibt kein Workout oder etwas Ähnliches. Ich rate eher dazu, sich folgende Fragen zu beantworten: Was ist meine Vorstellung eines guten Lebens? Welche Fähigkeiten habe ich? Für welche Themen schlägt mein Herz?

Katharina van Bronswijk ist unterwegs zwischen Praxis, Vorträgen und ihrem Ehrenamt als Sprecherin von Psychologists for Future. Der Verein hatte sich 2019 im Umfeld der Fridays-for-Future-Bewegung gegründet. Trotz aller Termine wirkt van Bronswijk fröhlich und entspannt. Mut ist für sie die Kehrseite von Angst: „Ohne Angst kein Mut!“ Als Expertin hat sie sich auf das Thema „Klimaangst“ spezialisiert. Man könne lernen, Sorgen auszuhalten, sich ihnen zu stellen, sagt sie. „Aus jeder Bewältigung wächst eine Wirksamkeitserfahrung. Und dann trauen wir uns beim nächsten Mal einen Schritt weiter vor.“ Für van Bronswijk gehört zum Zukunftsmut auch, zunächst als unangenehm empfundenen Emotionen wie Angst oder Wut nachzuspüren. „Denn sie sind es, die uns aktiv werden lassen.

Katharina van Bronswijk,Psychologin, ist als Verhaltenstherapeutin und Sprecherin der Psychologists for Future e.V. vertraut mit den Zusammenhängen zwischen Klimaangst und psychischer Gesundheit. Die GLS Kundin praktiziert in Berlin, hält Vorträge und schreibt Bücher. Beim Gutes Morgen Festival der GLS Bank am 7. Juni spricht sie im Zukunftstalk „Wissen vs. Gefühle: Was bringt uns ins Handeln?“

Mit der Wucht von Wut hat sich Cesy Leonard (Bild oben ganz rechts) schon viel beschäftigt. Was macht mich wütend, was verletzt meine Werte – und wofür stehe ich auf? Die Aktionskünstlerin, die als Sprayerin und Rapperin in Stuttgart ihr politisches Engagement begann, ist Gründerin des gemeinnützigen Unternehmens „Radikale Töchter“. Cesy Leonard und ihre inzwischen 25 Kolleginnen halten ihre „Mutmuskel“-Workshops in Schulen, Ausbildungsbetrieben, in Jugendzentren oder Kultureinrichtungen. Angefangen haben sie 2019 im ländlichen ostdeutschen Raum, inzwischen sind sie bundesweit im Einsatz. Ihr Ziel: Die Teilnehmenden sollen lernen, die Anliegen hinter ihren Gefühlen zu formulieren und ihre eigene Stimme zu entdecken.

„Wir brauchen den Mut, aus der Reihe zu tanzen und widerständig zu sein. In unseren Trainings setzen wir daher auf eine kreative Mischung aus Kunst und Methoden aus dem systemischen Coaching“, sagt Cesy Leonard. Als Radikale Töchter treten sie und ihre Kolleginnen in knallbunten Arbeitsoveralls auf – „so bin ich sofort in meiner Rolle und schiebe mein privates, vielleicht nicht so mutiges Ich beiseite“. Leonard wirkt aufgeräumt, zugewandt, klar. Mut ist für sie keine angeborene Eigenschaft: „Wer seine Werte vertreten will, muss mutig sein, um sich selbst treu zu bleiben.“ Das kann beim Elternabend sein, am Tisch mit Verwandten oder beim Plakate-Aufhängen gegen die AfD. „Mutig handeln beginnt oft im Kleinen, und genau das können wir trainieren“, sagt sie. Wer einmal mutig war, werde es höchstwahrscheinlich wieder sein: „Es ist ein tolles Gefühl, sich etwas getraut zu haben.“

Cesy Leonard, ist Gründerin von Radikale Töchter. Das gemeinnützige Unternehmen motiviert Jugendliche zu politischer Teilhabe und ist dazu auf Spenden angewiesen. Im März 2026 stoppte die Bundesregierung eine längst zugesagte Förderung ohne Begründung. Die Gelder waren zur Finanzierung von Demokratiearbeit im ländlichen Raum in Ostdeutschland vorgesehen. Beim Gutes Morgen Festival am 7. Juni in Bochum halten Radikale Töchter einen „Mutmuskel“-Workshop.

Lukas Pellio erkämpft sich seinen Spielraum in Cottbus jeden Tag neu. Der gebürtige Rheinland-Pfälzer ist dort evangelischer Studierendenpfarrer. Zu seinen Veranstaltungen vom feministischen Bibel-Brunch bis zum gemeinsamen Singen sind alle eingeladen, „ob christlich, jüdisch, muslimisch, atheistisch, auf der Suche – oder was auch immer“, sagt Pellio. Für diese Offenheit braucht man in Cottbus, 100.000-Einwohner*innen-Stadt in der Lausitz, Mut. Lukas Pellio findet ihn in der Gemeinschaft: „Um mutig zu sein, braucht man einen festen Kern von Menschen, denen man vertraut.“

2024 haben er und andere Engagierte „Losmachen.Jetzt“ gegründet, einen Verein, der „in einer Region unter rechter Dominanz für eine solidarische Gesellschaft zusammensteht“. Bei der Bundestagswahl 2025 hat die AfD im Wahlkreis Cottbus-Spree-Neiße 42 Prozent der Erststimmen geholt.

Viele, die etwas tun wollen, fühlen sich allein“, sagt Lukas Pellio. „Aber das ist nicht so.“ Er sieht es als seine Aufgabe, diese Menschen zusammenzubringen. „Die Verbundenheit, die unter den aktuellen Bedingungen in Cottbus entsteht, ist für mich ein Verweis auf die Zukunft“, sagt er. „So will ich leben. Es beeindruckt mich, wie viele Weggezogene zurückkommen und hier Gesicht zeigen – und nicht dort, wo es vielleicht einfacher wäre.“

Ihre Verbundenheit hat einen festen Ort in der Cottbusser Innenstadt gefunden. In einer zuvor leerstehenden Ladenpassage betreibt „Losmachen.Jetzt“ einen Coworking-Space, einen Raum für Vernetzung und Austausch – gut sichtbar, mittendrin. „Der Druck ist groß“, sagt Lukas Pellio, „aber nicht so groß, dass wir komplett in der Defensive stecken. Wenn ich aus unserem Schaufenster hinausgucke, bin ich stolz, dass wir hier etwas ganz Eigenes aufbauen.“

Lukas Pellio, evangelischer Theologe, arbeitet in Cottbus als Studierendenpfarrer. Der GLS Kunde gehört zu den Gründer*innen von „Losmachen.Jetzt“. Der Südbrandenburger Verein setzt sich gegen die extreme Rechte und für eine vielfältige Gesellschaft ein und ist dazu auf Spenden angewiesen.

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