Verbraucher*innen können ihren Schufa-Score jetzt online einsehen und selbst nachrechnen. Statt hunderter Faktoren setzt sich die unscheinbare Zahl mit großer Wirkung nur noch aus 12 aussagekräftigen Kriterien zusammen. Massive Kritik an der „Blackbox“ Schufa und neue EU-Regeln haben diese Revolution ausgelöst. Dafür werden Bonitätsprüfungen künftig auch bei Kleinkrediten und „Buy now, pay later“-Angeboten Pflicht. Das soll vor allem junge Menschen davor schützen, in die Schuldenfalle zu tappen. Ist nun alles fair und transparent?
- Wenn genügend Banken, Finanzdienstleister und Unternehmen mitziehen, soll im Herbst die Einführung des neuen Schufa-Scores erfolgen.
- Statt hunderter Faktoren wird der Schufa-Score aus 12 aussagekräftigen Kriterien gebildet. Deren Gewichtung bleibt aber undurchsichtig.
Die neue Transparenz aus Wiesbaden
Die Schufa Holding AG mit Sitz in Wiesbaden berechnet künftig aus den zwölf „verständlichsten und gleichzeitig aussagekräftigsten“ Kriterien unsere Kreditwürdigkeit. Trotz der drastischen Reduzierung von mehreren hundert Merkmalen soll auch der neue Score „eine sehr hohe Prognosegüte“ besitzen. Derzeit wird diese Prognosegüte von ausgewählten Finanzdienstleistern und Industrieunternehmen getestet. Im Herbst soll die Einführung des neuen Schufa-Scores erfolgen – unter der Voraussetzung, dass genügend Banken, Finanzdienstleister und Unternehmen mitziehen.
Bislang war für die Verbraucher*innen kaum nachvollziehbar, wie sich der Schufa-Score berechnet. Ende März erfolgte ein erster Schritt in Richtung Transparenz: Der persönliche Wert soll kostenlos online abrufbar sein, dafür ist eine einmalige Registrierung notwendig; die Freischaltung erfolgt schrittweise über eine Warteliste.
Künftig soll jeder ohne großen Aufwand nachrechnen können, wie der eigene Score zustande kommt. Für 12 Kriterien werden Punkte vergeben, in Summe 100 bis 999. Das macht es für Verbraucher*innen einfacher, Fehler zu entdecken und unter Umständen die eigene Kreditwürdigkeit anzuheben – etwa, wenn ein alter Kredit fälschlicherweise als offen geführt wird. Änderungen des Scores sollen nachvollziehbar sein und leichter verstanden werden.
Die wichtigsten Änderungen ab März
Neuer Punktebereich: Der Schufa-Score wird künftig als Punktzahl zwischen 100 und 999 dargestellt. Je höher der Wert, desto besser die Bonität.
Einheitlicher Score: Der neue Score ersetzt den bisherigen Basisscore und die verschiedenen branchenspezifischen Scores, langfristig soll es nur noch einen einheitlichen Score geben.
12 statt rund 250 Kriterien: Statt bisher hunderter Merkmale fließen künftig 12 klar benannte Kriterien ein.
Mehr Transparenz: Du kannst im Online-Account nachvollziehen, wie sich Dein Punktwert aus den einzelnen Kriterien zusammensetzt und so gezielt beeinflussen. Es zählen zum Beispiel die Richtigkeit der Angaben, die pünktliche Ratenzahlung, das Stellen von mehreren Kreditanfragen gleichzeitig.
Ein praktisches Beispiel: Wenn Du mehrere neue Kreditkarten oder Konten in kurzer Zeit eröffnest oder viele Kreditanfragen stellst, kann das Deinen neuen Score drücken; eine stabile Kontobeziehung und wenige Zahlungsstörungen wirken dagegen positiv.
Der Schufa-Score wird künftig als Punktzahl zwischen 100 und 999 dargestellt. Je höher der Wert, desto besser die Bonität.
Die 12 Merkmale für die Berechnung Deines
Schufa-Score
- Alter der ältesten Kreditkarte: Seit wann besteht Deine älteste Kreditkarte?
- Alter der aktuellen Adresse: Wie lange bist Du schon an Deiner jetzigen Anschrift gemeldet?
- Anzahl von Anfragen und Abschlüssen für Girokonten und Kreditkarten in den letzten 12 Monaten: Wie viele Anfragen und Abschlüsse hast du getätigt?
- Kredit mit der längsten Restlaufzeit: Wie lange musst Du Deinen am längsten laufenden Kredit noch zurückzuzahlen?
- Anzahl von Anfragen im Bereich Telekommunikation und Online‑Handel in den letzten 12 Monaten: Wie viele Anfragen hast du getätigt?
- Alter des ältesten Bankvertrags: Seit wann besteht zum Beispiel Dein ältestes Girokonto?
- Vorhandensein eines Immobilienkredits oder einer Bürgschaft: Gibt es die?
- Aufgenommene Ratenkredite in den vergangenen 12 Monaten: Hast Du welche aufgenommen?
- Kreditstatus: Laufen Deine Kredite ordnungsgemäß, sind sie erledigt oder sind Zahlungsprobleme aufgetreten?
- Vorliegen einer Identitätsprüfung: Wurde Deine Identität zum Beispiel über Post‑Ident, Video‑Ident oder Ähnliches bestätigt?
- Jüngster Rahmenkredit: Wann hast Du zum Beispiel zuletzt Deinen letzten Dispo‑ oder Kreditkartenrahmen eingerichtet?
- Zahlungsstörungen: Gibt es negative Einträge wie Mahn‑ oder Inkassoverfahren, titulierte Forderungen etc.?
Je höher die Gesamtpunktzahl …
… umso höher wird die Bonität des jeweiligen Verbrauchers eingeschätzt – also die Wahrscheinlichkeit, ob Rechnungen pünktlich bezahlt und Kredite zuverlässig getilgt werden. Die Daten sollen quartalsweise aktualisiert werden.
Wichtig ist: Wie stark jedes Kriterium den Punktwert zwischen 100 und 999 beeinflusst, will die Schufa erst im neuen Online Account mit einem Erklärungstool im Detail anzeigen; diese genaue Gewichtung ist derzeit noch nicht öffentlich im Detail einsehbar, auch wenn einige Portale das grob einordnen.
Zentrale Kritikpunkte
Der Verbraucherschutz berichtet seit Jahren von falschen oder überholten Einträgen, die Scores unnötig drücken. Das Grundproblem bleibt: Die Verantwortung, Fehler zu finden und korrigieren zu lassen, liegt praktisch bei den Verbraucher*innen, die aktiv prüfen und widersprechen müssen.
Die 12 Kriterien sind offengelegt, aber die Gewichtung bleibt intransparent. Wie stark jedes einzelne in den Score einfließt, bleibt weiterhin ein Geheimnis der Schufa; offengelegt wird nur eine grobe Erklärung über ein „Erklärtool“. Damit verschwindet die alte „Blackbox“ nicht wirklich, sondern wird nur kleiner.
Kriterien wie häufige Kontowechsel, viele Karten oder ein „junges“ Konto können Menschen benachteiligen, die oft umziehen müssen, das Konto wegen Jobwechsel wechseln oder moderne Fintech Angebote testen. Auch ändert die Reform nichts daran, dass ein statistisches Modell über die Vergangenheit die Zukunftschancen bei Konto, Kredit oder Wohnung stark beeinflusst.
Kritiker*innen sehen darin weiterhin die Gefahr sozialer Selektion, etwa für Menschen mit niedrigem Einkommen, instabiler Erwerbsbiografie oder vielen befristeten Jobs. Strukturelle Ungleichheiten werden durch den Schufa-Score in Deutschland quasi in Zement gegossen. In etlichen Ländern ist der Nachweis von stabilem Einkommen, Arbeitsvertrag, Bankguthaben oder dinglichen Sicherheiten wichtiger als ein abstrakter Score.
In der Umstellungszeit werden alte und neue Scores parallel im Markt sein, was zu Missverständnissen führen kann – zum Beispiel zu unterschiedlichen Scores bei alter und neuer Auskunft oder zu unklaren internen Umstellungen bei Banken.





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