#glskoop: Architexturbüro bei Carla Cargo

Ein intelligenter Fahrradanhänger? Wie geil ist das denn! Als die GLS Bank mir dieses Thema vorschlug und sich dann noch sehr witzige Zusammenhänge aus meiner Jugend herausstellten, war ich für das Thema sofort Feuer und Flamme. Also: Ab zu den Jungs von Carla Cargo!

Unterwegs für die GLS Blog-Kooperative

Blog Kooperative GLSDie Welt ist klein. Als ich mich vor über zwei Jahren für die GLS Blog-Kooperative bewarb, war ich noch nicht einmal schwanger. Jetzt bekam ich von der GLS einen Projektvorschlag, der quasi schon fast unheimlich ist. Erstens: Das Projekt, über das ich schreiben soll, hat seinen Sitz in Kenzingen im Kaiserstuhl. Das sind zwar 200 Kilometer von meinem Zuhause entfernt, aber nur zwölf Kilometer von meiner Mutter. Check, Kind versorgt, mach ich, gebongt.

Dann; ich bin gerade für eine andere nachhaltige Bank in Berlin; telefoniere ich mit dem Macher des Projektes und erfahre zufällig, dass das noch sehr junge Startup seine Wurzeln im Freiburger Grünhof hat. Dieses kreative Bürokollektiv wurde wiederum von niemand anderem als einer meiner alten Schulfreundinnen mitgegründet. Und, das Wichtigste: Es handelt sich um ein richtig aktuelles, nachhaltiges Projekt mit Zukunft: Die Entwicklung eines ganz neuen Anhängerkonzepts für Fahrräder. Das Ziel: Auch Unternehmen das Fahrrad schmackhafter zu machen. Ganz klar: Ich bin dabei!

Starke Dame mit Elefantenlogo

An einem kalten Freitag im Februar habe ich also das leider fiebrige Kind bei der Oma gelassen und irre etwas desorientiert durch den Kaiserstuhl. Kenzingen liegt schon länger hinter mir und das Navi will noch immer weiter ins Nichts. Dann kommt mir ein kleines Dorf in den Blick und das Navi lenkt mich quer hindurch zu einer kleinen Lagerhalle.

Carla Cargo
Hat es gewagt mit der Selbstständigkeit: Markus und sein Jüngster im Carla Cargo-Hauptquartier.

Carla Cargo – viel mehr als ein Startup

Was mich dort erwartet, ist weit mehr als ein Startup: Es ist eine kleine Familie voller leidenschaftlicher Tüftler und Fairdenker. Da Mittagszeit ist, muss Gründer Markus nach einer kurzen Begrüßung und Einführung in die Geschichte der Carla Cargo erstmal seinen Großen vom Kindergarten abholen. Er parkt mich bei den Elektrotechnikern Erich und Simon, die gerade für alle in der kleinen Küche kochen. Wir sind sofort auf einer Wellenlänge und quatschen über dieses und jenes, über Arbeit an sich, über fairen Handel, Nachhaltigkeit, über eine ökologische Zukunft, über das „einfach Machen“ und natürlich über die Carla Cargo.

Carla Cargo
Erich in seinem Element: Austüfteln von effizienterer Elektronik für Motor, Bremse und Bedienung der Carla.

100 Kilo mit dem kleinen Finger? Kein Problem!

Schon bei der allerersten Begegnung mit Beiden sprüht die Leidenschaft für das Produkt geradezu über. Interessiert haben sie für alle meine Fragen eine Antwort und packen noch so viele Zusatzinfos drauf, dass ich schon beim Mittagessen, wo ich noch gar keine echte Carla live gesehen habe, von dem Konzept überzeugt bin. Später dann weist mich Erich in das riesige Lager ein. Richtig hübsch ist eine Live-Carla: Schlicht, funktional und sexy. Ihre gelbe Farbe soll an die Transportfarbe der Industrie erinnern, welche auch beispielsweise von der Deutschen Post genutzt wird. Die Programmierung des Elektroantriebs basiert auf Open Source, der Motor selbst stammt noch aus nicht fairem Handel, einfach weil es den noch nicht so entwickelt gibt. Dafür ist das Lötzinn fair gehandelt. Das Handling macht richtig Spaß. Fasziniert von der gigantischen Funktion von dem Hänger, vor allem was die Bedienung des vom Daumen gelenkten Gashebel angeht, muss ich aber doch etwas naiv fragen, warum bisher sonst noch niemand auf die Idee kam, einen Fahrradanhänger mit drei Rädern und Elektroantrieb zu bauen. Und als mich Erich ausführlich durch die verschiedenen Produktionsstufen einer Carla geführt hat, erfahre ich vom mittlerweile wieder eingetroffenen Markus Carlas Werdegang.

Carla Cargo
Hier werden die Carlas nach Kundenwunsch zusammengebaut.

Vom Gemüseproblem zum Innovationsprodukt

Angefangen hat alles 2014 mit Kartoffeln, Karotten und Salat. Die Gartenkoop Freiburg, eine solidarische Landwirtschaft, welche ihre Kunden mit biologisch angebautem, heimischen Gemüse beliefert, hat zwar schon jeher auf Fahrradanhänger statt Auto gesetzt, allerdings waren diese Hänger voll beladen mit Gemüsekisten im Handling mehr und mehr unpraktisch.

Markus, leidenschaftlicher Radfahrer und hin und wieder bei der Gartenkoop aktiv, stellte dann irgendwann die entscheidende Frage: Warum machen wir das nicht einfach selbst? Und zwar gleich richtig? Nach einigem Tüfteln und kollektivem Grübeln war das Konzept des  Ideal-Anhängers dann da: eine Unterstützung durch Elektromotoren soll er haben, eine intelligente Technik besitzen, trotzdem leicht zu bedienen sein und vor allem viele, viele Kilos leicht transportieren können – mit dem Fahrrad. Alles natürlich möglichst fair hergestellt, versteht sich.

Das Carla-Team: Tüfteln aus Leidenschaft

Und dann? Dann hat Markus einfach losgelegt. Via Crowdfunding sammelte er genug Geld, um einen Prototypen finanzieren zu können. Er hat in seiner Freizeit mit seinen Freunden getüftelt und gewerkelt, recherchiert und ausprobiert. Im Grünhof, bei der Gartenkoop, im Wohnzimmer. Der erste Prototyp der selbst programmierten Auflaufbremse entstand am heimischen Esstisch. Und nach einem Jahr war sie fertig, die allererste Carla Cargo. Der Clou: Carla lässt sich dank ihrer drei Räder auch ideal als Handwagen nutzen.

Das Unternehmen wurde gegründet, als das zweite Kind kam

Und dann? Dann passierten zwei entscheidende Dinge für die Zukunft der noch so jungen Carla. Die gute Nachricht: Carla Cargo bewährte sich bei den Auslieferungen der Solawi Freiburg so gut, dass plötzlich noch mehr Anfragen an einen elektrischen Fahrradanhänger kamen. Die schlechte Nachricht: Markus wurde arbeitslos.

Markus hat es einfach gewagt. Ein Unternehmen gegründet, Mitarbeiter gesucht, losgelegt. „Da war mein zweiter Sohn gerade drei Wochen alt.“ Ich überlege kurz, was ich damals gemacht habe, als meine Kleine gerade drei Wochen alt wurde – und nein, ein Unternehmen zu gründen, darauf wäre ich niemals gekommen. Aber bei Markus lief es glücklicherweise glatt: Mit Erich und Simon hat er zwei Mitarbeiter gefunden, die nicht nur das technische Know-How mitbringen, sondern auch auf der gleichen ökologisch-moralischen Linie liegen. Ihre Stellen sind zunächst vom Innovationsfond der badenova finanziert.

Der Kredit kommt von der GLS Bank. „Die hiesige Bank hat ganz schön gestaunt, als ich ihr Kreditangebot abgelehnt habe, obwohl sie einen günstigeren Zinssatz als die GLS Bank hat. Aber letztendlich hat das Konzept der GLS Bank einfach viel besser zu Carla Cargo gepasst“, erklärt er und hat seine Entscheidung bisher nicht bereut. Drei verkaufte Carlas im Monat decken die Grundkosten, fünf monatlich verkaufte Carlas wären ideal für den Umsatz. Im Moment sind es vier. Ein sehr guter Weg, den Markus und sein Team also hinlegen.

Carla Cargo
Im Büro von Carla Cargo sind beispielhafte Einsatzbereiche der Carla dargestellt – alle sind schon in Betrieb.

Kunden aus ganz Europa

Die Kunden kommen und sie kommen reichlich. Aus ganz Europa. Aus jeder Sparte. Unter ihnen sind klassische Auslieferer, aber auch Anbieter mobiler Essensstände, Imker, Entertainer sowie Privatleute. Viele reagieren auf die strikter werdenden Verbote für Verbrennungsmotoren, vor allem in Großstädten; viele wollen selbst für einen geringeren CO2-Verbrauch einstehen und viele sind auch einfach wegen der unglaublich leichten Handhabung und der Praktikabilität der Carla auf das junge Startup aufmerksam geworden. Nachdem ich im Test auch mal eben so 100 Kilo Ziegelsteine federleicht mit der Carla einen Hügel hoch – und dank selbst auslösender Auflaufbremse auch wieder hinunter  –­­­ fahre, fallen mir gleich mehrere Anwendungsmöglichkeiten für die Anhänger-Dame ein: Im vom Feinstaub geplagten Stuttgart, bei der Arbeit im Eventbereich, für den Naturkindergarten, für das Kulturzentrum und seine selbstverwaltete Restaurants, für die Naturfreunde, im Stall,…

Ich bin auf jeden Fall ein großer Fan von Carla Cargo und ihrem Konzept geworden! Markus und sein Team können wirklich stolz auf ihre Carla sein. Vielen Dank für den tollen Besuch bei Euch!

Fotos: Julia Heile

Mehr Carla Cargo

Julia Heile Carla CargoJulia Heile ist beruflich wie privat Nerdin aus Leidenschaft, vegane Ecotante aus Mangel an Alternativen, reiselustig, fremdenfreundlich, Mama, leicht chaotisch und so hungrig nach spannenden Themen, dass sie seit 2008 auf ihrem Blog architexturbüro.de über all ihre Erlebnisse schreibt.

Motivation: Ein durch und durch nachhaltiges Produkt einfach mal eben so entwickeln, weil es sonst keiner tut – und dann noch erfolgreich an den Start bringen: Der enorme Antrieb und der Mut des Teams von Carla Cargo hat mich vom ersten Telefonat gefesselt und so begeistert, dass ich unbedingt mehr von dem Projekt erfahren wollte.

Diesen Artikel teilen

6 Antworten zu „#glskoop: Architexturbüro bei Carla Cargo“

  1. […] Noch mehr Artikel zum Lastenrad Kategorien MobilitätSchlagwörterGLS Bank Gold-Award Lastenrad Mobilitäswende mobilität Startup […]

  2. Avatar von Birgit Dähmlow

    |

    Dieser Artikel hat mir super gut gefallen und das Produkt scheint eine tolle Sache zu sein. Ich bin beeindruckt! Und ich finde solche Entwicklungen machen Mut für die Zukunft…

    1. Avatar von Rouven Kasten

      |

      Danke für das Lob. (rk)

  3. Avatar von Frank Mehlhop

    |

    Kenzingen liegt nicht im Kaiserstuhl. Aber in der Nähe.

    1. Avatar von Rouven Kasten

      |

      Das geben wir mal an die Autorin weiter. Danke & einen schönen Tag. (rk)

  4. Avatar von hannes
    hannes

    |

    super Artikel & ein tolles Projekt!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Weitere aktuelle Themen