Hitzacker Dorf: Baustelle Dorfstrasse

Hitzacker Dorf: Schon jetzt in der Zukunft leben

Im Hitzacker Dorf im Landkreis Lüchow-Dannenberg bauen die Bewohner*innen Tag für Tag an einem guten Leben. Für Klimabewegte ist der niedersächsische Landkreis eher für Atomendlager und Protest bekannt. Dabei entsteht hier ein Ort, wo Leben und Arbeiten durch und durch nachhaltig sind – Hitzacker Dorf. Ein neues Dorf, in dem alle Generationen und Nationalitäten ihren Platz haben, in guter Nachbarschaft, mit bezahlbarem Wohnen in ökologischen Häusern. Wir nehmen euch mit auf eine Reise durch Hitzacker Dorf.

Das Wendland: quirliges Niemandsland

Hitzacker Dorf Rita Lassen
Rita Lassen

„Wer die Entstehung des Dorfes verstehen will, muss das Wendland kennen“, sagt Rita Lassen, ehemalige Vorständin der Genossenschaft Hitzacker/Dorf eG. Geprägt vom Widerstand gegen das Atomendlager Gorleben und von der Grenze zur DDR war das Wendland eine Art Niemandsland. „Allerdings gab es hier  schon immer viele große soziale Träger.“ Das dünn besiedelte Land zog viele Menschen aus Hamburg und Berlin an. Kritische Menschen auf der Suche nach neuen Lebensformen, innovativ und visionär. So entstanden in den 1980ern Jahren erste solidarische Landwirtschaften und Kommunen. „Das waren quirlige Gemeinschaften aus Künstler*innen und Aussteiger*innen, mit den Menschen vor Ort  vereint im Widerstand.“

Hitzacker Dorf: Neue Heimat für Geflüchtete

Im Jahr 2015, als immer mehr geflüchtete Menschen nach Deutschland kamen, bildete sich die Initiative „10.001 Geflüchtete ins Wendland“. Zur gleichen Zeit hatten ein Lehmbauer, ein Architekt und ein Projektentwickler die Vision, ein Dorf für das 21. Jahrhundert zu schaffen. Sie wollten den Geflüchteten eine Heimat geben. Ihre Idee vom ökologischen, sozialen und nachhaltigen Dorf nahm mit der Genossenschaft Hitzacker/Dorf Form an. „Mit der „Solidarmiete“ wollten wir so bauen, dass es sich jede*r leisten kann“, erklärt Lassen.“ Menschen, die etwas mehr Geld zur Verfügung haben geben mehr. Dadurch können sich Menschen mit weniger Einkommen die Mieten leisten.“

„Wenn du nach etwas strebst, was noch nicht vorhanden ist, dann gründe es und setze es um.“ Wendländisches Lebensmotto

300 Menschen sollen einmal im Dorf leben: in interkultureller Nachbarschaft, generationenübergreifend und sich gegenseitig bereichernd, von der jungen Familie bis hin zu Menschen, die in Hitzacker Dorf ihren Alterswohnsitz suchen. „Hier kann jede*r wohnen, der hier wohnen möchte. Jede*r, der*die die Präambel unterschreibt, unsere Ziele und Haltungen lebt“, erklärt Rita Lassen stolz.

Dorfstraße, Dorfplatz, Südhang
GLS Firmenkundenbetreuer Fred Heinsohn und der Finanzbeirat der Genossenschaft haben sich auf drei Finanzierungs- und Planungsabschnitte geeinigt.
1. Die Dorfstraße: Momentan sind Wohnungen für 35 Menschen fertiggestellt: Bis Ende dieses Jahres sollen es 80 Bewohner*innen werden.
2. Der Dorfplatz: Hier soll sich ein möglichst vielfältiges Kleingewerbe ansiedeln, von einer Fahrradwerkstatt über eine Markthalle bis hin zu einem Therapeutikum. Wohnraum wird  es in diesem Bereich weniger geben.
3. Der Südhang: Zum Erwerb des Geländes laufen Verhandlungen. Geplant sind weitere Wohnungen für 220 Menschen.
Hitzacker Dorf: Gemeinschaftshaus
Das Gemeinschaftshaus der Bewohner*innen von Hitzacker Dorf

Start mit Hindernissen

Beinahe wäre das Projekt gescheitert bevor es begonnen hatte: Am 1. August 2017 beantragten die Hitzacker-Dörfler*innen die Baugenehmigung. Am 4. August 2017 erhielten sie die Ablehnung. Begründung: Die Lärmemissionen seien zu hoch. Dabei war auf dem Grundstück noch kein einziger Stein gelegt. Die hohe Lärmbelästigung musste also von einem benachbarten Unternehmen kommen. Die Dörfler*innen suchten das Gespräch mit den Verantwortlichen des Betriebes. Vergeblich. Das metallverarbeitende Unternehmen sorgte sich wohl, dass es mit den neu hinzukommenden Nachbar*innen Auseinandersetzungen geben könnte. Ein engagierter Mitarbeiter des Bauamts brachte schließlich alle beteiligten Menschen vom Gewerbeaufsichtsamt bis hin zum Naturschutzamt erfolgreich zusammen. Die Baugenehmigung wurde erteilt.

Im Januar 2018 sollte es wirklich losgehen. Aber jetzt legten die ersten Grabarbeiten archäologische Funde aus dem 3. Jahrhundert vor Christus frei. Wieder hieß es: Stopp. Nach der Bergung der Funde konnten die Bauarbeiten im April 2018 endlich  beginnen.

Hitzacker Dorf will Vorbild sein

Die Hitzacker-Dörfler*innen wollen ihr Modell gerne verbreiten. Zusammen mit verschiedenen Universitäten bieten sie Praktikumsplätze für den Studiengang „Ingenieurswesen“ an. Angehörige des internationalen Bauordens arbeiten am neuen Dorf und „tragen die Idee in die Welt“, so Rita Lassen. Selbst das ZDF will in diesem Monat in der Sendung „TerraX“ über Hitzacker-Dorf berichten.

Zwischen Ego und Gemeinschaft liegt das Glück

Hitzacker Dorf: Material
Hitzacker Dorf: Material für alle

In Hitzacker Dorf macht sogar das Leben auf einer Baustelle glücklich. Zumindest Rita Lassen: „Hier steht allen alles zur Verfügung. Jede*r baut da, wo es gerade erforderlich ist, selten aber am eigenen Haus. Immer wieder stellt sich die Frage: ‚Wie weit bin ich bereit, der Gemeinschaft zu geben. Wie weit bewege ich mich weg von meinem eigenen Ego.‘ Das ist Wachstum für jede*n einzelne*n und für die Gemeinschaft.“
Ein spannender Prozess, über den wir euch auf dem Laufenden halten.

 

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Fotos: Hitzacker Dorf, Titelfoto: Bauten an der Dorfstraße

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